12. Dezember: Kapitel 18

18

 

„Du willst Hilmer doch nicht wirklich an Helmut und den dicken Hamster ausliefern, oder?“

„Nein, natürlich nicht“, beantwortete Henni Hörgs Frage. „Aber wir müssen zumindest so tun, als ob wir das vorhätten. Sonst wirft der König uns wieder in den Kerker und wir bekommen unser Labor nie zurück.“

„Das bekommen wir sowieso nicht.“

„Zumindest nicht so schnell“, stimmte Henni seinem Bruder zu. „Wenn wir beweisen können, dass der König die Lehren des Propheten falsch auslegt, wird er seinen Thron sehr schnell räumen müssen. Dann ist auch der Weg in unser Labor wieder frei.“

„Meinst du Hilmer findet die Schriften?“, fragte Hörg.

„Es wird nicht leicht für ihn werden. Mit Etna ist nicht zu spaßen.“

„Ganz sicher nicht“, bestätigte Hörg. „Freiwillig würde ich nicht zu ihr gehen.“

„Es kann passieren, dass wir hingehen müssen. Ohne die Schriften sind auch wir in vier Wochen tot. Wenn unser neuer Freund versagt, müssen wir ran.“

„Das stimmt leider.“

Die beiden Erfinder gingen vom Palast aus in Richtung Schicksalsberg. Dort wollten sie versuchen, einen Weg in das Höhlenlabyrinth zu finden. Hilmer war bestimmt schon dort. Vielleicht war er in Not und brauchte ihre Unterstützung. Henni und Hörg wussten, dass sie sich auf keinen Fall gegen Hilmer stellen durften. Wenn er sich nicht gegen Helmuts Schergen durchsetzen konnte, würde es kein Lemming mehr wagen, die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts infrage zu stellen. Dann könnte der König seine Machenschaften ungestört fortsetzen. Das durfte einfach nicht geschehen.

„Was machen wir eigentlich, wenn Helmut nicht gelogen hat?“, sprach Hörg die Befürchtung aus, die auch Henni am meisten Sorge bereitete.

„Dann verlassen wir mit Hilmer das Land.“

„Das meinst du nicht ernst.“

„Doch. Oder willst du etwa in vier Wochen vom Todesfelsen springen? Ich werde das sicher nicht tun.“

„Ich auch nicht.“ Hörg sah seinen Bruder grinsend an. Beide waren schon lange am zweifeln, ob sie den Weg ins gelobte Land wirklich gehen sollten. Seit sie Hilmer kennengelernt hatten, war die Entscheidung unwiderruflich gefallen.

„Mit unseren Kaubonbons werden wir uns überall ein gutes Einkommen sichern können“, sagte Henni. „Sicher funktionieren die auch bei Feldmäusen.“

Beide Lemminge brachen in schallendes Gelächter aus, wofür sie böse Blicke ihrer Artgenossen ernteten. Schließlich bereiteten diese sich auf ihren letzten Gang vor. Henni und Hörg waren nicht mehr weit vom Schicksalsberg entfernt, wo sich bereits einige Männchen und Weibchen versammelt hatten, um den Aufstieg zum Todesfelsen zu beginnen.

„An die Bonbons kommen wir aber nicht heran, wenn wir Hilmer nicht ausliefern“, gab Hörg zu bedenken.

„Dann müssen wir uns eben etwas einfallen lassen. Zu dritt können wir die Wachen sicher überlisten. Was auch immer geschieht, wenn wir uns einig bleiben, werden wir Helmut letztlich besiegen. Zumindest, wenn es um unser eigenes Leben geht.“

„Ich springe auf jeden Fall nicht auf die Klippen“, grinste Hörg und deutete auf seine Artgenossen. „Die spinnen doch hier alle.“

„Nicht so laut“, warnte Henni seinen Bruder. „Am Ende schleifen die uns noch einfach mit.“

„Unsinn. Wir sind doch erst vierzehn.“

„Ich denke nicht, dass sie danach fragen.“

„Du hast recht. Lass uns verschwinden.“

Henni und Hörg verließen den Weg zum Schicksalsberg. Sie schlugen einen Bogen, der sie an die Stelle unterhalb des Todesfelsens führte. Weil dort die Leichen lagen, wurde der Platz von den anderen Lemmingen gemieden. Ihre Artgenossen schauten zwar etwas irritiert, als die beiden links abbogen, sagten aber nichts.

Als Henni und Hörg die Klippen erreichten, wunderten sie sich, dass dort nicht ein einziger toter Lemming zu sehen war. Das heutige Springen hatte zwar noch nicht begonnen, aber sie waren davon ausgegangen, dass Kadaver vom Vortag liegen geblieben waren. Die Ratten leisteten bei der Entsorgung der Körper wohl ganze Arbeit. Bei dem Gedanken, dass die scharfzahnigen Nager ihre Artgenossen auffraßen, wurde den beiden Lemmingen schlecht. Helmut gehörte allein dafür erschlagen, dass er dies überhaupt billigte. Und der dicke Hamster am besten gleich mit.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Hörg und setzte sich in eine schattige Ecke.

„Woher soll ich das wissen?“, gab Henni gereizt zurück. „Ich dachte, wir könnten die Ratten bei der Arbeit beobachten und so den Eingang zu ihren Höhlen finden. Es konnte ja keiner ahnen, dass die schon alles aufgeräumt haben.“

„Dann müssen wir eben bis zum Abend warten. Da werden sie sicher wiederkommen.“

„Dann verlieren wir einen halben Tag. Das ist nicht gut.“ Henni setzte sich neben seinen Bruder und schaute zur Wand unter dem Todesfelsen. So sehr er sich auch anstrengte, eine Öffnung konnte er nicht entdecken. „Hilmer wird es im Berg nicht leicht haben. Er hat dort nur Feinde und ich befürchte, dass ihm seine bekloppten Vettern noch auf den Fersen sind. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, ihn noch bis zum Abend allein zu lassen.“

„Wir können aber nichts machen. Zumindest nicht hier. Außerdem habe ich keine Lust, mir den ganzen Tag anzuschauen, wie unsere Artgenossen in den Tod springen. Da sind sicher auch ein paar dabei, die wir kennen.“

„Du hast recht“, gab Henni zu. „Lass uns von hier verschwinden. Vielleicht finden wir ja einen anderen Eingang.“

„Oder wir besuchen Turgi und Targi.“

„Was willst du denn von denen?“

„Wenn sie hinter Hilmer her sind, können wir ihnen doch einfach folgen.“ Hörg sah seinen besten Freund grinsend an und schlug ihm auf die Schulter. In diesem Moment sprang der erste Lemming vom Todesfelsen.

„Nichts wie weg hier“, rief Henni und setzte sich in Bewegung.

Die beiden Brüder waren gerade losgelaufen, als sie ein knarrendes Geräusch hörten. Sie drehten sich gleichzeitig um und schauten zur Felswand. Dort war nun eine Öffnung, die gerade so groß war, dass zwei Ratten nebeneinander stehen und nach draußen schauen konnten.

„Wie es aussieht, müssen wir doch nicht bis zum Abend warten“, sagte Hörg grinsend.

„Nein. Nur so lange, bis die beiden Nager wieder verschwunden sind.“

„Das kann nicht allzu lange dauern“, vermutete Hörg. „Sie werden wohl kaum zwischen den Felsen herumlaufen, während die anderen noch springen.“

Tatsächlich verschwanden die beiden Ratten kurze Zeit später wieder. Die Öffnung in die Höhle verschlossen sie nicht. Offensichtlich rechneten sie nicht damit, dass sich einer der Selbstmörder zu dieser Stelle verirren würde.

Begleitet von den Freudenschreien der in den Abgrund springenden Lemminge machten sich die Freunde auf den Weg und kletterten die Felswand hinauf. Dabei konnten sie nur hoffen, dass sie nicht sofort von den widerlichen Nagern in Empfang genommen und als Hauptgang zum Essen eingeladen wurden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *