20. Dezember: Kapitel 33 und 34

33

 

Hilmer, Henni und Hörg trafen auf ein völlig abgemagertes Pärchen. Das Weibchen war so dürr, dass man die Knochen ihres Brustkorbes durch ihr Fell hindurch erkennen konnte. Ihr Blick war voller Angst und auch ihr Partner schien sich vor den drei Fremden zu fürchten. Sein Körper sah ausgemergelt aus und es gab zahlreiche Lücken in seinem grauen, glanzlosen Fell.

„Bevor ihr jetzt aufspringt und wegrennt, kann ich euch versichern, dass wir euch nichts Böses wollen“, sagte Hilmer. Er dachte daran, wie er wohl selbst reagieren würde, wenn plötzlich und unerwartet drei ihm körperlich überlegene Fremde vor ihm stünden.

„Wir wollen nur etwas trinken“, ergänzte Henni, stürzte ans Ufer, ging in die Knie und hielt den Kopf in das eisige Wasser.

Hilmer und Hörg zögerten einen Moment, taten es ihm dann aber nach. Nachdem sie sich erfrischt hatten, setzten sich die drei Freunde zu dem Pärchen ans Ufer und schauten sie neugierig an. Noch nie hatten sie Lemminge gesehen, die sich auch nur annähernd in einem so schlechten Zustand befunden hatten. Dabei waren sie auf keinen Fall älter als sie selbst.

„Wer seid ihr?“, fragte Hilmer, nachdem er eine Weile darauf gewartet hatte, dass einer der Fremden das Gespräch begann.

„Wer will das wissen?“

„Ich.“

„Lass den Unsinn! Sag mir deinen Namen.“

„Ich habe zuerst gefragt“, antwortete Hilmer grinsend.

Das Männchen sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Wenn ihr mir so kommt, werde ich nicht mit euch reden. Ich brauche euch nicht. Ihr dagegen, seid offensichtlich auf der Suche nach etwas.“

„Also gut. Mein Name ist Hilmer und das sind meine Freunde Henni und Hörg.“

„Warum seid ihr hier?“

„Wir wollten uns die Gegend anschauen.“

„Das ist eine Lüge“, mischte sich das Weibchen zum ersten Mal in das Gespräch zwischen ihrem Gatten und Hilmer ein. „Kein Lemming schaut sich einfach so die Gegend an. Alle wollen nur zum Schicksalsberg.“

„Da war ich bereits. Kurz vor dem Sprung habe ich mir es dann anders überlegt und bin umgekehrt.“

Nicht nur die beiden Fremden schauten Hilmer nach dieser Aussage überrascht an, auch Henni und Hörg schienen sich darüber zu wundern, dass er so schnell mit der Wahrheit herausrückte. Denn die meisten Lemminge würden auf ein derartiges Bekenntnis eher abweisend, wenn nicht sogar boshaft reagieren. Das tat das Pärchen jedoch nicht.

„Jetzt könnt ihr uns erzählen, was ihr beiden hier macht“, sagte Henni, der als erster die Sprache wiederfand.

„Wir leben hier. Ich bin Anton und das ist mein Weib Paula.“

„Aber wieso?“, bohrte Henni weiter. „Hier gibt es doch nichts – außer dem See.“

„Auf den ersten Blick sicher nicht“, gab Anton zu. „Uns gefällt es aber. Wir wollen unsere letzten Tage genießen, bevor auch wir zum Todesfelsen gehen.“

„So wie ihr ausseht, wird man euch den Schicksalsberg hinauftragen müssen“, sagte Henni. „Habt ihr überhaupt noch die Kraft, dorthin zu gehen?“

„So schwach sind wir nun auch wieder nicht. Paula und ich leben bescheiden. Wir sind aber nicht krank.“

„Siehst du Henni“, sagte Hörg lachend und schlug seinem besten Freund auf die Schulter. „Mann muss nicht übergewichtig sein, um ein glückliches Leben zu führen.“

Selbst Paula musste bei dieser Bemerkung lachen und Henni blieb nichts anderes übrig, als die Spitze unkommentiert über sich ergehen zu lassen. Ein Blick in sein Gesicht reichte Hilmer aber aus, um zu erkennen, dass es hierfür noch eine Retourkutsche geben würde. Der kleine Scherz half aber dabei, die Stimmung zwischen den fünf Lemmingen weiter aufzulockern. Auch wenn die beiden Parteien noch nicht genau wussten, was sie voneinander halten sollten, lag zumindest keine Feindseligkeit mehr in der Luft.

Hilmer schaute sich das Pärchen nachdenklich an. Konnte es sein, dass er hier zwei Vertreter der VHL vor sich hatte? Er überlegte, ob er es wagen konnte, diese Frage offen zu stellen, und kam zu dem Ergebnis, dass es im schlimmsten Fall dazu führen würde, dass er, Henni und Hörg die Suche fortsetzen mussten. Gefährlich werden konnte ihnen das Pärchen sicher nicht. Überraschenderweise waren es aber die beiden, die das Gespräch in die entsprechende Richtung lenkten.

„Wir sind so eine Art Wächter“, sagte Paula plötzlich und sah Hilmer ernst an. „Schon als Kinder haben wir unser Leben einer Sache verschrieben, die sehr viel wichtiger ist als jeder einzelne von uns.“

„Was meinst du?“, fragte Hilmer, in dem die Hoffnung wuchs, das Ziel seiner Suche erreicht zu haben.

„Es ist kein Zufall, dass du zu uns kommst“, antwortete Anton anstelle seines Weibes. „Kannst du uns sagen, warum du vom Todesfelsen zurückgekehrt bist?“

„Ich habe keinen Sinn darin gesehen, mich in den Tod zu stürzen.“

„Und das, obwohl du weißt, dass danach das gelobte Land auf dich wartet?“ Der Blick, den Anton Hilmer jetzt zuwarf, zeigte eine Mischung aus Neugierde und List.

Henni und Hörg wollten Hilmer offensichtlich das Feld überlassen. Sie machten es sich auf dem Boden bequem und hörten dem Gespräch zwischen ihrem Freund und dem Pärchen scheinbar gelangweilt zu. Hilmer war aber klar, dass auch die beiden Erfinder innerlich vor Neugierde kurz vor dem Platzen standen.

„Das gelobte Land gibt es genauso wenig wie die heiligen Schriften des fruchtlosen Wonibalts“, sagte Hilmer.

„Ich müsste dich jetzt an Helmuts Wächter ausliefern und ihnen von deinem Frevel erzählen“, sagte Anton nachdenklich. „Das weißt du. Und trotzdem erzählst du mir, dass du dich weigerst, an den Selbstmorden teilzunehmen. Warum?“

„Weil du genauso wenig an die angeblichen Lehren glaubst wie ich.“

„Was macht dich da so sicher?“, fragte Anton.

„Ich glaube, ich weiß, zu welcher Gruppe ihr beiden gehört“, sagte Hilmer vorsichtig.

„Jetzt bin ich wirklich gespannt“, antwortete diesmal Paula. „Was meinst du?“

„Ihr gehört zu den Vorboten des heilbringenden Lemmings.“

„Wie kommst du auf so einen Unsinn?“

Hilmer beantwortete Antons Frage nicht, sondern sah ihn nur einen Moment lang nachdenklich an. Dann entschloss er sich, alles auf eine Karte zu setzen. Er holte den Schlüssel aus seinem Fell hervor und legte ihn zwischen die beiden Fremden in den Sand.

Für ein paar Sekunden schienen Anton und Paula vor Schreck erstarrt zu sein. Dann trat ein feuriger Glanz in ihre Augen. Sie schnellten empor, sprangen auf Hilmer zu und gingen vor ihm auf die Knie. Der war völlig überrascht und schaffte es, im letzten Augenblick, sich dagegen zu wehren, dass ihm die beiden abgemagerten Gestalten die Füße küssten. So schräg die Situation in diesem Moment auch war. Hilmer spürte, wie ihn ein großes Glücksgefühl durchströmte. Er, Henni und Hörg hatten die VHL gefunden. Eine weitere Hürde war genommen. Helmut würde sein Volk nicht mehr lange beherrschen.

 

34

 

„Du bist der heilbringende Lemming“, sagte Paula ehrfürchtig. „Wir haben unser ganzes Leben auf dich gewartet.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Tag noch erleben darf“, fügte Anton hinzu.

„Nun übertreibt mal nicht“, sagte Hörg spöttisch. „Ohne uns beide säße Hilmer noch im Kerker des Palastes und wüsste nicht, was er als Nächstes machen sollte.“

„Wir mussten ihm mehrfach das Leben retten“, pflichtete Henni seinem Bruder bei.

„Was soll das jetzt?“, fragte Hilmer ärgerlich. „Immerhin habe ich euch in der Rattenstadt ebenfalls aus einer Zelle herausgeholt.“

„Da sind wir aber nur hingegangen, weil wir dir helfen wollten“, widersprach Hörg.

„Was willst du eigentlich damit sagen?“

„Ich will nur vermeiden, dass du den ganzen Ruhm allein erntest.“

„Genau“, sagte Henni. „Es müsste eigentlich die Vorboten der heilbringenden Lemminge heißen.“

„Ist das wirklich wichtig“, fragte Hilmer irritiert.

„Nein“, antworteten Henni und Hörg wie aus einem Mund und brachen in schallendes Gelächter aus.

„Sind die immer so?“

„Ja“, beantwortete Hilmer Antons Frage. „Aber sie haben recht. Ohne die beiden wäre ich nicht so weit gekommen. Und auch den Rest des Weges werden wir gemeinsam gehen. Oder etwa nicht?“

„Selbstverständlich“, sagte Hörg in versöhnlichem Tonfall.

„Nachdem das jetzt geklärt ist, können wir ja zum eigentlichen Thema zurückkehren.“ Hilmer schaute Anton und Paula auffordernd an.

Die beiden schienen nicht so recht zu wissen, was sie sagen sollten. Dann fasste sich das Männchen ein Herz. „Wir sind die letzten beiden, die von den VHL übrig geblieben sind“, sagte er.

„Dann könnt ihr mir sicher das Amulett zeigen, das euch als Mitglieder der Bruderschaft ausweist?“

„Natürlich“, antwortete Paula. Das Weibchen griff mit der Pfote in den Sand und zog eine goldene Plakette hervor, in deren Mitte der gleiche Dreizack zu sehen war wie auf dem Griff des Schlüssels.

Für Hilmer war damit der letzte Beweis erbracht. Er war sich sicher, dass er und seine Freunde dem Pärchen vertrauen konnten. „Wieso seid ihr nur noch zu zweit? Es muss doch früher mehr von euch gegeben haben. Zumindest hat mir Etna das gesagt.“

„Du warst bei der Kröte?“, fragte Paula überrascht. „Dann bist du mutiger, als du aussiehst.“

Hilmer ignorierte die letzte Bemerkung des Weibchens und wandte sich wieder an ihren Partner. „Was ist mit den anderen?“

„Kurz nach ihrer Gründung zählten die Vorboten des heilbringenden Lemmings fast dreißig Mitglieder. Damals war es schwierig, die Gruppe geheim zu halten, weil sie so groß war. Im Laufe der Jahre festigten sich die Lehren des jeweiligen Königs in den Köpfen unseres Volkes immer mehr. Die wenigen, die etwas von unserer Bewegung hörten, betrachteten uns als Spinner oder glaubten erst gar nicht an unsere Existenz. Es wurde zunehmend schwerer, junge Lemminge für unsere Sache zu begeistern. Alle denken ja, dass es uns gut geht und dass wir in das gelobte Land kommen. Es wird einfach kein Grund dafür gesehen, dass sich irgendetwas ändern sollte.“

„Wieso habt ihr beide keine Nachkommen?“, wollte Henni wissen. „Ihr seid doch ein Paar, oder nicht?“

„Wir sind Geschwister“, antwortete Anton. „Und trotzdem ein Paar. Glaub nicht, dass wir es nicht versucht hätten. Paula ist aber einfach nicht trächtig geworden.“

„Habt ihr da vielleicht auch ein Mittel?“, fragte Hilmer Hörg leise, doch der schüttelte den Kopf.

„Wie sollten wir erklären, dass wir etwas erfinden, was die Schwangerschaft fördert, wenn sich unser Volk von den Klippen stürzt, weil es so viele von uns gibt. Nein, Hilmer. Es gibt einfach keinen Bedarf für so was.“

„Was meint ihr beide?“, wollte Paula wissen,

„Das ist nicht so wichtig“, wich Hörg aus. „Vielleicht erzähle ich euch später davon.“

„Wenn ihr so große Probleme habt, junge Lemminge anzuwerben, wundert es mich, dass eure Organisation noch nicht ausgestorben ist“, sagte Hilmer und bereute die Worte sofort, als er Paulas traurigen Blick sah.

„Wenn wir beide sterben, wird die Organisation auch sterben“, sagte Anton leise.

„Dann seid ihr also tatsächlich die letzten Vorboten des heilbringenden Lemmings.“ Hilmer lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Wenn ich zwei Wochen später gekommen wäre, hätte es euch bereits nicht mehr gegeben und alles wäre vorbei.“

„Ich glaube auch so nicht, dass wir euch eine große Hilfe sein können“, sagte Anton.

„Da irrst du dich gewaltig“, widersprach Hilmer. „Etna hat mich zu euch geschickt. Sie sagt, dass ihr uns zu den wahren Chroniken unseres Volkes führen könnt.“

„Ganz so einfach ist das nicht. Du hast einen Schlüssel. Wenn ich die Worte meines Vaters richtig in Erinnerung habe, brauchen wir aber derer drei.“

„Wir wissen, wer den zweiten hat“, sagte Hilmer und lächelte den beiden Wächtern zu. „Mit eurem haben wir also alle komplett.“

„Ich enttäusche dich nur ungern“, erklärte Anton. „Aber … wir haben den Schlüssel nicht.“

„Was soll das heißen?“ Hilmers Stimme schwoll fast zu einem Schrei an. Sollte jetzt doch noch alles umsonst gewesen sein? „Ist es nicht eure Aufgabe die Schriften und den Weg dorthin zu bewachen?“

„So genau wissen wir das nicht“, antwortete Anton.

„Kannst du mir bitte erklären, was du mir damit sagen willst?“

„Du solltest Hilmer nicht zu sehr ärgern“, sagte Henni grinsend. „Seine Nerven sind zurzeit nicht die besten.“

„Am Ende schmeißt er dich noch höchstpersönlich vom Todesfelsen“, pflichtete Hörg seinem Bruder bei.

„Hört mit dem Blödsinn auf“, sagte Hilmer ärgerlich. „Dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Und ihr sagt mir endlich, was ihr wisst. Kennt ihr nun den Weg zu den Chroniken oder nicht?“

„Angeblich soll der Eingang zu den Höhlen hinter diesem Felsen liegen“, sagte Anton und deutete auf einen großen, runden Steinblock, der direkt an der Steilwand lag und mit ihr verwachsen zu sein schien.

„Das heißt, du weißt es nicht genau?“

„Hilmer, es tut mir leid. Paula und ich sind einfach zu schwach, den Eingang zu zweit freizulegen. Wir haben die Höhlen noch nie betreten.“

„Was macht ihr dann hier?“, wollte Henni wissen.

„Sie verhindern, dass ein anderer den Stein wegrollt“, vermutete Hörg.

„Was ist mit dem Schlüssel?“, fragte Hilmer. „Wisst ihr wenigstens, wo er sich befindet?“

„Angeblich soll er in der Mitte des Sees in einer kleinen Metallkiste sein.“

„Und ihr habt nie versucht, ihn da herauszuholen?“ Hilmer zeigte Anton den Käfer. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Warum mussten ausgerechnet die dümmsten Lemminge der Gegend, sah man einmal von Turgi, Targi und Torgi ab, die letzten Mitglieder der VHL sein?

„Wir können nicht schwimmen“, erklärte Paula entschuldigend, aber Hilmer hörte bereits nicht mehr zu. Ohne eine weiteres Wort ging er zum Ufer und ließ sich nach kurzem Zögern ins Wasser gleiten.

 

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