21. Dezember: Kapitel 35 und 36

35

 

Hilmer war sauer. Er konnte es nicht fassen, dass sich die letzten beiden Mitglieder der VHL als derartige Pfeifen entpuppt hatten. Kein Lemming ging gern ins Wasser, aber Hilmer hatte kein Verständnis dafür, dass die beiden Wächter sich nie davon überzeugt hatten, ob das, was sie bewachten, überhaupt da war.

Auch wenn der See eine willkommene Abkühlung darstellte, ging Hilmer diesen Weg mit gemischten Gefühlen. Wohl war ihm nicht bei dem Gedanken, in die dunklen Tiefen dieser Brühe vorzudringen. Er wollte jetzt aber nicht mehr umkehren, um Henni und Hörg zu bitten, ihn zu begleiten. Er schwamm bis zur Mitte und blickte von da aus zum Ufer, wo die vier Lemminge saßen und ihn neugierig beobachteten. Hilmer wusste, dass keiner von ihnen mit ihm tauschen wollte. Er nahm all seinen Mut zusammen, atmete tief ein und tauchte unter.

Zunächst war die Sicht klar. Nach aber nicht einmal einem Meter wurde das Wasser deutlich trüber. Hilmer musste einen Brechreiz unterdrücken, als er daran dachte, dass er eben noch von der Brühe getrunken hatte. Plötzlich fiel ihm ein, dass es durchaus auch noch andere Lebewesen geben konnte, die sich in dem See versteckten. Vor einer Kaulquappe hatte er keine Angst, aber es gab verschiedene Fischarten, die ihm gefährlich werden könnten. Jetzt hoffte er, dass sich keine größeren Exemplare im Wasser befanden. Entkommen würde er ihnen nicht. Dafür schwamm ein Lemming einfach zu langsam.

Schneller, als er es erwartet hatte, erreichte Hilmer den Grund des Sees. Er war aber nicht glatt und eben, sondern steinig, voller Algen und anderer Pflanzen. Wie sollte er hier eine kleine Truhe mit einem Schlüssel darin finden? Hastig durchwühlte der Lemming den Boden mit seinen Fingern und ärgerte sich sofort selbst darüber. Binnen Sekunden war das Wasser so voller Sandkörnchen und Dreck, dass er überhaupt nichts mehr erkennen konnte. Dann wurde ihm die Luft knapp. Er musste auftauchen.

„Hast du etwas gefunden?“, rief Hörg Hilmer vom Ufer aus zu, als er zum ersten Mal wieder auftauchte.

„Nein. So schnell geht das nicht.“

„Was gibt es denn da unten?“, wollte Henni wissen.

„Steine und Dreck“, antwortete Hilmer und verschluckte sich dabei fast an der Brühe. Es war nicht leicht, gleichzeitig auf der Stelle zu schwimmen und mit seinen Freunden zu reden. Wasser war einfach nicht sein Metier. Oft zum Boden hinuntertauchen konnte er nicht. Noch drei bis vier Versuche, dann würde er zurück zum Ufer und eine Weile verschnaufen müssen, wenn er nicht ertrinken wollte.

Hilmer beschloss deshalb, sich jetzt nicht weiter mit Henni und Hörg abzugeben. Mit ihnen konnte er sprechen, wenn er wieder zurück war. Als er den Grund des Sees erreichte, hatte sich die Sicht dort inzwischen ein bisschen gebessert. Dennoch schwammen mehr Teilchen in der Brühe herum, als bei seinem ersten Tauchversuch. Diesmal untersuchte er den Boden vorsichtiger. Hilmer schwamm am Grund entlang und suchte ihn mit seinen Augen ab. Er wusste, dass er das Kästchen niemals finden würde, wenn es vom Sand verdeckt war, und hoffte einfach darauf, dass es frei lag. Bedachte er allerdings, wie lange es schon hier unten sein musste, verließ ihn die Zuversicht.

Als er zum zweiten Mal auftauchte, verzichtete Hilmer darauf, zu den vier anderen Lemmingen zu schauen. Er atmete tief durch, holte Luft und ließ sich erneut nach unten sinken. Nach dem sechsten Versuch schwamm Hilmer zurück zum Ufer.

„Du siehst nicht so aus, als hättest du Erfolgt gehabt“, begrüßte Hörg seinen Freund.

„Nein. Es ist schwierig, da unten etwas zu entdecken. Wenn das Kästchen da ist, werde ich es aber finden.“

„Du willst noch einmal in den See?“, fragte Henni überrascht.

„Natürlich. Ich kann doch jetzt nicht aufgeben. Wenn unsere beiden Helden hier sich auch nur einmal kurz um ihre Aufgabe gekümmert hätten, wüssten wir, wo der Schlüssel ist.“

Anton und Paula schauten betreten zu Boden, sagten aber nichts.

„Wie oft willst du denn noch zum Grund des Sees tauchen?“, fragte Henni.

„So oft, wie es sein muss“, antwortete Hilmer entschlossen. „Ihr könnt mir ja helfen.“

„Lass uns die Arbeit aufteilen“, entgegnete Hörg. „Du schwimmst und wir versuchen, den Felsen zur Seite zu schieben.“

„Warum habt ihr das nicht bereits versucht, während ich im See unterwegs war?“

„Weil es mir gerade erst eingefallen ist.“

„Macht was ihr wollt“, sagte Hilmer unwirsch. „Ich gehe jetzt noch eine Runde schwimmen.“ Als er zum zweiten Mal in den See stieg, kostete es den Lemming bei Weitem nicht so viel Überwindung wie zuvor. An die Temperatur des Wassers hatte er sich gewöhnt und empfand sie bei der Hitze sogar als angenehm. Sein größtes Problem war und blieb die Sicht. So sehr er sich auch bemühte, wenig Dreck aufzuwühlen, ganz vermeiden konnte er es nicht.

Hilmer konnte nicht sagen, wie oft er bereits zum Grund des Sees getaucht war, als er endlich etwas entdeckte. Plötzlich ertastete er mit der rechten Pfote eine scharfe Kante am Boden. Diese war so klein, dass er sie nie hätte sehen können. Hastig begann er damit, den Dreck wegzukratzen, und legte so tatsächlich eine kleine Metallplatte frei. Bevor er es aber schaffen konnte, den Gegenstand ganz aus dem Sand herauszuholen, brauchte er dringend Luft. So schnell er konnte, tauchte er auf und atmete gierig ein.

„Was ist los?“, rief Hörg aufgeregt und stand auf. Anscheinend hatte er gemerkt, dass Hilmer im Wasser hektischer geworden war. Der verzichtete auf eine Antwort und tauchte erneut ab. Zunächst gelang es ihm nicht, die Stelle wiederzufinden. Verzweifelt suchte er den Boden ab und merkte, wie ihm die Luft langsam wieder knapp wurde. Es half nichts. Hilmer musste auch diesen Versuch abbrechen.

Als er kurz auftauchte, hörte er, wie Henni und Hörg irgendetwas schrien verstand die Worte aber nicht. Zurück am Grund des Sees versuchte er, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Dort, wo er die Platte gefunden hatte, musste das Wasser trüber sein, weil er den Sand aufgewühlt hatte. Als er sich einmal um die eigene Achse drehte, fand Hilmer tatsächlich eine Stelle, an der mehr Dreck im Wasser schwebte. So schnell wie möglich schwamm er darauf zu und sah zu seiner Freude das Schimmern des Metalls. Sofort grub er weiter und schaffte es endlich, das Kästchen aus dem Sand herauszuholen. Er tauchte auf, sog gierig Luft in die Lungen und schwamm zum Ufer. Dort blieb er völlig ausgepumpt am Boden liegen. Sofort waren Henni und Hörg bei ihm und sahen besorgt auf ihn hinunter.

„Ich habe es gefunden“, sagte Hilmer und hob die Pfote mit dem Kästchen mühsam ein bisschen an.

 

36

 

„Und wie willst du den Kasten jetzt aufmachen?“, fragte Hörg und betrachtete Hilmers Fund von allen Seiten. „Hier ist ein Schloss, aber das hilft uns nicht wirklich weiter.“

„Dann brechen wir das Ding eben auf.“

„Das würde ich nicht tun“, sagte Anton und hielt Hilmers Arm fest, als der wieder nach dem Kasten greifen wollte.

„Und warum nicht?“

„Weil du es damit zerstörst.“

„Kannst du das auch ein ganz kleines bisschen genauer erklären?“, fuhr Hilmer Anton an.

„Unsere Vorgänger haben uns davor gewarnt, die Schatulle mit Gewalt zu öffnen, weil dann der Inhalt von Säure zerfressen würde, die sich innerhalb des Deckels befindet.“

„Dann gib mir den Schlüssel.“

„Den haben wir nicht“, erklärte Anton fast weinerlich.

„Sag mal, bist du sicher, dass ihr wirklich zu den VHL gehört und nicht von Helmut beauftragt wurdet, diese Organisation für immer zu zerschlagen?“ Hilmer spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. War das noch zu fassen?

„Was willst du damit sagen?“, fragte Paula vorsichtig.

„Dreimal darfst du raten.“ So sehr Hilmer es auch versuchte, es gelang ihm nicht mehr, die Beherrschung zu wahren. „Ihr seid absolut unfähig und mit Abstand die dämlichsten Lemminge, die ich jemals getroffen habe!“, schrie er dem Weibchen ins Gesicht. „Ich gebe zu, dass ihr wusstet, wo der Schlüssel ist, aber das war es dann auch. Nicht sehr viel für eine Gruppe, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, einem Propheten den Weg zu ebnen. Oder siehst du das anders?“

„Du hast ja überhaupt keine Ahnung“, antwortete Paula. „Du kommst hierher, stellst Forderungen und schreist herum.“

„Jetzt sei nicht gleich beleidigt“, sagte Hilmer ein bisschen ruhiger.

„Es ist nicht leicht, auf ein Ereignis zu warten, von dem du dir eigentlich sicher bist, dass es nie eintritt“, erklärte Anton. „Wir haben auf sehr, sehr viel verzichtet und an diesem See ein einsames und bescheidenes Leben geführt. Du hast kein Recht, uns zu verurteilen.“

„Das tue ich ja auch gar nicht“, räumte Hilmer ein. „Ich bin nur enttäuscht, dass es so kurz vor dem Ziel nicht mehr vorangeht. Es hängt sehr viel davon ab, dass wir die alten Chroniken finden. Das wisst ihr doch.“

„Wir sind ja auch bereit, euch bei der Suche zu helfen“, sagte Anton. „Wo willst du hin?“

Die Frage war an Paula gerichtet, die gerade aufstand und zu einer kleinen Höhle in der Felswand eilte, die den beiden Lemmingen sicherlich Schutz vor Wind und Wetter bot.

„Keine Sorge, ich bin gleich wieder da.“

Hilmer, Henni, Hörg und Anton schauten gebannt zu, wie das Weibchen in einer Holzkiste herumwühlte, in der sie mühelos selbst Platz finden könnte. Es dauerte etwa eine Minute, bis sie einen triumphierenden Schrei ausstieß und etwas aus der Truhe herausnahm. Als sie wieder bei den anderen ankam, erkannten diese, dass es sich um einen braunen Lederbeutel handelte. Paula öffnete ihn und schüttete den Inhalt zwischen ihnen auf den Boden. Neben ein paar Perlen und einem grünem Edelstein kam auch ein winziger Schlüssel zum Vorschein. Mit strahlenden Augen steckte Paula ihn ins Schloss des Kästchens und atmete erleichtert aus, nachdem sie ihn darin mühelos herumdrehen konnte. Vier Augenpaare sahen zu, wie das Weibchen langsam den Deckel öffnete.

Zu aller Überraschung war die Schatulle innen völlig trocken. Im Laufe der Jahre schien kein Tropfen Wasser hineingelangt zu sein. Auf einem roten Samtpolster lag der Schlüssel. Er bestand aus Gold und der Griff zeigte einen Dreizack, der dem von Hilmers Exemplar bis ins kleinste Detail glich.

„Somit hätten wir zwei von drei“, sagte Hilmer und schaute zu der Stelle, wo der Felsbrocken vor dem Eingang der Höhle lag, durch die sie zu den geheimen Schriften gelangen sollten. Es überraschte ihn nicht, dass Henni und Hörg den Stein in der Zwischenzeit nicht weggerollt hatten, auch wenn er natürlich gehofft hatte, sie würden es tun. Entschlossen ging er zu der Stelle und schaute von dort zurück zu seinen Freunden. „Kommt ihr jetzt her und helft. Oder soll ich das hier auch wieder allein machen.“

„Selbstverständlich unterstützen wir dich dabei“, erklärte Hörg. „Wir hätten diese Arbeit längst verrichtet, mussten aber aufpassen, dass dir im See nichts geschieht.“

„Das ist euch erfreulicherweise auch gelungen“, sagte Hilmer spöttisch.

„Willst du nur reden oder holen wir uns jetzt die Schriften?“, wollte Henni wissen. Offensichtlich hatte er keine große Lust, sich weiterhin vorwerfen zu lassen, dass er nichts tun würde.

Mit vereinten Kräften gelang es den drei Lemmingen, den Felsbrocken langsam zur Seite zu rollen. Paula und Anton schauten gespannt zu. Sie waren sicherlich die schwächsten der fünf Lemminge und alle zusammen hätten an dem Stein sowieso keinen Platz gefunden.

Wie erhofft, kam hinter dem Felsbrocken der Eingang zu einer Höhle zum Vorschein. Allerdings hatte Hilmer nicht damit gerechnet, dass sie schon nach einem Meter auf die erste Tür stoßen würden. Er probierte den Schlüssel aus dem See aus, kam mit diesem aber nicht weiter. Mit Etnas Schlüssel hatte er mehr Glück und es gelang ihm, das Schloss zu öffnen. Er zog die Tür auf und die fünf Lemminge blickten in eine Höhle, die nach weiteren zehn Metern wieder verschlossen war. Diesmal hatten die Schatzsucher Pech. Keiner der Schlüssel passte und es gab keine andere Möglichkeit mehr, als mit den Kaubonbons zu Rosa zu gehen.

„Jetzt bleibt nur noch der Weg zu Helmut“, sagte Henni und schaute Hilmer bedauernd an. „Es tut mir leid, aber wir haben keine andere Wahl. Wir müssen zumindest so tun, als würden wir dich dem König ausliefern. Ansonsten kommen wir nicht in unser Labor.“

Hilmer wusste, dass der Erfinder Recht hatte, auch wenn es ihm nicht gefiel.

„Denk daran, dass die Tür im Kerker sich nicht richtig schließen lässt“, versuchte Hörg seinen Freund aufzumuntern. „Du wirst nicht lange gefangen sein.“

„Du hast recht“, sagte Hilmer „Lasst uns die Sache hinter uns bringen. Ihr geht mit den Bonbons zu Rosa und wir treffen uns dann später wieder hier.“

„Was sollen wir machen?“, fragte Anton.

„Ihr bleibt hier und passt auf die Höhlen auf“, antwortete Hilmer. „Ich glaube zwar nicht, dass jemand kommt, aber sicher ist sicher.“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *