24. Dezember: Kapitel 41 und 42

41

 

„Was wollt ihr denn jetzt hier?“, blaffte der König seine beiden Erfinder an.

„Wir sind hier, um unserem Volk die Augen zu öffnen“, erklärte Henni. „Alle sollen erfahren, dass sie von ihrem König betrogen worden sind.“

Die Lemminge auf dem Platz beobachteten gespannt, wie Hörg zu Hilmer ging und die Schlinge über seinen Kopf zog. Jeder wollte wissen, was die vier Neuankömmlinge zu sagen hatten. Auch Dieter schien neugierig zu sein. Einzig der Miene des Königs war zu entnehmen, dass er seine Erfinder am liebsten gleich ebenfalls aufhängen lassen würde.

„Wonibalt war in Wirklichkeit Helmuts Großvater“, rief Hilmer der Menge zu. „Es gibt keine heiligen Schriften und auch kein gelobtes Land. Die Massenselbstmorde bauen auf einer Lüge auf, die der König aufrechterhält, um sein Volk zu unterdrücken.“

„Das sind schwere Vorwürfe, die du da erhebst“, schrie einer der Lemminge aus der Menge.

„Kannst du auch beweisen, was du hier behauptest?“, wollte ein zweiter wissen.

„Bevor Wonibalt eine Schreckensherrschaft begonnen hat, wurde unser Volk von einem König und dem Rat der vier Weisen regiert. Diese beiden dort sind die letzten Wächter der alten Gesetze, die in dieser Zeit bestand hatten.“ Hilmer deutete auf Anton und Paula, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten.

„Der Ungläubige versucht nur, sein Leben zu retten“, meldete sich Helmut zu Wort, der die erste Verblüffung wohl überwunden hatte.

„Nein“, erwiderte Hörg. „Die Zeit der Lügen ist vorbei. Wir werden hier und heute die Wahrheit enthüllen.“

„Wie wollt ihr das machen?“, fragte der König und schaute seine Erfinder argwöhnisch an. Ihm musste klar sein, dass die beiden noch ein Ass im Ärmel hatten. Besonders beeindruckt zu sein schien er jedoch nicht.

„In dieser Schatulle befinden sich die echten Chroniken unserer Vorfahren“, erklärte Hörg grinsend.

„Zeig sie uns“, erwiderte Helmut. „Ich bin sehr gespannt, was ihr Verräter uns mitgebracht habt.“

Hilmer schaute seinen Freund an und hätte ihm den Kasten am liebsten aus der Pfote gerissen. Worauf wartete der denn noch? Auch die anderen Lemminge richteten ihre Blicke nun auf Hörg, der mit der Schatulle in der Pfote auf dem Podest stand und betreten zu Boden sah.

„Ich habe keinen Schlüssel.“

„Das kann nicht euer Ernst sein“, ächzte Hilmer und sah Hörg voller Entsetzen an.

„Wenn ihr den Beweis für eure Behauptungen nicht erbringen könnt, solltet ihr jetzt nach Hause gehen und unsere Zeremonie nicht weiter stören“, sagte Helmut bestimmt. „Es sei denn, ihr wollt neben eurem Freund hängen.“

Hilmer fühlte sich, als sei ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Er hatte seine ganze Hoffnung auf Henni und Hörg gesetzt und war sich seiner Sache sehr sicher gewesen, als sie im letzten Moment aufgetaucht waren. Jetzt war sein Traum geplatzt – wie eine Seifenblase. Da landete eine Fliege auf Hilmers Schulter und wisperte ihm etwas ins Ohr. Der Lemming hatte große Mühe die Worte des kleinen Wesens zu verstehen, schöpfte daraus aber neue Hoffnung. Ohne ein Wort zu sagen, ging er auf den König zu und riss ihm, ehe einer seiner Helfer eingreifen konnte, die Kette vom Hals.

Ein Raunen ging durch die Menge, als Hilmer ihnen den kleinen Schlüssel präsentierte, den Helmut als Anhänger getragen hatte. Es herrschte Totenstille als Hilmer seine Beute an Hörg weitergab, der den Schlüssel sofort in das Schloss der Schatulle steckte und diese öffnete.

„Offensichtlich scheint unser König mehr zu wissen, als er zugeben mag“, rief Hilmer.

„Schwing keine große Reden und zeig uns, was in dem Kasten ist“, rief einer der Lemminge auf dem Platz und andere stimmten ihm zu.

Wieder richtete sich die volle Aufmerksamkeit auf Hörg, der mit bitterer Miene in die Schatulle schaute und den Kopf schüttelte.

„Was ist jetzt schon wieder los?“, fragte Hilmer und nahm seinem Freund das Kästchen aus der Pfote. Als er die aufgeweichte Masse darin sah, stockte ihm der Atem. Das durfte einfach nicht wahr sein.

„Die Schatulle lag im Wasser“, erklärte Hörg. „Es tut mir leid.“

„Wo ist denn jetzt euer Beweis?“, fragte Helmut, der zunächst viel von seiner Sicherheit verloren hatte, nun aber wieder Oberwasser bekam.

Hilmer war sich sicher, dass Helmut den Inhalt der Schriften kannte. Diese waren nun aber für immer verloren. In den letzten Minuten hatte der Lemming ein wahres Wechselbad der Gefühle erlebt. Jetzt schien endgültig der Moment gekommen zu sein, an dem alle Karten gespielt waren.

„Ist noch jemand hier, der meint, dass die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts nicht existieren und ich ein Betrüger bin, oder können wir jetzt endlich mit der Hinrichtung fortfahren?“ Helmut stand triumphierend auf dem Podest und schaute auf sein Volk herab. Mit der Zerstörung der alten Chroniken war er nun endgültig zum unantastbaren Herrscher geworden.

Doch es war noch nicht vorbei.

„Ich kann Hilmers Worte bestätigen“, ertönte eine rauchige Stimme aus der Menge. Unbeachtet von den Lemmingen auf dem Platz hatten es die rattenscharfe Rosa und ihren Söhne Bert und Gerd geschafft, bis kurz vor das Podest zu gelangen. Begleitet wurden sie von einer weiteren Gestalt, die von einem Umhang vollständig verhüllt war.

„Seit wann mischen sich Ratten in die Belange der Lemminge ein?“, fragte der König zähneknirschend.

„Wir haben lange genug eure Leichen von den Klippen weggeräumt“, erklärte Rosa der verblüfften Meute auf dem Platz. Mit dem Auftauchen der Ratten hatte nun wirklich niemand gerechnet. „Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert.“

„Welche Beweise willst du denn für die erhobenen Vorwürfe vorbringen?“, fragte Helmut verächtlich.

„Ich kann gar nichts zur Sache sagen“, antwortete Rosa.

„Aber ich“, sagte die verhüllte Gestalt und ließ den Umhang zu Boden fallen.

„Etna?“, ächzte der König zutiefst erschrocken und griff sich mit der Pfote an die Brust.

Die Kröte drehte sich von Helmut weg und richtete ihre Worte an die Menge vor sich. „Hilmer sagt die Wahrheit. Ich selbst bin damals von Wonibalt in die Höhlen des Schicksalsberges verbannt werden. Ich habe seine Schreckensherrschaft miterlebt und nichts davon vergessen. Helmut ist ein elendiger Lügner, dem es Spaß macht sein Volk zu unterdrücken. Eure Todessprünge sind Unsinn. Es gibt kein gelobtes Land.“

Ein Raunen ging durch die Menge und es folgten laute Schreie. Die Meinung der Lemminge auf dem Platz war zweigeteilt. Einige forderten Helmut auf, endlich die Wahrheit zu sagen, andere wollten, dass Etna und die Ratten verschwanden und Hilmer endlich gehängt wurde. Der Anteil der Stimmen gegen den König wurde allerdings zunehmend größer.

„Was willst du hier?“, zischte Helmut und ging auf die alte Kröte zu. „Verschwinde und verkrieche dich wieder in den dunkelsten Höhlen des Berges, wo du hingehörst.“ Wieder griff sich der König an die Brust. Schweiß trat ihm auf die Stirn.

Bert und Gerd bauten sich vor Etna auf und schützten sie so vor den Soldaten, die sich allerdings freiwillig an den Rand der Plattform verzogen und nicht gewillt waren, es mit den Ratten aufzunehmen. Auch Dieter hatte sich aus dem Staub gemacht und ließ seinen Herrn allein mit Hilmer und seinen Freunden stehen.

„Ihr müsst den Rat der vier Weisen wieder einsetzen und so einen Gegenpol zum König schaffen“, forderte die Kröte. „Die Selbstmorde müssen aufhören.“

„Du hast hier überhaupt nichts zu sagen“, schrie Helmut mit bebender Stimme. Sein Atem setzte aus und er wurde feuerrot im Gesicht. Wieder griff er sich mit beiden Pfoten an die Brust. Der König konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und ging unter dem Raunen der Menge zu Boden. Dort blieb er regungslos liegen.

 

42

 

Die Wächter stürzten zu ihrem Herrn und auch Dieter, der sich hinter dem Galgen versteckt hatte, rannte zum König und ging neben ihm auf die Knie. Alle Lemminge, auf dem Podest und davor, hielten vor Schreck den Atem an. Selbst Etna und die Ratten starrten schweigend auf den leblos am Boden liegenden Körper. Die Sekunden vergingen und die Spannung stand kurz vor dem Zerreisen, als der Hamster sich erhob und mit Tränen in den Augen den Kopf schüttelte.

„Der König ist tot“, sagte er mit brüchiger Stimme.

Vereinzelte Schreie klangen über den Platz. Viele Lemminge weinten, andere schüttelten nur ratlos den Kopf. Auch Hilmer wusste nicht, was nun geschehen sollte. Helmuts Ableben hatte ihn genauso überrascht wie alle anderen.

Es war Gesetz, dass der älteste Sohn eines Königs seinem Vater auf den Thron folgte, wenn dieser verstarb. Helmut hatte aber niemals ein Weibchen gehabt und daher auch keine Nachkommen.

„Wir brauchen einen neuen König!“, schrie plötzlich einer der Lemminge auf dem Platz. Kurz darauf stimmten weitere in diese Forderung ein.

„Ich war Helmuts engster Vertrauter und bin in seine Amtsgeschäfte eingeweiht“, erklärte Dieter. „Ich bin bereit euch als euer König in eine bessere Zukunft zu führen.“

„Das könnte dir so passen“, brauste Hörg auf und schubste den Hamster zur Seite. „Ihr habt heute vieles über eure Vergangenheit gehört“, richtete er sich an die Menge. „Wir haben jetzt die einmalige Chance, etwas zu ändern. Der Älteste von uns sollte der neue König werden. So stand es in den alten Schriften und selbst Helmuts heilige Schriften sahen das so vor.“

„Es gibt keinen ältesten Lemming“, widersprach Dieter. „Seit Generationen springt jeder eurer Art mit Vollendung des fünfzehnten Lebensmonats vom Todesfelsen. Diejenigen, die heute springen sollten, sind alle gleich alt. Einen älteren Lemming gibt es nicht.“

„Hilmer ist älter“, entgegnete Henni. „Er hätte bereits vor einigen Tagen über den Schicksalsberg gehen sollen. Er ist der älteste von uns und sollte daher unser König werden.“

Der Beifall der Menge zeigte, dass die meisten mit diesem Vorschlag einverstanden waren.

„Wir sind genauso alt wie Hilmer“, rief Turgi und zog seinen Bruder auf das Podest. „Und wir waren stets treue Diener des Königs.“

„Ich bin eine Stunde vor euch geboren. Das wisst ihr.“ Bei der kurzen Lebensspanne der Lemminge war Hilmers Einwand berechtigt.

„Somit dürfte klar sein, wer der neue König unseres Volkes ist“, rief Henni und schob seinen Freund ganz nach vorn auf dem Podest, damit ihn alle sehen konnten.

„Hilmer! Hilmer!“, ertönten die Schreie der Menge. Ein wahrer Jubelsturm brandete auf. Beim Volk bestand nun kein Zweifel mehr, wer der neue Herrscher der Lemminge war.

„Ich danke euch und verspreche, dass ich euch ein guter König sein werde. Ab heute soll sich kein Lemming mehr freiwillig in den Tod stürzen. Die Massenselbstmorde sind von diesem Moment an Geschichte. Wir werden uns unserer alten Gesetze erinnern und auch den Rat der vier Weisen wieder einrichten. Die ersten Mitglieder sollen Henni, Hörg, Anton und Paula sein. Rosa und Etna werden meine Berater.“

Nach der kurzen Ansprache des neuen Königs kannte der Jubel der Massen keine Grenzen mehr. Hilmer wollte noch weitere Worte an sein Volk richten, war aber aufgrund des Lärms nicht mehr zu verstehen.

„Was ist mit uns?“, fragte Turgi, der noch immer gemeinsam mit Targi auf dem Podest stand.

„Für euch beide habe ich eine besondere Aufgabe“, erklärte Hilmer und grinste seine Vettern an. „Ihr werdet am Fuße des Schicksalsberges Wache halten und dafür sorgen, dass kein Lemming mehr zum Todesfelsen geht, um sich auf die Klippen zu stürzen.“

„Das kann doch nicht dein Ernst sein?“, sagte Targi entsetzt.

„Ich bleibe dabei. Es ist genau die Strafe, die ihr verdient.“

Die Menge auf dem Platz feierte weiterhin ihren neuen König, der dies nach all dem Ärger sichtlich genoss. Die Zukunft würde zeigen, ob er in der Lage war, die richtigen Entscheidungen für sein Volk zu treffen. Er schwor sich selbst, sich diese Aufgabe nicht zu leicht zu machen und die Bedürfnisse seiner Untergebenen ernst zu nehmen.

Es dämmerte bereits, als sich die Menge auf dem Platz endlich auflöste. Als auch Hilmer sich gerade auf den Weg in sein neues Zuhause machen wollte, stand plötzlich Agnes vor ihm.

„Kommst du in unsere Wohnung zurück oder werden wir gemeinsam im Palast leben?“, säuselte das Weibchen, mit dem er den Großteil seines Lebens verbracht hatte, mit honigsüßer Stimme.

„Es gibt kein Wir mehr“, entgegnete Hilmer. „Als du geglaubt hast, ich sei tot, hat deine Trauer nicht einmal einen einzigen Tag gehalten. Jetzt bist du nicht mehr mein Weib.“

„Aber du kannst mich doch nicht einfach wegschicken. Wir gehören zusammen.“

„Nein! Unsere gemeinsame Zeit ist vorbei. Endgültig.“

„Ist das dein letztes Wort?“

„Ja.“ Hilmer ließ Agnes einfach stehen und begab sich gemeinsam mit dem neuen Rat der vier Weisen in den Palast. Dort würden nun auch seine Freunde leben, bis ein neuer Tempel für den Rat gebaut worden war. Etna und die drei Ratten machten sich zurück auf den Weg in ihre eigene Welt. Sie hatten versprochen mit Hilmer zu beraten, wie die gemeinsame Zukunft der beiden Völker aussehen sollte, sobald sich der neue König in sein Amt eingearbeitet hatte.

Dieter wurde nie wieder in der Stadt gesehen. Vermutlich hatte es der Hamster vorgezogen, wieder bei seinen Artgenossen zu leben.

Als Hilmer an diesem Abend in das frisch bezogene Bett in den königlichen Gemächern fiel, war er so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Ganz spontan hatte er sich gegen die Gesetze seines Volkes gestellt und die Welt verändert. Nichts würde mehr so sein wie noch vor ein paar Stunden. Für die Lemminge hatte ein neues Zeitalter begonnen.

 

Am nächsten Morgen saß Hilmer gemeinsam mit Henni und Hörg beim Frühstück im Audienzsaal des Palastes. Anton und Paula waren in ihren Gemächern geblieben, um dort den neugewonnenen Luxus zu genießen. Die drei Lemminge vermuteten, dass sie gerade einen weiteren Versuch unternahmen, ihr Nachwuchsproblem in den Griff zu bekommen.

Plötzlich stürzte einer der Wächter in den Saal und verbeugte sich kurz vor seinem König.

„Entschuldige die Störung, aber ich habe wichtige Neuigkeiten.“

„Was ist passiert?“, wollte Hilmer wissen.

„Turgi und Targi haben sich von den Klippen gestürzt. Der Zugang zum Todesfelsen ist jetzt unbewacht.“

„Kümmere dich darum, dass zwei andere Soldaten dort dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passiert“, sagte Hilmer. Trotz allem, was sie ihm angetan hatten, war er traurig, dass seine Vettern jetzt tot waren.

„Nun sind die beiden dem furchtlosen Wonibalt doch noch gefolgt“, sagte Henni.

„Nein“, widersprach Hilmer. „Sie sind Torgi gefolgt.“

 

ENDE

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