16. Dezember: Kapitel 25 und 26

25

 

„Es ist ja nicht so, dass ich dich nicht gewarnt hätte.“

„Halt endlich die Klappe“, schrie Henni. Er sprang auf, trat gegen einen Stein und bereute dies den Bruchteil einer Sekunde später. Der Schmerz zog wie eine Spirale von seinem kleinen Zeh, über den Fuß, durch das Bein bis zu seiner Hüfte. „Wie lange willst du mir das denn noch vorwerfen?“, fragte Henni zwischen zwei Stöhnlauten.

„Solange, wie wir hier in diesem Verlies Gefangene der Ratten sind.“

„Du tust gerade so, als wäre das allein meine Schuld. Du hast dich von Turgi und Targi genauso überraschen lassen wie ich.“

„Ich hätte diese beiden Blödmänner in dem Verlies verrotten lassen. Jetzt blüht uns dieses Schicksal. Vorausgesetzt natürlich, dass wir nicht vorher im Kochtopf der Ratten landen. Es könnte alles in Ordnung sein. Aber nein. Du musstest ja unbedingt den großen Helden spielen, der keinen Artgenossen im Stich lässt.“

„Ich finde deine Betrachtungsweise sehr einseitig“, sagte Henni und tat so, als wäre er nach Hörgs Worten beleidigt. Das Schlimmste war aber, dass er seinem besten Freund recht geben musste. Er hatte es vergeigt. Und zwar gründlich.

„Ich hoffe nur, dass die Nager diese beiden Verräter wieder einfangen“, sagte Hörg. „Es stirbt sich leichter, wenn man weiß, dass die Gegenseite ebenfalls nicht überleben wird.“

„Unsere Feinde sind die Ratten“, widersprach Henni.

„Wieso? Mir haben sie noch nichts getan. Meine eigenen Artgenossen haben mich in diese Lage gebracht.“

„Jetzt reicht es mir aber“, schrie Henni, blieb dieses Mal aber sitzen. „Ich habe dir gesagt, dass es mir leid tut. Was soll ich noch machen? Vor dir auf dem Boden kriechen?“

„Vielleicht komme ich später darauf zurück“, antwortete Hörg und drehte Henni den Rücken zu.

„Was macht ihr beiden für einen Krach?“, sagte plötzlich eine Stimme von außerhalb der Zelle. „Man könnte fast meinen, dass ihr es eilig habt und einen schnellen Tod wünscht.“

„Es sind Lemminge, Gerd. Was hast du erwartet?“

„Der andere wollte auch nicht sterben. Heute stimmt irgendetwas mit unseren fröhlichen Klippenspringern nicht. Sie benehmen sich seltsam.“

„Redet nicht über uns, als wären wir nicht da“, mischte sich Hörg in den Dialog der beiden Ratten ein, die zu ihrem Verlies gekommen waren und nun vor den Gitterstäben standen.

„Es ist Mittagsruhe“, sagte Gerd. „Ihr weckt mit eurem Geschrei die ganze Stadt auf.“

„Wenn das passiert, können wir euch auch nicht mehr helfen“, ergänzte die zweite Ratte.

„Als ob ihr das tun würdet“, sagte Hörg verächtlich.

„Wir sind hergekommen, um euch zu verhören“, sagte Gerd und stieß seinen Kumpan an. „Ist es nicht so Bert?“

„Ja. Heute scheint es in unseren Höhlen nur so von Lemmingen zu wimmeln. Wir wüssten gerne, warum.“

„Woher sollen wir das wissen?“, fragte Henni scheinheilig.

„Ihr seid nicht die Gleichen, die wir vor einigen Stunde hier eingesperrt haben“, sagte Bert. „Könnt ihr uns das erklären?“

„Wie kommst du darauf?“, wollte Hörg wissen.

„Auch wenn ein Lemming dem anderen sehr ähnelt, gibt es doch Unterschiede, die auch eine Ratte erkennen kann“, antwortete Gerd verächtlich. „Ich habe noch keinen von euch gesehen, der so komische Ohren hat wie du.“

„Was willst du damit sagen, du Langschnauze?“ Hörg fuhr hoch, sprang zum Gitter und drohte den beiden Nagern mit den Fäusten. „Ich kann dir gerne mal zeigen, wer hier komisch aussieht.“

Die beiden Ratten brachen in schallendes Gelächter aus. „Du hast Mut“, sagte Bert. „Das muss man dir lassen.“

„Was hast du eben damit gemeint, als du von anderen Lemmingen gesprochen hast?“, versuchte Henni das Gespräch wieder auf eine sachliche Ebene zu bringen.

„Es ist nicht normal, dass sich an einem Tag fünf von euch zu uns verirren.“

„Wieso fünf?“, fragte Henni, obwohl er die Antwort bereits kannte.

„Außer euch und den beiden Spinnern, die vorher in der Zelle saßen, war da noch so ein Verrückter, der unseren Warnungen zum Trotz unbedingt in die tiefsten Winkel dieser Höhle vordringen wollte, um ein Wesen zu besuchen, das niemanden sehen will.“

„Ihr habt Hilmer getroffen?“, fragte Henni freudig überrascht.

„Wir haben ihm den Weg gezeigt“, erklärte Gerd. „Inzwischen dürfte er aber tot sein. Die alte Kröte mag es nicht, wenn man ihre Ruhe stört.“

„Wenn ihr so sicher seid, dass es ein Fehler war, warum habt ihr Hilmer dann zu Etna gehen lassen?“ Henni glaubte nicht, dass die Reise ihres Freundes tatsächlich bereits zu Ende war. Vielleicht sagten die beiden Ratten nicht alles, was sie wussten. Es gab keinen Grund den Nagern zu trauen. Besonders nicht, solange sie ihre Gefangenen waren.

„Rosa wollte, dass wir eurem Freund helfen“, erklärte Bert.

„Wer ist Rosa?“, wollte Hörg wissen.

„Unsere Mutter“, antwortete Gerd stolz. „Sie ist die Chefin hier und entscheidet, was mit Eindringlingen geschieht. Die Vormieter dieses bezaubernden Raumes sind bereits bei ihr.“

„Ihr spinnt doch“, sagte Henni, freute sich aber, dass Turgi und Targi wieder in die Fänge der Ratten geraten waren.

„Wäre es nicht jetzt der richtige Zeitpunkt, uns hier herauszulassen?“, fragte Hörg spöttisch.

„Rosa wird entscheiden, ob und wann ihr wieder freigelassen werdet. Ich bin mir aber sicher, dass sie zunächst eine andere Verwendung für euch hat.“

Berts Grinsen gefiel Henni ganz und gar nicht. Er hätte zu gerne gewusst, was die Nager mit ihm und Hörg vorhatten.

„Wir werden mit unserer Mutter reden“, sagte Gerd. „Ich glaube aber nicht, dass sie sich heute schon mit euch beschäftigen will. Ihr werdet die Nacht wohl in dieser Zelle verbringen müssen. Habt ihr Hunger?“

„Nein“, sagte Hörg mürrisch.

„Ja“, setzte Henni dagegen.

„Was denn nun?“

„Ja, wir wollen etwas essen“, beantwortete Henni Berts Frage.

„Dann hört mit dem Krach auf. Wir holen euch etwas.“

„Das sind ja rosige Aussichten“, sagte Hörg, nachdem die beiden Ratten außer Sichtweite waren. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Rosa kennenlernen will.“

„Immerhin scheint sie Hilmer geholfen zu haben.“

„Warten wir es ab. Mehr können wir im Moment sowieso nicht tun.“

 

26

 

„Dann wird mir nichts anderes übrig bleiben, als nun doch vom Todesfelsen zu springen“, sagte Hilmer resignierend.

„Wieso das denn?“, fragte Etna sichtlich überrascht. „Ich habe dir doch gerade erzählt, dass es kein gelobtes Land gibt und die Schriften erstunken und erlogen sind. Warum willst du sie jetzt noch befolgen?“

„Ich kann nicht beweisen, dass Helmut ein Betrüger ist. Niemand wird mir glauben.“

„Vielleicht doch.“

Jetzt war es an Hilmer, überrascht zu sein. Hatte ihm die Kröte etwa noch nicht alles erzählt? Gab es noch mehr Geheimnisse über das Volk der Lemminge, die hier unten in den Tiefen des Berges gehütet wurden? „Nun mach es nicht so spannend und sag mir, was du meinst.“

„Der Rat der vier Weisen hat die wahren Lehren deines Volkes bewahrt. Es gibt Chroniken, die über Jahrzehnte hinweg bis in die Zeit vor Wonibalts Herrschaft zurückreichen. Dort wurden die Gesetze festgeschrieben, die damals Gültigkeit hatten und den Rat und den König auf eine Machtstufe stellten. Natürlich wollte Wonibalt diese Schriften vernichten. Der Rat konnte sie aber in Sicherheit bringen, bevor sich seine Mitglieder endgültig im Netz von Wonibalts Intrigen verfingen.“

„Wo sind diese Chroniken jetzt?“

„Das weiß ich nicht genau.“

„Dann helfen sie mir nicht.“

„Du musst die alten Aufzeichnungen finden“, sagte Etna entschieden. „Damit kannst du beweisen, dass euer König ein Lügner ist, und seine Herrschaft beenden. Du musst den Massenselbstmorden einen Riegel vorschieben und dein Volk in eine glücklichere Zukunft führen.“

„Wieso ich?“

„Weil alle anderen Lemminge mit ihrem Leben zufrieden sind.“

Hilmer spürte plötzlich die enorme Last, die auf seinen Schultern lag. Mit der Weigerung, sich in den Tod zu stürzen, hatte er sich in eine Lage gebracht, mit der er niemals gerechnet hätte. Was Etna jetzt von ihm verlangte war mehr, als ein einziger Lemming leisten konnte. Mit Henni und Hörg hatte er zwar eifrige Helfer, aber Turgi und Targi waren ebenfalls noch im Spiel und würden niemals aufhören ihn zu jagen.

„Hast du eine Idee, wie ich an die Chroniken herankomme?“

„Du musst die VHL finden.“

„Wen?“

„Die Vorboten des heilbringenden Lemmings.“

„Von denen habe ich noch nie gehört“, sagte Hilmer.

„Es gibt nur sehr wenige Lebewesen, die etwas über diese Untergrundbewegung wissen. Selbst Helmut denkt, dass sie schon lange ausgelöscht ist.“

„Es wird immer komplizierter. Was machen diese Vorboten? Welche Aufgabe haben sie?“

„Das ist eine längere Geschichte.“

„Ich habe Zeit.“

„Nachdem sich der Rat selbst ausgeschaltet hatte, gab es ein paar mutige Lemminge, die die alten Machtverhältnisse wieder herstellen wollten. Sie erkannten sehr schnell, dass sie dieses Ziel nicht so leicht erreichen konnten. Der König ließ Jagd auf sie machen und sie gründeten einen geheimen Orden. Wonibalt hat alles versucht, konnte das Versteck dieser Gruppe aber nicht finden. Sein Sohn Herbert kümmerte sich nicht um die Außenseiter und sie gerieten in Vergessenheit.“

„Also existieren sie noch?“

„Soweit ich weiß, ja. Sie bewahren ihr Geheimnis und warten darauf, dass jemand kommt, der den Kampf gegen die Machenschaften des Königs aufnimmt.“

„Würden sie das denn überhaupt merken? Wenn sie so versteckt leben, bekommen sie doch gar nicht mit, was im Palast geschieht.“

„Du darfst die VHL nicht unterschätzen. Sie haben genauso ihre Informanten wie ich.“

„Aber sie sind im Besitz der alten Chroniken?“

„Mehr oder weniger.“

„Was soll das nun wieder heißen?“ Hilmer verlor langsam die Geduld. Es ärgerte ihn, dass er der alten Kröte jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen musste. Ändern konnte er das aber nicht. Etna hatte wenig Abwechslung in ihrem zurückgezogenen Leben und alle Zeit der Welt. Das Gespräch mit ihrem Besucher schien ihr große Freude zu bereiten.

„Der Rat der vier Weisen hat die alten Chroniken in einer Gruft versteckt, die tief unter ihrem Tempel lag und von einem Fremden nicht gefunden werden konnte“, erklärte Etna. „Die VHL wussten, dass sie diese Schriften vor Wonibalt finden mussten, damit der König nicht auch noch den letzten Beweis für seine grausamen Taten auslöschen konnte.“

„Haben sie die Gruft gefunden?“, fragte Hilmer, der spürte, wie ihm vor Spannung die Pfotenflächen feucht wurden. Er sah wieder ein Ziel, auf das er hinarbeiten konnte, und war fest entschlossen, alles Nötige zu tun.

„Die VHL konnten nicht bis zu den Schriften vordringen. Der Rat hat sie hinter drei Türen verborgen, für die es jeweils nur einen Schlüssel gibt. Diese wurden an verschiedenen Plätzen versteckt und haben sich bis heute nie in der Pfote einer einzelnen Person befunden. Die Vorboten sind nun bereits seit Generationen auf der Suche, haben aber erst einen einzigen der Schlüssel in ihren Besitz bringen können.“

„Haben sie nie versucht, die Türen mit Gewalt zu öffnen?“

„Der Rat hat Sicherheitsvorkehrungen eingebaut. Die VHL wollen nicht riskieren, dass die Schriften zerstört werden.“

„Also bewachen sie die Gruft“, vermutete Hilmer.

„So ist es. Viel mehr bleibt ihnen nicht. Sie klammern sich an ihre letzte Hoffnung.“

„Die Ankunft des heilbringenden Lemmings.“

„Du hast es erfasst.“

Hilmer dachte nach. Die ganze Geschichte klang verrückt. Dennoch zweifelte er an keinem von Etnas Worten. Konnte es sein, dass er selbst derjenige war, auf den die VHL seit Generationen warteten? Konnte er es schaffen, die Tore zu den Schriften zu öffnen?

„Ich verstehe nicht, warum die Vorboten die Suche nach den Schlüsseln aufgegeben haben.“

„Das haben sie nicht. Sie haben alles versucht, aber sämtliche Hinweise sind im Sand verlaufen. Außerdem ist die Mitgliederzahl der VHL deutlich gesunken. Es ist nicht leicht, junge Lemminge von den wahren Lehren zu überzeugen.“

„Nehmen sie denn an den Selbstmorden teil?“, fragte Hilmer überrascht.

„Sie wollen nicht auffallen und halten sich an Helmuts Gesetze.“

„Aber das ist doch Irrsinn, denn sie wissen, dass es kein gelobtes Land gibt.“

„Das ist es sowieso. Ihr seid ein komisches Volk.“

Hilmer wusste nicht, was er gegen diese Feststellung sagen sollte, und wechselte das Thema. „Hast du eine Idee, wo die Schlüssel sein können?“

„Natürlich. Ich besitze einen und weiß, wo sich der zweite befindet.“

„Warum hilfst du den VHL dann nicht?“, regte sich Hilmer auf. Nachdem er seine anfängliche Angst überwunden hatte, war er mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass Etna auf seiner Seite stand. So ganz schien dies aber dann doch nicht zu stimmen.

„Warum sollte ich das tun? Du darfst nicht vergessen, dass es ein Lemming war, wegen dem ich mich hierher zurückziehen musste. Wieso sollte ich mich jetzt auf die Seite dieses Volkes stellen, dass mir damals auch nicht geholfen hat?“

„Du könntest dich an Wonibalts Enkel rächen“, entgegnete Hilmer.

„Ich habe bisher keinen Grund gesehen, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen. Auch wenn ich dank meiner Fliegen über alle Vorgänge in diesem Land informiert bin, kümmere ich mich nicht einmal darum, was die Ratten über mir treiben, solange sie mich in Ruhe lassen.“

„Aber mir hast du geholfen.“

„Du hast Mut bewiesen, als du den Weg hierher gefunden hast. Das hat mir imponiert.“

„Sagst du mir auch, wo sich die beiden fehlenden Schlüssel befinden?“

„Nicht nur das“, antwortete Etna lachend. „Ich gebe dir sogar einen.“

Hilmer starrte die Kröte sprachlos an. Die Überraschungen nahmen kein Ende. Hatte er sich vor wenigen Minuten noch am Boden zerstört gesehen, wuchs seine Hoffnung jetzt stetig an. War das ein Trick oder hatte Etna sich tatsächlich entschlossen, sich auf die Seite seines Volkes zu stellen? „Wie meinst du das?“, fragte der Lemming schließlich.

„Deine Art ist nur ein Haufen willenloser Weicheier, die nichts anderes im Sinn haben, als sich selbst in den Tod zu stürzen. Es freut mich, in dir eine Ausnahme zu sehen. Wenn du es nicht schaffst, die heiligen Schriften zu finden, wird es vermutlich, solange ich lebe, kein weiterer Lemming versuchen. Der Schlüssel nützt mir also nichts mehr. Deshalb werde ich ihn dir geben.“

„Ich bin dir sehr dankbar, Etna“, sagte Hilmer, der allergrößten Respekt vor der Kröte hatte. Sie hatte großes Unrecht ertragen müssen und sich in einer Umgebung behauptet, die alles andere als wohnlich war. Dennoch war sie bei Weitem nicht das verbitterte, alte Wesen, dessen Namen innerhalb der Völker nur flüsternd und mit großer Angst ausgesprochen wurde. Die Geschichten, die man sich über Etna erzählte, konnten nicht stimmen. Dennoch war Hilmer mittlerweile klar, wie wichtig es für die Kröte war, auf diese Art zu verhindern, dass sie von ungebetenen Gästen heimgesucht wurde. „Wo ist der zweite Schlüssel?“

„Den hat die rattenscharfe Rosa. Wie ich hörte, hast du sie bereits kennengelernt.“

Hilmer erschrak. Dass sich der letzte Schlüssel ausgerechnet im Besitz der sextollen Nagerin befand, war ein echtes Problem. Wie sollte er sie davon überzeugen, ihm das kostbare Stück auszuhändigen? Stehlen konnte er ihn der Ratte sicher nicht. Auf keinen Fall würde er ihren Lustsklaven spielen, um auf eine Gelegenheit zu warten, an den Schlüssel heranzukommen. Er musste sich etwas anderes einfallen lassen.

„Wenn du beide Schlüssel hast, musst du die letzten Mitglieder der Vorboten finden“, sagte Etna. „Sie werden dir helfen und dich zu den Chroniken deines Volkes führen. Damit könnt ihr Helmut vernichten.“

„Wie soll ich die Gruppe finden? Sie werden ihr Vereinshaus ja sicher nicht mit den Buchstaben V H L gekennzeichnet haben?“

„Schön, dass du deinen Sinn für Humor nicht verloren hast“, sagte Etna. Sie fing an zu lachen und auch Hilmer stimmte mit ein. Dann drehte sich die Kröte um und verschwand im Dunkel. Als sie kurz darauf wiederkam, hielt sie einen silbernen Schlüssel in den Pfoten und überreichte ihn Hilmer.

Der Lemming schaute sich das kostbare Stück genau an. Er war so lang wie eine Pfote und etwa daumendick. Der Griff war wie ein Dreizack geformt. Etna erklärte ihm, dass dies das Zeichen des alten Rates war. Jedes Mitglied der VHL trug ein Amulett, auf dem dieses Symbol abgebildet war. Das war ihr unverwechselbares Erkennungszeichen.

Hilmer bedankte sich noch einmal und verabschiedete sich dann von Etna.

„Ich hoffe, wir sehen uns wieder“, sagte die Kröte. „Du bist der erste Lemming, bei dem ich mir das wünsche. Meine Fliegen werden dich auf deinem weiteren Weg begleiten, auch wenn du sie nicht immer entdecken kannst.“

15. Dezember: Kapitel 23 und 24

23

 

„Wo bist du?“, rief Hilmer, als er näher an die Quelle des Lichtes herantrat. Etna konnte er nicht entdecken. Bis auf ein paar lästige Fliegen, die um ihn herumschwirrten, schien er allein zu sein. Dennoch war er sich sicher, dass er sich die Stimme nicht eingebildet hatte.

„Keine Sorge, ich bin ganz in deiner Nähe. Geh weiter, bis du eine Feuerstelle erreichst.“

Hilmer tat, wie ihm geheißen, und ging vorsichtig weiter, bis er den Platz erreichte. Eine Fliege ließ sich auf seiner Schulter nieder.

„Lass es sein“, zischte die fremde Stimme, als der Lemming den Störenfried wegschlagen wollte.

Hilmer erstarrte und traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Bisher hatte er immer gedacht, dass Fliegen zu den beliebtesten Nahrungsmitteln der Kröten gehörten. Etna schien hier eine Ausnahme zu sein. Hoffentlich stand sie nicht auf Lemmingfleisch.

„Es war mutig von dir, hier herunterzukommen“, sagte Etna. „Aber nicht besonders schlau.“

„Ich habe keine bösen Absichten“, sagte Hilmer schnell.

„Das weiß ich. Es mag sein, dass ich hier unten ein einsames Leben führe, aber glaube mir eines. Ich bin sehr gut darüber informiert, was sich innerhalb und außerhalb dieses Berges zuträgt.“

Hilmer war irritiert. Er hatte erwartet, auf ein abgrundtief böses Wesen zu treffen, das versuchen würde ihn umzubringen. In Wirklichkeit sprach die Kröte aber mit sehr sachlicher Stimme und schien keinerlei Groll gegen ihn zu hegen. Sie kam ihm eher neugierig vor, was viel mehr war, als er sich zu träumen gewagt hätte.

„Ich bin gekommen, um dich um Hilfe zu bitten.“

„Dann bist du der Lemming, der sich geweigert hat, vom Todesfelsen zu springen?“

„Du hast davon gehört?“ Hilmer schaute verwundert in die Richtung, aus der die Stimme kam. Sein Zusammentreffen mit Etna überraschte ihn immer mehr.

„Ich sagte dir doch, dass ich meine Informanten habe. Was sagt Helmut zu deiner Haltung?“

„Er ist alles andere als begeistert und will mich umbringen lassen.“

„Gut. Dann weiß ich jetzt auch, warum dich die anderen Lemminge verfolgen.“

Hilmer fand das zwar alles andere als gut, wollte Etna aber nicht widersprechen. Noch immer wurde er nicht schlau aus der Kröte und musste befürchten, dass sie auf der Gegenseite stand. Plötzlich sah er im Schatten vor sich eine Bewegung. Instinktiv ging der Lemming ein paar Schritte zurück und schaute voller Spannung zu dem Wesen, das sich ihm langsam näherte. Hilmer stockte der Atem, als er die Umrisse erkennen konnte.

Etna war etwa halb so groß wie ein Lemming, aber viel breiter. Hilmer hatte den Eindruck, ein dunkler Ball käme auf ihn zu. Er wusste aber, dass er die Kröte auf gar keinen Fall unterschätzen durfte. Sicher hatte sie ihre Helfer nicht nur unter den Ratten. Als sie näher kam, konnte der Lemming Etnas Körper besser sehen. Ihre Haut schien nur aus Falten zu bestehen, die in Ringen übereinanderlagen. Außerdem war sie trocken und spröde. An einigen Stellen waren dünne Blutfäden zu sehen.

„Hat dir mein Anblick die Sprache verschlagen?“

„Ähm, nein“, antwortete Hilmer. Er dachte an die Warnung der beiden Ratten, dass er die Alte auf keinen Fall auf ihr Aussehen ansprechen durfte. „Ich bin nur überrascht, wie gut du über alles Bescheid weißt.“

„Die Fliegen tragen mir alles Wichtige zu“, erklärte Etna. „Weil sie klein sind und fast überall hinkommen, sind sie für diese Aufgabe perfekt.“

Erst jetzt fiel Hilmer auf, dass zwei der widerlichen, summenden Wesen auf der Schulter der Kröte saßen. In Gedanken gab er der Alten recht. Sie waren die idealen Verbündeten, wenn es um Spionage ging. Keiner würde in ihnen eine Gefahr sehen – schlimmstenfalls eine lästige Plage.

„Entspanne dich, Hilmer“, sagte Etna und auf ihr Gesicht legte sich etwas, das aussah wie ein Grinsen, die Kröte aber noch hässlicher machte. „Du hast nichts zu befürchten. Zumindest nicht im Moment.“

„Woher kennst du meinen Namen?“

„Du kennst meinen ja auch. Warum bist du hier?“

„Ich bin auf der Suche nach den heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts.“

„Wie kommst du darauf, dass die sich ausgerechnet bei mir befinden sollen? Behauptet Helmut das?“

„Ja.“

„Er ist ein elender Lügner.“

Hilmer erschrak. Was sollte das bedeuten? Wollte Etna ihm damit sagen, dass er den Weg zu diesem furchtbaren Ort völlig umsonst auf sich genommen hatte? Plötzlich spürte der Lemming, wie eine weitere Fliege auf seiner Schulter landete. Im Bruchteil einer Sekunde schnellte Etnas Zunge aus ihrem Mund und schnappte sich das Insekt.

„Sagtest du nicht eben noch, dass die Fliegen zu dir gehören?“, fragte Hilmer entsetzt.

„Diese war eine Informantin des Königs.“

„Wie kannst du den Unterschied erkennen?“

„Meine Augen sind besser, als du denkst.“ Etna grinste schon wieder so hässlich.

Hilmer musste sich zum wiederholten Mal zwingen, sie nicht anzustarren. „Was meinst du damit, dass Helmut lügt? Stimmt es etwa nicht, dass er die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts bei dir versteckt hat?“

„Hat er dir das erzählt?“

„Nein. Nicht mir. Einer meiner Freunde hat gehört, wie er Dieter sagte, wo er die Bücher versteckt hat.“

„Der unterbelichtete Hamster hat wahrscheinlich so lange gefragt, bis er eine Antwort bekam. Helmut hat ihn belogen,

damit er seine Ruhe hat. Dieter ist ein elendiger Feigling. Er würde sich niemals hierher wagen. Jetzt hat der König Ruhe vor ihm und kann seine Lüge aufrechterhalten.“

„Was meinst du damit? Wo sind die Schriften?“

„Sie existieren nicht. Wonibalt war eher furchtbar als furchtlos. Er war Helmuts Großvater und das gelobte Land ist seine Erfindung. Eure komischen Massenselbstmorde basieren auf einer Lüge. Der König hat euch euer Leben lang verarscht.“

Das kann nicht wahr sein, dachte Hilmer. Auch wenn er darauf gehofft hatte, beweisen zu können, dass der König die Schriften falsch auslegte, brach in diesem Moment eine Welt in ihm zusammen. Wenn er sich nicht im letzten Moment geweigert hätte, vom Todesfelsen zu springen, würde niemals ein Lemming die heiligen Schriften infrage stellen. Hilmer wurde es schwindelig und er bekam weiche Knie, als ihm das wahre Ausmaß von Helmuts Grausamkeit klar wurde. Er setzte sich auf den Boden und schaute die Kröte kopfschüttelnd an.

 

24

 

„Mir ist klar, wie sehr dich das alles schockieren muss“, sagte Etna. „Aber ich schwöre dir, dass ich die Wahrheit sage.“

„Wenn das stimmt, was du sagst, belügt Helmut sein gesamtes Volk.“

„Welchen Grund sollte ich haben, so etwas zu erfinden?“

„Ich weiß nicht mehr, was ich noch glauben soll.“ Hilmer schaute die alte Kröte ratlos an.

„Wonibalt war ein alter Drecksack, der sein Volk geknechtet hat. Ich habe ihn nie gemocht.“

„Du kanntest ihn?“

„Ja. Wegen ihm sitze ich jetzt seit Jahrzehnten hier unten im Berg. Er war es, der mich damals verbannte. Im Laufe der Jahre habe ich mich an das Leben hier unten gewöhnt und bin geblieben.“

„Ich verstehe kein Wort.“

„Lass mich der Reihe nach erzählen“, schlug Etna vor und setzte sich neben ihren Besucher. „Ihr Lemminge wart schon immer ein etwas schräges Volk. Vor mehr als zwanzig Jahren wurdet ihr vom grausamen Wonibalt regiert.“

„Helmuts Großvater.“

„Genau. Weil ihr schon immer sehr fruchtbar wart, gab es einfach zu viele von euch. Die Nahrungsmittel wurden knapp und es raffte Unzählige deiner Artgenossen dahin. Seuchen und Krankheiten waren die Folge. Der Rat der vier Weisen, der neben dem König die wichtigste Macht in eurem Staat bildete, wusste nicht mehr, was er noch tun konnte, und vertraute Wonibalt. Der hatte aber nichts Gutes im Sinn. Als die Mitglieder des Rates dies bemerkten, war es bereits zu spät.“

„Wonibalt führte sie in den Tod?“

„Willst du die Geschichte erraten oder soll ich sie dir erzählen?“ Etna schaute Hilmer ungehalten an, der sofort beschwichtigend die Pfote hob.

„Sprich bitte weiter.“

„Wonibalt selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits fast zehn Jahre alt und gehörte zu den Ältesten deiner Art. Es interessierte ihn lange Zeit nicht, was mit seinem Volk geschah, und er kümmerte sich nicht um seine Untertanen. Dann wurde er krank. Er bestellte mich an den Hof und bot mir alle erdenklichen Reichtümer an, wenn ich ihn heilen würde.“

„Warum dich?“

Etna schaute Hilmer böse an und schwieg. „Entschuldige“, sagte der Lemming und sah betreten zu Boden.

„Im Volk der Kröten gibt es ein paar Frauen, die sich auf die Heilkunst verstehen. Ich habe von meiner Mutter sehr viel gelernt und galt als hoffnungsvolles Talent in der Veterinärmedizin. Deshalb wollte der König nur von mir behandelt werden. Als ich einen Tumor in seinem Kopf diagnostizierte, war er außer sich vor Wut und wollte mich ins Verlies sperren. Mir gelang die Flucht, aber Wonibalt gab nicht auf. Mit Hilfe der Ratten kam ich hierher. Selbst heute noch muss ich befürchten, dass Helmut mich töten lässt, wenn ich dieses Labyrinth verlasse. Ich weiß einfach zu viel.“

Hilmer brannten lauter Fragen auf der Zunge, aber er wagte es nicht, Etna ein weiteres Mal zu unterbrechen. Auch wenn sie ihm bisher eher harmlos vorkam, hatte er einfach zu viele schreckliche Dinge über die Kröte gehört. Oder hatte sie am Ende ein Teil der Gerüchte selbst unter sein Volk gebracht, damit sie hier unten ihre Ruhe hatte? Der Verdacht lag nahe, Hilmer traute sich aber nicht, ihn auch auszusprechen.

„Wonibalt konnte den Gedanken nicht ertragen, dass seine Untertanen weiterleben sollten und er nicht. Aus diesem Grund schmiedete er einen grausamen Plan. Der König verbot die Lehren des Rates und behauptete, von einer höheren Macht zum Propheten auserkoren zu sein. Natürlich glaubten ihm die Lemminge kein Wort. Erst als Wonibalt es irgendwie schaffte, ein paar Wunder geschehen zu lassen, und damit begann, sein Volk mit Nahrungsmitteln zu versorgen, wuchs das Vertrauen, das seine Untertanen in ihren König setzten. Sie konnten ja nicht ahnen, dass er in Wirklichkeit vorhatte, einen Großteil von ihnen auszulöschen.“

Etna stieß einen tiefen Seufzer aus und schaute Hilmer aus müden Augen an. „Ich habe sehr lange nicht über diese Dinge gesprochen und die Erinnerung schmerzt noch immer. Wenn du dem Gang hinter mir ein kleines Stückchen folgst, kommst du an einen Bach. Hol mir etwas zu trinken.“

Hilmer beeilte sich, dem Wunsch der Kröte nachzukommen. Er fand einen Becher, füllte ihn bis zum Rand und brachte ihn Etna. Die schüttete die Flüssigkeit gierig in ihre Kehle.

„Konnte der Rat der vier Weisen nichts gegen den König unternehmen?“

„Sie waren es letztendlich, die Wonibalt auf die grausamste von all seinen Ideen brachten.“

„Wie das?“

„Die Männer wurden vom König nicht nur entmachtet, sondern zutiefst gedemütigt. Wonibalt hätte die Lehren des Rates vermutlich noch nicht einmal verbieten müssen. Als er anfing, die vermeintlichen Wunder zu bewirken, glaubte den Weisen ohnehin niemand mehr. Sie wurden zu überflüssigen Witzfiguren. Das konnten sie nicht ertragen und entschlossen sich dazu, ein letztes Zeichen zu setzen. Sie gingen zum Schicksalsberg und sprangen gemeinsam vom Todesfelsen. Damals hieß er natürlich noch nicht so.“

Hilmer schwieg, als Etna eine weitere Pause einlegte. Wortlos nahm er den Becher und füllte ihn mit Wasser. Was er bisher gehört hatte, war ein schwerer Schock für den Lemming. Nie im Leben hatte er damit gerechnet, dass ihm die Kröte eine derartige Geschichte erzählen würde. Dennoch glaubte er ihr jedes Wort. Helmut war ein Drecksack. Sein Geheimnis wäre hier unten sicher gewesen, wenn er Dieter nicht erzählt hätte, dass Etna die sogenannten heiligen Schriften bewachte.

„Es muss dir schwerfallen, dies alles zu hören“, unterbrach Etna Hilmer in seinen Gedanken. „Es geht aber noch weiter. Die vier Mitglieder des Rates zeigten dem König einen Weg, wie er sein Volk noch weit über seinen Tod hinaus bestrafen konnte. Er wusste, dass er selbst nur noch wenige Tage zu leben hatte. Sein Körper wurde innerlich zerfressen und bereitete ihm große Schmerzen. Gemeinsam mit seinem Sohn Herbert entwickelte er dann die heiligen Schriften. Es gab eine Kundgebung, an dem er seine Thesen öffentlich vorstellte. Er behauptete, dass der Rat der vier Weisen den Weg in eine Welt gefunden hatte, in der es weder Überbevölkerung noch Hungersnot gab.“

„Das gelobte Land.“

„Du hast es erfasst. Als er verkündete, dass ihm alle Lemminge in den Tod folgen sollten, die mindestens fünfzehn Monate alt waren, löste er eine Masseneuphorie aus. Seine Untertanen glaubten an ihn und nahmen so am ersten Massenselbstmord in der Geschichte der Lemminge teil. Herbert und später auch Helmut setzten Wonibalts Werk fort und predigten seine Lehren. Die jungen, naiven Lemminge glaubten ihnen jedes Wort und bewunderten ihren jeweiligen König sogar noch dafür, dass er es auf sich nahm, am Leben zu bleiben, um sein Volk auf das Kommende vorzubereiten. Es dauerte nur wenige Generationen, bis die Lemminge sich sogar auf den Tag freuten, an dem sie in das gelobte Land reisen durften. Dieses hat jedoch niemals existiert.“

Hilmer konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Nachdem er von Etna die komplette Tragweite von Helmuts Lügen erfahren hatte, ergriff ihn eine Traurigkeit, wie er sie sich vorher nicht einmal hätte vorstellen können. Sein eigener Weg war hier zu Ende. Ohne einen Beweis würde sein Volk niemals glauben, dass der König sie betrog. Das Spiel war aus. Er hatte verloren.

 

14. Dezember: Kapitel 21 und 22

21

 

Obwohl sich Hilmer zwischen Bert und Gerd nicht wirklich wohlfühlte, war er froh darüber, die beiden bei sich zu haben. Den Trichter mit dem Feuer in der Mitte, hatte der Lemming zunächst für das Zentrum des Rattenreichs gehalten. Dabei wohnten dort nur die Familien der Nachkommen eines einzigen Weibchens. Auch wenn Rosa in dieser Beziehung sicherlich besonders fleißig war, erschreckte Hilmer die Anzahl der Familienmitglieder sehr. Als sie aber die Hauptstadt des Volkes erreichten, bekam er vor Staunen den Mund nicht mehr zu.

Bert und Gerd führten ihren Schützling zwischen den Behausungen hindurch und ignorierten die hämischen Bemerkungen der Ratten, die ihnen begegneten. Hilmer wusste jetzt, dass es von Anfang an ein Fehler gewesen war zu glauben, er könnte Etna ohne Hilfe erreichen. Auch wenn er Rosa nicht zu seinen besten Freundinnen zählte, wäre er ohne das Weibchen nie so weit gekommen.

Hilmers Begleiter sprachen nicht viel und auch er selbst zog es vor, schweigend zwischen den beiden weiterzugehen. Natürlich war er neugierig und hätte eine ganze Reihe an Fragen über ihre Lebensweise stellen können, ob er die Antworten aber wirklich wissen wollte, wagte er zu bezweifeln. Allein die Tatsache, dass sich die Ratten von den Leichen der Todesspringer ernährten, bestätigte ihm, dass er ihre Gewohnheiten nicht für gut heißen würde.

Der Lemming spürte die neugierigen Blicke der Ratten in seinem Rücken. Sicher trugen die meisten von ihnen in Gedanken bereits ihre Lätzchen und würden am liebsten die Zähne in sein Fleisch schlagen. Er hatte nicht das geringste Bedürfnis in den Mägen dieser Viecher zu enden.

Sie verließen die Stadt und gelangten zum Eingang einer Höhle, in der es völlig dunkel zu sein schien. Mehr als ein paar Meter konnte Hilmer nicht hineinschauen. Bisher hatte er in allen Gängen genug sehen können. Die Ratten mussten einen Weg gefunden haben, das Sonnenlicht in ihrem Labyrinth gleichmäßig zu verteilen. Warum hatten sie diesen einen Gang ausgelassen?

„Den Rest des Weges wirst du allein gehen müssen“, sagte Bert und grinste Hilmer blöde an.

„Warum das? Rosa hat mir versprochen, dass ihr mich bis zu Etnas Versteck bringen würdet.“

„Den Weg kannst du ab hier nicht mehr verfehlen“, sagte Gerd. „Glaube mir. Früher oder später wird die Kröte dich finden.“

„Ja, aber …“

„Nichts, aber“, unterbrach Bert den Lemming. „Weiter als bis hier gehen wir nicht. Du wolltest zu Etna. Wir sollten dir den Weg zeigen. Das haben wir getan. Der Rest ist allein deine Sache.“

„Du hast doch nicht etwa Angst?“, fragte Gerd.

Hilmer hatte genau das, wollte es vor den beiden Nagern aber nicht zugeben. Diese schienen sich selbst nicht näher an die Kröte heranzutrauen. Etna musste übernatürliche Kräfte besitzen, wenn selbst zwei ausgewachsene und kräftige Ratten eine Begegnung mit ihr scheuten.

„Habt ihr die Kröte schon einmal gesehen?“

„Nein“, antwortete Gerd. „Es gibt nicht viele, die sagen können, eine Begegnung mit ihr lebend überstanden zu haben. Wir stören sie nicht und dafür lässt auch sie uns in Ruhe.“

„Hüte dich davor, etwas über ihr Aussehen zu sagen.“ Bert schaute Hilmer fast verschwörerisch an. „Etna ist eine Ausgeburt an Hässlichkeit. Selbst für unsere Verhältnisse.“

„Sie selbst sieht das aber nicht so“, ergänzte Gerd. „Wenn du nur zu lange auf ihre faltige, verdorrte Haut starrst, bekommt sie schon einen Wutanfall. Dann bist du tot.“

„Langsam verstehe ich, warum ihr nicht zu der Kröte wollt“, sagte Hilmer. Er spürte einen dicken Kloß in seinem Hals. Jede Zelle seines Körpers sehnte sich danach, das Höhlenlabyrinth im Schicksalsberg zu verlassen. Er hätte es niemals betreten dürfen. Direkt nachdem Turgi und Targi ihn passiert hatten, wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, den Gang durch den Brunnen wieder zu verlassen. Jetzt war es zu spät. Er saß in der Falle und wusste nicht, wie er aus diesem Dilemma wieder herauskommen sollte.

„Du musst dich jetzt entscheiden“, forderte Gerd. „Geh in diese Höhle oder lass es bleiben. Wir können dich auch zu einem Ausgang bringen, der dich in deine eigene Stadt bringt, wo du die Bonbons holen kannst, die du unserer Mutter versprochen hast. Du würdest uns damit Arbeit abnehmen.“

„Wie meinst du das nun wieder?“

„Wenn du stirbst – und das wirst du, wenn du zu Etna gehst –, müssen Bert und ich zu deinen komischen Freunden gehen und die Ware abholen. Den beiden würde es sicher besser bekommen, wenn du sie um die Herausgabe des Mittels bittest.“

Hilmer sah die beiden Ratten geschockt an. Ihm wurde klar, dass sie absolut keine Gnade kannten, egal wie harmlos sie sich jetzt ihm gegenüber auch verhielten. Er hatte Henni und Hörg in große Gefahr gebracht und seine beiden Freunde wussten noch nicht einmal etwas davon. Würden ihn Bert und Gerd aber wirklich laufen lassen, wenn er das Labyrinth verließ? Viel wahrscheinlicher war es, dass sie ihm zum Palast folgen würden, um die Ware gleich dort in Empfang zu nehmen.

Hilmer hatte zwar mit der scharfen Ratte Rosa einen Pakt geschlossen, der ihn vor den gefährlichen Nagern schützte. Zu sehr darauf verlassen durfte er sich nicht. Und selbst wenn ihn Bert und Gerd in Ruhe lassen würden, wenn sie die Bonbons hatte, wäre Hilmer immer noch nicht in Sicherheit und müsste sich wieder gegen seine Artgenossen wehren, die seinen Tod wollten. Nein. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Er musste zu Etna.

„Ich werde gehen“, sagte Hilmer und schaute in zwei völlig überraschte Rattengesichter. Offensichtlich hatten die Nager erwartet, dass er im letzten Moment kneifen würde.

„Schade“, sagte Bert grinsend. „Für einen Lemming fand ich dich eigentlich ganz nett.“

„Das ist nicht gerade aufbauend“, sagte Hilmer.

„Im Gegensatz zu dir leben wir in der Realität“, sagte Gerd. „Wenn du Etna siehst, grüße sie von uns. Vorausgesetzt, sie lässt dir überhaupt die Gelegenheit, etwas zu sagen.“

An Berts Blick sah Hilmer, dass die Ratte noch einen draufsetzen wollte. „Spar dir einen weiteren Kommentar“, kam er dem Nager zuvor. „Ich habe es verstanden. Könnt ihr mir wenigstens eine Fackel geben?“

„Schau dich doch einmal um“, lachte Gerd. „Wir brauchen keine zusätzliche Beleuchtung.“

„Dann eben nicht. Ich danke euch, dass ihr so gütig wart, mich hierher zu bringen. Ihr müsst nicht auf mich warten.“

„Das hätten wir sowieso nicht getan. Du wirst nicht zurückkommen.“

Hilmer sah Bert nur resignierend an und erwiderte nichts mehr. Es hatte keinen Sinn, mit den beiden Nagern zu diskutieren, die er hoffentlich nie wieder sehen würde. Der Lemming ließ die Ratten stehen und ging langsam in die Höhle. Auf den ersten Metern versuchte er, gegenüber Bert und Gerd einen entschlossenen Eindruck zu machen. Als es dann aber immer dunkler wurde, kam die Angst und er ging langsamer. Zum wiederholten Mal fragte er sich, wie er so dämlich hatte sein können, sich freiwillig in die Tiefe dieses Labyrinthes zu begeben.

Die Geräusche, die aus der Stadt zu Hilmer drangen, wurden immer leiser. Vor ihm herrschte Totenstille. Es war gerade hell genug, dass er den Boden unter seinen Füßen sehen konnte. Alles, was weiter als einen Meter von ihm entfernt war, verschwand in der Dunkelheit. Plötzlich hörte er vor sich ein wütendes Zischen.

Hilmer blieb stocksteif stehen und hielt den Atem an. War das etwa schon Etna? Oder lebten noch andere Wesen hier in diesem Loch? Den Weg zu der alten Kröte hatte er sich weiter vorgestellt. Es ging zwar leicht bergab, weit entfernt von der Stadt konnte er aber noch nicht sein. Als sich nach fast einer Minute nichts ereignet hatte, setzte sich Hilmer wieder in Bewegung.

Zu seiner Erleichterung verschlechterte sich die Sicht nicht, wurde aber auch nicht besser. Der Gang knickte leicht nach links ab. Immer wieder kam Hilmer der rechten Seite der Wand so nahe, dass er die Richtung, in die er lief, korrigieren musste. Nach einer Weile – der Lemming hatte längst sein Zeitgefühl verloren – sah er vor sich ein schwaches Licht.

Hilmers Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und wagte fast nicht zu atmen.

„Du kannst ruhig näher kommen, ich habe dich längst bemerkt.“ Die Stimme schien von allen Seiten zu kommen und klang alles andere als freundlich. Hilmer verspürte den sehnlichsten Wunsch, umzukehren und in Richtung der Rattenstadt zu laufen, riss sich aber mit aller Gewalt zusammen. Etna würde ihm sicher nicht gleich den Kopf abreisen. Vielleicht konnte er sie ja neugierig genug machen, dass sie sich seine Geschichte anhörte. Erst jetzt fiel dem Lemming ein, dass er noch nicht einmal wusste, auf welcher Seite die Kröte stand. Wenn sie eine Vertraute von Helmut war, würde sie vielleicht auch dessen Interessen vertreten. Dann war er so gut wie tot. Jetzt war es allerdings zu spät, sich darüber Gedanken zu machen.

„Willst du da Wurzeln schlagen oder kommst du jetzt zu mir?“

Die Stimme klang noch ärgerlicher als vorher. Hilmer wollte sich nicht aller Chancen berauben, bevor er auch nur ein Wort gesprochen hatte, und ging weiter.

 

22

 

Auf ihrem Weg durch die Höhle achteten Henni und Hörg auf jedes noch so kleine Geräusch. Zunächst blieb es ruhig. Dann hörten die beiden vor sich ein leises Wimmern.

„Da weint jemand“, stellte Hörg überflüssigerweise fest.

„Meinst du es ist Hilmer?“

„Ich hoffe nicht.“

„Wir müssen auf jeden Fall nachsehen.“

„Ich weiß nicht, Henni. Wenn er in die Fängen der Ratten geraten ist, werden die sicher nicht tatenlos zusehen, wie wir Hilmer wieder befreien.“

„Du kannst ihn aber auch nicht einfach im Stich lassen.“

„Das will ich ja auch gar nicht“, sagte Hörg.

„Dann lass uns nachsehen, was da los ist.“

Todesmutig schlichen die beiden Lemminge weiter. Sie lauschten angestrengt, konnten aber kein weiteres Wimmern oder Jammern ausmachen.

„Ich bin mir sicher, dass wir uns nicht getäuscht haben“, sagte Hörg und schaute seinen Bruder ratlos an.

„Lass uns weitergehen. Da vorne muss irgendetwas sein.“ Henni wartete keine Antwort ab und übernahm die Führung.

Der Tunnel machte eine Biegung und die beiden erreichten einen Durchgang, durch den sie direkt in die Stadt gelangen konnten. Danach führte der Gang durch eine weitere Kurve wieder tiefer in den Berg. Henni und Hörg beschlossen diesen Weg zu nehmen. Sie huschten an der Öffnung vorbei und atmeten erleichtert auf, als sie die Stelle passiert hatten. Als dicht vor ihnen wieder das Wimmern erklang, beschleunigten sie ihre Schritte.

Hinter der nächsten Kurve sahen die beiden Lemminge, wer für die jammernden Laute verantwortlich war. Hörg wusste in dem Moment nicht, ob er Turgi und Targi auslachen oder bemitleiden sollte.

Hilmers Vettern lagen in einer Gefängniszelle, die sich in einer Ausbuchtung des Ganges befand, reglos auf dem Boden. Beide hatten die Augen geschlossen und schienen bewusstlos zu sein. Eine Metallplatte verhinderte, dass man den Riegel der Tür von innen erreichen und öffnen konnte.

„Was machen wir jetzt?“
„Wir müssen sie befreien“, beantwortete Henni Hörgs Frage.

„Bist du verrückt geworden?“

„Nein. Die beiden sind Lemminge. Wir können sie nicht in den Fängen der Ratten lassen, egal, wie bescheuert sie sich auch verhalten haben.“

„Das ist doch Irrsinn. Wenn wir sie befreien, werden sie wieder versuchen ihren Vetter zu schnappen. So sind sie ausgeschaltet und Hilmer ist wenigstens eine Gefahr los.“

„Du hast ja recht“, gab Henni zu. „Trotzdem. Es geht mir gegen den Strich zwei Artgenossen hier zurückzulassen. Vielleicht gelingt es uns, sie auf unsere Seite zu ziehen. Hier unten können wir jeden Verbündeten gebrauchen.“

„Das glaubst du doch selbst nicht. Wie sollten uns die beiden Spinner den helfen? Sie behindern uns nur und wir werden langsamer vorankommen.“

„Wie auch immer“, sagte Henni. „Wir müssen jetzt etwas tun. Es dauert sicher nicht ewig, bis einer dieser verfressenen Nager hier auftaucht. Dann möchte ich verschwunden sein.“

„Ich auch.“

„Dann helf mir jetzt die beiden Irren zu befreien.“

„Na gut. Aber beschwer dich hinterher nicht bei mir, wenn irgendetwas schiefgeht.“ Eine innere Stimme sagte Hörg, dass es ein sehr großer Fehler war, die Gefangenen freizulassen. Er wollte sich aber auch nicht gegen seinen besten Freund stellen. Es war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für einen Streit. Dafür war die Gefahr, von den Ratten entdeckt zu werden, zu groß.

Henni schob den Riegel der Zellentür beiseite und trat in die Kammer. „Kümmere du dich um den anderen“, sagte er und wandte sich einem Bewusstlosen zu. Er ging neben dem Lemming auf die Knie und legte seine Pfote auf dessen Stirn.

In diesem Moment explodierte Turgi. Als würde er von einem Katapult abgeschossen, sprang er nach oben und donnerte Henni beide Fäuste auf die Nase. Der wurde von der Aktion völlig überrascht und fiel nach hinten. Ehe er selbst auch nur an eine Reaktion denken konnte, war Turgi bereits an ihm vorbeigeflitzt und lief in Richtung Ausgang.

Targi war es gelungen, Hörg auf ähnliche Art zu überraschen. Dicht hinter seinem Bruder verließ er die Zelle, donnerte die Tür zu und schob den Riegel vor.

„Ihr seid die elendsten Dreckschweine, die unser Volk jemals hervorgebracht hat“, zischte Hörg und starrte seine Vettern zornig an. „Macht sofort die Tür auf und lasst uns hier heraus.“

„Wir denken gar nicht dran“, antwortete Turgi grinsend.

„Die Ratten wissen, dass zwei Lemminge in der Zelle sind“, sagte Targi. „Sie werden nicht so genau hinschauen und den Unterschied nicht bemerken.“

„Dazu sind sie zu dumm“, fügte Turgi bei.

„Ihr seid Vollidioten und Ignoranten“, regte sich Henni auf. „Wir haben euch geholfen, obwohl ihr euch gegen Hilmer stellt. Und jetzt fallt ihr uns in den Rücken.“

„Euer Vetter hat mehr Hirn als ihr beiden zusammen“, sagte Hörg. „Und jetzt lasst uns endlich hier raus oder ich schwöre, dass ihr es bereuen werdet.“

„Was wollt ihr denn machen?“, lachte Turgi.

„Ihr werdet den Ratten nicht entkommen“, fügte Targi hinzu. „Wir schnappen uns jetzt Hilmer und dann verschwinden wir aus diesem Labyrinth. Euch wünschen wir noch viel Spaß.“

„Grüßt die Nager von uns“, spottete Turgi.

„Dafür werdet ihr bezahlen“, sagte Hörg mit hochrotem Kopf, bekam aber keine Antwort mehr. Die beiden Verräter drehten sich grinsend von ihm und Henni weg und verschwanden in dem Gang, der vom Zentrum der Ratten wegführte.

 

13. Dezember: Kapitel 19 und 20

19

 

„Das ist ja eigenartig“, sagte eine rauchige Stimme, die Hilmer einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. „Ein Lemming, der Lemminge verfolgt. Was ist hier los?“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Wenn du mich verarschen willst, bist du gleich tot. Dreh dich um.“

Hilmer folgte der Anweisung und sah die hässlichste Ratte, die er sich überhaupt vorstellen konnte. Der verschrumpelte Körper zeigte nicht ein einziges Haar und die Zitzen hingen fast bis zum Boden hinunter. Die Schnauze des Weibchens war – wie bei allen Ratten – in die Länge gezogen und ihr Lächeln zeigte zwei Reihen messerscharfer Zähne. In den Augen meinte Hilmer Gier zu entdecken. Wonach, wollte er aber lieber nicht wissen.

„Hast du genug gesehen?“

„Entschuldige“, antwortete Hilmer stockend. „Ich habe noch nie eine Ratte aus so kurzer Entfernung gesehen.“ Und schon gar nicht so eine, fügte der Lemming in Gedanken hinzu.

„Wenn du hierher kommst, musst du aber damit rechnen. Wie heißt du?“

„Hilmer.“

„Ich bin Rosa. Da wir uns nun kennen, erzähl mir doch mal, warum du zwei deiner Artgenossen verfolgst.“

„Sie wollen mich umbringen.“

„Und deshalb läufst du ihnen nach?“ Rosa brach in schallendes Gelächter aus. „Etwas Blöderes habe ich überhaupt noch nicht gehört. Du musst dir schon etwas Besseres einfallen lassen, wenn du hier lebend herauskommen willst.“

„Ich schwöre beim heiligen Wonibalt, dass ich die Wahrheit sage.“

„Lass mich mit deinem komischen Propheten in Ruhe. An den glaube ich sowieso nicht.“

Da haben wir schon einmal etwas gemeinsam, dachte Hilmer. „Es stimmt aber wirklich. Ich habe mich geweigert, vom Todesfelsen zu springen, und jetzt wollen mich meine Vettern töten.“

„Das wird ja immer besser“, lachte Rosa.

„Ich finde das nicht zum Lachen.“

„Aber ich.“ Die Ratte musterte Hilmer von oben bis unten, leckte sich dann mit der Zunge über die Schnauze und spannte ihre Bauchmuskeln an. „Du gefällst mir.“

Hilmer sah Rosa mit gemischten Gefühlen an. Was sollte das nun wieder? Wollte sie ihn etwa verführen? Zu seinem Entsetzen schien das Weibchen genau das vorzuhaben.

„Hattest du schon einmal Sex mit einer Ratte?“ Rosas Stimme wurde noch rauchiger und ihr Blick schien regelrecht am Körper des Lemmings zu kleben.

„Nein“, antwortete Hilmer angewidert. „Und das soll auch so bleiben.“

„Gefalle ich dir etwa nicht?“

„Darum geht es nicht“, versuchte Hilmer sich vor einer Antwort zu drücken, die Rosa sicher nicht gefallen hätte. „Ich habe im Moment ganz andere Sorgen und bin nicht auf der Suche nach einem Weibchen.“

„Vielleicht änderst du deine Meinung ja noch, wenn du lange genug bei mir bist. Laufen lassen, werde ich dich nämlich nicht mehr.“

„Wie willst du mich aufhalten?“

„Vor mir kannst du vielleicht weglaufen. Vor meiner Familie nicht.“

„Wohnen sie in der Stadt?“

„Sie sind die Stadt.“

„Was soll das heißen?“

„Meine Kinder haben ihre Behausungen hier errichtet. Alle Ratten, die in dem Kessel leben, stammen von mir ab. Du würdest ihnen nicht entkommen.“

Hilmer schaute Rosa voller Entsetzen an. Sie musste drei Viertel ihres Lebens trächtig gewesen sein. Er hatte jetzt die Wahl zwischen dem Tod oder Qualen, wie sie kein Lemming vor ihm hatte erleiden müssen. Nein! Lieber würde er sterben, als das Lager mit dieser notgeilen Ratte zu teilen. Nur wie sollte er ihr entkommen?

„Stell dich nicht so an“, sagte Rosa und strich ihrem Opfer mit der Pfote über den Bauch. „Wir gehen jetzt in meinen Bau.“

Jetzt hat die Ratte mich echt am Arsch, dachte Hilmer und ließ sich von dem Weibchen in Richtung ihrer Höhle schieben. Er war sicher, dass er die Wünsche des Weibchens nicht würde erfüllen können. Selbst, wenn er es wollte. Rosa mochte rattenscharf sein, aber sie machte ihn einfach nicht an.

Wenn Hilmer noch einen Weg aus dieser Misere finden wollte, wurde es langsam Zeit, dass er eine zündende Idee bekam. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Plötzlich wusste er, was er zu tun hatte. Er würde der Ratte ein Geschäft vorschlagen, dass sie unmöglich ablehnen konnte.

„Du willst doch sicherlich nicht von einem Lemming trächtig werden, oder?“

Rosa zog Hilmer am Arm herum und starrte ihn böse an. „Willst du mir erzählen, wie ich mein Leben zu führen habe? Ich habe eine ganze Stadt voller Nachkommen. Auf ein paar mehr oder weniger kommt es da auch nicht mehr an. Wenn sie dir zu ähnlich sehen, kann ich sie immer noch ertränken.“

„Also wünschst du dir weitere Junge?“ Hilmer ging nicht auf die Beleidigung ein. Er durfte sich nicht provozieren lassen und musste seinen Plan weiter verfolgen. Sonst war alles vorbei.

„Rede keinen Unsinn“, blaffte Rosa. „Es gehört eben dazu.“

„Lässt du mich gehen, wenn ich dir einen Weg zeige, wie du dich so oft vergnügen kannst, wie du willst, aber niemals wieder trächtig wirst?“ Hilmer setzte in diesem Moment alles auf eine Karte. Wenn die Ratte jetzt nicht nachgeben würde, war er ihr ausgeliefert. Auf Hilfe konnte er in diesem Höhlenlabyrinth nicht hoffen.

Rosa schaute Hilmer schief an und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe ja, dass du nach einem Ausweg suchst, mein Süßer. Bilde dir aber bloß nicht ein, mich hinters Licht führen zu können.“

„Das würde ich niemals wagen.“

„Dann hör endlich auf, um den heißen Brei herumzureden, und spuck aus, was du mir zu sagen hast.“

„Zwei Freunde von mir haben Kaubonbons erfunden, die die Fruchtbarkeit aussetzen und so verhindern, dass ein Weibchen nach dem Verkehr trächtig wird.“

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte Rosa verblüfft. Das Funkeln in ihren Augen verriet, dass sie zumindest neugierig geworden war.

„Ich belüge dich nicht.“

„Das würde ich dir auch nicht raten. Kannst du mir diese Wunderkaubonbons besorgen?“

„Ja“, antwortete Hilmer, obwohl er da gar nicht so sicher war. Er vertraute einfach darauf, dass ihn Henni und Hörg nicht im Stich lassen würden, wenn er sie um das Verhütungsmittel bat.

„Dazu muss ich dich vermutlich freilassen?“

„Ich habe die Bonbons nicht bei mir.“

Die Ratte sah Hilmer nachdenklich an. Der wusste, dass er sich auf sehr dünnem Eis bewegte, aber keine andere Wahl hatte. In seiner Mission war er bisher nicht besonders weit gekommen. Er konnte die Hilfe des Weibchens gut gebrauchen.

„Wo wolltest du eigentlich hin?“, fragte Rosa nach einer Weile.

„Was meinst du?“

„Ich habe dich erwischt, als du zwei deiner Artgenossen verfolgt hast. Was wollt ihr hier unten?“

„Ich war auf dem Weg zu Etna.“ Hilmer beschloss, dass es besser war, wenn er jetzt zumindest einen Teil der Wahrheit sagte.

Rosa brach in schallendes Gelächter aus, tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn und zeigte Hilmer die Fliege. „Was willst du denn bei der alten Kröte? Nicht einmal ich würde es wagen, ihre Ruhe zu stören.“

„Ich muss ihr eine wichtige Frage stellen. Es geht um mein Leben. Ich möchte nicht sterben, aber auch nicht ewig auf der Flucht vor meinen Vettern sein.“

„Du meinst die beiden Lemminge, die du verfolgt hast?“

„Das habe ich ja nicht. Ich wollte sie nur nicht in meinem Rücken haben.“

„Also gut. Du hast Mut, das überrascht mich. Was du vorhast, ist blanker Selbstmord. Aber damit kennt ihr Lemminge euch ja aus.“

Hilmer konnte über diese Bemerkung nicht lachen. Er sagte aber nichts. Vielleicht konnte er Rosa überzeugen, ihm zu helfen. Die Möglichkeiten dazu hatte sie sicher. „Kannst du mir den Weg zu Etna zeigen?“

„Warum sollte ich das tun? Wenn du tief unten im Berg stirbst, bekomme ich die Zauberbonbons nie.“

„Wenn du mich tötest auch nicht.“

„Da hast du sogar recht. Wie heißen die beiden Kerle, die das Verhütungsmittel erfunden habe?“

„Henni und Hörg. Sie arbeiten im Palast des Königs.“

„Solltest du auf deinem Weg zu Etna sterben, werde ich meine Söhne zu den beiden schicken. Wenn sie mir die Bonbons nicht geben, werden sie sterben. Wenn du mich hintergehst, lasse ich dich umbringen.“

„Soll das heißen, dass ich gehen kann?“

„Ja. Ich mag dich irgendwie, aber ich warne dich. Solltest du mich betrügen, werde ich dein ganzes Volk dafür bezahlen lassen.“

Ein Blick in Rosas Augen reichte Hilmer aus, um zu erkennen, dass es ihr absolut ernst war. „Ich werde dich nicht enttäuschen.“

„Das weiß ich.“ Rosa stieß einen kurzen Pfiff aus. Innerhalb von wenigen Sekunden tauchten plötzlich zwei männliche Ratten auf, wie aus dem Nichts. „Das sind Bert und Gerd. Sie werden dir den Weg zu der alten Kröte zeigen.“

 

20

 

„Glaubst du wirklich, dass die Ratten die Leichen unserer Artgenossen auffressen?“, fragte Hörg, als sie den Eingang in der Felswand erreichten. Kein Bewohner des Berges war gerade zu sehen. Wenn sie Hilmer finden wollten, mussten sich die beiden Lemminge jetzt in das Höhlensystem hineinwagen.

„Mit Sicherheit nicht alle. Dafür sind es zu viele.“

„Aber was machen die mit dem Rest?“

„Woher soll ich das wissen?“, antwortete Henni. „Vermutlich gibt es irgendwo im Berg ein riesiges Massengrab, wohin sie die Toten bringen.“

„Das wäre längst voll“, sagte Hörg. „Vielleicht finden wir ja heraus, was sie mit den Kadavern machen.“

„Deswegen sind wir nicht hier.“

„Interessieren würde es mich aber trotzdem.“

„Nimm die Sache nicht so leicht“, warnte Henni seinen besten Freund. „In diesem Labyrinth lauern viele Gefahren, die wir nicht unterschätzen dürfen. Und jetzt: Lass uns gehen. Aber leise.“

Die beiden Lemminge betraten den Gang und achteten darauf, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Sicher waren irgendwo Ratten in der Nähe und würden nicht viel Federlesens mit den Eindringlingen machen.

Hörg sah sich neugierig um. Er hatte erwartet, dass es schnell dunkel werden würde, aber von irgendwoher kam Licht, sodass sie recht gut sehen konnten. Er fand es spannend, diese ihm fremde Welt zu erkunden, und wäre gern schneller gegangen. Dennoch musste er einsehen, dass Henni recht hatte. Er war schon immer der vorsichtigere der beiden Brüder gewesen.

Bisher war weder etwas zu sehen noch zu hören. Das Zentrum des Rattenreichs musste sich sehr tief im Inneren des Berges befinden. Hörg drehte sich um und konnte den Ausgang nicht mehr sehen. Der Gang lief vollkommen gerade und leicht nach unten. Die Anspannung wurde immer größer und die beiden Lemminge schlichen jetzt.

Plötzlich sahen Henni und Hörg, wie der Gang vor ihnen auf einen zweiten traf. Wohin dieser Weg führte, war noch nicht auszumachen. Auch wenn Hörg am liebsten zu der Stelle gestürmt wäre, zwang er sich zur Ruhe. Gemeinsam mit Henni ging er vorsichtig auf die Gabelung zu. Jeden Moment konnten Ratten hervorspringen. Dann waren sie den gefährlichen Nagern ausgeliefert. Einen Kampf gegen die Bestien konnten sie nicht bestehen.

„Ich gehe als Erster“, sagte Hörg und lugte, ohne auf Hennis Antwort zu warten, in die Kreuzung hinein. Auf der rechten Seite war nichts zu sehen, aber als er den Blick nach links wandte, verschlug es Hörg den Atem. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken und er hätte sich am liebsten aus dem Labyrinth herausgezaubert. Er hatte gewusst, dass hier Ratten waren, aber nicht damit gerechnet, dass so viele von ihnen an einem Ort existierten. So schnell er konnte, zog er sich zurück und sah Henni kopfschüttelnd an. „Hier kommen wir nicht weiter.“

„Was ist dort?“, wollte Henni wissen.

„Ratten.“

„Geht es ein bisschen genauer? Mir ist auch klar, dass da keine Feldmäuse sind.“

„Es sind Tausende. Sie haben da eine Stadt oder so was. Schau selbst, ihre Behausungen reichen so weit, wie du sehen kannst.“

„Es ist gar nichts zu hören.“

„Das wundert mich auch“, gab Hörg zu. Tatsächlich drangen keine Geräusche aus der Stadt bis zu ihnen herüber. Es musste irgendetwas geben, das den Schall verschluckte. Der kurze Gang, in den Hörg eben geschaut hatte, reichte dazu allein nicht aus.

Henni folgte Hörgs Aufforderung und warf einen Blick in die Höhle. Sein Gesicht war kalkweiß, als er sich wieder Hörg zuwandte. „Wir haben ein Problem.“

„Trotzdem müssen wir weiter, wenn wir Hilmer finden wollen.“

„Wir können es rechts versuchen“, schlug Henni vor.

Wirklich begeistert war Hörg von der Idee seines Freundes nicht, stimmte aber dennoch zu. Sie mussten etwas tun und je länger sie hierblieben, umso größer wurde die Gefahr, von den Ratten erwischt zu werden. Die beiden Lemminge betraten den Gang, der etwas breiter war als derjenige, durch den sie den Weg hierher gefunden hatten. Leise aber zügig liefen sie immer tiefer in das Labyrinth hinein. Nach der ersten Kurve atmeten sie erleichtert aus. Von hier aus war die Stadt nicht mehr zu sehen und damit sank auch die Gefahr, entdeckt zu werden. Zumindest hoffte Hörg das.

„Ich hatte nicht erwartet, dass es so viele von diesen grässlichen Bestien gibt“, sagte Henni. Noch immer war außer den Geräuschen, die sie selbst verursachten nichts zu hören.

„Vermutlich wohnen da noch nicht einmal alle. Der Berg ist groß und von unseren toten Kameraden haben wir auch noch nichts gesehen.“

„Denk daran, dass wir nicht deswegen hier sind.“

„Ja, ich weiß.“

Die Brüder gingen weiter und hielten sich immer links, wenn sie an eine Abzweigung kamen. Hörg fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Er war sich längst nicht mehr sicher, ob sie aus diesem Irrgarten auch wieder herausfinden würden. Die Hoffnung, Hilmer zu treffen, hatte er fast aufgegeben.

„Was ist das denn?“, rief Henni und hielt Hörg am Arm fest, damit er stehen blieb.

„Was meinst du?“

„Siehst du das Flimmern da vorn?“

Hörg schaute angestrengt in den Gang vor sich und konnte dort tatsächlich etwas erkennen. „Es sieht aus, wie eine dünne Nebelschicht“, sagte er und ging langsam auf die Stelle zu.

„Sei vorsichtig!“, rief Henni seinem Freund nach, doch der hatte die Pfote bereits durch die durchscheinende Schicht gestreckt.

„Es kribbelt ein bisschen, scheint aber harmlos zu sein.“

„Was ist das?“

„Ich weiß es nicht. Ich gehe mal durch.“ Bevor Henni ihn zurückhalten konnte, machte Hörg zwei große Schritte und durchstieß den Nebel. Mit einem Mal wurde es laut. Der Lemming hörte ein dumpfes Brummen, in das sich einzelne Schreie und dumpfe Schläge mischten.

„Das ist unheimlich“, sagte Henni, nachdem er Hörg gefolgt war.

„Der Nebel scheint den Schall zu schlucken“, sagte Hörg. „Deswegen haben wir die Biester bisher nicht gehört. Sie befürchten wohl, dass von außerhalb des Berges jemand auf sie aufmerksam wird und den Weg durch die Höhlen findet.“

„Wer sollte das freiwillig tun?“

„Wir beide zum Beispiel.“ Hörg grinste seinen Freund an und ging weiter.

An der nächsten Weggabelung konnten Henni und Hörg wieder in die Stadt schauen. Diesmal sahen sie einen größeren Ausschnitt und waren noch erschrockener darüber, wie riesig die Ansammlung an Behausungen war, welche die Nager hier errichtet hatten. An den hohen Wänden waren sie in den Fels hineingehauen und am Boden vermutlich aus den Steinen errichtet worden, die dabei herausgeholt worden waren.

Henni und Hörg verzichteten darauf, näher an das Zentrum der Rattenplage zu gelangen, und wählten stattdessen einen anderen Gang aus, der leicht bergab führte. Wenn es Hilmer gelungen war, an den Nagern vorbeizukommen, musste er sich mittlerweile unter dieser Stadt befinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Lemminge ihren neuen Gefährten fanden, wurde aber immer geringer.

12. Dezember: Kapitel 18

18

 

„Du willst Hilmer doch nicht wirklich an Helmut und den dicken Hamster ausliefern, oder?“

„Nein, natürlich nicht“, beantwortete Henni Hörgs Frage. „Aber wir müssen zumindest so tun, als ob wir das vorhätten. Sonst wirft der König uns wieder in den Kerker und wir bekommen unser Labor nie zurück.“

„Das bekommen wir sowieso nicht.“

„Zumindest nicht so schnell“, stimmte Henni seinem Bruder zu. „Wenn wir beweisen können, dass der König die Lehren des Propheten falsch auslegt, wird er seinen Thron sehr schnell räumen müssen. Dann ist auch der Weg in unser Labor wieder frei.“

„Meinst du Hilmer findet die Schriften?“, fragte Hörg.

„Es wird nicht leicht für ihn werden. Mit Etna ist nicht zu spaßen.“

„Ganz sicher nicht“, bestätigte Hörg. „Freiwillig würde ich nicht zu ihr gehen.“

„Es kann passieren, dass wir hingehen müssen. Ohne die Schriften sind auch wir in vier Wochen tot. Wenn unser neuer Freund versagt, müssen wir ran.“

„Das stimmt leider.“

Die beiden Erfinder gingen vom Palast aus in Richtung Schicksalsberg. Dort wollten sie versuchen, einen Weg in das Höhlenlabyrinth zu finden. Hilmer war bestimmt schon dort. Vielleicht war er in Not und brauchte ihre Unterstützung. Henni und Hörg wussten, dass sie sich auf keinen Fall gegen Hilmer stellen durften. Wenn er sich nicht gegen Helmuts Schergen durchsetzen konnte, würde es kein Lemming mehr wagen, die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts infrage zu stellen. Dann könnte der König seine Machenschaften ungestört fortsetzen. Das durfte einfach nicht geschehen.

„Was machen wir eigentlich, wenn Helmut nicht gelogen hat?“, sprach Hörg die Befürchtung aus, die auch Henni am meisten Sorge bereitete.

„Dann verlassen wir mit Hilmer das Land.“

„Das meinst du nicht ernst.“

„Doch. Oder willst du etwa in vier Wochen vom Todesfelsen springen? Ich werde das sicher nicht tun.“

„Ich auch nicht.“ Hörg sah seinen Bruder grinsend an. Beide waren schon lange am zweifeln, ob sie den Weg ins gelobte Land wirklich gehen sollten. Seit sie Hilmer kennengelernt hatten, war die Entscheidung unwiderruflich gefallen.

„Mit unseren Kaubonbons werden wir uns überall ein gutes Einkommen sichern können“, sagte Henni. „Sicher funktionieren die auch bei Feldmäusen.“

Beide Lemminge brachen in schallendes Gelächter aus, wofür sie böse Blicke ihrer Artgenossen ernteten. Schließlich bereiteten diese sich auf ihren letzten Gang vor. Henni und Hörg waren nicht mehr weit vom Schicksalsberg entfernt, wo sich bereits einige Männchen und Weibchen versammelt hatten, um den Aufstieg zum Todesfelsen zu beginnen.

„An die Bonbons kommen wir aber nicht heran, wenn wir Hilmer nicht ausliefern“, gab Hörg zu bedenken.

„Dann müssen wir uns eben etwas einfallen lassen. Zu dritt können wir die Wachen sicher überlisten. Was auch immer geschieht, wenn wir uns einig bleiben, werden wir Helmut letztlich besiegen. Zumindest, wenn es um unser eigenes Leben geht.“

„Ich springe auf jeden Fall nicht auf die Klippen“, grinste Hörg und deutete auf seine Artgenossen. „Die spinnen doch hier alle.“

„Nicht so laut“, warnte Henni seinen Bruder. „Am Ende schleifen die uns noch einfach mit.“

„Unsinn. Wir sind doch erst vierzehn.“

„Ich denke nicht, dass sie danach fragen.“

„Du hast recht. Lass uns verschwinden.“

Henni und Hörg verließen den Weg zum Schicksalsberg. Sie schlugen einen Bogen, der sie an die Stelle unterhalb des Todesfelsens führte. Weil dort die Leichen lagen, wurde der Platz von den anderen Lemmingen gemieden. Ihre Artgenossen schauten zwar etwas irritiert, als die beiden links abbogen, sagten aber nichts.

Als Henni und Hörg die Klippen erreichten, wunderten sie sich, dass dort nicht ein einziger toter Lemming zu sehen war. Das heutige Springen hatte zwar noch nicht begonnen, aber sie waren davon ausgegangen, dass Kadaver vom Vortag liegen geblieben waren. Die Ratten leisteten bei der Entsorgung der Körper wohl ganze Arbeit. Bei dem Gedanken, dass die scharfzahnigen Nager ihre Artgenossen auffraßen, wurde den beiden Lemmingen schlecht. Helmut gehörte allein dafür erschlagen, dass er dies überhaupt billigte. Und der dicke Hamster am besten gleich mit.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Hörg und setzte sich in eine schattige Ecke.

„Woher soll ich das wissen?“, gab Henni gereizt zurück. „Ich dachte, wir könnten die Ratten bei der Arbeit beobachten und so den Eingang zu ihren Höhlen finden. Es konnte ja keiner ahnen, dass die schon alles aufgeräumt haben.“

„Dann müssen wir eben bis zum Abend warten. Da werden sie sicher wiederkommen.“

„Dann verlieren wir einen halben Tag. Das ist nicht gut.“ Henni setzte sich neben seinen Bruder und schaute zur Wand unter dem Todesfelsen. So sehr er sich auch anstrengte, eine Öffnung konnte er nicht entdecken. „Hilmer wird es im Berg nicht leicht haben. Er hat dort nur Feinde und ich befürchte, dass ihm seine bekloppten Vettern noch auf den Fersen sind. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, ihn noch bis zum Abend allein zu lassen.“

„Wir können aber nichts machen. Zumindest nicht hier. Außerdem habe ich keine Lust, mir den ganzen Tag anzuschauen, wie unsere Artgenossen in den Tod springen. Da sind sicher auch ein paar dabei, die wir kennen.“

„Du hast recht“, gab Henni zu. „Lass uns von hier verschwinden. Vielleicht finden wir ja einen anderen Eingang.“

„Oder wir besuchen Turgi und Targi.“

„Was willst du denn von denen?“

„Wenn sie hinter Hilmer her sind, können wir ihnen doch einfach folgen.“ Hörg sah seinen besten Freund grinsend an und schlug ihm auf die Schulter. In diesem Moment sprang der erste Lemming vom Todesfelsen.

„Nichts wie weg hier“, rief Henni und setzte sich in Bewegung.

Die beiden Brüder waren gerade losgelaufen, als sie ein knarrendes Geräusch hörten. Sie drehten sich gleichzeitig um und schauten zur Felswand. Dort war nun eine Öffnung, die gerade so groß war, dass zwei Ratten nebeneinander stehen und nach draußen schauen konnten.

„Wie es aussieht, müssen wir doch nicht bis zum Abend warten“, sagte Hörg grinsend.

„Nein. Nur so lange, bis die beiden Nager wieder verschwunden sind.“

„Das kann nicht allzu lange dauern“, vermutete Hörg. „Sie werden wohl kaum zwischen den Felsen herumlaufen, während die anderen noch springen.“

Tatsächlich verschwanden die beiden Ratten kurze Zeit später wieder. Die Öffnung in die Höhle verschlossen sie nicht. Offensichtlich rechneten sie nicht damit, dass sich einer der Selbstmörder zu dieser Stelle verirren würde.

Begleitet von den Freudenschreien der in den Abgrund springenden Lemminge machten sich die Freunde auf den Weg und kletterten die Felswand hinauf. Dabei konnten sie nur hoffen, dass sie nicht sofort von den widerlichen Nagern in Empfang genommen und als Hauptgang zum Essen eingeladen wurden.

 

11. Dezember: Kapitel 16 und 17

16

 

Mit jedem Schwimmzug wurde die Panik in Hilmer größer. Wenn sich der Tunnel nicht gleich erweiterte, würde er in diesem Seitengang des Brunnens ertrinken. Die Strömung war kaum wahrnehmbar. Dennoch füllte das Wasser die Höhle komplett aus. Hilmer brauchte Luft. Jetzt!

Der Lemming merkte, wie ihn die Kräfte endgültig verließen, es wurde ihm bereits zeitweise schwarz vor Augen. Was seinen verhassten Vettern nicht gelungen war, erledigte jetzt der Brunnen. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass es vor ihm etwas heller wurde. Nach einem weiteren, verzweifelten Schwimmzug verschwand der Fels über seinem Kopf. Hilmer stieß sich nach oben ab, durchbrach mit dem Kopf die Wasseroberfläche und atmete gierig ein. Die Luft roch leicht muffig, aber das war ihm in diesem Moment egal. Er lebte noch. Für alles andere würde er auch eine Lösung finden.

Hilmer kletterte an der Seite aus dem Wasserlauf und sah sich in der Höhle um. Auf beiden Seiten des Brunnenzulaufs war felsiger Untergrund, auf dem er weitergehen konnte. Die Decke befand sich etwa einen Meter über ihm. Wenn er den Gang entlangschaute konnte er im Halbdunkel sehen, dass er langsam höher wurde. Woher das Licht kam, war nicht zu erkennen. Da ihm der Rückweg versperrt war, gab es nur eine Richtung, in die Hilmer gehen konnte. Er wusste, dass er sich hier nicht lange ausruhen durfte. Turgi und Targi würden sich sicher von seinem Tod überzeugen wollen und in den Brunnenschacht hineinklettern. Es war nicht auszuschließen, dass sie auch dem Gang folgten, wenn sie seine Leiche nicht fanden.

Beim Gedanken an Turgi und Targi durchlief ein Zittern Hilmers Körper. Sie hatten in den letzten Stunden bewiesen, wie bösartig sie waren. Anstatt ihren Vetter zu unterstützen, hatten sie sich von der ersten Sekunde an gegen ihn gestellt. Seit Torgis Tod waren sie aber regelrecht ausgetickt. Es war erschreckend, was die beiden Brüder inzwischen alles unternommen hatten, um ihn umzubringen. Und dennoch hatten sie es nicht geschafft.

Hilmer ging den felsigen Gang entlang und war gespannt, was er entdecken würde, wenn er dem Bachlauf weiter folgte. Mit etwas Glück konnte er sogar einen Weg in das Höhlensystem unter dem Schicksalsberg finden. Allerdings war er sich immer noch nicht sicher, ob er dort überhaupt hin wollte.

Der Weg zu Etna würde sehr gefährlich werden. Schon die Kinder wurden vor der hässlichen, bösen Kröte gewarnt, die tief im Untergrund lebte und jeden tötete, der es wagte ihre Ruhe zu stören. Dabei war es noch nicht einmal sicher, ob es Hilmer gelingen würde, das Reich der Ratten zu passieren. Die grässlichen Nager würden sich bestimmt keine Umstände mit Hilmer machen und ihn töten, falls sie ihn erwischten. Der Lemming verstand nicht, warum Helmut die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts ausgerechnet dort versteckt hielt. Schließlich musste er auch durch das Reich der Ratten, wenn er Etna aufsuchen wollte. Das alles machte wenig Sinn. Hatte der König seinen Berater am Ende vielleicht doch angelogen, um Ruhe vor dem Hamster zu bekommen? Das wäre Hilmers sicherer Tod. Da der aber ohnehin eine beschlossene Sache war, brauchte sich der Lemming eigentlich keine Gedanken zu machen. Jede weitere Stunde, die er überlebte, konnte er als persönlichen Sieg gegen seine beiden hirnlosen Vettern verbuchen.

Hilmer fragte sich, wie weit ihm Turgi und Targi folgen würden. Trauten sie sich wirklich in die Welt der Ratten hinein? War ihr Hass auf ihn größer als die Furcht vor den gefährlichen Nagern? Sicher wäre es einfacher Helmut zu berichten, dass der Flüchtling im Brunnenschacht verbrannt war. Doch würde der das Turgi und Targi glauben, wenn sie ihm seine Leiche nicht präsentieren konnten? Eher nicht. Je länger Hilmer darüber nachdachte, umso klarer wurde ihm, dass ihm seine Vettern folgen mussten. Er war jedoch fest entschlossen, sich nicht noch einmal von den beiden erwischen zu lassen.

Wie erwartet wurde der Gang nicht nur höher, sondern auch breiter. Noch konnte er die Stelle erahnen, durch die er in die Höhle gekommen war, wenn Hilmer aber noch ein paar Minuten weiterging, würde der Eingang im Dunkeln verschwinden. Er konnte dann nicht mehr sehen, wann Turgi und Targi den Gang betraten. Genau das gefiel dem Flüchtigen nicht. Die Gefahren, die ihn unter dem Schicksalsberg erwarteten, waren auch groß genug, wenn er keine weitere Bedrohung in seinem Rücken hatte. Verschließen konnte er den Weg in den Brunnen aber auch nicht.

Während er weiter am Lauf des Baches vorbeiging, hatte Hilmer plötzlich die rettende Idee. Er musste sich von seinen Vettern überholen lassen, dann wären alle Gefahrenherde vor ihm. Jetzt musste er nur noch ein Versteck finden, in dem er abwarten konnte, bis ihn seine Verfolger passierten. Außerdem würden ihm nach den vergangenen Strapazen ein paar Stunden Ruhe gut tun. Da Turgi und Targi sicher nicht die einzigen Feinde waren, die er in dieser Höhle hatte, konnte er sich schlecht irgendwo hinlegen. Zunächst blieb ihm also nichts anderes übrig, als dem Gang zu folgen.

Auf seinem weiteren Weg suchte Hilmer die Höhlenwände nach einer Öffnung ab, die groß genug war, dass er sich darin verbergen konnte. In dem glatten Fels konnte er nicht einmal die kleinste Spalte entdecken. Wenn er nicht bald ein geeignetes Versteck fand, würde er die Suche beenden müssen, da er so viel langsamer vorankam und Turgi und Targi schneller aufholten.

Der Gang wurde immer höher und hatte mittlerweile mindestens das Vierfache von Hilmers Größe erreicht. Plötzlich sah er über sich eine Art Vorsprung. Leider war es immer noch nicht so hell, dass er sich die Stelle von unten genauer anschauen konnte. Die Plattform erschien ihm aber groß genug, dass er sich darauf verstecken konnte. Hilmer sprang hoch und schaffte es, sich am Vorsprung mit beiden Vorderpfoten festzukrallen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, die Arme würden ihm aus der Schulter gerissen, dann gelang es ihm aber, sich langsam nach oben zu ziehen. Als er die Arme gebeugt hatte, schien ihn der Schmerz fast zu zerreißen. Dafür konnte er einen Blick auf den Fels werfen. Direkt vor sich sah der Lemming einen schmalen Spalt, der groß genug war, dass er sich an seiner Kante festhalten konnte.

Hilmer unterdrückte die Angst abzustürzen und griff mit der linken Pfote nach dieser Stelle. Er mobilisierte seine letzten Kräfte und schaffte es, seinen Körper auf die Plattform zu ziehen. Völlig ausgepumpt legte er sich auf den Rücken und atmete tief durch. In der Höhle war es absolut still. Nicht einmal das Rauschen des Baches war zu hören.

Dass er großes Glück hatte, bisher noch auf kein anderes Lebewesen gestoßen zu sein, war Hilmer durchaus bewusst. Als er aus dem Brunnen herausgekommen war, hatte er sich darüber noch keine großen Gedanken gemacht. Wenn er das Höhlensystem aber lebend wieder verlassen wollte, würde er ab jetzt vorsichtiger sein müssen. Er rückte so dicht wie möglich an die Felswand und war sich sicher, dass er von unten nicht gesehen werden konnte. Er hoffte, dass Turgi und Targi nicht auf die Idee kommen würden, die Plattform zu kontrollieren.

Mit jeder Sekunde, die Hilmer ruhig auf dem Felsen lag, wuchs seine Müdigkeit. Seine Gelenke schmerzten und es wurde ihm schwindelig, wenn er die Augen schloss. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis der Lemming in einen dämmrigen Zustand fiel. In diesem Augenblick waren im Turgi, Targi und die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts egal und er schlief ein.

 

17

 

Als Hilmer von zwei ihm wohlbekannten Stimmen aus dem Schlaf gerissen wurde, wusste er nicht, wie viel Zeit vergangen war. An den Lichtverhältnissen in der Höhle hatte sich nichts geändert. Der Flüchtling blieb stocksteif auf dem Felsvorsprung liegen. Seine Vettern mussten sich direkt unter ihm befinden, schienen aber nichts von seiner Anwesenheit bemerkt zu haben.

„Glaubst du wirklich, dass der Spinner so weit in die Höhle vorgedrungen ist?“, fragte Targi skeptisch.

„Nein, dazu ist er zu feige.“

Ich komme gleich runter und zeige dir, wer feige ist, dachte Hilmer, hütete sich aber davor, auch nur den kleinsten Laut über seine Lippen kommen zu lassen.

„Irgendwo muss er ja stecken“, sagte Targi. „Ich bin mir sicher, dass der Mistkerl noch lebt.“

„Ich auch. Wir hätten seine Leiche sonst gefunden. Oder zumindest Reste davon, wenn ihn das Feuer erwischt hätte. Unglaublich, dass er den Flammen entkommen ist.“

„Er muss den Durchgang in die Höhle schon vorher gefunden haben.“

„Vermutlich“, gab Turgi seinem Bruder recht.

„Und wenn wir Helmut einfach sagen, Hilmer sei verbrannt?“

„Das wird er nicht glauben. Der König wird die verkohlten Reste sehen wollen.“

„Wir könnten Torgis Körper verbrennen.“

„Bist du wahnsinnig?“, fuhr Turgi seinen Bruder an.

Auch Hilmer stockte der Atem. Er hätte nie für möglich gehalten, dass Targi so weit gehen würde, auch wenn es ihm selbst natürlich nur recht gewesen wäre, wenn Turgi auf den Vorschlag seines Bruders eingegangen wäre.

„Ich meine ja nur“, gab Targi beleidigt zurück. „Wie tief willst du denn noch in den Berg rennen, um den Ungläubigen zu finden?“

„So weit, bis wir ihn gefunden haben“, zischte Turgi.

Wieder erschrak Hilmer über den Hass, den seine Vettern für ihn empfanden. Kaum zu glauben, dass sie vor drei Tagen noch gemeinsam auf ihren Tod angestoßen hatten.

„Was meinst du, wo wir hier sind?“, fragte Targi nach einer Weile. Der Klang seiner Stimme zeigte Hilmer, dass er mit der Situation alles andere als zufrieden war, und schnell wieder aus der Höhle heraus wollte.

„Vermutlich befinden wir uns in den Ausläufern des Höhlenlabyrinthes unter dem Schicksalsberg.“

„Du meinst bei den Ratten?“, fragte Targi entsetzt.
„Ich habe noch keine gesehen.“

„Aber die sind hier irgendwo.“

„Stell dich nicht so an“, wies Turgi seinen Bruder zurecht. „Oder hast du etwa auf einmal Angst vor dem Tod?“

„Ja, das habe ich“, gab Targi zurück. „Ich will vom Todesfelsen springen und nicht von einer Ratte gefressen werden.“

„Das wird dir sowieso passieren. Was glaubst du wohl, wer die Leichen auf den Klippen einsammelt?“

„Das ist nicht das Gleiche.“

„Im Ergebnis schon. Es ist wichtig, dass unsere Seelen ins gelobte Land einziehen. Wie wir sterben ist zweitrangig.“

„Bist du dir da sicher?“

„Ich hoffe es“, sagte Turgi mit leiser Stimme. „Vor allem für Torgi.“

„Also gehen wir weiter?“, wollte Targi wissen.

„Es wird uns nichts anderes übrig bleiben.“

Hilmer konnte hören, wie seine Jäger unter ihm aufstanden und sich den Staub aus dem Fell klopften, bevor sie sich wieder auf den Weg machten. Er wagte es nicht, einen Blick über den Rand des Felsvorsprunges zu werfen, und zwang sich zur Ruhe. Er wollte einen Moment abwarten, bevor er sein Versteck verließ. Noch konnte er das Gespräch zwischen den beiden Brüdern belauschen, auch wenn ihre Stimmen langsam undeutlicher wurden.

„Wir hätten unsere Bogen mitnehmen sollen“, sagte Targi.

„Gegen die Ratten hätten uns die auch nicht geholfen“, entgegnete Turgi.

„Aber gegen Hilmer.“

„Mit dem werden wir schon fertig. Wir schlagen einfach so lange auf ihn ein, bis er sich nicht mehr bewegt.“

„Aber das haben wir doch schon einmal getan.“

„Das spielt doch keine Rolle“, sagte Turgi ärgerlich. „Wichtig ist nur, dass wir ihn zu Helmut bringen. Ob tot oder lebendig ist egal.“

Was Targi seinem Bruder antwortete, konnte Hilmer nicht mehr verstehen, weil sein Vetter sehr leise sprach. Danach schwiegen die beiden und waren schließlich gar nicht mehr zu hören. Der Flüchtling atmete tief durch. Sein Körper war schweißnass und begann jetzt, wo die größte Gefahr vorbei war, zu zittern. Hilmer wollte gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn Turgi und Targi ihn auf dem Felsvorsprung entdeckt hätten. Er wartete noch einige Minuten und machte sich dann an die Verfolgung seiner Vettern. Er fand es sehr beruhigend, dass er die beiden jetzt zwischen sich und den Ratten hatte.

Auf dem weiteren Weg durch die Höhle stellte Hilmer fest, dass es langsam wärmer wurde. Zunächst konnte er sich den Grund dafür nicht erklären. Er hatte immer angenommen, dass es in den Höhlen unter dem Schicksalsberg deutlich kälter war als im Freien. Dann sah er den flackernden Lichtschein vor sich. Dort musste ein großes Feuer brennen, das nicht nur für die Helligkeit verantwortlich war, sondern auch die Temperaturen hoch hielt.

Nach ein paar Minuten wurde der Gang etwas schmaler und mündete dann in eine riesige Halle. Hilmer befand sich auf einer Art Empore, von der aus er in die Tiefe schauen konnte. Was er sah, ließ ihn erschaudern. Egal wohin er blickte, es wimmelte nur so von Ratten.

Die Stadt, die sich unter Hilmer erstreckte, hatte die Form eines Trichters. An den Seiten befanden sich die Eingänge zu den Behausungen der Bewohner, die vollständig im Fels verschwanden. Wie groß diese Bauten waren, konnte der Lemming von seinem Standort aus nicht erkennen. Ganz unten war ein freier Platz, in dessen Mitte das Feuer loderte. Hilmer sah nicht, was die Ratten dort verbrannten, aber der Gestank war furchtbar und es kostete ihn Mühe, den Brechreiz zu unterdrücken, als ihm eine Rauchwolke ins Gesicht schlug.

Plötzlich erinnerte sich der Flüchtling daran, dass die größte Gefahr nach wie vor von seinen Vettern ausging. Von Turgi und Targi war allerdings nichts zu sehen. Hilmer überlegte, in welche Richtung er jetzt gehen sollte. Er stand immer noch direkt am Ausgang der Höhle. Es führte ein Rundweg um den Trichter herum, von dem aus weitere Gänge abzweigten. Außerdem gab es eine breite Treppe, die einen hinunter in die Stadt brachte.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch folgte der Lemming dem Weg auf der rechten Seite. Seine Sorge erwies sich zunächst aber als unbegründet. Er erreichte die erste Abzweigung, die in den Berg hineinführte, ging aber weiter. Wenn Turgi und Targi in eine der Höhlen verschwunden waren, würde er sie nie finden. Genau genommen, wollte er das auch gar nicht. Plötzlich spürte Hilmer eine Pfote auf seiner Schulter und erstarrte.

10. Dezember: Kapitel 14 und 15

14

Wo es einen Einstieg in das Höhlensystem gab, wusste Hilmer nicht. Da sich ein Teil der Gänge aber im Schicksalsberg befand, hoffte er, dort auch irgendwo eine Öffnung zu entdecken, durch die er hineingelangen konnte. Er beschloss, zunächst unter dem Todesfelsen zu suchen. Es gab Gerüchte, dass die Ratten die Leichen der Lemminge einsammelten, die von der Klippe gesprungen waren. Sicher führte ein direkter Weg aus dem Reich der Nager dorthin.

„Da läuft der Kerl ja“, hörte Hilmer plötzlich Turgis Schrei und drehte sich erschrocken um. Seine beiden Vettern waren etwa einhundert Meter von ihm entfernt in die Straße eingebogen und nahmen sofort die Verfolgung auf.

„Haltet ihn auf“, rief Targi, doch keiner der Lemminge, die auf der Straße unterwegs waren, hörten auf ihn.

Hilmer drehte sich von den beiden weg und lief los. Die Schreie seiner Widersacher spornten ihn an. Er wusste, dass er sich auf gar keinen Fall noch einmal von den beiden erwischen lassen durfte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie ein Pfeil neben ihm gegen eine Wand schlug. Seine Vettern hatten sich tatsächlich bewaffnet und schossen nun auf ihn. Dabei hatte Hilmer noch Glück, dass Turgi und Targi den Umgang mit dem Bogen nicht gewohnt waren. Dennoch würden sie ihn früher oder später erwischen. Da er selbst noch unter den Nachwirkungen der letzten Nacht litt, war er eindeutig langsamer als seine Verfolger. Es würde nicht lange dauern, bis sie ihn eingeholt hätten.

Wieder schlug ein Pfeil dicht neben Hilmer gegen die Wand. Obwohl er das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenbrechen zu müssen, beschleunigte er seine Schritte noch. Er bog um eine Ecke und sah vor sich eine weitere, lange Straße. Die führte zwar direkt zum Schicksalsberg, bis dahin würde er es aber nicht mehr schaffen.

„Bleib stehen du elendiger Verräter“, schrie Turgi, der nicht mehr weit von dem Flüchtigen entfernt war.

Hilmer sah sich im Laufen um und bemerkte, wie Targi einen weiteren Pfeil auf ihn abfeuerte. Er schaffte es, im letzten Moment dem Geschoss auszuweichen, und es flog dicht an seinem Kopf vorbei. Seine Verfolger hatten die Distanz zu ihm inzwischen mehr als halbiert.

Turgi und Targi jagten ihren Vetter direkt auf einen Brunnen zu, der sich auf einem kleinen Platz befand, an dem sich zwei Straßen kreuzten. An einem Holzbalken hing ein Seil hinunter, an dem vermutlich ein Eimer befestigt war. Die Kurbel lag in einer Halterung, die stabil genug aussah, auch das Gewicht eines Lemmings zu halten. Hilmer setzte alles auf eine Karte. Ohne vorher stehen zu bleiben, sprang er über den Rand des Brunnens und griff mit beiden Pfoten nach dem Seil. Dann hielt er kurz den Atem an. Die Kurbel knarrte verdächtig, brach aber nicht.

„Du wirst uns nicht entkommen“, schrie Turgi und schoss einen weiteren Pfeil auf den Flüchtigen ab. Auch Targi spannte seinen Bogen.

Wieder hatte Hilmer großes Glück, dass er nicht getroffen wurde. Bevor ihn seine Vettern erreichen konnten, kletterte er an dem Seil nach unten. Nach etwa fünf Metern erreichte er den Eimer. Der Lemming warf einen verzweifelten Blick nach oben und sah dort die Gesichter von Turgi und Targi auftauchen. Beide waren gerade dabei, ihren Bogen zu spannen. Hilmer wusste nicht mehr, was er anderes tun konnte, und ließ das Seil los. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass Wasser in dem Brunnen war. Ansonsten würde er sich den Hals brechen.

Der Lemming war trotz seines Pechs mit den immer wieder auftretenden Verfolgern ein echter Glückspilz. Kurz nach dem Aufschlag brach eine Wasserwelle über ihm zusammen und er tauchte tief in die eiskalte Brühe ein. Als er mit den Füßen den Grund des Brunnens berührte, stieß er sich ab, um wieder an die Oberfläche zu gelangen. Hilmer sah die Gesichter seiner Vettern.

„Jetzt sitzt du in der Falle“, schrie Turgi nach unten.

„Dieses Mal befreit dich keiner“, prophezeite Targi.

„Kommt doch herunter und holt mich, wenn ihr euch so sicher seid“, gab Hilmer wütend zurück. Gestern um diese Zeit war er mit seinen Vettern zum Schicksalsberg aufgebrochen. Da hätte er es noch nicht für möglich gehalten, dass er sie einmal aus tiefstem Herzen hassen würde.

Nach einer Weile schienen auch Turgi und Targi zu bemerken, dass sie so nicht weiterkamen. Sie sprachen leise miteinander und wussten offenbar nicht, was sie jetzt tun konnten, um Hilmer in die Finger zu bekommen. Der nutzte die Zeit, um sich den Brunnenschacht genauer zu betrachten. Die Wände waren nicht völlig glatt, zeigten aber auch keine Risse oder Spalten, in denen er Halt finden konnte. Es war nicht möglich, ohne ein Seil nach oben zu klettern. Blieb der Weg nach unten. Irgendwie musste ja auch das Wasser hierhergelangen.

Plötzlich verschwand Turgi für einen Moment aus seinem Blickfeld, während Targi weiterhin in die Tiefe schaute. Hilmer ahnte, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte, und behielt mit dieser Befürchtung recht. Als sein Vetter wieder erschien, hielt er zwei faustgroße Steine in den Pfoten. Er zielte und warf die beiden Brocken nach unten.

Hilmer holte tief Luft und tauchte im letzten Augenblick blitzschnell nach unten, bevor die Steine in ernstlich verletzen konnten. Trotzdem wurde er an der Schulter getroffen. Zunächst spürte er einen stechenden Schmerz, der aber schnell wieder verging. Hilmer suchte nach einem Ausgang und konnte am Grund des Brunnens tatsächlich so etwas wie einen Gang erkennen, der zur Seite wegführte. Seine Lungen drohten zu platzen. Dem Lemming blieb nichts anderes übrig, als aufzutauchen und sich darauf zu verlassen, dass Targi nicht ausgerechnet in diesem Moment den nächsten Stein nach unten warf, in dem er mit dem Kopf aus dem Wasser stieß.

Hilmer traute sich nicht, in den Gang hineinzutauchen, weil er nicht wusste, wann und wo er dort wieder herauskommen und Luft würde holen können. Als er auftauchte, konnte er weder Turgi noch Targi am Brunnenrand entdecken. Hatten die beiden etwa aufgegeben und waren verschwunden? Nein! Hilmer konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass seine Vettern es ihm so einfach machen würden. Sicherlich führten sie wieder irgendeine Schweinerei im Schilde.

Zunächst geschah allerdings nichts. Hilmer wusste, dass er nicht ewig auf der Stelle schwimmen konnte. Irgendwann musste er versuchen aus dem Wasser herauszukommen. Er war kurz davor, doch einen Versuch zu starten, an den Brunnenwänden nach oben zu klettern, als er über sich die Stimmen seiner Vettern hörten. Was sie sprachen, verstand er nicht.

Plötzlich tauchte Targi in Hilmers Blickfeld auf und stellte einen Kanister auf dem Rand des Brunnens ab. Kurze Zeit später gesellte sich Turgi an die Seite seines Bruders. Der schraubte den Deckel des Behälters auf und kippte ihn leicht nach vorne. Eine dunkle Flüssigkeit strömte hervor und ergoss sich nach unten genau auf Hilmer zu. Der ahnte mittlerweile, was die beiden Verrückten in dem Kanister hatten.

Jetzt blieb ihm nur noch ein Ausweg.

Keine Sekunde zu spät tauchte Hilmer ab. Er schwamm auf den Seitengang am Grunde des Brunnens zu und betete innerlich, dass der ihn schnell in eine Höhle bringen würde, in der er atmen konnte. Gerade bevor er im Gang verschwand, sah er, wie über sich im Schacht ein flammendes Inferno losbrach. Hilmer machte ein paar kräftige Schwimmzüge und spürte dabei, dass das Wasser schlagartig wärmer geworden war.

 

15

 

„Ich glaube euch beiden kein Wort.“

„Aber, Helmut“, entgegnete Henni gespielt entrüstet. „Haben wir dich jemals angelogen?“

„Ja, das habt ihr“, antwortete Dieter anstelle des Königs und schaute die beiden Erfinder aus böse funkelnden Augen an.

Henni und Hörg wussten, dass der Hamster sie lieber heute als morgen über den Schicksalsberg gejagt hätte. Zu Helmut hatten die beiden aber nach wie vor einen sehr guten Draht. Ein paar ihrer Erfindungen wusste der König durchaus zu schätzen. Besonders die Kühlschrank-Grill-Kombination in seinem Schlafzimmer, die ihm rund um die Uhr eine schnelle Mahlzeit ermöglichte, wollte er ganz sicher nicht mehr missen. Er würde ihnen früher oder später auch die Idee mit den Kaubonbons verzeihen, die sie selbst nach wie vor als ihren absoluten Geniestreich ansahen. Deshalb interessierten sie sich nicht so sehr für das, was sein Berater von sich gab, und ließen ihn links liegen. Irgendwann würde der König ihn sowieso zum Teufel jagend.

Als einer der Wächter am Morgen in den Kerker gekommen war, hatte er dort nur zwei und nicht, wie erwartet, drei Gefangene vorgefunden. Helmuts treuer Diener war natürlich schleunigst zum König geeilt und erstattete ihm Bericht. Der war aus allen Wolken gefallen und hatte Henni und Hörg sofort in den Audienzsaal bringen lassen, um sie dort zu verhören. Die beiden beteuerten, nichts von Hilmers Verschwinden gemerkt zu haben, was Helmut ihnen aber, wie erwartet, nicht glaubte.

„Der Kerl war bewusstlos, als ihr ihn zu uns in den Kerker gebracht habt“, erklärte Hörg. „Er muss aufgewacht und verschwunden sein, nachdem Henni und ich eingeschlafen waren.“

„Du behauptest also, dass ihr nicht mit Hilmer gesprochen habt?“, fragte Helmut und runzelte die Stirn.

„Genau. Wir würden uns doch nie mit einem Verbrecher einlassen“, sagte Henni. „Wir sind gesetztestreue Bürger.“

„Deshalb wart ihr ja auch im Kerker“, stichelte Dieter.

„Bei uns ist das mehr so eine Art angeordnete, schöpferische Pause“, erwiderte Henni und grinste den Hamster an.

„Was hat er denn überhaupt angestellt?“, wollte Hörg wissen, um von seinen eigenen Taten abzulenken.

„Er wollte nicht vom Todesfelsen springen“, antwortete der König. „Seine Vettern Turgi, Targi und Torgi haben ihn zu mir gebracht.“

„Das wissen die beiden doch“, schnaufte Dieter verächtlich. „Die lügen hier das Blaue vom Himmel herunter und du glaubst ihnen auch noch.“

„Wir kennen Hilmer und seine Vettern von früher“, erklärte Henni grinsend. „Deshalb wussten wir, wer zu uns in den die Zelle gebracht wurde. Das macht uns aber noch lange nicht zu seinen Komplizen.“

„Wie er aus dem Kerker entkommen ist, wissen wir wirklich nicht“, fügte Hörg hinzu. „Vielleicht haben ihn seine Vettern ja befreit.“

„Unsinn“, entgegnete der König. „Die drei wollen den Kerl am liebsten selbst tot sehen und werden ihn jetzt sicherlich jagen.“

„Diese hirnlosen Idioten können noch nicht einmal eine Feldmaus fangen“, sagte Dieter verächtlich.

„Oder einen in die Jahre gekommenen, übergewichtigen Hamster“, fügte Hörg hinzu und fing sich dafür einen Hieb von Henni ein. Der königliche Berater schaute die Brüder böse an, schwieg aber.

„Aus diesem Grund werdet ihr diesen Spinner einfangen“, beschloss Helmut.

„Wieso denn wir?“, fragte Henni entrüstet. „Wir haben doch gar nichts mit der Sache zu tun.“

„Ihr habt Hilmer entkommen lassen, ihr bringt ihn auch wieder zurück. So einfach ist das.“

Hörg wollte dem König widersprechen, sah aber in dessen Blick, dass dies keinen Sinn haben würde. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

„Willst du dich wirklich auf die beiden Nichtsnutze verlassen?“, gab Dieter zu bedenken. „Wenn du sie laufen lässt, machen die irgendeinen Unsinn. Aber nicht das, was sie sollen.“

„Die beiden werden sich genau an meine Anweisungen halten.“

„Was macht dich da so sicher?“

„Unsere Erfinder wollen bestimmt ihr Labor zurückhaben. Das bekommen sie nur im Tausch gegen Hilmer. Du siehst also, sie haben allen Grund, mich zufriedenzustellen.“

Henni und Hörg starrten den König entsetzt an. Natürlich hatten sie niemals vor, sich gegen Hilmer zu stellen. Wenn das aber die einzige Möglichkeit war, das Labor zurückzubekommen, mussten sie sich etwas einfallen lassen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Helmut eine richtig clevere Entscheidung getroffen. Natürlich, ohne das zu wissen.

„Das ist nicht fair“, unternahm Hörg einen letzten Versuch, Helmut umzustimmen.

„Mag sein“, antwortete der König. „Dennoch werden wir es genau so machen, wie ich es gerade gesagt habe. Ich lasse zwei Wächter vor eurem Labor postieren, die verhindern werden, dass ihr dort eindringt.“

„Schick die doch lieber los und lass sie Hilmer suchen“, sagte Henni zähneknirschend.

„Nein, mein Lieber. Ihr beide werdet euch sehr viel mehr Mühe geben, den Verräter zu fassen. Ich weiß, wie wichtig euch eure Arbeit ist. Und jetzt raus hier!“

09. Dezember: Kapitel 13

13

 

Hilmer konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, bis die ersten Sonnenstrahlen durch den Lichtschacht in den Keller fielen. Mittlerweile stand der Gefesselte nur noch auf den Zehenspitzen. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis er den Halt verlor und sich selbst strangulierte. Damit hätten Turgi und Targi gewonnen und ihren Bruder gerächt.

Plötzlich wurde es schlagartig hell im Keller. Hilmer hörte unter sich einen ohrenbetäubenden Lärm und dann zwei bekannte Stimmen.

„So eine Schweinerei“, schimpfte Henni, als er den Raum betrat und nach oben schaute.

„Wer denkt sich denn so eine Folter aus?“, fragte Hörg hörbar entsetzt.

Hilmer konnte die beiden Brüder nicht sehen, war aber unendlich erleichtert, dass sie ihn gefunden hatten. Was die Erfinder vorhatten, konnte er leider nicht erkennen. Er konnte nur hoffen, dass ihnen eine Möglichkeit einfiel, ihn aus dieser Situation zu befreien – und zwar schnell. Aus den Augenwinkeln sah Hilmer etwas Glänzendes vorbeifliegen, dann wurde das Seil über ihm gekappt. Der Lemming verlor den Halt unter den Füßen und landete auf dem Hintern. Dann begann eine rasante Fahrt nach unten.

Der Eisblock hatte inzwischen die Form eines Kegels angenommen und es gab nichts, das Hilmers Rutschfahrt hätte abbremsen können. Da seine Pfoten weiterhin auf den Rücken gebunden und seine Füße annähernd taub waren, wurde er zum wehrlosen Spielball. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Einschlag. Der ließ nicht lange auf sich warten. Hilmer hörte noch die entsetzten Schreie von Henni und Hörg, dann donnerte er in einen Stapel Kisten, die zu seinem Glück leer waren. Holz splitterte und flog in kleinen Teilen um ihn herum.

Für einen Moment dachte Hilmer, dass es seine Vettern letztlich doch noch geschafft hatten. Dann schlug er die Augen auf und sah in die besorgten Gesichter von Henni und Hörg. „Hättet ihr mich nicht etwas behutsamer vom Eisblock holen können?“

„Nun hör sich einer diesen Kerl an“, spielte Henni den Entrüsteten. „Lässt sich in letzter Sekunde vor dem sicheren Tod retten und beschwert sich dann auch noch.“

„Wir Lemminge sind schon eine undankbare Gattung“, lachte Hörg.

„Ich danke euch! Lange hätte ich es nicht mehr auf dem Eisklotz ausgehalten. Ihr seid keine Sekunde zu früh gekommen.“ Hilmer spürte, wie sich seine Muskeln langsam entspannten. Damit kamen aber auch die Schmerzen. Es gab keine Stelle an seinem Körper, die ihm nicht weh tat. Trotzdem freute er sich natürlich, dass er dem Tod im letzten Moment von der Schippe gesprungen war. Turgi und Targi würden ausrasten.

„Die Kerle, die dir das angetan haben, müssen dich sehr hassen“, stellte Henni fest. „Das ist mit Abstand der grausamste Mordversuch, den ich jemals gesehen habe.“

„Wie viele hast du denn vorher gesehen?“, fragte Hörg grinsend.

„Keinen.“

„Das habe ich mir gedacht.“ Hörg nahm ein Messer und schnitt die Fesseln an Hilmers Pfoten durch. „Kannst du aufstehen?“

„Ich werde es versuchen.“ Der Lemming stützte sich mit den Fäusten auf dem Boden ab und kam langsam auf die Beine. „Die Schmerzen bringen mich um“, jammerte er, als er aufrecht zwischen seinen Befreiern stand.

„Sie zeigen dir, dass du noch lebst“, sagte Henni. „Wir müssen verschwinden.“

„Wie habt ihr mich überhaupt gefunden?“

„Als du nicht zu unserem Treffpunkt gekommen bist, dachten wir schon, dass etwas schiefgegangen ist“, erklärte Hörg. „Es war nicht schwer herauszufinden, wo deine schrägen Vettern wohnen. Zwei von ihnen kamen aus dem Haus, als wir hier ankamen und redeten davon, dass du diesmal keine Chance mehr haben würdest.“

„Der Dritte ist tot.“

„Wie das?“, fragte Henni.

„Er ist an seinem eigenen Rattengift zugrunde gegangen.“

„Das musst du uns näher erklären.“

„Dazu haben wir jetzt keine Zeit“, widersprach Hörg seinem Bruder. „Du kannst uns die Einzelheiten später erzählen. Lasst uns jetzt von hier verschwinden.“

Henni und Hörg mussten Hilmer stützen, als die drei Lemminge aus dem Keller hinaufstiegen. Sie verließen das Gebäude und gingen die Straße hinunter, bis sie einen schmalen Pfad erreichten, in dem man sie nicht so schnell entdecken konnte. Die drei setzten sich auf den Boden und atmeten durch. Zunächst schilderte Hilmer, wie er in die Fänge seiner Vettern geraten war. Dann waren die beiden Erfinder mit dem Erzählen dran.

„Ich soll zu Etna gehen?“, fragte Hilmer entsetzt, nachdem Hörg ihm berichtet hatte, wo Helmut Wonibalts heilige Schriften versteckt hielt.

„Wir sehen keine andere Möglichkeit“, sagte Henni.

„Daraus wird nichts. Niemand kann zu der alten Kröte gehen.“

„Du musst es“, erwiderte Hörg bestimmt. „Vielleicht ist sie ja gar nicht so schlimm, wie alle behaupten.“

„Die Lemminge erzählen sich, dass bisher niemand lebend von Etna zurückgekehrt ist.“ Hilmer schüttelte den Kopf. Was die beiden Erfinder hier von ihm verlangten, war einfach nicht möglich.

„Vielleicht hat es noch niemand versucht“, bemühte sich Henni, Hilmer zu beruhigen. „Es kann ja keiner wissen, dass sich die heiligen Schriften bei der Kröte befinden. Wer sollte also einen Grund haben, den gefährlichen Weg auf sich zu nehmen. Immerhin muss man durch das Reich der Ratten, wenn man so tief in die Höhlen des Schicksalsberges vordringen will.“

„Eben. Was, wenn ich nicht einmal das schaffe?“

„Was willst du denn sonst machen?“, wollte Hörg wissen. „Wenn du in der Stadt bleibst, wirst du nicht mehr lange überleben. Die Frage ist nur, ob dich die Wachen oder deine Vettern zur Strecke bringen.“

„Ich könnte die Gegend verlassen und einen Ort suchen, wo es keine Lemminge gibt.“

„Du wirst niemals sicher sein“, widersprach Hörg. „Turgi und Targi werden nicht aufgeben. Sie wollen ihren Bruder rächen. Außerdem ist ihnen der Weg zum Todesfelsen untersagt, solange du noch lebst. Die jagen dich bis ans Ende der Welt.“

„Du hast ja recht“, gab Hilmer zu. „Aber ungefährlich ist der Weg zu Etna auch nicht.“

„Das stimmt“, gab Henni zu. „Aber es ist die bessere Lösung. Turgi und Targi werden nicht damit rechnen, dass du in die Höhlen gehst. Es klingt vielleicht komisch, aber dort bist du sicher vor deinen Vettern.“

„Aber nicht vor den Ratten.“ Hilmer wusste selbst, dass Henni und Hörg recht hatten. Er musste die heiligen Schriften finden. Vielleicht würde er in ihnen eine Möglichkeit entdecken, wie er sich gegen Helmut durchsetzen konnte. Falls der König immer die Wahrheit über Wonibalts Thesen verkündet hatte, war Hilmer ohnehin verloren. „Also gut“, sagte er nach einer Weile. „Ich gehe zu Etna.“

 

08. Dezember: Kapitel 11 und 12

11

 

Dafür bringe ich dich um, dachte Hörg, als er hörte, wie sich die Tür zu den königlichen Schlafgemächern öffnete. In diesem Moment schwor er sich, dass er das nächste Mal nicht auf seinen Bruder hören und die Aufgaben selbst verteilen würde. Jetzt blieb ihm aber nichts anderes übrig, als das Kommende über sich ergehen zu lassen. Egal, wie schlimm es auch werden würde.

Nachdem Hörg sich verzweifelt in Helmuts Gemächern umgesehen hatte, hatte er sehr schnell feststellen müssen, dass er sich wirklich unter dem königlichen Bett verstecken musste. Kein Schrank war groß genug, damit er hineinklettern konnte, und auch sonst gab es nichts in den sieben Räumen, was genug Platz bot, ihn sicher zu verbergen.

Helmuts Bett war riesig und nahm fast einen kompletten Raum ein. Es stand auf acht mächtigen Holzpfosten und war mit einem stabilen Rahmen versehen. Die Tagesdecke reichte auf allen Seiten bis auf den Boden. Hörg würde darunter nicht zu sehen sein. Es kostete ihn zunächst große Überwindung auch nur einen Blick unter das Bett zu werfen. Dann schluckte er den aufkommenden Ekel hinunter und hob die Decke an. Zu seiner Überraschung fand er nicht das kleinste Staubkorn auf den Holzdielen. Die königlichen Reinigungskräfte schienen ihre Arbeit sehr ernst zu nehmen. Hörg dankte ihnen in diesem Moment aus ganzem Herzen dafür. Plötzlich hörte er hinter sich Stimmen vor der Tür. Jetzt hatte er keine andere Wahl mehr. Er musste unter das Bett kriechen.

„Sorge dafür, dass ich heute nicht mehr gestört werde“, sagte Helmut, nachdem er die Tür von innen geschlossen hatte.

„Ich werde die Tür für niemanden öffnen“, versprach Dieter.

Wie Hörg bereits befürchtet hatte, schien der Hamster die Nacht in den Gemächern des Königs verbringen zu wollen. Der Berater hatte zwar seine eigenen Räume im Palast, hielt sich dort allerdings sehr selten auf. Helmuts Bedienstete ahnten natürlich längst, was sich zwischen den beiden Männchen abspielte, wenn sie sich allein in den privaten Räumen befanden. Keiner würde es aber wagen, sich dazu öffentlich zu äußern. So sehr sich Hörg auf der einen Seite davor fürchtete, dass sich die beiden während seiner Anwesenheit miteinander amüsierten, so froh musste er andererseits sein, dass Dieter mitgekommen war. Wäre Helmut allein, würde Hörg sicher nichts über die geheimen Schriften erfahren. So bestand wenigstens eine Chance, dass sich der König mit seinem Berater darüber unterhielt.

Helmut kam sofort in Richtung Bett und warf sich auf die Decke. Es dauerte keine zwei Sekunden, da lag der Hamster neben ihm. Hörg hielt den Atem an. Die Matratze bog sich mächtig durch und stoppte nur wenige Millimeter über ihm. Dabei lag der Lemming bereits auf dem Rücken und machte sich so dünn wie möglich. Der Gedanke, das Bett könnte zusammenbrechen, erfüllte Hörg mit einer Panik, wie er sie noch nie erlebt hatte.

„Soll ich dich ein bisschen massieren?“, fragte der Hamster mit säuselnder Stimme.

Bitte nicht, dachte Hörg entsetzt.

„Heute nicht“, lehnte Helmut zu Dieters Enttäuschung, aber zur großen Erleichterung des Lemmings unter sich das Angebot ab. „Ich bin müde und möchte nur noch schlafen.“

„Dann eben nicht“, murrte der Hamster.

„Jetzt sei nicht gleich beleidigt. Wir haben doch heute Mittag bereits ein paar schöne Stunden verbracht.“

Wonibalt sei Dank, freute sich Hörg. Sie hatten heute schon Sex.

„Du grämst dich immer noch wegen diesem Irren“, stellte Dieter fest und setzte sich im Bett auf. „Bist du sicher, dass ich dich nicht auf andere Gedanken bringen soll?“

Ja, er ist sich sicher. Im letzten Moment schluckte Hörg die Worte hinunter. Der Fettsack sollte endlich Ruhe geben und sich mit Helmut über die Ereignisse des Tages unterhalten.

Plötzlich krabbelte eine Fliege unter das Bett und blieb eine Pfotebreit vor Hörgs Nase auf dem Boden sitzen. Der zuckte kurz zusammen und hätte das hässliche Insekt beinahe erschlagen. Im allerletzten Moment erinnerte er sich daran, wo er war und hielt inne. Die Fliege schien zu ahnen, wie knapp sie mit dem Leben davongekommen war. Hörg kam es so vor, als würde ihn dieses schreckliche Vieh, das ihn aus großen, runden Augen ansah, auslachen. Der Lemming gefror innerlich. Es gab keine Geschöpfe, die er mehr hasste, als Fliegen. Warum musste ausgerechnet jetzt ein Exemplar dieser Gattung den Weg unter Helmuts Bett finden.

„Ich darf nicht zulassen, dass Wonibalts Lehren in Zweifel gezogen werden“, sagte der König.

Hörg atmete erleichtert auf. Genau das war das Thema, über das die beiden reden sollten. Und über nichts anderes.

„Du könntest einen Vertrauensmann bestimmen, der einen Blick in die heiligen Schriften wirft“, schlug Dieter vor.

„Du denkst dabei doch nicht etwa an dich?“

„Warum nicht?“

„Weil das Volk dir nicht glauben würde. Du bist kein Lemming. Alle denken, dass du nur sagst, was ich von dir verlange.“

„Dann wähle eben einen anderen aus.“

„Nein. Nur dem König ist es bestimmt, die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts zu studieren.“

„Auch mir hast du die Werke niemals gezeigt.“

„Das kann ich nicht Dieter. Ich muss die Lehren des Propheten ehren. Selbst wenn du ein Lemming wärst, dürfte ich dir nicht erlauben, diese Worte zu lesen.“

„Kannst du mir nicht wenigstens sagen, wo du die Schriften versteckt hast.“

Oh ja, bitte, dachte Hörg. Genau das will ich auch wissen. Erzähl dem Fettsack alles und dann schlaft.

„Du gibst wohl nie auf?“

„Dann eben nicht“, brummte der Hamster mit einem deutlich beleidigten Ton in der Stimme. „Ich habe gedacht, du vertraust mir.“

„Das tue ich doch.“

„Dann kannst du mir auch verraten, wo du die Bücher versteckst. Ich werde sicher nicht losrennen, um sie zu suchen, und behalte das Geheimnis für mich.“

„Na gut. Wenn du dich dann besser fühlst, sage ich dir, wo sich die Schriften befinden. Du wirst erkennen, dass sie für dich nicht zu erreichen sind.“

„Wie meinst du das?“

Genau wie Dieter fragte sich auch Hörg, was das nun wieder sollte. Konnte Helmut nicht einfach endlich den Mund aufmachen und die blöden Spielchen lassen?

„Die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts werden von keiner geringeren bewacht als der alten Etna.“

„Bist du wahnsinnig? Wie kannst du dieser grausamen Kröte nur trauen?“

„Sie würde es niemals wagen, mich zu hintergehen. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie, solange sie lebt, niemanden auch nur in die Nähe der Bücher lassen wird. Ein sichereres Versteck kann es nicht geben.“

Da hast du leider recht, dachte Hörg zutiefst erschrocken. Die Legenden, die sich um Etna rankten, waren mehr als furchterregend. Es hieß, sie lebte tief in den Höhlen unter dem Schicksalsberg und kein Lemming, der sich auf den Weg zu ihr gemacht hätte, wäre jemals wieder gesehen worden. Hörg tat es leid für Hilmer, aber Wonibalts Schriften mussten sie sich aus dem Kopf schlagen. Sie würden einen anderen Weg finden müssen, das Volk von der Unsinnigkeit der Massenselbstmorde zu überzeugen.

„Was ist, wenn dir einmal etwas zustößt?“, fragte Dieter. „Niemand kann zu Etna gehen und von ihr verlangen, dass sie die Bücher herausrückt.“

„Mach dir keine Sorgen, Dieter. Wie gesagt, steht die alte Kröte auf meiner Seite. Sollte ich sterben und ein anderer wird König, wird sie wissen, wie sie sich zu verhalten hat.“

„Wie meinst du das?“

„Sie wird dafür sorgen, dass der rechtmäßige König der Lemminge Zugriff auf die Schriften haben wird. Das war schon zu Zeiten meines Großvaters so. Etnas Schicksal ist eng mit dem meiner Familie verbunden.“

„Wer soll denn nach dir König werden? Du hast keine Nachfahren.“

„Damit habe ich mich noch nicht befasst. Ich werde schon rechtzeitig jemanden bestimmen.“

„Gehst du oft zu der Köte?“

„Ein- oder zweimal im Jahr. Ich weiß ja, was in den Schriften steht. Außer uns beiden kennt niemand das Versteck der Bücher. Selbst wenn jemand auf die Idee käme, sie bei Etna zu suchen, würde er das nicht überleben. Du siehst also, es ist alles in Ordnung.“

Das sah Hörg ganz anders. Was er erfahren hatte, war furchtbar. Eines musste er dem König aber lassen. Er hatte das Schicksal seines Volkes fester im Griff, als Hilmer, Henni und Hörg es vermutet hatten. Helmut war bei Weitem nicht so einfältig, wie es manchmal den Anschein hatte.

Hörg hatte erfahren, was er wissen wollte, und wünschte sich jetzt nur noch, so schnell wie möglich aus den königlichen Gemächern verschwinden zu können. Wieder hatte er das Gefühl, dass die Fliege, die unverändert direkt vor seiner Nase saß, ihn verhöhnte.

„Dann gibt es auch keinen Grund für dich, wegen Hilmer besorgt zu sein“, sagte Dieter. Wenn er sich darüber ärgerte, dass er das größte Geheimnis der Lemminge niemals lüften würde, gelang es ihm gut, dies zu verbergen. „Wie wäre es jetzt mit einer kleinen Massage.“

Der gibt wohl nie auf, stöhnte Hörg innerlich und hörte erleichtert, wie Helmut antwortete, dass er jetzt schlafen wolle. Das sextolle Verhalten des Hamsters ging ihm schwer auf die Nerven. Wenn sich die Weibchen von Dieters Gattung ähnlich verhielten, musste Hörg unbedingt seine Cousinen kennenlernen. Sicher wären die auch dankbare Abnehmerinnen für die Kaubonbons. Der Erfinder nahm sich vor, dies bei nächster Gelegenheit mit Henni zu besprechen. Allerdings würde er sich zunächst auf seine Art bei seinem Bruder dafür bedanken, dass der ihn in diese verflixte Situation gebracht hatte.

Es dauerte nur wenige Minuten bis der König eingeschlafen war. Sein lautes Schnarchen drohte, Dieter und Hörg gleichermaßen in den Wahnsinn zu treiben. Der Hamster konnte offensichtlich nicht schlafen. Er wälzte sich im Bett hin und her und gab grunzende Geräusche von sich.

Hörg kam es vor, als sei eine Ewigkeit vergangen, bis Dieter plötzlich aufstand und in Richtung Badezimmer schlurfte. Jetzt oder nie, dachte Hörg, hämmerte die Faust auf die Fliege, kroch, so schnell er konnte, unter dem Bett hervor und eilte in Richtung Ausgang. So leise wie möglich öffnete er die Tür. Hörg atmete tief durch, trat auf den Flur und schlich von den königlichen Gemächern weg. An einem Vorhang wischte er sich die Reste des zermatschten Insekts von der Pfote.

Plötzlich stand Henni vor ihm. Hörg holte aus und hämmerte seinem Bruder die Faust auf die Nase.

„Was soll das denn?“, fragte der Getroffene überrascht und sah den Schläger böse an.

„Das erkläre ich dir später. Lass uns von hier verschwinden.“

 

12

 

Als Hilmer erwachte, fühlte er sich furchtbar. Wie schon am Mittag drohten seine Kopfschmerzen, ihm den Schädel zu sprengen. Für einen Moment überlegte der Lemming, ob er nicht doch besser am Morgen gestorben wäre, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. Es gab nichts Schlimmeres als den Tod. Ganz egal, wie schlecht er sich jetzt fühlte.

Hilmer wollte sich über die Augen wischen und stellte fest, dass seine Arme hinter dem Rücken zusammengebunden waren. Turgi und Targi hatten ihn also gefesselt. Im Moment war von den Brüdern weder etwas zu sehen noch zu hören. Hilmer wusste, dass er nach Torgis Tod erst recht keine Gnade von seinen Vettern erwarten konnte. Ihm war schon vorher klar gewesen, dass der zur Schau getragene Sinneswandel seiner Widersacher nur gespielt war und er ihnen nicht trauen durfte. Turgi und Targi würden sich fruchtbar dafür rächen wollen, dass sich ihr Giftanschlag durch Hilmers schnelles Handeln gegen ihren eigenen Bruder gerichtet hatte.

So sehr sich Hilmer auch abmühte, es gelang ihm nicht, seine Fesseln zu lockern. So blieb ihm nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass Turgi und Targi zurückkehrten. Doch die beiden Brüder ließen sich damit sehr viel Zeit. Es war bereits stockfinster im Raum, als Hilmer endlich ein Geräusch an der Tür hörte.

Das grelle Licht, das den Raum schlagartig erhellte, schmerzte Hilmer in den Augen. Turgi musste gesehen haben, wie er deswegen das Gesicht verzog, und quittierte dies mit einem hämischen Lachen. „Ich hoffe, es geht dir schlecht“, sagte der Lemming bösartig.

Hilmer tat seinem Vetter nicht den Gefallen, ihm seine Schmerzen zu bestätigen. Er wunderte sich nur darüber, dass er allein war. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Wo war Targi? Was führten die beiden Brüder wohl jetzt im Schilde? Sicher hatten sie einen Plan, der nur mit Hilmers Tod enden konnte. Er hätte zu gerne gewusst, welchen.

„Wie konntest du so etwas tun?“, fragte Turgi mit leiser Stimme, die eine Mischung zwischen Enttäuschung und Zorn erkennen ließ. „Du wusstest, dass wir drei gemeinsam vom Todesfelsen springen wollten! Du hast alles verdorben!“

„Wieso ich?“, ächzte Hilmer. Er sehnte sich nach einem Schluck Wasser. Sein Mund war trocken und die Beule an seinem Kopf schien auf das Dreifache angewachsen zu sein. „Wer wollte denn wen töten?“

„Wenn du dich wie ein normaler Lemming verhalten hättest, wäre jetzt alles in Ordnung.“
„Dann wäre Torgi auch tot. Genau wie du, Targi und ich.“

„Mein Bruder wäre ehrenhaft gestorben und nicht elendig an dem Rattengift zugrunde gegangen.“

„Aber ich sollte an dem Zeug verrecken.“ Hilmer spürte, wie der Zorn in ihm ins Unermessliche wuchs, als er hörte, womit Turgi, Targi und Torgi ihn hatten umbringen wollen. Das war wirklich das Allerletzte. Mit Ausnahme von Fliegen gab es keine niederen Wesen als Ratten. Seine Vettern hatten ihn mit diesen widerlichen Nagern gleichgesetzt. Allein dafür verdienten sie den Tod.

„Du hattest eine Wahl, Torgi nicht. Dafür wirst du jetzt einen langsamen Tod sterben. Du sollst Zeit haben, darüber nachzudenken, was du mir und meinen Brüdern angetan hast.“

„Was habt ihr vor?“

„Das wirst du jetzt sehen. Komm hoch.“

„Ich kann nicht aufstehen.“

Turgi ging zu Hilmer und zog ihn an den zusammengebundenen Pfoten hoch. Der Schmerz fuhr dem Gefesselten über die Arme bis in die Schultern. Das schien seinen Vetter allerdings nicht im Geringsten zu interessieren. Er zog ihn einfach mit.

„Hör auf mich zu schleifen“, ächzte Hilmer. „Ich komme freiwillig mit.“

„Darauf falle ich nicht noch einmal rein.“

Hilmer blieb nichts anderes übrig, als rückwärts hinter Turgi herzulaufen, der ihn einfach mit sich zog. Was sollte das? Plötzlich ging es eine Treppe hinunter und Hilmer, der damit nicht gerechnet hatte, wäre beinahe gestürzt. Erst als es ihm gelungen war, sich zu fangen, kam ihm der Gedanke, dass er Turgi einfach hätte mitreißen können, wenn er sich fallen ließe. Dem schien das in diesem Moment ebenfalls einzufallen.

„Mach ja keine Dummheiten“, sagte der Drilling. „Diesmal hast du keine Chance mehr.“

Kurz nachdem sie das Ende der Treppe erreicht hatten, zog Turgi Hilmer zu dessen Überraschung wieder nach oben. Jetzt ging es aber über schmale Metallstufen weiter, durch deren Gitter der Boden zu sehen war. Hilmer erkannte, dass er sich in dem Keller des Hauses befand, in dem seine drei Vettern lebten. Hier hatten Turgi und Targi einiges umgebaut. Für ihn selbst konnte dies nichts Gutes bedeuten.

„Da seid ihr ja“, sagte Targi, als er die beiden kommen sah. Auch ihn schien der Schock über den misslungenen Mordversuch und Torgis darauffolgenden Tod schwer getroffen zu haben. Er hatte tiefe Ringe unter den Augen und der Blick, den er seinem Vetter zuwarf, zeigte den blanken Hass.

Sie erreichten die oberste Stufe der Treppe und Targi half Turgi dabei, den Gefangenen weiterzuziehen. Beinahe wäre Hilmer ausgerutscht. Er hatte Mühe auf den Beinen zu bleiben und spürte, wie der Boden eisig wurde. Nach ein paar Schritten bekam er einen Schlag in den Nacken und ging zu Boden. Einer der beiden Brüder zog Hilmer den Kopf an den Haaren nach hinten. Dann bekam er ein Seil um den Hals gelegt.

Dem Gefesselten blieb nichts anderes übrig, als aufzustehen, wenn er nicht stranguliert werden wollte. Der Strick war in seinem Nacken fest verknotet und wurde so hochgezogen, dass Hilmer gerade noch flach stehen konnte. Dann tauchten seine Vettern direkt vor seinem Gesicht auf.

„Du stehst auf einem großen Würfel aus Eis“, bestätigte Turgi Hilmers Vermutung. „Wir werden dich jetzt allein lassen und die Heizung im Raum anstellen.“

„In ein paar Stunden wirst du nur noch auf den Zehenspitzen stehen können und irgendwann den Boden unter den Füßen verlieren. Dein eigenes Gewicht wird dir die Luft abschnüren.“ Targi grinste seinen Vetter böse an. Offensichtlich machte es ihm großen Spaß, seinen Gefangenen zu quälen.

„Es tut mir leid, was mit Torgi geschehen ist“, sagte Hilmer. „Ihr wart aber diejenigen, die das Rattengift in den Becher getan haben. Nicht ich.“

„Spar dir deine Worte“, zischte Turgi und gab Hilmer eine Maulschelle. „Morgen früh wirst du ebenfalls tot sein. Dann schmeißen wir Helmut deine Leiche vor die Füße und gehen zum Schicksalsberg. Ich glaube nicht, dass wir uns im gelobten Land wiedersehen werden.“

„Weil es nicht existiert“, sagte Hilmer und bekam den nächsten Schlag ins Gesicht.

„Dein Tod wird langsam und qualvoll sein“, prophezeite Targi seinem Vetter.

„Nichts anderes hast du verdient“, sagte Turgi.

Ohne ein weiteres Wort drehten sich die beiden Brüder um und gingen zum Ausgang des Raumes. Hilmer hörte, wie eine Tür zugeschlagen wurde. Dann ging das Licht aus. Er war allein. Seit sich der Lemming geweigert hatte vom Todesfelsen zu springen, war seine Situation nie so ausweglos gewesen wie zu diesem Zeitpunkt. Ohne Hilfe konnte er sich nicht von dem Strick befreien, er wusste aber auch, dass hierher niemand kommen würde. Als besonders schlimm empfand Hilmer, dass er nichts sehen konnte. Zum einen war es stockfinster im Raum, zum anderen konnte er den Kopf nicht bewegen und war gezwungen, den Blick nach oben zu richten.

Die Kälte zog von Hilmers mittlerweile tauben Füßen langsam höher. Wenn ihn die Kraft verließ, würde dies seinen sicheren Tod noch beschleunigen. Vielleicht sollte er sich jetzt einfach fallen lassen und seiner Qual so ein Ende setzen. Er hatte verloren. Es war vorbei.

 

07. Dezember: Kapitel 10

10

 

„Bist du bescheuert?“, fragte Hörg seinen Bruder und schüttelte energisch den Kopf. „Es muss einen anderen Weg geben. Das mache ich nicht.“
„Du musst ja nicht die ganze Nacht in dem Zimmer bleiben“, entgegnete Henni.

Die beiden Lemminge saßen in ihrer Zelle und überlegten, wie sie herausfinden konnten, wo Helmut die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts versteckt hatte. Sicher gab es einen Grund, warum der König die Bücher unter Verschluss hielt und niemandem Einblick gewährte. Henni und Hörg mussten herausfinden welchen. Nur so konnten sie Hilmer und auch sich selbst helfen. Immerhin stand auch ihr geplanter Todestag bereits in einem Monat an. Genau wie ihr neuer Bekannter hatten auch die Brüder nicht die Absicht, den Schicksalsberg zu besteigen, um vom Todesfelsen zu springen.

Henni hatte vorgeschlagen, dass sie sich aufteilten. Einer sollte sich in Helmuts Privaträumen verstecken und ihn am Abend belauschen, der andere sollte ihn verfolgen, falls er nicht direkt in seine Gemächer ging. Für Hörg hatte Henni den Job im königlichen Schlafzimmer vorgesehen.

„Das ist widerlich“, sagte Hörg wieder. „Dieter wird auch da sein. Ich möchte nicht dabei sein, wenn sich dieser Fettsack und der König begrapschen.“

„Es ist ja nicht gesagt, dass sie das tun.“

„Aber es könnte passieren. Alleine bei dem Gedanken wird mir schlecht. Ich werde Helmut sicher in den Schrank kotzen, wenn er und der Hamster anfangen, Süßholz zu raspeln.“

„Jetzt stell dich nicht an wie ein Weibchen.“

„Komm mir nicht so, Henni. Wir können ja tauschen und du versteckst dich in Helmuts Gemächern.“
„Nein. Du hast das bessere Gehör von uns beiden und bist außerdem schlanker. Ich kann bestimmt nicht unter Helmuts Bett kriechen.“

„Das mache ich auch nicht“, kreischte Hörg entsetzt. „Lieber verstecke ich mich im Schrank.“

„Mach das. Wichtig ist, dass du die beiden belauschen kannst. Ich bin mir sicher, dass sie sich nach den Ereignissen des Tages noch über Hilmer und seine Hinrichtung unterhalten werden. Der Hamster wird seinem Chef erzählen wollen, wie weit er mit dem Plan für den Galgen ist. Vielleicht erfährst du dabei auch etwas über das Versteck der Schriften.“

„Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache.“

„Jetzt auf einmal? Eben warst du doch noch dafür, dass wir Hilmer helfen.“

„Das will ich ja auch“, sagte Hörg. „Ich dachte nur nicht, dass ich dafür in die Höhle des Löwen muss.“

„Jetzt übertreib mal nicht. So schlimm wird es schon nicht werden.“

„Du hast leicht reden.“

„Es ist ja nicht so, dass ich gar nichts tue“, entgegnete Henni. „Vielleicht geht Helmut ja zum Versteck. Dann kann ich ihm folgen und du brauchst ihn später nicht mehr zu belauschen.“

„Bei meinem Glück passiert das nicht.“

„Überlege doch mal. Wenn wir die Schriften finden, nehmen diese blödsinnigen Todessprünge ein für alle Mal ein Ende. Und wir werden zu Helden. Das Volk wird uns die Kaubonbons aus den Pfoten reißen. Wir werden steinreich und können noch dazu so viele Weibchen beglücken, wie wir wollen.“

„Also gut“, lenkte Hörg ein, der gegen diese schlagkräftigen Argumente nichts mehr vorbringen konnte. „Aber das nächste Mal übernimmst du die Drecksarbeit.“

Henni öffnete das Schloss und die Brüder verließen ihre Zelle. Ihr Wächter hatte ihnen das Abendessen bereits gebracht und kam sicher nicht vor dem nächsten Morgen wieder. Niemand würde bemerken, dass die Gefangenen die Nacht nicht innerhalb des Kerkers verbrachten.

 

Die beiden schlichen den Gang entlang zur Treppe, wo sie einen Moment lang stehen blieben und lauschten. Alles war ruhig. Schritt für Schritt gingen sie die Stufen hinauf und erreichten das Erdgeschoss, ohne auch nur das leiseste Geräusch zu hören. Hier trennten sich ihre Wege. Während Hörg weiter nach oben ging, um sich in Helmuts Privatgemächern zu verstecken, schlich Henni in Richtung Audienzsaal. Wie erwartet standen zwei Wächter vor der Tür, um ungebetene Gäste abzuhalten. Dies bedeutete, dass Helmut – und vermutlich auch Dieter – noch in dem Raum waren. Sie mussten auf jeden Fall durch diesen Gang, wenn sie den Saal verlassen wollten.

Henni sah sich suchend im Flur um. Sein Blick blieb an einer Tonvase hängen, deren Höhe seine eigene Größe deutlich überschritt. Kurz entschlossen sprang er an der Außenwand des Gefäßes hoch und hielt sich in der Öffnung fest. Nach einem Klimmzug konnte er in die Vase hineinschauen. Zu seinem Entzücken war sie leer. Ohne einen Moment zu zögern, kletterte er auf den Rand und ließ sich von da aus in den Bauch des Gefäßes fallen. Nun begann das Warten.

Henni war kurz davor einzuschlafen, als er endlich leise Stimmen hörte, die auf ihn zukamen. Er brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass es sich um Helmut und Dieter handelte. Jetzt wurde es spannend.

„Es war ein langer und anstrengender Tag“, sagte Helmut, als er in Hennis Hörweite war. „Selten haben mich die Amtsgeschäfte so geschafft wie heute.“

„Das ist wahr“, stöhnte Dieter. „Erst diese beiden angeblichen Erfinder und dann auch noch ein Lemming, der sich weigert, in den Tod zu springen. Ich hätte niemals gedacht, dass es so etwas gibt.“

„Ich auch nicht“, gab der König zu. „Hilmer muss auf jeden Fall sterben. Ich kann mir nicht auf der Nase herumtanzen lassen.“

„Dein Volk wird begeistert sein, eine Hinrichtung miterleben zu dürfen.“

Die beiden hatten Henni mittlerweile passiert. Dieters letzte Worte konnte er nur noch sehr leise hören und verstand nicht mehr, was Helmut darauf antwortete. Der Erfinder wartete noch, bis auch die beiden Wächter an seinem Versteck vorbeigegangen waren, und kletterte dann aus der Vase.

Auch wenn Henni nicht sicher sein konnte, dass der König mit seinem Berater in die privaten Räume gehen wollte, schlug er diese Richtung ein. Er setzte darauf, dass Helmut den Palast nicht sofort verlassen würde, wenn er das denn überhaupt vorhatte. Henni hatte Glück. Seine Voraussage erfüllte sich. Als er sich der Tür zu den königlichen Gemächern näherte, sah er, wie diese gerade geschlossen wurde. Er beschloss, sich ein Versteck zu suchen und zu warten, ob einer der beiden die Räume wieder verließ. Falls ja, wollte er die Verfolgung aufnehmen.

Hörg wird sich freuen, dachte Henni grinsend, als er in eine Abstellnische kroch und den Vorhang davor zuzog.