13. Dezember: Kapitel 19 und 20

19

 

„Das ist ja eigenartig“, sagte eine rauchige Stimme, die Hilmer einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. „Ein Lemming, der Lemminge verfolgt. Was ist hier los?“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Wenn du mich verarschen willst, bist du gleich tot. Dreh dich um.“

Hilmer folgte der Anweisung und sah die hässlichste Ratte, die er sich überhaupt vorstellen konnte. Der verschrumpelte Körper zeigte nicht ein einziges Haar und die Zitzen hingen fast bis zum Boden hinunter. Die Schnauze des Weibchens war – wie bei allen Ratten – in die Länge gezogen und ihr Lächeln zeigte zwei Reihen messerscharfer Zähne. In den Augen meinte Hilmer Gier zu entdecken. Wonach, wollte er aber lieber nicht wissen.

„Hast du genug gesehen?“

„Entschuldige“, antwortete Hilmer stockend. „Ich habe noch nie eine Ratte aus so kurzer Entfernung gesehen.“ Und schon gar nicht so eine, fügte der Lemming in Gedanken hinzu.

„Wenn du hierher kommst, musst du aber damit rechnen. Wie heißt du?“

„Hilmer.“

„Ich bin Rosa. Da wir uns nun kennen, erzähl mir doch mal, warum du zwei deiner Artgenossen verfolgst.“

„Sie wollen mich umbringen.“

„Und deshalb läufst du ihnen nach?“ Rosa brach in schallendes Gelächter aus. „Etwas Blöderes habe ich überhaupt noch nicht gehört. Du musst dir schon etwas Besseres einfallen lassen, wenn du hier lebend herauskommen willst.“

„Ich schwöre beim heiligen Wonibalt, dass ich die Wahrheit sage.“

„Lass mich mit deinem komischen Propheten in Ruhe. An den glaube ich sowieso nicht.“

Da haben wir schon einmal etwas gemeinsam, dachte Hilmer. „Es stimmt aber wirklich. Ich habe mich geweigert, vom Todesfelsen zu springen, und jetzt wollen mich meine Vettern töten.“

„Das wird ja immer besser“, lachte Rosa.

„Ich finde das nicht zum Lachen.“

„Aber ich.“ Die Ratte musterte Hilmer von oben bis unten, leckte sich dann mit der Zunge über die Schnauze und spannte ihre Bauchmuskeln an. „Du gefällst mir.“

Hilmer sah Rosa mit gemischten Gefühlen an. Was sollte das nun wieder? Wollte sie ihn etwa verführen? Zu seinem Entsetzen schien das Weibchen genau das vorzuhaben.

„Hattest du schon einmal Sex mit einer Ratte?“ Rosas Stimme wurde noch rauchiger und ihr Blick schien regelrecht am Körper des Lemmings zu kleben.

„Nein“, antwortete Hilmer angewidert. „Und das soll auch so bleiben.“

„Gefalle ich dir etwa nicht?“

„Darum geht es nicht“, versuchte Hilmer sich vor einer Antwort zu drücken, die Rosa sicher nicht gefallen hätte. „Ich habe im Moment ganz andere Sorgen und bin nicht auf der Suche nach einem Weibchen.“

„Vielleicht änderst du deine Meinung ja noch, wenn du lange genug bei mir bist. Laufen lassen, werde ich dich nämlich nicht mehr.“

„Wie willst du mich aufhalten?“

„Vor mir kannst du vielleicht weglaufen. Vor meiner Familie nicht.“

„Wohnen sie in der Stadt?“

„Sie sind die Stadt.“

„Was soll das heißen?“

„Meine Kinder haben ihre Behausungen hier errichtet. Alle Ratten, die in dem Kessel leben, stammen von mir ab. Du würdest ihnen nicht entkommen.“

Hilmer schaute Rosa voller Entsetzen an. Sie musste drei Viertel ihres Lebens trächtig gewesen sein. Er hatte jetzt die Wahl zwischen dem Tod oder Qualen, wie sie kein Lemming vor ihm hatte erleiden müssen. Nein! Lieber würde er sterben, als das Lager mit dieser notgeilen Ratte zu teilen. Nur wie sollte er ihr entkommen?

„Stell dich nicht so an“, sagte Rosa und strich ihrem Opfer mit der Pfote über den Bauch. „Wir gehen jetzt in meinen Bau.“

Jetzt hat die Ratte mich echt am Arsch, dachte Hilmer und ließ sich von dem Weibchen in Richtung ihrer Höhle schieben. Er war sicher, dass er die Wünsche des Weibchens nicht würde erfüllen können. Selbst, wenn er es wollte. Rosa mochte rattenscharf sein, aber sie machte ihn einfach nicht an.

Wenn Hilmer noch einen Weg aus dieser Misere finden wollte, wurde es langsam Zeit, dass er eine zündende Idee bekam. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Plötzlich wusste er, was er zu tun hatte. Er würde der Ratte ein Geschäft vorschlagen, dass sie unmöglich ablehnen konnte.

„Du willst doch sicherlich nicht von einem Lemming trächtig werden, oder?“

Rosa zog Hilmer am Arm herum und starrte ihn böse an. „Willst du mir erzählen, wie ich mein Leben zu führen habe? Ich habe eine ganze Stadt voller Nachkommen. Auf ein paar mehr oder weniger kommt es da auch nicht mehr an. Wenn sie dir zu ähnlich sehen, kann ich sie immer noch ertränken.“

„Also wünschst du dir weitere Junge?“ Hilmer ging nicht auf die Beleidigung ein. Er durfte sich nicht provozieren lassen und musste seinen Plan weiter verfolgen. Sonst war alles vorbei.

„Rede keinen Unsinn“, blaffte Rosa. „Es gehört eben dazu.“

„Lässt du mich gehen, wenn ich dir einen Weg zeige, wie du dich so oft vergnügen kannst, wie du willst, aber niemals wieder trächtig wirst?“ Hilmer setzte in diesem Moment alles auf eine Karte. Wenn die Ratte jetzt nicht nachgeben würde, war er ihr ausgeliefert. Auf Hilfe konnte er in diesem Höhlenlabyrinth nicht hoffen.

Rosa schaute Hilmer schief an und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe ja, dass du nach einem Ausweg suchst, mein Süßer. Bilde dir aber bloß nicht ein, mich hinters Licht führen zu können.“

„Das würde ich niemals wagen.“

„Dann hör endlich auf, um den heißen Brei herumzureden, und spuck aus, was du mir zu sagen hast.“

„Zwei Freunde von mir haben Kaubonbons erfunden, die die Fruchtbarkeit aussetzen und so verhindern, dass ein Weibchen nach dem Verkehr trächtig wird.“

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte Rosa verblüfft. Das Funkeln in ihren Augen verriet, dass sie zumindest neugierig geworden war.

„Ich belüge dich nicht.“

„Das würde ich dir auch nicht raten. Kannst du mir diese Wunderkaubonbons besorgen?“

„Ja“, antwortete Hilmer, obwohl er da gar nicht so sicher war. Er vertraute einfach darauf, dass ihn Henni und Hörg nicht im Stich lassen würden, wenn er sie um das Verhütungsmittel bat.

„Dazu muss ich dich vermutlich freilassen?“

„Ich habe die Bonbons nicht bei mir.“

Die Ratte sah Hilmer nachdenklich an. Der wusste, dass er sich auf sehr dünnem Eis bewegte, aber keine andere Wahl hatte. In seiner Mission war er bisher nicht besonders weit gekommen. Er konnte die Hilfe des Weibchens gut gebrauchen.

„Wo wolltest du eigentlich hin?“, fragte Rosa nach einer Weile.

„Was meinst du?“

„Ich habe dich erwischt, als du zwei deiner Artgenossen verfolgt hast. Was wollt ihr hier unten?“

„Ich war auf dem Weg zu Etna.“ Hilmer beschloss, dass es besser war, wenn er jetzt zumindest einen Teil der Wahrheit sagte.

Rosa brach in schallendes Gelächter aus, tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn und zeigte Hilmer die Fliege. „Was willst du denn bei der alten Kröte? Nicht einmal ich würde es wagen, ihre Ruhe zu stören.“

„Ich muss ihr eine wichtige Frage stellen. Es geht um mein Leben. Ich möchte nicht sterben, aber auch nicht ewig auf der Flucht vor meinen Vettern sein.“

„Du meinst die beiden Lemminge, die du verfolgt hast?“

„Das habe ich ja nicht. Ich wollte sie nur nicht in meinem Rücken haben.“

„Also gut. Du hast Mut, das überrascht mich. Was du vorhast, ist blanker Selbstmord. Aber damit kennt ihr Lemminge euch ja aus.“

Hilmer konnte über diese Bemerkung nicht lachen. Er sagte aber nichts. Vielleicht konnte er Rosa überzeugen, ihm zu helfen. Die Möglichkeiten dazu hatte sie sicher. „Kannst du mir den Weg zu Etna zeigen?“

„Warum sollte ich das tun? Wenn du tief unten im Berg stirbst, bekomme ich die Zauberbonbons nie.“

„Wenn du mich tötest auch nicht.“

„Da hast du sogar recht. Wie heißen die beiden Kerle, die das Verhütungsmittel erfunden habe?“

„Henni und Hörg. Sie arbeiten im Palast des Königs.“

„Solltest du auf deinem Weg zu Etna sterben, werde ich meine Söhne zu den beiden schicken. Wenn sie mir die Bonbons nicht geben, werden sie sterben. Wenn du mich hintergehst, lasse ich dich umbringen.“

„Soll das heißen, dass ich gehen kann?“

„Ja. Ich mag dich irgendwie, aber ich warne dich. Solltest du mich betrügen, werde ich dein ganzes Volk dafür bezahlen lassen.“

Ein Blick in Rosas Augen reichte Hilmer aus, um zu erkennen, dass es ihr absolut ernst war. „Ich werde dich nicht enttäuschen.“

„Das weiß ich.“ Rosa stieß einen kurzen Pfiff aus. Innerhalb von wenigen Sekunden tauchten plötzlich zwei männliche Ratten auf, wie aus dem Nichts. „Das sind Bert und Gerd. Sie werden dir den Weg zu der alten Kröte zeigen.“

 

20

 

„Glaubst du wirklich, dass die Ratten die Leichen unserer Artgenossen auffressen?“, fragte Hörg, als sie den Eingang in der Felswand erreichten. Kein Bewohner des Berges war gerade zu sehen. Wenn sie Hilmer finden wollten, mussten sich die beiden Lemminge jetzt in das Höhlensystem hineinwagen.

„Mit Sicherheit nicht alle. Dafür sind es zu viele.“

„Aber was machen die mit dem Rest?“

„Woher soll ich das wissen?“, antwortete Henni. „Vermutlich gibt es irgendwo im Berg ein riesiges Massengrab, wohin sie die Toten bringen.“

„Das wäre längst voll“, sagte Hörg. „Vielleicht finden wir ja heraus, was sie mit den Kadavern machen.“

„Deswegen sind wir nicht hier.“

„Interessieren würde es mich aber trotzdem.“

„Nimm die Sache nicht so leicht“, warnte Henni seinen besten Freund. „In diesem Labyrinth lauern viele Gefahren, die wir nicht unterschätzen dürfen. Und jetzt: Lass uns gehen. Aber leise.“

Die beiden Lemminge betraten den Gang und achteten darauf, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Sicher waren irgendwo Ratten in der Nähe und würden nicht viel Federlesens mit den Eindringlingen machen.

Hörg sah sich neugierig um. Er hatte erwartet, dass es schnell dunkel werden würde, aber von irgendwoher kam Licht, sodass sie recht gut sehen konnten. Er fand es spannend, diese ihm fremde Welt zu erkunden, und wäre gern schneller gegangen. Dennoch musste er einsehen, dass Henni recht hatte. Er war schon immer der vorsichtigere der beiden Brüder gewesen.

Bisher war weder etwas zu sehen noch zu hören. Das Zentrum des Rattenreichs musste sich sehr tief im Inneren des Berges befinden. Hörg drehte sich um und konnte den Ausgang nicht mehr sehen. Der Gang lief vollkommen gerade und leicht nach unten. Die Anspannung wurde immer größer und die beiden Lemminge schlichen jetzt.

Plötzlich sahen Henni und Hörg, wie der Gang vor ihnen auf einen zweiten traf. Wohin dieser Weg führte, war noch nicht auszumachen. Auch wenn Hörg am liebsten zu der Stelle gestürmt wäre, zwang er sich zur Ruhe. Gemeinsam mit Henni ging er vorsichtig auf die Gabelung zu. Jeden Moment konnten Ratten hervorspringen. Dann waren sie den gefährlichen Nagern ausgeliefert. Einen Kampf gegen die Bestien konnten sie nicht bestehen.

„Ich gehe als Erster“, sagte Hörg und lugte, ohne auf Hennis Antwort zu warten, in die Kreuzung hinein. Auf der rechten Seite war nichts zu sehen, aber als er den Blick nach links wandte, verschlug es Hörg den Atem. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken und er hätte sich am liebsten aus dem Labyrinth herausgezaubert. Er hatte gewusst, dass hier Ratten waren, aber nicht damit gerechnet, dass so viele von ihnen an einem Ort existierten. So schnell er konnte, zog er sich zurück und sah Henni kopfschüttelnd an. „Hier kommen wir nicht weiter.“

„Was ist dort?“, wollte Henni wissen.

„Ratten.“

„Geht es ein bisschen genauer? Mir ist auch klar, dass da keine Feldmäuse sind.“

„Es sind Tausende. Sie haben da eine Stadt oder so was. Schau selbst, ihre Behausungen reichen so weit, wie du sehen kannst.“

„Es ist gar nichts zu hören.“

„Das wundert mich auch“, gab Hörg zu. Tatsächlich drangen keine Geräusche aus der Stadt bis zu ihnen herüber. Es musste irgendetwas geben, das den Schall verschluckte. Der kurze Gang, in den Hörg eben geschaut hatte, reichte dazu allein nicht aus.

Henni folgte Hörgs Aufforderung und warf einen Blick in die Höhle. Sein Gesicht war kalkweiß, als er sich wieder Hörg zuwandte. „Wir haben ein Problem.“

„Trotzdem müssen wir weiter, wenn wir Hilmer finden wollen.“

„Wir können es rechts versuchen“, schlug Henni vor.

Wirklich begeistert war Hörg von der Idee seines Freundes nicht, stimmte aber dennoch zu. Sie mussten etwas tun und je länger sie hierblieben, umso größer wurde die Gefahr, von den Ratten erwischt zu werden. Die beiden Lemminge betraten den Gang, der etwas breiter war als derjenige, durch den sie den Weg hierher gefunden hatten. Leise aber zügig liefen sie immer tiefer in das Labyrinth hinein. Nach der ersten Kurve atmeten sie erleichtert aus. Von hier aus war die Stadt nicht mehr zu sehen und damit sank auch die Gefahr, entdeckt zu werden. Zumindest hoffte Hörg das.

„Ich hatte nicht erwartet, dass es so viele von diesen grässlichen Bestien gibt“, sagte Henni. Noch immer war außer den Geräuschen, die sie selbst verursachten nichts zu hören.

„Vermutlich wohnen da noch nicht einmal alle. Der Berg ist groß und von unseren toten Kameraden haben wir auch noch nichts gesehen.“

„Denk daran, dass wir nicht deswegen hier sind.“

„Ja, ich weiß.“

Die Brüder gingen weiter und hielten sich immer links, wenn sie an eine Abzweigung kamen. Hörg fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Er war sich längst nicht mehr sicher, ob sie aus diesem Irrgarten auch wieder herausfinden würden. Die Hoffnung, Hilmer zu treffen, hatte er fast aufgegeben.

„Was ist das denn?“, rief Henni und hielt Hörg am Arm fest, damit er stehen blieb.

„Was meinst du?“

„Siehst du das Flimmern da vorn?“

Hörg schaute angestrengt in den Gang vor sich und konnte dort tatsächlich etwas erkennen. „Es sieht aus, wie eine dünne Nebelschicht“, sagte er und ging langsam auf die Stelle zu.

„Sei vorsichtig!“, rief Henni seinem Freund nach, doch der hatte die Pfote bereits durch die durchscheinende Schicht gestreckt.

„Es kribbelt ein bisschen, scheint aber harmlos zu sein.“

„Was ist das?“

„Ich weiß es nicht. Ich gehe mal durch.“ Bevor Henni ihn zurückhalten konnte, machte Hörg zwei große Schritte und durchstieß den Nebel. Mit einem Mal wurde es laut. Der Lemming hörte ein dumpfes Brummen, in das sich einzelne Schreie und dumpfe Schläge mischten.

„Das ist unheimlich“, sagte Henni, nachdem er Hörg gefolgt war.

„Der Nebel scheint den Schall zu schlucken“, sagte Hörg. „Deswegen haben wir die Biester bisher nicht gehört. Sie befürchten wohl, dass von außerhalb des Berges jemand auf sie aufmerksam wird und den Weg durch die Höhlen findet.“

„Wer sollte das freiwillig tun?“

„Wir beide zum Beispiel.“ Hörg grinste seinen Freund an und ging weiter.

An der nächsten Weggabelung konnten Henni und Hörg wieder in die Stadt schauen. Diesmal sahen sie einen größeren Ausschnitt und waren noch erschrockener darüber, wie riesig die Ansammlung an Behausungen war, welche die Nager hier errichtet hatten. An den hohen Wänden waren sie in den Fels hineingehauen und am Boden vermutlich aus den Steinen errichtet worden, die dabei herausgeholt worden waren.

Henni und Hörg verzichteten darauf, näher an das Zentrum der Rattenplage zu gelangen, und wählten stattdessen einen anderen Gang aus, der leicht bergab führte. Wenn es Hilmer gelungen war, an den Nagern vorbeizukommen, musste er sich mittlerweile unter dieser Stadt befinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Lemminge ihren neuen Gefährten fanden, wurde aber immer geringer.

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