17. Dezember: Kapitel 27 und 28

27

 

Mit gemischten Gefühlen ging Hilmer den dunklen Gang zurück ins Zentrum des Berges. Er hatte sich den Besuch bei Etna anders vorgestellt und musste über alles nachdenken, was er von der Kröte erfahren hatte. Es wunderte ihn nicht besonders, dass Helmut ein betrügerischer Drecksack war. Doch das komplette Ausmaß des Netzes an Intrigen und Lügen, dass er über sein Volk gesponnen hatte, erschreckte ihn zutiefst.

Es würde nicht leicht werden, die anderen Lemminge davon zu überzeugen, dass es kein gelobtes Land gab. Sein Volk glaubte bedingungslos an die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts. Ihr ganzes Leben lang planten sie den Tag ihres Todes und freuten sich auf diesen – für sie so wichtigen – Moment. Erzählte Hilmer ihnen jetzt, dass dies alles nicht stimmte, würden sie ihn für einen Lügner halten. Er brauchte die alten Chroniken als Beweis. Ohne diese Schriften konnte er unmöglich vor sein Volk treten, um sie mit der Wahrheit zu konfrontieren.

Trotz allem blickte Hilmer aber noch recht optimistisch in die Zukunft. Es musste einfach möglich sein, die Vorboten des heilbringenden Lemmings zu finden. Sicher gab es noch irgendwo Reste des Tempels des ehemaligen Rates. Diese wollte Hilmer suchen. Vielleicht hielten sich die VHL sogar in der Nähe der Ruinen auf und konnten ihm einen Hinweis auf das Versteck der Chroniken geben.

Hilmers größte Sorge galt im Moment allerdings Rosa. Wie sollte er die sextolle Ratte davon überzeugen, ihm den Schlüssel abzutreten? Konnte sie überhaupt ein Interesse daran haben, dass die Lemminge ihre Massenselbstmorde beendeten? Der Lemming war sich sicher, dass sich die Nager von seinen Artgenossen ernährten. Das verrückte Weibchen konnte keinen Vorteil davon haben, ihm zu helfen. Andererseits war es Rosa gewesen, die ihm bei der Suche nach Etna die entscheidenden Hinweise gegeben und ihm sogar zwei Begleiter zur Seite gestellt hatte. War ihr Wunsch nach den Verhütungskaubonbons groß genug, dass sie dafür ihr eigenes Volk in eine Hungersnot stürzen würde? Hilmer konnte sich das nicht vorstellen.

Je länger Hilmer über Rosa nachdachte, desto mehr festigte sich sein Entschluss, dass er zunächst mit Henni und Hörg sprechen musste. Gemeinsam konnte es ihnen vielleicht gelingen, das Weibchen auszutricksen. Wenn sie die Bonbons nicht bekam, würde die Nagerin ohnehin keine Ruhe geben. Seine neuen Freunde waren sicher nicht begeistert, würden aber einsehen müssen, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als Hilmer in das Labyrinth zu begleiten.

Als der Lemming die Gabelung erreichte, die in die Hauptstadt der Ratten führte, war sich Hilmer über sein weiteres Vorgehen im Klaren. Er würde sich einen Weg aus dem Berg heraus suchen und dabei die Ratten vermeiden. Erwischten ihn die Nager, würden sie ihn ganz sicher zu Rosa bringen. Darüber was ihn da erwartete, wollte er lieber nicht nachdenken.

Wie viel Zeit vergangen war, seitdem er sich an dieser Stelle von Bert und Gerd getrennt hatte, konnte Hilmer nicht genau sagen. Er schätzte aber, dass es mehrere Stunden gewesen waren. Die Beleuchtung der riesigen Halle hatte sich nicht geändert. Er beobachtete die Behausungen in seiner Nähe, konnte aber keine Ratte entdecken. In den Straßen war es ruhig. Sie wirkten wie ausgestorben. Hilmer wunderte sich. Wo waren die Ratten? Schliefen sie etwa? Oder waren sie ausgezogen, um die Lemmingkadaver von den Klippen zu holen?

Egal, wo sich die Nager aufhielten, die Stille machte Hilmer nervös. Natürlich vermisste er die haarigen Biester nicht. Wie sollte er sich aber vor ihnen verstecken, wenn er nicht wusste, wo sie waren? Der Lemming nahm all seinen Mut zusammen und lief an den Behausungen vorbei, bis er an die nächste Abzweigung gelangte, die ihn von der Stadt weg zu Rosas Heim führte.

Seine Befürchtung, dass ausgerechnet in diesem Moment eine Ratte vor seine Füße springen würde, erfüllte sich nicht. Den gefährlichsten Teil des Weges hatte er damit hinter sich. Zwar konnte ihm auch in diesem Gang jederzeit eine der Bestien entgegenkommen, aber die Wahrscheinlichkeit war nahe dem Zentrum sicher größer.

Hilmer wusste natürlich, dass es gefährlich war, sich an Rosa vorbeizuschleichen. Es war aber der einzige Weg, den er kannte. Wenn er den Trichter fand, in dem das große Feuer brannte, würde er auch wieder zu der Höhle gelangen, die in den Brunnen führte, durch den er in seine eigene Welt zurückkehren konnte. Mit etwas Glück war die Nagerin nicht da und es ergab sich eine Möglichkeit, nach dem Schlüssel zu suchen.

Eine weitere Gefahr, die der Lemming nicht unterschätzen durfte, ging von Turgi und Targi aus. Er konnte nicht erwarten, dass seine Vettern aufgegeben hatten. Sicher waren sie noch irgendwo hier unten und suchten ihn. Hilmer wollte sich auch nicht auf die Hoffnung verlassen, dass die Ratten seine Verfolger erwischt hatten.

Als Hilmer den Fuß des Trichters erreichte, den er bei seinem ersten Besuch noch für die Hauptstadt der Ratten gehalten hatte, spannte sich sein Körper vor Aufregung an. Um das Feuer herum lagen vier Ratten und genossen die Wärme. Sicher sollten sie aufpassen, dass die Flammen nicht verloschen. Für ihre Umgebung hatten sie keinen Blick. Hilmer suchte einen Weg nach oben zu dem Gang, der um den Kessel herumführte. Das Glück blieb ihm weiterhin treu und er fand die Steigung, ohne dass er von einem der Nager behelligt wurde.

Kurz bevor er Rosas Behausung erreichte, hörte Hilmer ein wollüstiges Stöhnen und schüttelte angewidert den Kopf. Die Ratte hatte also Besuch. Er wollte das Weibchen auf keinen Fall bei ihrem Treiben stören und den Ort so schnell wie möglich passieren, um dann zum Ausgang aus dem Labyrinth zu gelangen. Aber es kam alles anders, als es sich der Lemming vorgestellt hatte. Als er die Stimmen hinter sich vernahm, wusste er, dass er das Höhlenlabyrinth nicht so schnell verlassen würde.

 

28

„Hey, Hilmer. Was schleichst du hier so rum?“, fragte Bert und schlug dem Lemming grinsend auf die Schulter.

„Unsere Mutter wird sich freuen, dich zu sehen“, ergänzte Gerd. „Sie hat nicht damit gerechnet, dass du lebend von Etna zurückkehren würdest.“

„Im Moment will sie sicher nicht gestört werden.“

„Die sind bestimmt gleich fertig“, entgegnete Gerd zum Entsetzen des Lemmings. „Du willst doch sicher nicht gehen, ohne dich vorher von Rosa zu verabschieden.“

„Ich komme ja wieder, sobald ich die Bonbons geholt habe“, sagte Hilmer in der Hoffnung, dass in die beiden Ratten laufen ließen. Bert und Gerd taten ihm diesen Gefallen aber nicht. Als es in der Behausung ruhig wurde, nahmen sie ihn in die Mitte und führten ihn auf den Eingang von Rosas Liebesnest zu. Bevor sie dieses aber betreten konnten, kam das Weibchen heraus. Als Hilmer den verschwitzten Körper sah, drehte er den Kopf weg und kämpfte mit aller Macht dagegen an, sich übergeben zu müssen.

„Ihr Lemminge seid wirklich keine guten Liebhaber“, sagte Rosa, als Hilmer wieder in ihre Richtung schaute.

„Was willst du damit sagen?“

„Ich meine, dass deine beiden Freunde noch weniger drauf haben als ein altersschwaches Rattenmännchen.“

„Welche Freunde?“ Hilmer hatte erwartet, dass Rosa von einem Artgenossen begattet wurde. Offensichtlich schienen es aber zwei Vertreter seines eigenen Volkes zu sein, die sich hinter der Tür in Rosas Nest aufhielten. Nur welche?

„Geh rein und schau selbst.“

Hilmer zögerte einen Moment lang, der Aufforderung der Ratte nachzukommen. Dann siegte die Neugierde. Außerdem war es eine gute Gelegenheit im Innern des Baus nach einem Hinweis auf den Schlüssel zu schauen. Als er seine beiden Vettern auf Rosas Lager sah, wusste er nicht ob er lachen oder weinen sollte.

„Was macht ihr Vollidioten hier?“

„Wonach sieht es denn aus?“, entgegnete Turgi mürrisch.

Ein Blick in sein Gesicht reichte Hilmer aus, um zu erkennen, dass er Rosas Behandlung alles andere als genossen hatte. Targi lag apathisch auf dem Boden und sagte gar nichts.

„Kennst du die zwei?“, fragte Rosa und legte ihren Arm um Hilmers Schulter. Der traute sich nicht, ihn dort wieder wegzunehmen, und schluckte seinen Ekel herunter.

„Es sind meine Vettern.“

„Die mit den Kaubonbons?“

„Nein, Rosa.“ Hilmer schüttelte den Kopf und drehte sich so, dass er das Weibchen anschauen konnte. „Diese beiden hier versuchen mich umzubringen, seitdem ich mich geweigert habe, vom Todesfelsen zu springen. Du kannst sie gerne bei dir behalten. Dann habe ich wenigstens meine Ruhe vor ihnen.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“, schrie Turgi entrüstet. „Wir sind immer deine Freunde gewesen. Du kannst uns doch nicht in den Fängen dieses Untiers lassen.“

„Und ob ich das kann“, entgegnete Hilmer lachend. „Glaub nur nicht, dass ich noch einmal auf deine Unschuldsbeteuerungen hereinfalle. Ich werde euch nicht helfen.“

„Wie kommt es, dass du noch lebst?“, wollte Rosa wissen. „Hast du Etna nicht getroffen?“

„Doch, das habe ich. Anfangs hatte ich furchtbare Angst um mein Leben und hätte am liebsten sofort kehrtgemacht, als mich die Kröte ansprach. Dann haben wir aber eine sehr interessante Unterhaltung geführt, die meine Erwartungen bei Weitem übertroffen hat.“

„Ich muss sagen, du steckst voller Überraschungen“, meinte Rosa anerkennend. „Ich war überzeugt, dich niemals wieder zu sehen. Du musst richtig Eindruck auf Etna gemacht haben, dass sie dich laufen ließ.“

„Sie hat sich meine Geschichte angehört und mir geglaubt. Schließlich willigte sie ein, mir zu helfen. Jetzt bin ich wieder hier.“

„Gehe ich richtig in der Annahme, dass du nicht zu mir gekommen bist, um die Nacht mit mir zu verbringen?“

„Ja.“

„Das ist zwar schade, wundert mich aber nicht. Da muss ich mich eben zunächst weiter mit der Gesellschaft deiner beiden Vettern begnügen. Wenn die schlapp machen, hole ich mir die anderen zwei.“

„Wen meinst du?“

„Ihr drei seid nicht die einzigen Lemminge, die heute den Weg zu uns Ratten gefunden haben“, beantwortete Rosa Hilmers Frage. „Zwischen hier und der Hauptstadt hocken zwei weitere deiner Gattung und warten darauf, mir vorgeführt zu werden. Im Gegensatz zu deinen Vettern sind diese aber sehr vorlaut und scheinen nicht so leicht klein beizugeben.“

Hilmer wunderte sich über diese Neuigkeiten und dachte angestrengt nach, was sie zu bedeuten haben konnten. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es kamen eigentlich nur zwei Lemminge dafür in Frage, die außer Turgi, Targi und ihm selbst freiwillig in das Höhlenlabyrinth gekommen sein konnten: Henni und Hörg.

„Ich glaube, ich weiß, wer die anderen beiden sind“, sagte Hilmer.

„Deine Freunde?“

„Ja, Rosa. Es sind die Erfinder der Kaubonbons, von denen ich dir erzählt habe. Wenn du sie freilässt, werden wir dir das Verhütungsmittel bringen.“

„Ich beginne dir zu vertrauen, warne dich aber erneut davor, mich zu hintergehen. Es würde dir und deinen Freunden nicht bekommen.“

„Ich weiß“, antworte Hilmer, hielt dem Blick der Nagerin aber stand.

„Warum bleibt ihr nicht einfach hier bei uns Ratten?“, fragte Rosa nach einer Weile.

Hilmer sah das Weibchen entsetzt an. Das konnte sie unmöglich ernst meinen. Er überlegte, wie viel der Wahrheit er ihr anvertrauen durfte. Konnte er sie nach dem Schlüssel fragen, ohne dass sie misstrauisch wurde und ihn vielleicht doch noch einsperrte? Er hatte wenig in der Pfote. Rosa würde von den Kaubonbons begeistert sein. Noch hatte er sie aber nicht.

„Ich werde Helmut das Handwerk legen und mein Volk davon überzeugen, dass die Massenselbstmorde Schwachsinn sind.“ Hilmer hatte sich entschlossen der Ratte einen Teil der Wahrheit zu sagen. Er wusste nicht, wie gut sie über die Vorgänge außerhalb des Berges informiert war, vermutete aber, dass sie – genau wie Etna – die wichtigsten Neuigkeiten zugetragen bekam. Er konnte es sich nicht leisten, sich das Weibchen zum Feind zu machen. Dazu war der Einfluss zu groß, den sie unter den Ratten hatte.

„Etna hat dir also erzählt, dass es kein gelobtes Land gibt“, stellte Rosa grinsend fest.

„Dann weißt du also Bescheid?“

„Natürlich. Sicher wirst du mich gleich nach dem geheimnisvollen Schlüssel fragen, der angeblich die Pforte zu den wahren Chroniken deines Volkes öffnen soll.“

„Würdest du ihn mir geben?“

„Vielleicht“, sagte Rosa ausweichend. „Ich muss mir die Sache gut überlegen. Ihr Lemminge seid so mit eurem eigenen Tod beschäftigt, dass mein Volk seine Ruhe hat. Wir sind nicht unbedingt an Veränderungen interessiert.“

„Stimmt es, dass ihr unsere Toten von den Klippen holt?“

„Ja. Das ist aber eine Arbeit, auf die wir gerne verzichten würden.“

„Dann esst ihr sie nicht auf?“

„Selbstverständlich nicht“, erwiderte Rosa und spuckte aus. „Wir sind doch keine Aasfresser. Wie kommst du darauf?“

„In meinem Volk erzählt man sich das.“

„Das ist eine der vielen Lügen, mit denen Helmut euch die Augen zuschmiert. Wir verbrennen die Kadaver. Würden wir sie auf den Klippen liegen lassen, würden die Seuchen, die dadurch entstehen könnten, auch unser Volk bedrohen. Du bist an der Feuerstelle vorbeigekommen.“

„Dann wäre es für euch kein Nachteil, wenn die Lemminge nicht mehr vom Todesfelsen springen würden?“

„Das ist richtig.“

„Dann kannst du mir den Schlüssel ja geben.“

„Du bist ein raffiniertes kleines Aas“, lachte Rosa und klopfte Hilmer auf die Schulter. „Aber du hast recht. Ich brauche den Schlüssel tatsächlich nicht. Es muss aber etwas dabei für mich herausspringen, wenn ich ihn dir gebe.“

„Du bekommst die Kaubonbons.“

„Die werden langsam richtig teuer. Du hast mir das Verhütungsmittel bereits für deine Freiheit versprochen. Jetzt soll ich auch deine Freunde laufen lassen und dir obendrein noch meinen kleinen Schatz geben. Findest du nicht auch, dass du etwas zu viel verlangst?“

„Viel mehr habe ich nicht“, sagte Hilmer und schaute betreten zu Boden. Er fragte sich, wie viel die durchtriebene Ratte wirklich wusste. Kannte sie die VHL? Wusste sie am Ende vielleicht sogar, wo der Rat der vier Weisen die Schriften versteckt hatte? Oder war das, was für ihn so wichtig war, für Rosa nur ein wertloser Gegenstand? „Was müsste ich tun, damit du mir den Schlüssel gibst?“

„Das werde ich mir noch überlegen. Wenn es dir wirklich gelingt, den König zu stürzen, werden sich die Machtverhältnisse in deinem Volk verändern. Kannst du mir garantieren, dass sich dies für mein Volk zu keinem Nachteil entwickelt?“

„Das kann ich nicht. Ich verspreche dir aber, dass ich mein Bestes tun werde, eine Lösung zu finden, die uns auch weiterhin ein friedliches Leben nebeneinander ermöglicht.“

„Deine Antwort ist ehrlich. Deswegen werde ich dir deinen Wunsch nicht abschlagen. Du bekommst den Schlüssel. Aber nur im Tausch gegen die Kaubonbons. Nicht vorher. Ich möchte außerdem eine Garantie, dass ich bis an mein Lebensende ohne weitere Gegenleistung mit den Dingern versorgt werde.“

„Das kann ich dir versprechen.“

„Dann hol deine Freunde und mach dich auf den Weg. Ich wünsche dir viel Erfolg. Bert und Gerd werden euch zum Ausgang des Berges bringen. Deine Vettern behalte ich noch ein bisschen bei mir, damit sie dich nicht stören. Ich denke, das ist in deinem Sinn.“

„Das ist es“, antwortete Hilmer. „Ich danke dir.“

 

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