14. Dezember: Kapitel 21 und 22

21

 

Obwohl sich Hilmer zwischen Bert und Gerd nicht wirklich wohlfühlte, war er froh darüber, die beiden bei sich zu haben. Den Trichter mit dem Feuer in der Mitte, hatte der Lemming zunächst für das Zentrum des Rattenreichs gehalten. Dabei wohnten dort nur die Familien der Nachkommen eines einzigen Weibchens. Auch wenn Rosa in dieser Beziehung sicherlich besonders fleißig war, erschreckte Hilmer die Anzahl der Familienmitglieder sehr. Als sie aber die Hauptstadt des Volkes erreichten, bekam er vor Staunen den Mund nicht mehr zu.

Bert und Gerd führten ihren Schützling zwischen den Behausungen hindurch und ignorierten die hämischen Bemerkungen der Ratten, die ihnen begegneten. Hilmer wusste jetzt, dass es von Anfang an ein Fehler gewesen war zu glauben, er könnte Etna ohne Hilfe erreichen. Auch wenn er Rosa nicht zu seinen besten Freundinnen zählte, wäre er ohne das Weibchen nie so weit gekommen.

Hilmers Begleiter sprachen nicht viel und auch er selbst zog es vor, schweigend zwischen den beiden weiterzugehen. Natürlich war er neugierig und hätte eine ganze Reihe an Fragen über ihre Lebensweise stellen können, ob er die Antworten aber wirklich wissen wollte, wagte er zu bezweifeln. Allein die Tatsache, dass sich die Ratten von den Leichen der Todesspringer ernährten, bestätigte ihm, dass er ihre Gewohnheiten nicht für gut heißen würde.

Der Lemming spürte die neugierigen Blicke der Ratten in seinem Rücken. Sicher trugen die meisten von ihnen in Gedanken bereits ihre Lätzchen und würden am liebsten die Zähne in sein Fleisch schlagen. Er hatte nicht das geringste Bedürfnis in den Mägen dieser Viecher zu enden.

Sie verließen die Stadt und gelangten zum Eingang einer Höhle, in der es völlig dunkel zu sein schien. Mehr als ein paar Meter konnte Hilmer nicht hineinschauen. Bisher hatte er in allen Gängen genug sehen können. Die Ratten mussten einen Weg gefunden haben, das Sonnenlicht in ihrem Labyrinth gleichmäßig zu verteilen. Warum hatten sie diesen einen Gang ausgelassen?

„Den Rest des Weges wirst du allein gehen müssen“, sagte Bert und grinste Hilmer blöde an.

„Warum das? Rosa hat mir versprochen, dass ihr mich bis zu Etnas Versteck bringen würdet.“

„Den Weg kannst du ab hier nicht mehr verfehlen“, sagte Gerd. „Glaube mir. Früher oder später wird die Kröte dich finden.“

„Ja, aber …“

„Nichts, aber“, unterbrach Bert den Lemming. „Weiter als bis hier gehen wir nicht. Du wolltest zu Etna. Wir sollten dir den Weg zeigen. Das haben wir getan. Der Rest ist allein deine Sache.“

„Du hast doch nicht etwa Angst?“, fragte Gerd.

Hilmer hatte genau das, wollte es vor den beiden Nagern aber nicht zugeben. Diese schienen sich selbst nicht näher an die Kröte heranzutrauen. Etna musste übernatürliche Kräfte besitzen, wenn selbst zwei ausgewachsene und kräftige Ratten eine Begegnung mit ihr scheuten.

„Habt ihr die Kröte schon einmal gesehen?“

„Nein“, antwortete Gerd. „Es gibt nicht viele, die sagen können, eine Begegnung mit ihr lebend überstanden zu haben. Wir stören sie nicht und dafür lässt auch sie uns in Ruhe.“

„Hüte dich davor, etwas über ihr Aussehen zu sagen.“ Bert schaute Hilmer fast verschwörerisch an. „Etna ist eine Ausgeburt an Hässlichkeit. Selbst für unsere Verhältnisse.“

„Sie selbst sieht das aber nicht so“, ergänzte Gerd. „Wenn du nur zu lange auf ihre faltige, verdorrte Haut starrst, bekommt sie schon einen Wutanfall. Dann bist du tot.“

„Langsam verstehe ich, warum ihr nicht zu der Kröte wollt“, sagte Hilmer. Er spürte einen dicken Kloß in seinem Hals. Jede Zelle seines Körpers sehnte sich danach, das Höhlenlabyrinth im Schicksalsberg zu verlassen. Er hätte es niemals betreten dürfen. Direkt nachdem Turgi und Targi ihn passiert hatten, wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, den Gang durch den Brunnen wieder zu verlassen. Jetzt war es zu spät. Er saß in der Falle und wusste nicht, wie er aus diesem Dilemma wieder herauskommen sollte.

„Du musst dich jetzt entscheiden“, forderte Gerd. „Geh in diese Höhle oder lass es bleiben. Wir können dich auch zu einem Ausgang bringen, der dich in deine eigene Stadt bringt, wo du die Bonbons holen kannst, die du unserer Mutter versprochen hast. Du würdest uns damit Arbeit abnehmen.“

„Wie meinst du das nun wieder?“

„Wenn du stirbst – und das wirst du, wenn du zu Etna gehst –, müssen Bert und ich zu deinen komischen Freunden gehen und die Ware abholen. Den beiden würde es sicher besser bekommen, wenn du sie um die Herausgabe des Mittels bittest.“

Hilmer sah die beiden Ratten geschockt an. Ihm wurde klar, dass sie absolut keine Gnade kannten, egal wie harmlos sie sich jetzt ihm gegenüber auch verhielten. Er hatte Henni und Hörg in große Gefahr gebracht und seine beiden Freunde wussten noch nicht einmal etwas davon. Würden ihn Bert und Gerd aber wirklich laufen lassen, wenn er das Labyrinth verließ? Viel wahrscheinlicher war es, dass sie ihm zum Palast folgen würden, um die Ware gleich dort in Empfang zu nehmen.

Hilmer hatte zwar mit der scharfen Ratte Rosa einen Pakt geschlossen, der ihn vor den gefährlichen Nagern schützte. Zu sehr darauf verlassen durfte er sich nicht. Und selbst wenn ihn Bert und Gerd in Ruhe lassen würden, wenn sie die Bonbons hatte, wäre Hilmer immer noch nicht in Sicherheit und müsste sich wieder gegen seine Artgenossen wehren, die seinen Tod wollten. Nein. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Er musste zu Etna.

„Ich werde gehen“, sagte Hilmer und schaute in zwei völlig überraschte Rattengesichter. Offensichtlich hatten die Nager erwartet, dass er im letzten Moment kneifen würde.

„Schade“, sagte Bert grinsend. „Für einen Lemming fand ich dich eigentlich ganz nett.“

„Das ist nicht gerade aufbauend“, sagte Hilmer.

„Im Gegensatz zu dir leben wir in der Realität“, sagte Gerd. „Wenn du Etna siehst, grüße sie von uns. Vorausgesetzt, sie lässt dir überhaupt die Gelegenheit, etwas zu sagen.“

An Berts Blick sah Hilmer, dass die Ratte noch einen draufsetzen wollte. „Spar dir einen weiteren Kommentar“, kam er dem Nager zuvor. „Ich habe es verstanden. Könnt ihr mir wenigstens eine Fackel geben?“

„Schau dich doch einmal um“, lachte Gerd. „Wir brauchen keine zusätzliche Beleuchtung.“

„Dann eben nicht. Ich danke euch, dass ihr so gütig wart, mich hierher zu bringen. Ihr müsst nicht auf mich warten.“

„Das hätten wir sowieso nicht getan. Du wirst nicht zurückkommen.“

Hilmer sah Bert nur resignierend an und erwiderte nichts mehr. Es hatte keinen Sinn, mit den beiden Nagern zu diskutieren, die er hoffentlich nie wieder sehen würde. Der Lemming ließ die Ratten stehen und ging langsam in die Höhle. Auf den ersten Metern versuchte er, gegenüber Bert und Gerd einen entschlossenen Eindruck zu machen. Als es dann aber immer dunkler wurde, kam die Angst und er ging langsamer. Zum wiederholten Mal fragte er sich, wie er so dämlich hatte sein können, sich freiwillig in die Tiefe dieses Labyrinthes zu begeben.

Die Geräusche, die aus der Stadt zu Hilmer drangen, wurden immer leiser. Vor ihm herrschte Totenstille. Es war gerade hell genug, dass er den Boden unter seinen Füßen sehen konnte. Alles, was weiter als einen Meter von ihm entfernt war, verschwand in der Dunkelheit. Plötzlich hörte er vor sich ein wütendes Zischen.

Hilmer blieb stocksteif stehen und hielt den Atem an. War das etwa schon Etna? Oder lebten noch andere Wesen hier in diesem Loch? Den Weg zu der alten Kröte hatte er sich weiter vorgestellt. Es ging zwar leicht bergab, weit entfernt von der Stadt konnte er aber noch nicht sein. Als sich nach fast einer Minute nichts ereignet hatte, setzte sich Hilmer wieder in Bewegung.

Zu seiner Erleichterung verschlechterte sich die Sicht nicht, wurde aber auch nicht besser. Der Gang knickte leicht nach links ab. Immer wieder kam Hilmer der rechten Seite der Wand so nahe, dass er die Richtung, in die er lief, korrigieren musste. Nach einer Weile – der Lemming hatte längst sein Zeitgefühl verloren – sah er vor sich ein schwaches Licht.

Hilmers Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und wagte fast nicht zu atmen.

„Du kannst ruhig näher kommen, ich habe dich längst bemerkt.“ Die Stimme schien von allen Seiten zu kommen und klang alles andere als freundlich. Hilmer verspürte den sehnlichsten Wunsch, umzukehren und in Richtung der Rattenstadt zu laufen, riss sich aber mit aller Gewalt zusammen. Etna würde ihm sicher nicht gleich den Kopf abreisen. Vielleicht konnte er sie ja neugierig genug machen, dass sie sich seine Geschichte anhörte. Erst jetzt fiel dem Lemming ein, dass er noch nicht einmal wusste, auf welcher Seite die Kröte stand. Wenn sie eine Vertraute von Helmut war, würde sie vielleicht auch dessen Interessen vertreten. Dann war er so gut wie tot. Jetzt war es allerdings zu spät, sich darüber Gedanken zu machen.

„Willst du da Wurzeln schlagen oder kommst du jetzt zu mir?“

Die Stimme klang noch ärgerlicher als vorher. Hilmer wollte sich nicht aller Chancen berauben, bevor er auch nur ein Wort gesprochen hatte, und ging weiter.

 

22

 

Auf ihrem Weg durch die Höhle achteten Henni und Hörg auf jedes noch so kleine Geräusch. Zunächst blieb es ruhig. Dann hörten die beiden vor sich ein leises Wimmern.

„Da weint jemand“, stellte Hörg überflüssigerweise fest.

„Meinst du es ist Hilmer?“

„Ich hoffe nicht.“

„Wir müssen auf jeden Fall nachsehen.“

„Ich weiß nicht, Henni. Wenn er in die Fängen der Ratten geraten ist, werden die sicher nicht tatenlos zusehen, wie wir Hilmer wieder befreien.“

„Du kannst ihn aber auch nicht einfach im Stich lassen.“

„Das will ich ja auch gar nicht“, sagte Hörg.

„Dann lass uns nachsehen, was da los ist.“

Todesmutig schlichen die beiden Lemminge weiter. Sie lauschten angestrengt, konnten aber kein weiteres Wimmern oder Jammern ausmachen.

„Ich bin mir sicher, dass wir uns nicht getäuscht haben“, sagte Hörg und schaute seinen Bruder ratlos an.

„Lass uns weitergehen. Da vorne muss irgendetwas sein.“ Henni wartete keine Antwort ab und übernahm die Führung.

Der Tunnel machte eine Biegung und die beiden erreichten einen Durchgang, durch den sie direkt in die Stadt gelangen konnten. Danach führte der Gang durch eine weitere Kurve wieder tiefer in den Berg. Henni und Hörg beschlossen diesen Weg zu nehmen. Sie huschten an der Öffnung vorbei und atmeten erleichtert auf, als sie die Stelle passiert hatten. Als dicht vor ihnen wieder das Wimmern erklang, beschleunigten sie ihre Schritte.

Hinter der nächsten Kurve sahen die beiden Lemminge, wer für die jammernden Laute verantwortlich war. Hörg wusste in dem Moment nicht, ob er Turgi und Targi auslachen oder bemitleiden sollte.

Hilmers Vettern lagen in einer Gefängniszelle, die sich in einer Ausbuchtung des Ganges befand, reglos auf dem Boden. Beide hatten die Augen geschlossen und schienen bewusstlos zu sein. Eine Metallplatte verhinderte, dass man den Riegel der Tür von innen erreichen und öffnen konnte.

„Was machen wir jetzt?“
„Wir müssen sie befreien“, beantwortete Henni Hörgs Frage.

„Bist du verrückt geworden?“

„Nein. Die beiden sind Lemminge. Wir können sie nicht in den Fängen der Ratten lassen, egal, wie bescheuert sie sich auch verhalten haben.“

„Das ist doch Irrsinn. Wenn wir sie befreien, werden sie wieder versuchen ihren Vetter zu schnappen. So sind sie ausgeschaltet und Hilmer ist wenigstens eine Gefahr los.“

„Du hast ja recht“, gab Henni zu. „Trotzdem. Es geht mir gegen den Strich zwei Artgenossen hier zurückzulassen. Vielleicht gelingt es uns, sie auf unsere Seite zu ziehen. Hier unten können wir jeden Verbündeten gebrauchen.“

„Das glaubst du doch selbst nicht. Wie sollten uns die beiden Spinner den helfen? Sie behindern uns nur und wir werden langsamer vorankommen.“

„Wie auch immer“, sagte Henni. „Wir müssen jetzt etwas tun. Es dauert sicher nicht ewig, bis einer dieser verfressenen Nager hier auftaucht. Dann möchte ich verschwunden sein.“

„Ich auch.“

„Dann helf mir jetzt die beiden Irren zu befreien.“

„Na gut. Aber beschwer dich hinterher nicht bei mir, wenn irgendetwas schiefgeht.“ Eine innere Stimme sagte Hörg, dass es ein sehr großer Fehler war, die Gefangenen freizulassen. Er wollte sich aber auch nicht gegen seinen besten Freund stellen. Es war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für einen Streit. Dafür war die Gefahr, von den Ratten entdeckt zu werden, zu groß.

Henni schob den Riegel der Zellentür beiseite und trat in die Kammer. „Kümmere du dich um den anderen“, sagte er und wandte sich einem Bewusstlosen zu. Er ging neben dem Lemming auf die Knie und legte seine Pfote auf dessen Stirn.

In diesem Moment explodierte Turgi. Als würde er von einem Katapult abgeschossen, sprang er nach oben und donnerte Henni beide Fäuste auf die Nase. Der wurde von der Aktion völlig überrascht und fiel nach hinten. Ehe er selbst auch nur an eine Reaktion denken konnte, war Turgi bereits an ihm vorbeigeflitzt und lief in Richtung Ausgang.

Targi war es gelungen, Hörg auf ähnliche Art zu überraschen. Dicht hinter seinem Bruder verließ er die Zelle, donnerte die Tür zu und schob den Riegel vor.

„Ihr seid die elendsten Dreckschweine, die unser Volk jemals hervorgebracht hat“, zischte Hörg und starrte seine Vettern zornig an. „Macht sofort die Tür auf und lasst uns hier heraus.“

„Wir denken gar nicht dran“, antwortete Turgi grinsend.

„Die Ratten wissen, dass zwei Lemminge in der Zelle sind“, sagte Targi. „Sie werden nicht so genau hinschauen und den Unterschied nicht bemerken.“

„Dazu sind sie zu dumm“, fügte Turgi bei.

„Ihr seid Vollidioten und Ignoranten“, regte sich Henni auf. „Wir haben euch geholfen, obwohl ihr euch gegen Hilmer stellt. Und jetzt fallt ihr uns in den Rücken.“

„Euer Vetter hat mehr Hirn als ihr beiden zusammen“, sagte Hörg. „Und jetzt lasst uns endlich hier raus oder ich schwöre, dass ihr es bereuen werdet.“

„Was wollt ihr denn machen?“, lachte Turgi.

„Ihr werdet den Ratten nicht entkommen“, fügte Targi hinzu. „Wir schnappen uns jetzt Hilmer und dann verschwinden wir aus diesem Labyrinth. Euch wünschen wir noch viel Spaß.“

„Grüßt die Nager von uns“, spottete Turgi.

„Dafür werdet ihr bezahlen“, sagte Hörg mit hochrotem Kopf, bekam aber keine Antwort mehr. Die beiden Verräter drehten sich grinsend von ihm und Henni weg und verschwanden in dem Gang, der vom Zentrum der Ratten wegführte.

 

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