15. Dezember: Kapitel 23 und 24

23

 

„Wo bist du?“, rief Hilmer, als er näher an die Quelle des Lichtes herantrat. Etna konnte er nicht entdecken. Bis auf ein paar lästige Fliegen, die um ihn herumschwirrten, schien er allein zu sein. Dennoch war er sich sicher, dass er sich die Stimme nicht eingebildet hatte.

„Keine Sorge, ich bin ganz in deiner Nähe. Geh weiter, bis du eine Feuerstelle erreichst.“

Hilmer tat, wie ihm geheißen, und ging vorsichtig weiter, bis er den Platz erreichte. Eine Fliege ließ sich auf seiner Schulter nieder.

„Lass es sein“, zischte die fremde Stimme, als der Lemming den Störenfried wegschlagen wollte.

Hilmer erstarrte und traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Bisher hatte er immer gedacht, dass Fliegen zu den beliebtesten Nahrungsmitteln der Kröten gehörten. Etna schien hier eine Ausnahme zu sein. Hoffentlich stand sie nicht auf Lemmingfleisch.

„Es war mutig von dir, hier herunterzukommen“, sagte Etna. „Aber nicht besonders schlau.“

„Ich habe keine bösen Absichten“, sagte Hilmer schnell.

„Das weiß ich. Es mag sein, dass ich hier unten ein einsames Leben führe, aber glaube mir eines. Ich bin sehr gut darüber informiert, was sich innerhalb und außerhalb dieses Berges zuträgt.“

Hilmer war irritiert. Er hatte erwartet, auf ein abgrundtief böses Wesen zu treffen, das versuchen würde ihn umzubringen. In Wirklichkeit sprach die Kröte aber mit sehr sachlicher Stimme und schien keinerlei Groll gegen ihn zu hegen. Sie kam ihm eher neugierig vor, was viel mehr war, als er sich zu träumen gewagt hätte.

„Ich bin gekommen, um dich um Hilfe zu bitten.“

„Dann bist du der Lemming, der sich geweigert hat, vom Todesfelsen zu springen?“

„Du hast davon gehört?“ Hilmer schaute verwundert in die Richtung, aus der die Stimme kam. Sein Zusammentreffen mit Etna überraschte ihn immer mehr.

„Ich sagte dir doch, dass ich meine Informanten habe. Was sagt Helmut zu deiner Haltung?“

„Er ist alles andere als begeistert und will mich umbringen lassen.“

„Gut. Dann weiß ich jetzt auch, warum dich die anderen Lemminge verfolgen.“

Hilmer fand das zwar alles andere als gut, wollte Etna aber nicht widersprechen. Noch immer wurde er nicht schlau aus der Kröte und musste befürchten, dass sie auf der Gegenseite stand. Plötzlich sah er im Schatten vor sich eine Bewegung. Instinktiv ging der Lemming ein paar Schritte zurück und schaute voller Spannung zu dem Wesen, das sich ihm langsam näherte. Hilmer stockte der Atem, als er die Umrisse erkennen konnte.

Etna war etwa halb so groß wie ein Lemming, aber viel breiter. Hilmer hatte den Eindruck, ein dunkler Ball käme auf ihn zu. Er wusste aber, dass er die Kröte auf gar keinen Fall unterschätzen durfte. Sicher hatte sie ihre Helfer nicht nur unter den Ratten. Als sie näher kam, konnte der Lemming Etnas Körper besser sehen. Ihre Haut schien nur aus Falten zu bestehen, die in Ringen übereinanderlagen. Außerdem war sie trocken und spröde. An einigen Stellen waren dünne Blutfäden zu sehen.

„Hat dir mein Anblick die Sprache verschlagen?“

„Ähm, nein“, antwortete Hilmer. Er dachte an die Warnung der beiden Ratten, dass er die Alte auf keinen Fall auf ihr Aussehen ansprechen durfte. „Ich bin nur überrascht, wie gut du über alles Bescheid weißt.“

„Die Fliegen tragen mir alles Wichtige zu“, erklärte Etna. „Weil sie klein sind und fast überall hinkommen, sind sie für diese Aufgabe perfekt.“

Erst jetzt fiel Hilmer auf, dass zwei der widerlichen, summenden Wesen auf der Schulter der Kröte saßen. In Gedanken gab er der Alten recht. Sie waren die idealen Verbündeten, wenn es um Spionage ging. Keiner würde in ihnen eine Gefahr sehen – schlimmstenfalls eine lästige Plage.

„Entspanne dich, Hilmer“, sagte Etna und auf ihr Gesicht legte sich etwas, das aussah wie ein Grinsen, die Kröte aber noch hässlicher machte. „Du hast nichts zu befürchten. Zumindest nicht im Moment.“

„Woher kennst du meinen Namen?“

„Du kennst meinen ja auch. Warum bist du hier?“

„Ich bin auf der Suche nach den heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts.“

„Wie kommst du darauf, dass die sich ausgerechnet bei mir befinden sollen? Behauptet Helmut das?“

„Ja.“

„Er ist ein elender Lügner.“

Hilmer erschrak. Was sollte das bedeuten? Wollte Etna ihm damit sagen, dass er den Weg zu diesem furchtbaren Ort völlig umsonst auf sich genommen hatte? Plötzlich spürte der Lemming, wie eine weitere Fliege auf seiner Schulter landete. Im Bruchteil einer Sekunde schnellte Etnas Zunge aus ihrem Mund und schnappte sich das Insekt.

„Sagtest du nicht eben noch, dass die Fliegen zu dir gehören?“, fragte Hilmer entsetzt.

„Diese war eine Informantin des Königs.“

„Wie kannst du den Unterschied erkennen?“

„Meine Augen sind besser, als du denkst.“ Etna grinste schon wieder so hässlich.

Hilmer musste sich zum wiederholten Mal zwingen, sie nicht anzustarren. „Was meinst du damit, dass Helmut lügt? Stimmt es etwa nicht, dass er die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts bei dir versteckt hat?“

„Hat er dir das erzählt?“

„Nein. Nicht mir. Einer meiner Freunde hat gehört, wie er Dieter sagte, wo er die Bücher versteckt hat.“

„Der unterbelichtete Hamster hat wahrscheinlich so lange gefragt, bis er eine Antwort bekam. Helmut hat ihn belogen,

damit er seine Ruhe hat. Dieter ist ein elendiger Feigling. Er würde sich niemals hierher wagen. Jetzt hat der König Ruhe vor ihm und kann seine Lüge aufrechterhalten.“

„Was meinst du damit? Wo sind die Schriften?“

„Sie existieren nicht. Wonibalt war eher furchtbar als furchtlos. Er war Helmuts Großvater und das gelobte Land ist seine Erfindung. Eure komischen Massenselbstmorde basieren auf einer Lüge. Der König hat euch euer Leben lang verarscht.“

Das kann nicht wahr sein, dachte Hilmer. Auch wenn er darauf gehofft hatte, beweisen zu können, dass der König die Schriften falsch auslegte, brach in diesem Moment eine Welt in ihm zusammen. Wenn er sich nicht im letzten Moment geweigert hätte, vom Todesfelsen zu springen, würde niemals ein Lemming die heiligen Schriften infrage stellen. Hilmer wurde es schwindelig und er bekam weiche Knie, als ihm das wahre Ausmaß von Helmuts Grausamkeit klar wurde. Er setzte sich auf den Boden und schaute die Kröte kopfschüttelnd an.

 

24

 

„Mir ist klar, wie sehr dich das alles schockieren muss“, sagte Etna. „Aber ich schwöre dir, dass ich die Wahrheit sage.“

„Wenn das stimmt, was du sagst, belügt Helmut sein gesamtes Volk.“

„Welchen Grund sollte ich haben, so etwas zu erfinden?“

„Ich weiß nicht mehr, was ich noch glauben soll.“ Hilmer schaute die alte Kröte ratlos an.

„Wonibalt war ein alter Drecksack, der sein Volk geknechtet hat. Ich habe ihn nie gemocht.“

„Du kanntest ihn?“

„Ja. Wegen ihm sitze ich jetzt seit Jahrzehnten hier unten im Berg. Er war es, der mich damals verbannte. Im Laufe der Jahre habe ich mich an das Leben hier unten gewöhnt und bin geblieben.“

„Ich verstehe kein Wort.“

„Lass mich der Reihe nach erzählen“, schlug Etna vor und setzte sich neben ihren Besucher. „Ihr Lemminge wart schon immer ein etwas schräges Volk. Vor mehr als zwanzig Jahren wurdet ihr vom grausamen Wonibalt regiert.“

„Helmuts Großvater.“

„Genau. Weil ihr schon immer sehr fruchtbar wart, gab es einfach zu viele von euch. Die Nahrungsmittel wurden knapp und es raffte Unzählige deiner Artgenossen dahin. Seuchen und Krankheiten waren die Folge. Der Rat der vier Weisen, der neben dem König die wichtigste Macht in eurem Staat bildete, wusste nicht mehr, was er noch tun konnte, und vertraute Wonibalt. Der hatte aber nichts Gutes im Sinn. Als die Mitglieder des Rates dies bemerkten, war es bereits zu spät.“

„Wonibalt führte sie in den Tod?“

„Willst du die Geschichte erraten oder soll ich sie dir erzählen?“ Etna schaute Hilmer ungehalten an, der sofort beschwichtigend die Pfote hob.

„Sprich bitte weiter.“

„Wonibalt selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits fast zehn Jahre alt und gehörte zu den Ältesten deiner Art. Es interessierte ihn lange Zeit nicht, was mit seinem Volk geschah, und er kümmerte sich nicht um seine Untertanen. Dann wurde er krank. Er bestellte mich an den Hof und bot mir alle erdenklichen Reichtümer an, wenn ich ihn heilen würde.“

„Warum dich?“

Etna schaute Hilmer böse an und schwieg. „Entschuldige“, sagte der Lemming und sah betreten zu Boden.

„Im Volk der Kröten gibt es ein paar Frauen, die sich auf die Heilkunst verstehen. Ich habe von meiner Mutter sehr viel gelernt und galt als hoffnungsvolles Talent in der Veterinärmedizin. Deshalb wollte der König nur von mir behandelt werden. Als ich einen Tumor in seinem Kopf diagnostizierte, war er außer sich vor Wut und wollte mich ins Verlies sperren. Mir gelang die Flucht, aber Wonibalt gab nicht auf. Mit Hilfe der Ratten kam ich hierher. Selbst heute noch muss ich befürchten, dass Helmut mich töten lässt, wenn ich dieses Labyrinth verlasse. Ich weiß einfach zu viel.“

Hilmer brannten lauter Fragen auf der Zunge, aber er wagte es nicht, Etna ein weiteres Mal zu unterbrechen. Auch wenn sie ihm bisher eher harmlos vorkam, hatte er einfach zu viele schreckliche Dinge über die Kröte gehört. Oder hatte sie am Ende ein Teil der Gerüchte selbst unter sein Volk gebracht, damit sie hier unten ihre Ruhe hatte? Der Verdacht lag nahe, Hilmer traute sich aber nicht, ihn auch auszusprechen.

„Wonibalt konnte den Gedanken nicht ertragen, dass seine Untertanen weiterleben sollten und er nicht. Aus diesem Grund schmiedete er einen grausamen Plan. Der König verbot die Lehren des Rates und behauptete, von einer höheren Macht zum Propheten auserkoren zu sein. Natürlich glaubten ihm die Lemminge kein Wort. Erst als Wonibalt es irgendwie schaffte, ein paar Wunder geschehen zu lassen, und damit begann, sein Volk mit Nahrungsmitteln zu versorgen, wuchs das Vertrauen, das seine Untertanen in ihren König setzten. Sie konnten ja nicht ahnen, dass er in Wirklichkeit vorhatte, einen Großteil von ihnen auszulöschen.“

Etna stieß einen tiefen Seufzer aus und schaute Hilmer aus müden Augen an. „Ich habe sehr lange nicht über diese Dinge gesprochen und die Erinnerung schmerzt noch immer. Wenn du dem Gang hinter mir ein kleines Stückchen folgst, kommst du an einen Bach. Hol mir etwas zu trinken.“

Hilmer beeilte sich, dem Wunsch der Kröte nachzukommen. Er fand einen Becher, füllte ihn bis zum Rand und brachte ihn Etna. Die schüttete die Flüssigkeit gierig in ihre Kehle.

„Konnte der Rat der vier Weisen nichts gegen den König unternehmen?“

„Sie waren es letztendlich, die Wonibalt auf die grausamste von all seinen Ideen brachten.“

„Wie das?“

„Die Männer wurden vom König nicht nur entmachtet, sondern zutiefst gedemütigt. Wonibalt hätte die Lehren des Rates vermutlich noch nicht einmal verbieten müssen. Als er anfing, die vermeintlichen Wunder zu bewirken, glaubte den Weisen ohnehin niemand mehr. Sie wurden zu überflüssigen Witzfiguren. Das konnten sie nicht ertragen und entschlossen sich dazu, ein letztes Zeichen zu setzen. Sie gingen zum Schicksalsberg und sprangen gemeinsam vom Todesfelsen. Damals hieß er natürlich noch nicht so.“

Hilmer schwieg, als Etna eine weitere Pause einlegte. Wortlos nahm er den Becher und füllte ihn mit Wasser. Was er bisher gehört hatte, war ein schwerer Schock für den Lemming. Nie im Leben hatte er damit gerechnet, dass ihm die Kröte eine derartige Geschichte erzählen würde. Dennoch glaubte er ihr jedes Wort. Helmut war ein Drecksack. Sein Geheimnis wäre hier unten sicher gewesen, wenn er Dieter nicht erzählt hätte, dass Etna die sogenannten heiligen Schriften bewachte.

„Es muss dir schwerfallen, dies alles zu hören“, unterbrach Etna Hilmer in seinen Gedanken. „Es geht aber noch weiter. Die vier Mitglieder des Rates zeigten dem König einen Weg, wie er sein Volk noch weit über seinen Tod hinaus bestrafen konnte. Er wusste, dass er selbst nur noch wenige Tage zu leben hatte. Sein Körper wurde innerlich zerfressen und bereitete ihm große Schmerzen. Gemeinsam mit seinem Sohn Herbert entwickelte er dann die heiligen Schriften. Es gab eine Kundgebung, an dem er seine Thesen öffentlich vorstellte. Er behauptete, dass der Rat der vier Weisen den Weg in eine Welt gefunden hatte, in der es weder Überbevölkerung noch Hungersnot gab.“

„Das gelobte Land.“

„Du hast es erfasst. Als er verkündete, dass ihm alle Lemminge in den Tod folgen sollten, die mindestens fünfzehn Monate alt waren, löste er eine Masseneuphorie aus. Seine Untertanen glaubten an ihn und nahmen so am ersten Massenselbstmord in der Geschichte der Lemminge teil. Herbert und später auch Helmut setzten Wonibalts Werk fort und predigten seine Lehren. Die jungen, naiven Lemminge glaubten ihnen jedes Wort und bewunderten ihren jeweiligen König sogar noch dafür, dass er es auf sich nahm, am Leben zu bleiben, um sein Volk auf das Kommende vorzubereiten. Es dauerte nur wenige Generationen, bis die Lemminge sich sogar auf den Tag freuten, an dem sie in das gelobte Land reisen durften. Dieses hat jedoch niemals existiert.“

Hilmer konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Nachdem er von Etna die komplette Tragweite von Helmuts Lügen erfahren hatte, ergriff ihn eine Traurigkeit, wie er sie sich vorher nicht einmal hätte vorstellen können. Sein eigener Weg war hier zu Ende. Ohne einen Beweis würde sein Volk niemals glauben, dass der König sie betrog. Das Spiel war aus. Er hatte verloren.

 

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