18. Dezember: Kapitel 29 und 30

29

 

„Der Kerl kann sich ja wohl nicht einfach in Luft aufgelöst haben“, schimpfte Helmut und schritt im Audienzzimmer auf und ab. „Seitdem er aus unserem Kerker ausgebrochen ist, hat ihn niemand mehr gesehen.“

„Sei doch froh, dass du den Spinner los bist“, erwiderte Dieter. Der Hamster lag sichtlich gelangweilt neben dem Thron. Offenbar erschien ihm die ganze Aufregung um einen einzigen Lemming übertrieben.

„Ich will einfach vermeiden, dass sich andere ein Beispiel an Hilmers Verhalten nehmen. Ich verliere die Autorität bei meinem Volk, wenn einer nach dem anderen lebend vom Todesfelsen zurückkehrt.“

„Du siehst das zu schwarz“, versuchte Dieter seinen König zu beruhigen, doch der schüttelte den Kopf.

„Nein. Wir müssen die böse Saat, die der Kerl in die Köpfe der anderen Lemminge ausgestreut hat, ausmerzen. Dazu müssen wir ihn aber finden. Er darf nicht überleben.“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Dieter. „Der Galgen ist so gut wie fertig. Alle werden sehen, was passiert, wenn man sich gegen die heiligen Schriften stellt. Hilmer kann nicht gewinnen.“

„Dir ist aber schon klar, dass wir ihn fangen müssen, bevor wir ihn aufhängen können?“, erwiderte Helmut mürrisch.

„Das ist nur eine Frage der Zeit“, sagte der Hamster. „Immerhin sind insgesamt fünf Lemminge hinter ihm her. Sie werden ihn schnappen.“

„Es sind nur vier“, widersprach Helmut.

„Wieso das?“

„Ich habe heute Morgen die Nachricht bekommen, dass man Torgi tot in seiner Behausung gefunden hat. Von seinen Brüdern fehlt jede Spur.“

„Sie werden alles daransetzen, ihren Vetter zu erwischen“, vermutete Dieter. „Spätestens, seitdem sie ihren Bruder verloren haben, hassen sie den Kerl ganz sicher bis aufs Blut.“

„Das allein reicht aber nicht. Die beiden sind nicht die Hellsten. Hilmer ist zwar ebenfalls ein Idiot, ich traue es ihm aber durchaus zu, mit seinen Vettern fertig zu werden.“

„Was ist mit Henni und Hörg?“

„Die sind unberechenbar“, antwortete der König. „Ich würde meine Pfote nicht dafür ins Feuer legen, dass sie wirklich auf unserer Seite stehen. Auch wenn ihre Erfindungen nicht immer funktionieren, die beiden sind alles andere als dumm.“

„Sie wollen ihr Labor zurück. Also haben sie einen Grund, uns den Flüchtling auszuliefern.“

„Das hoffe ich auch. Verlassen können wir uns darauf aber nicht.“

„Was sollen wir sonst tun? Willst du die Wachen hinter dem Kerl herschicken?“

„Nein. Wir wissen nicht, wo wir suchen sollen. Es macht keinen Sinn, noch mehr Lemminge dafür einzusetzen.“

„Vielleicht ist Hilmer in das Höhlensystem im Schicksalsberg eingedrungen und versucht an die heiligen Schriften zu gelangen?“

„Nein, Dieter. Das ist Unsinn. Niemand weiß, dass die Kröte auf die Bücher aufpasst.“

„Und wenn doch? Irgendwo müssen die fünf Lemminge ja sein. Im Schicksalsberg kann Hilmer sich eine ganze Zeit lang versteckt halten. Vielleicht ist es besser, die Schriften zu holen.“

„Du willst doch nur selbst einen Blick in Wonibalts Vermächtnis werfen.“

„Das ist nicht fair. Ich wollte dir nur helfen.“

Dem König fiel es nicht schwer, Dieters wahre Absichten zu durchschauen. Außer dem Hamster hatte er niemanden erzählt, wo das vermeintliche Versteck der Bücher war. Es konnte also keiner auf die Idee kommen, freiwillig zu Etna zu gehen. Jeder Lemming hatte eine wahnsinnige Angst vor der Kröte. Hinzu kam, dass es in den Höhlen von Ratten nur so wimmelte. Nein. Dort konnte Hilmer nicht sein. Und wenn er doch dumm genug gewesen war, diesen Weg zu wählen, war er vermutlich schon tot.

„Der Verräter muss ein anderes Versteck gefunden haben.“

„Aber wo? Wenn er bei seinem Weibchen, oder sonst irgendwo in der Stadt untergekrochen wäre, wüssten wir das inzwischen.“

Helmut musste seinem Berater recht geben. Wenn der Flüchtling in der Nähe war, hätten ihn seine Fliegen längst über seinen Aufenthaltsort in Kenntnis gesetzt. Von diesen Informanten wusste aber selbst der Hamster nichts. Dieter war bei Weitem nicht in alle Geheimnisse eingeweiht, die in den Mauern des Palastes verborgen waren. Der König schätzte ihn wegen anderer Fähigkeiten. Nicht wegen seiner Leistung als Berater.

„Vielleicht hat Hilmer die Gegend verlassen“, gab der Hamster zu Bedenken. „Was hält ihn noch hier?“

„Das wäre eine Möglichkeit. Dennoch glaube ich nicht daran.“

„Das würde aber zumindest erklären, warum auch seine Verfolger verschwunden sind“, sagte Dieter.

„Bei Turgi und Targi mag das zutreffen. Henni und Hörg wären ihm aber sicherlich nicht gefolgt. Woher hätten sie auch wissen sollen, in welche Richtung Hilmer gegangen ist. Wenn der die Gegend wirklich verlassen hätte, wären sie längst wieder im Palast aufgetaucht und hätten darum gebettelt, wieder als Erfinder beschäftigt zu werden.“

„Vielleicht sind die beiden ebenfalls geflohen.“

„Jetzt geht aber wirklich die Phantasie mit dir durch“, lachte Helmut und schüttelte den Kopf. „Glaub mir. Henni und Hörg würden niemals einfach so verschwinden. Nicht, ohne vorher ihr Labor auszuräumen. An den Wachen werden sie allerdings nicht vorbeikommen.“

„Aber wo sind sie dann alle hin? Es bleiben ja nur noch die Höhlen im Schicksalsberg übrig.“

„Wenn du dir so sicher bist, dass dies der richtige Weg ist, warum gehst du dann nicht selbst zu Etna und fragst sie, ob sie Besuch bekommen hat?“

„Wieso ich?“

„Du wolltest doch unbedingt einen Blick in die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts werfen. Geh zu der Kröte und frag sie danach.“ Helmut wusste, dass sein Berater niemals auf diesen Vorschlag eingehen würde. Damit war sein Geheimnis sicher. Vor Dieter und auch vor den Lemmingen. Dennoch war es natürlich möglich, dass sich Hilmer tatsächlich bei den Nagern verkrochen hatte. Der König beschloss seine kleinen, fliegenden Informanten in die Rattenwelt zu schicken, um nach ihm zu suchen. In der Zwischenzeit wollte er sich von Dieter auf andere Gedanken bringen lassen.

 

30

 

„Haben sie dich jetzt also auch erwischt?“, rief Hörg entsetzt, als er Hilmer zwischen Bert und Gerd auf das Verlies zukommen sah.

„Keine Angst. Ich komme, um euch zu befreien.“

„Was ist mit den beiden Ratten?“, fragte Hörg misstrauisch.

„Nichts. Sie werden uns den Weg hier aus dem Berg heraus zeigen. Allein würden wir uns in dem Labyrinth aus Höhlen und Spalten verlaufen.“

„Sie helfen uns?“

Hilmer grinste Hörg an und nickte. „Auch wenn es dir schwerfallen wird, das zu glauben. Bert und Gerd stehen auf unserer Seite. Zumindest für den Augenblick. Ich habe einen Deal mit Rosa. Es gibt nicht viele Wesen hier unten, die es wagen würden ihr zu widersprechen. Stimmt`s Jungs?“

„Absolut“, pflichtete Bert dem Lemming bei.

„Was unsere Mutter sagt, ist Gesetz“, ergänzte Gerd.

„Da seht ihr es“, sagte Hilmer noch immer grinsend. „Es ist alles in Ordnung.“

„Wenn das so ist, lass uns endlich hier raus“, forderte Henni.

Bert zog den Riegel beiseite, öffnete die Tür und trat zwei Schritte zurück. Die beiden Gefangenen zögerten noch einen kurzen Moment, beeilten sich dann aber, ihre Zelle zu verlassen. „Was macht ihr überhaupt hier unten?“, fragte Hilmer, als seine Freunde endlich neben ihm standen.
„Wir wollten dich befreien, falls du in Gefahr gerätst“, sagte Hörg.

„Das hat ja prima funktioniert“, lachte Bert.

Hörg schaute die Ratte böse an und wandte sich dann wieder an seinen Freund. „Mein naiver Bruder hier ist schuld. Er ist auf die Schauspielerei deiner Vettern hereingefallen. Die saßen vor uns in der Zelle.“

„Er wird mir das ewig vorhalten“, knurrte Henni und wechselte dann schnell das Thema. „Hast du Etna gefunden?“

„Ja. Ich habe mich lange mit ihr unterhalten. Unsere Vermutung, dass Helmut ein Lügner ist, hat sich in einem Ausmaß bestätigt, das ich niemals für möglich gehalten hätte. Wir müssen seine Herrschaft beenden.“

„Was sagt die Kröte denn? Hast du die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts bekommen?“ Neugierig trat Henni von einem Fuß auf den anderen.

„Die sind für uns nicht mehr wichtig. Dafür suchen wir jetzt nach den wahren Chroniken unseres Volkes.“

„Wie bitte?“, fragte Hörg verwirrt.

„Ich erkläre euch das später genauer. Jetzt sollten wir sehen, dass wir aus dem Berg herauskommen.“

„Was ist mit Turgi und Targi?“, wollte Henni wissen.

„Die bleiben bei Rosa. Sie stellen keine Gefahr mehr da.“

Angeführt von Bert machte sich die kleine Gruppe auf den Weg durch das Höhlensystem im Schicksalsberg. Gerd bildete den Schluss und stellte so sicher, dass keiner der Lemminge verloren ging. Solange die beiden Ratten bei ihnen waren, würde kein anderes Mitglied ihres Stammes auf die Idee kommen, die drei Lemminge anzugreifen.

Als sie zu der riesigen Feuerstelle kamen, stockte Hilmer der Atem. Er hatte diese Stelle nun schon ein paar Mal passiert, sah jetzt aber zum ersten Mal, wie die Nager seine toten Artgenossen zur Mitte des Platzes schleppten und sie in die Flammen warfen. Auch Henni und Hörg waren sichtlich entsetzt.

„Es ist furchtbar, dies mit ansehen zu müssen“, sagte Hörg und schüttelte den Kopf.

„Ich bin schon froh, dass die Ratten unsere Toten nicht auffressen“, sagte Hilmer.

„Tun sie das nicht?“, fragte Henni überrascht.

„Wo denkst du hin?“, entrüstete sich Bert. „Ihr fangt bereits wenige Sekunden nach eurem Tod an zu stinken. Glaubst du wirklich, wir würden keine bessere Nahrung finden, als die Kadaver langsam verwesender Lemminge?“

„Ich dachte immer, dass ihr zumindest einen Teil der Leichen verspeist“, antwortete Henni.

„Das ist ganz großer Blödsinn“, erklärte Gerd. „Wenn du willst, kann ich dir ja ein gebratenes Beinchen holen. Du wirst schnell merken, dass Lemmingfleisch widerlich schmeckt.“

„Nein, danke“, sagte Henni und verzog das Gesicht. „Mach dir keine Mühe.“

Auf dem weiteren Weg sprachen die fünf kein Wort. Während die Ratten ob des Vorwurfs, sie würden die stinkenden Kadaver fressen, offensichtlich beleidigt waren, kämpften die Lemminge gegen den Brechreiz an, den der Gestank ihrer verbrennenden Artgenossen verursachte. So atmeten sie aus den unterschiedlichsten Gründen alle erleichtert auf, als sie einer der Gänge endlich ins Freie führte.

„Wir werden hier auf dich warten“, sagte Bert und reichte Hilmer zum Abschied die Pfote.

„Du willst noch einmal in den Berg?“, fragte Henni überrascht.

„Lasst uns später darüber reden. Ich erzähle euch die Geschichte von Anfang an. Das ist besser.“

„Da scheint noch einiges auf uns zuzukommen“, vermutete Hörg.

Nach kurzem Zögern verabschiedete er sich ebenfalls von den beiden Ratten und auch Henni folgte seinem Beispiel.

Bert und Gerd blieben am Eingang der Höhle zurück und sahen den Lemmingen hinterher.

„Ich brauche jetzt erst einmal ein kaltes Bier“, sagte Hilmer. „Dann könnt ihr euch auf eine Geschichte gefasst machen, die ihr nur schwer werdet glauben können. Ich schwöre aber bei meinem Leben, dass alles, was ich euch berichten werde, den Tatsachen entspricht.“

 

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