19. Dezember: Kapitel 31 und 32

31

 

„Du glaubst ja wohl nicht im Ernst, dass du der heilbringende Lemming bist?“, sagte Hörg und brach in schallendes Gelächter aus.

Auch Henni konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und schüttelte den Kopf. „Selbst wenn alles stimmt, was dir Etna erzählt hat, bedeutet dies nicht, dass diese Vorboten auf dich warten. Wenn es sie überhaupt gibt.“

„Warum seid ihr euch da so sicher?“, sagte Hilmer beleidigt. So abwegig wie seine Freunde fand er den Gedanken nicht, dass er derjenige war, der dem Volk der Lemminge seine wahren Lehren zurückbringen konnte. Immerhin hatte er bereits einiges in Erfahrung gebracht und kannte einen Weg, wie er den König vom Thron stürzen konnte.

Die drei Freunde hatten es sich unter einem Felsvorsprung des Schicksalsberges bequem gemacht und genossen ihr wohlverdientes Nachmittagsbier. Hörg hatte dies in der festen Überzeugung geholt, dass sie sich nach den Abenteuern im Schicksalsberg einen kühlen Schluck verdient hätten. Auch wenn Henni, der ansonsten beileibe kein Kostverächter war, nicht zu den größten Biertrinkern zählte, erfreute auch er sich an dem erfrischenden Kaltgetränk.

Nachdem Henni und Hörg erzählt hatten, wie sie in die Gefängniszelle der Ratten gekommen waren, berichtete Hilmer von seinen Erlebnissen. Es dämmerte fast, als er endlich fertig war. Da es eine warme Sommernacht war, hatte keiner der drei ein Problem damit, sie im Freien zu verbringen. Es gab keinen Platz, wohin sie gehen konnten, und hier würde sie keiner suchen.

„Nun mal im Ernst Hilmer“, startete Henni einen Erklärungsversuch. „Wenn es diese VHL wirklich gibt, warten die seit zwanzig Jahren darauf, dass ihnen der neue Heiland erscheint. Generationen von ihnen sind bereits über den Todesfelsen gesprungen. Ihre Ideale wurden vermutlich mündlich überliefert. Meinst du wirklich, sie wissen überhaupt noch, auf was sie warten?“

„Das spielt gar keine Rolle“, sagte Hilmer. „Alles was wir finden müssen, ist der Weg zu den Chroniken, die der Rat der vier Weisen hinterlassen hat. Mit diesen Büchern werden wir Helmut zur Strecke bringen.“

„Und was machen wir, wenn uns die anderen Lemminge nicht glauben?“

„Wenn sie die Schriften sehen, werden sie erkennen, dass der König ein Betrüger ist“, beantwortete Hilmer Hörgs Frage. „Was ist los mit euch beiden? Warum seid ihr auf einmal dagegen, dem Mistkerl und seinem fetten Hamster endlich das Handwerk zu legen?“

„Das sind wir ja gar nicht“, sagte Henni. „Hörg meint doch nur, dass wir vorsichtig sein müssen. Du weißt doch selbst, wie verblendet unsere Artgenossen sind.“

„Das schon. Aber wir sollten es zumindest versuchen.“

„Was wir ja auch werden“, stimmte Henni Hilmer zu. „Was machen wir als Nächstes?“

„Wir müssen Rosas Schlüssel bekommen. Damit haben wir schon zwei und machen uns auf die Suche nach den VHL. Wenn wir die Schriften haben, versuchen wir das Volk zu mobilisieren und stürzen den König.“

„Wie willst du das machen?“, fragte Hörg. „Wir können uns schlecht auf den Schicksalsberg stellen und versuchen die Lemminge aufzuhalten, die vom Todesfelsen springen wollen. Die überrennen uns oder schleifen uns einfach mit sich.“

„Ich weiß selbst noch nicht genau, wie wir das machen sollen. Uns wird schon etwas einfallen.“ Hilmer wunderte sich darüber, dass seine Freunde seinem Plan nicht zustimmten. Er hatte die beiden als sehr aktive Lemminge erlebt, die sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen ließen. Jetzt sah es so aus, als wollten sie kneifen. Das passte nicht zu den sonst so forschen Erfindern.

„Ich verstehe euer Zögern nicht“, sagte Hilmer. „Ihr wart es doch, die mir überhaupt erst erzählt haben, dass ich zu Etna gehen soll. Jetzt brauchen wir nur eure Bonbons zu holen und Rosa wird uns den Schlüssel geben.“

„Genau da liegt das Problem“, sagte Henni und schaute betreten zu Boden.

„Wieso?“

„Wir können die Bonbons nicht holen“, antwortete Hörg. „Sie befinden sich in unserem Labor. Davor hat Helmut aber zwei Wachen postiert und lässt uns erst wieder rein, wenn wir seinen Auftrag erfüllt haben.“

„Was sollt ihr machen?“

„Dich finden und in den Palast bringen.“

„Seid ihr wahnsinnig?“, schrie Hilmer. Er sprang auf und baute sich drohend vor Hörg auf. „Du wirst mich nicht zurück in die Zelle bringen.“

„Jetzt beruhig dich wieder“, antwortete Henni. „Wir wollen dich dem König nicht ausliefern. Wir haben eben nur keine Möglichkeit, an die Bonbons zu kommen.“

„Dann wird Rosa außer sich sein und uns ihre Söhne auf den Hals hetzen. Den Schlüssel wird sie uns auf keinen Fall geben.“

„Wir könnten nur so tun, als würden wir dich Helmut übergeben“, schlug Hörg vor.

„Wie soll das denn gehen?“

„Ganz einfach, Hilmer. Du lässt dich einsperren, wartest bis der Wächter weg ist und spazierst wieder aus der Zelle heraus.“

„Wenn die inzwischen das Schloss repariert haben, sitze ich in der Falle.“

„Dann befreien wir dich eben“, sagte Henni. „Ich finde Hörgs Vorschlag gar nicht so schlecht. Anders kommen wir an die Bonbons nicht heran und ohne die bekommen wir den Schlüssel nicht. Wir haben keine andere Wahl.“

„Dann lasst uns gleich morgen früh zu Helmut gehen. Morgens ist er meistens noch gut gelaunt.“

„Nein, Hörg“, entgegnete Hilmer. „Bevor ich mich freiwillig in die Gewalt des Königs begebe, will ich sicher sein, dass uns die Schlüssel etwas bringen. Wir müssen die VHL finden. Wenn es die Chroniken wirklich gibt und wir wissen, wie wir an die Bücher gelangen können, dann machen wir es so, wie du es vorgeschlagen hast. Aber nicht vorher.“

„Und wie willst du die Vorboten finden?“, sprach Hörg die Frage aus, die sich alle stellten.

„Wir gehen zur Touristeninformation.“

„Du solltest lieber kein Bier mehr trinken“, schlug Henni vor und zeigte Hilmer den Käfer.

„Ich meine es ernst.“

„Der Kerl, der dort arbeitet, weiß nichts“, sagte Henni und tippte sich erneut an die Stirn. „Da nie ein Tourist kommt, ist das auch völlig wurscht. Alle Lemminge kommen nur wegen dem Schicksalsberg hierher. Das weißt du doch.“

„Das ist ja alles richtig“, gab Hilmer zu. „Wenn wir aber annehmen, dass die VHL sich in der Nähe der Tempelruine aufhalten, müssen wir diesen Platz finden.“

„Ich glaube zwar nicht, dass der Trottel von der Info etwas über die alten Gemäuer weiß, aber wir können ihn ja mal fragen.“ Hörg setzte die Bierflasche an seinen Mund und trank sie in einem Zug aus. „Vor morgen früh können wir aber sowieso nichts mehr machen. Also lasst uns jetzt schlafen.“

 

32

 

„Sagt mal, wovon redet ihr eigentlich?“, sagte der Bedienstete der Touristeninformation am nächsten Morgen, nachdem die drei Freunde ihm ihr Anliegen vorgetragen hatten.

„Wir wollen von dir wissen, welche Sehenswürdigkeiten für Touristen es hier außer dem Schicksalsberg gibt“, unternahm Hilmer einen weiteren Versuch.

„So etwas hat mich noch nie jemand gefragt.“

„Aber es ist doch dein Job, dass du Reisende über diese Dinge informierst“, sagte Henni.

„Wer sagt das?“

„Das Schild außen an der Tür“, antwortete Hilmer ärgerlich, der kurz davorstand, die Geduld zu verlieren.

„Ich weiß nichts von irgendwelchen Ruinen eines Tempels. Wer auch immer euch diesen Unsinn erzählt hat, erlaubt sich einen Scherz mit euch.“

„Ich kann dir versichern, dass unsere Quelle verlässlich ist“, sagte Hilmer mit gepresster Stimme. „Willst du nicht wenigstens einmal nachsehen, ob du in deinen Unterlagen einen Hinweis finden kannst?“

„Sag mal, hörst du mir nicht zu?“ Jetzt wurde auch der Angestellte der Information ärgerlich. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich euch nicht helfen kann? Versucht es meinetwegen in der Stadtbibliothek, wenn ihr mir nicht glauben wollt, dass es keine Ruinen gibt, und lasst mich in Ruhe.“

„Es ist unfassbar, dass Helmut so einen Dilettanten beschäftigt“, sagte Hörg. „Warum sitzt du hier eigentlich? Den Schicksalsberg finden die Besucher auch ohne deine Hilfe.“

„Allmählich fangt ihr drei Witzfiguren an, mir auf die Nerven zu gehen. Ich muss mich vor euch doch nicht rechtfertigen. Wenn ihr nicht bald verschwindet, werde ich euch die Wachen auf den Hals hetzen.“

„Wie willst du die hier herrufen?“, fragte Hörg verächtlich und stellte sich drohend vor den Lemming.

„Ihr wollt euch doch nicht an einem Bediensteten des Königs vergreifen. Wo kommt ihr überhaupt her?“

„Das werden wir dir nicht auf die Nase binden“, sagte Hilmer verärgert und ging ins Freie.

„Das war ja wohl ein Schuss in den Ofen“, motzte Hörg, nachdem er die Touristeninformation ebenfalls verlassen hatte.

„Das hätten wir uns sparen können“, pflichtete Henni seinem Bruder bei. „In die Bibliothek brauchen wir gar nicht erst zu gehen. Dort ist die Gefahr, dass dich einer der Wachen erkennt, noch größer als hier.“

„Ich war vor einigen Wochen einmal dort“, sagte Hilmer. „Die haben keine alten Bücher. Dort gibt es nur Unterhaltungsliteratur. Sicher hat Helmut alles vernichten lassen, was ihm hätte gefährlich werden können. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.“

„Aber was? Wir können ja nicht planlos im Gebirge herumrennen.“ Henni sah seine beiden Freunde ratlos an.

„Warum nicht?“, entgegnete Hörg. „So wahnsinnig weit wird der Tempel nicht von der Stadt entfernt gewesen sein. Wenn wir einen großen Kreis gehen, finden wir vielleicht einen Hinweis.“

„Weißt du, wie weit das ist?“, fragte Henni entsetzt.

„Hörg hat recht“, sagte Hilmer. „Wir haben nicht viele Möglichkeiten. Wenn wir hier herumstehen, kommen wir auch nicht weiter. Lasst es uns einfach einmal versuchen.“

 

Es dauerte nicht lange, bis die drei Lemminge ihren Entschluss bereuten, die Stadt in einem großen Bogen zu umrunden. Beginnend am Schicksalsberg waren sie im Uhrzeigersinn losgelaufen. Die Sonne knallte gnadenlos auf die Wanderer herunter, die nichts tun konnten, um sich vor der Hitze zu schützen.

„Wir hätten nicht um die Mittagszeit losgehen dürfen“, maulte Henni, dem es am schwersten fiel, die ungewohnt weite Strecke zurückzulegen.

„Wir hätten einfach nur etwas zu trinken mitnehmen sollen“, widersprach Hilmer. „Wir haben bereits die Hälfte der Strecke geschafft und dürfen jetzt nicht aufgeben.“

„Der ganze Marsch war eine blöde Idee. Was sollen wir denn hier finden?“

„Stell dich nicht so an“, wies Hörg seinen Bruder zurecht. „Ein kleiner Spaziergang wird dich schon nicht umbringen.“

Henni sagte nichts mehr, atmete aber mit Absicht schwerer und ließ sich leicht zurückfallen. So mussten Hilmer und Hörg immer wieder stehen bleiben, um auf ihn zu warten.

„Es ist wirklich unglaublich“, schimpfte Hilmer. „Fast könnte man meinen, dass du die VHL nicht finden willst.“

„Mach mal halblang. Nur, weil du dein zweites Leben feierst, müssen nicht alle in der Gegend rumrennen. So eilig haben wir es auch wieder nicht.“

„Zick nicht rum und beweg dich“, sagte Hörg. „Wir haben es ja bald geschafft. Hinter der Kuppe da vorn, werden wir den Schicksalsberg sehen können. Dann ist es nicht mehr weit.“

„Was, wenn wir bis dahin nichts finden?“, wollte Henni wissen. „Wollt ihr mir sagen, dass wir dann einen größeren Bogen schlagen müssen?“

„Das entscheiden wir, wenn es so weit ist“, antwortete Hilmer, der die Antwort auf diese Frage selbst nicht wusste. Er kannte sich in der Umgebung der Stadt genauso wenig aus wie die beiden Erfinder und so ziemlich alle anderen Lemminge, die hier lebten. Es gab einfach keinen Grund, sich so weit von den Behausungen zu entfernen.

Die letzte halbe Stunde waren die drei Lemminge stetig leicht bergauf gegangen. Jetzt erreichten sie endlich den höchsten Punkt des Hanges und waren gespannt, was sie dahinter sehen würden. Selbst Henni hörte auf sich zu beschweren und hielt mit den anderen beiden Schritt.

„Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber es ist definitiv mehr als das da“, sagte Hörg und deutete nach vorn.

„Und deswegen rennen wir hier hoch“, maulte Henni. „Hatte ich erwähnt, dass es eine blöde Idee war, die Stadt zu umrunden.“

„Ja, das hast du“, antwortete Hilmer. Enttäuscht schaute er den steinigen Hang hinunter. In der Ferne konnten sie den Weg hinauf zum Schicksalsberg erkennen. Dazwischen gab es nur Steine und Geröll. Etwa zweihundert Meter vor sich sah Hilmer so etwas wie eine Kante. Dahinter lag ein schmaler Streifen, den er nicht überblicken konnte.

„Wollen wir umkehren?“, fragte Henni nach einer Weile.

„Wieso denn das?“, entgegnete Hilmer.

„Weil es da vorn nicht mehr weitergeht.“

„Das weißt du doch gar nicht. Wenn wir jetzt umkehren, war der ganze Weg umsonst.“

„Hilmer hat recht“, sagte Hörg und ging weiter. „Auf die paar Meter kommt es jetzt auch nicht mehr an.“

„Meinetwegen“, knurrte Henni und setzte sich ebenfalls wieder in Bewegung.

Als sie näher an die Kante herankamen, sahen die drei zu ihrer Überraschung, dass sich ein kleiner See dahinter befand. Jetzt hatte es selbst Henni eilig, zu der Stelle zu gelangen, und erreichte sie sogar noch vor Hilmer und Hörg. Sie blieben stehen und blickten einen etwa drei Meter tiefen Abhang hinunter auf eine in der Sonne glitzernde Wasseroberfläche.

„Wie kommen wir jetzt da runter?“ Hörg schaute seine Freunde ratlos an.

Keiner von ihnen hatte geahnt, dass es hier draußen einen See gab. Da sie nicht sehen konnten, wie tief er war, trauten sie sich nicht, einfach nach unten zu springen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als einen Bogen zu schlagen und so an das Ufer zu gelangen. Nachdem die Lemminge etwa fünf Minuten an der Kante entlanggelaufen waren, fanden sie was sie suchten. Vier unterschiedlich große Felsbrocken bildeten eine Art Treppe, über die sie nach unten hüpfen konnten. Hilmer vermutete, dass sie irgendwann einmal absichtlich so hierhergeschafft worden waren. Die drei gingen den Weg zurück zum See und blieben plötzlich abrupt stehen. Vor ihnen am Ufer sahen sie zwei Lemminge, die auf dem Boden saßen und die Ankömmlinge misstrauisch beäugten.

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