11. Dezember: Kapitel 16 und 17

16

 

Mit jedem Schwimmzug wurde die Panik in Hilmer größer. Wenn sich der Tunnel nicht gleich erweiterte, würde er in diesem Seitengang des Brunnens ertrinken. Die Strömung war kaum wahrnehmbar. Dennoch füllte das Wasser die Höhle komplett aus. Hilmer brauchte Luft. Jetzt!

Der Lemming merkte, wie ihn die Kräfte endgültig verließen, es wurde ihm bereits zeitweise schwarz vor Augen. Was seinen verhassten Vettern nicht gelungen war, erledigte jetzt der Brunnen. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass es vor ihm etwas heller wurde. Nach einem weiteren, verzweifelten Schwimmzug verschwand der Fels über seinem Kopf. Hilmer stieß sich nach oben ab, durchbrach mit dem Kopf die Wasseroberfläche und atmete gierig ein. Die Luft roch leicht muffig, aber das war ihm in diesem Moment egal. Er lebte noch. Für alles andere würde er auch eine Lösung finden.

Hilmer kletterte an der Seite aus dem Wasserlauf und sah sich in der Höhle um. Auf beiden Seiten des Brunnenzulaufs war felsiger Untergrund, auf dem er weitergehen konnte. Die Decke befand sich etwa einen Meter über ihm. Wenn er den Gang entlangschaute konnte er im Halbdunkel sehen, dass er langsam höher wurde. Woher das Licht kam, war nicht zu erkennen. Da ihm der Rückweg versperrt war, gab es nur eine Richtung, in die Hilmer gehen konnte. Er wusste, dass er sich hier nicht lange ausruhen durfte. Turgi und Targi würden sich sicher von seinem Tod überzeugen wollen und in den Brunnenschacht hineinklettern. Es war nicht auszuschließen, dass sie auch dem Gang folgten, wenn sie seine Leiche nicht fanden.

Beim Gedanken an Turgi und Targi durchlief ein Zittern Hilmers Körper. Sie hatten in den letzten Stunden bewiesen, wie bösartig sie waren. Anstatt ihren Vetter zu unterstützen, hatten sie sich von der ersten Sekunde an gegen ihn gestellt. Seit Torgis Tod waren sie aber regelrecht ausgetickt. Es war erschreckend, was die beiden Brüder inzwischen alles unternommen hatten, um ihn umzubringen. Und dennoch hatten sie es nicht geschafft.

Hilmer ging den felsigen Gang entlang und war gespannt, was er entdecken würde, wenn er dem Bachlauf weiter folgte. Mit etwas Glück konnte er sogar einen Weg in das Höhlensystem unter dem Schicksalsberg finden. Allerdings war er sich immer noch nicht sicher, ob er dort überhaupt hin wollte.

Der Weg zu Etna würde sehr gefährlich werden. Schon die Kinder wurden vor der hässlichen, bösen Kröte gewarnt, die tief im Untergrund lebte und jeden tötete, der es wagte ihre Ruhe zu stören. Dabei war es noch nicht einmal sicher, ob es Hilmer gelingen würde, das Reich der Ratten zu passieren. Die grässlichen Nager würden sich bestimmt keine Umstände mit Hilmer machen und ihn töten, falls sie ihn erwischten. Der Lemming verstand nicht, warum Helmut die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts ausgerechnet dort versteckt hielt. Schließlich musste er auch durch das Reich der Ratten, wenn er Etna aufsuchen wollte. Das alles machte wenig Sinn. Hatte der König seinen Berater am Ende vielleicht doch angelogen, um Ruhe vor dem Hamster zu bekommen? Das wäre Hilmers sicherer Tod. Da der aber ohnehin eine beschlossene Sache war, brauchte sich der Lemming eigentlich keine Gedanken zu machen. Jede weitere Stunde, die er überlebte, konnte er als persönlichen Sieg gegen seine beiden hirnlosen Vettern verbuchen.

Hilmer fragte sich, wie weit ihm Turgi und Targi folgen würden. Trauten sie sich wirklich in die Welt der Ratten hinein? War ihr Hass auf ihn größer als die Furcht vor den gefährlichen Nagern? Sicher wäre es einfacher Helmut zu berichten, dass der Flüchtling im Brunnenschacht verbrannt war. Doch würde der das Turgi und Targi glauben, wenn sie ihm seine Leiche nicht präsentieren konnten? Eher nicht. Je länger Hilmer darüber nachdachte, umso klarer wurde ihm, dass ihm seine Vettern folgen mussten. Er war jedoch fest entschlossen, sich nicht noch einmal von den beiden erwischen zu lassen.

Wie erwartet wurde der Gang nicht nur höher, sondern auch breiter. Noch konnte er die Stelle erahnen, durch die er in die Höhle gekommen war, wenn Hilmer aber noch ein paar Minuten weiterging, würde der Eingang im Dunkeln verschwinden. Er konnte dann nicht mehr sehen, wann Turgi und Targi den Gang betraten. Genau das gefiel dem Flüchtigen nicht. Die Gefahren, die ihn unter dem Schicksalsberg erwarteten, waren auch groß genug, wenn er keine weitere Bedrohung in seinem Rücken hatte. Verschließen konnte er den Weg in den Brunnen aber auch nicht.

Während er weiter am Lauf des Baches vorbeiging, hatte Hilmer plötzlich die rettende Idee. Er musste sich von seinen Vettern überholen lassen, dann wären alle Gefahrenherde vor ihm. Jetzt musste er nur noch ein Versteck finden, in dem er abwarten konnte, bis ihn seine Verfolger passierten. Außerdem würden ihm nach den vergangenen Strapazen ein paar Stunden Ruhe gut tun. Da Turgi und Targi sicher nicht die einzigen Feinde waren, die er in dieser Höhle hatte, konnte er sich schlecht irgendwo hinlegen. Zunächst blieb ihm also nichts anderes übrig, als dem Gang zu folgen.

Auf seinem weiteren Weg suchte Hilmer die Höhlenwände nach einer Öffnung ab, die groß genug war, dass er sich darin verbergen konnte. In dem glatten Fels konnte er nicht einmal die kleinste Spalte entdecken. Wenn er nicht bald ein geeignetes Versteck fand, würde er die Suche beenden müssen, da er so viel langsamer vorankam und Turgi und Targi schneller aufholten.

Der Gang wurde immer höher und hatte mittlerweile mindestens das Vierfache von Hilmers Größe erreicht. Plötzlich sah er über sich eine Art Vorsprung. Leider war es immer noch nicht so hell, dass er sich die Stelle von unten genauer anschauen konnte. Die Plattform erschien ihm aber groß genug, dass er sich darauf verstecken konnte. Hilmer sprang hoch und schaffte es, sich am Vorsprung mit beiden Vorderpfoten festzukrallen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, die Arme würden ihm aus der Schulter gerissen, dann gelang es ihm aber, sich langsam nach oben zu ziehen. Als er die Arme gebeugt hatte, schien ihn der Schmerz fast zu zerreißen. Dafür konnte er einen Blick auf den Fels werfen. Direkt vor sich sah der Lemming einen schmalen Spalt, der groß genug war, dass er sich an seiner Kante festhalten konnte.

Hilmer unterdrückte die Angst abzustürzen und griff mit der linken Pfote nach dieser Stelle. Er mobilisierte seine letzten Kräfte und schaffte es, seinen Körper auf die Plattform zu ziehen. Völlig ausgepumpt legte er sich auf den Rücken und atmete tief durch. In der Höhle war es absolut still. Nicht einmal das Rauschen des Baches war zu hören.

Dass er großes Glück hatte, bisher noch auf kein anderes Lebewesen gestoßen zu sein, war Hilmer durchaus bewusst. Als er aus dem Brunnen herausgekommen war, hatte er sich darüber noch keine großen Gedanken gemacht. Wenn er das Höhlensystem aber lebend wieder verlassen wollte, würde er ab jetzt vorsichtiger sein müssen. Er rückte so dicht wie möglich an die Felswand und war sich sicher, dass er von unten nicht gesehen werden konnte. Er hoffte, dass Turgi und Targi nicht auf die Idee kommen würden, die Plattform zu kontrollieren.

Mit jeder Sekunde, die Hilmer ruhig auf dem Felsen lag, wuchs seine Müdigkeit. Seine Gelenke schmerzten und es wurde ihm schwindelig, wenn er die Augen schloss. Trotzdem dauerte es nicht lange, bis der Lemming in einen dämmrigen Zustand fiel. In diesem Augenblick waren im Turgi, Targi und die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts egal und er schlief ein.

 

17

 

Als Hilmer von zwei ihm wohlbekannten Stimmen aus dem Schlaf gerissen wurde, wusste er nicht, wie viel Zeit vergangen war. An den Lichtverhältnissen in der Höhle hatte sich nichts geändert. Der Flüchtling blieb stocksteif auf dem Felsvorsprung liegen. Seine Vettern mussten sich direkt unter ihm befinden, schienen aber nichts von seiner Anwesenheit bemerkt zu haben.

„Glaubst du wirklich, dass der Spinner so weit in die Höhle vorgedrungen ist?“, fragte Targi skeptisch.

„Nein, dazu ist er zu feige.“

Ich komme gleich runter und zeige dir, wer feige ist, dachte Hilmer, hütete sich aber davor, auch nur den kleinsten Laut über seine Lippen kommen zu lassen.

„Irgendwo muss er ja stecken“, sagte Targi. „Ich bin mir sicher, dass der Mistkerl noch lebt.“

„Ich auch. Wir hätten seine Leiche sonst gefunden. Oder zumindest Reste davon, wenn ihn das Feuer erwischt hätte. Unglaublich, dass er den Flammen entkommen ist.“

„Er muss den Durchgang in die Höhle schon vorher gefunden haben.“

„Vermutlich“, gab Turgi seinem Bruder recht.

„Und wenn wir Helmut einfach sagen, Hilmer sei verbrannt?“

„Das wird er nicht glauben. Der König wird die verkohlten Reste sehen wollen.“

„Wir könnten Torgis Körper verbrennen.“

„Bist du wahnsinnig?“, fuhr Turgi seinen Bruder an.

Auch Hilmer stockte der Atem. Er hätte nie für möglich gehalten, dass Targi so weit gehen würde, auch wenn es ihm selbst natürlich nur recht gewesen wäre, wenn Turgi auf den Vorschlag seines Bruders eingegangen wäre.

„Ich meine ja nur“, gab Targi beleidigt zurück. „Wie tief willst du denn noch in den Berg rennen, um den Ungläubigen zu finden?“

„So weit, bis wir ihn gefunden haben“, zischte Turgi.

Wieder erschrak Hilmer über den Hass, den seine Vettern für ihn empfanden. Kaum zu glauben, dass sie vor drei Tagen noch gemeinsam auf ihren Tod angestoßen hatten.

„Was meinst du, wo wir hier sind?“, fragte Targi nach einer Weile. Der Klang seiner Stimme zeigte Hilmer, dass er mit der Situation alles andere als zufrieden war, und schnell wieder aus der Höhle heraus wollte.

„Vermutlich befinden wir uns in den Ausläufern des Höhlenlabyrinthes unter dem Schicksalsberg.“

„Du meinst bei den Ratten?“, fragte Targi entsetzt.
„Ich habe noch keine gesehen.“

„Aber die sind hier irgendwo.“

„Stell dich nicht so an“, wies Turgi seinen Bruder zurecht. „Oder hast du etwa auf einmal Angst vor dem Tod?“

„Ja, das habe ich“, gab Targi zurück. „Ich will vom Todesfelsen springen und nicht von einer Ratte gefressen werden.“

„Das wird dir sowieso passieren. Was glaubst du wohl, wer die Leichen auf den Klippen einsammelt?“

„Das ist nicht das Gleiche.“

„Im Ergebnis schon. Es ist wichtig, dass unsere Seelen ins gelobte Land einziehen. Wie wir sterben ist zweitrangig.“

„Bist du dir da sicher?“

„Ich hoffe es“, sagte Turgi mit leiser Stimme. „Vor allem für Torgi.“

„Also gehen wir weiter?“, wollte Targi wissen.

„Es wird uns nichts anderes übrig bleiben.“

Hilmer konnte hören, wie seine Jäger unter ihm aufstanden und sich den Staub aus dem Fell klopften, bevor sie sich wieder auf den Weg machten. Er wagte es nicht, einen Blick über den Rand des Felsvorsprunges zu werfen, und zwang sich zur Ruhe. Er wollte einen Moment abwarten, bevor er sein Versteck verließ. Noch konnte er das Gespräch zwischen den beiden Brüdern belauschen, auch wenn ihre Stimmen langsam undeutlicher wurden.

„Wir hätten unsere Bogen mitnehmen sollen“, sagte Targi.

„Gegen die Ratten hätten uns die auch nicht geholfen“, entgegnete Turgi.

„Aber gegen Hilmer.“

„Mit dem werden wir schon fertig. Wir schlagen einfach so lange auf ihn ein, bis er sich nicht mehr bewegt.“

„Aber das haben wir doch schon einmal getan.“

„Das spielt doch keine Rolle“, sagte Turgi ärgerlich. „Wichtig ist nur, dass wir ihn zu Helmut bringen. Ob tot oder lebendig ist egal.“

Was Targi seinem Bruder antwortete, konnte Hilmer nicht mehr verstehen, weil sein Vetter sehr leise sprach. Danach schwiegen die beiden und waren schließlich gar nicht mehr zu hören. Der Flüchtling atmete tief durch. Sein Körper war schweißnass und begann jetzt, wo die größte Gefahr vorbei war, zu zittern. Hilmer wollte gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn Turgi und Targi ihn auf dem Felsvorsprung entdeckt hätten. Er wartete noch einige Minuten und machte sich dann an die Verfolgung seiner Vettern. Er fand es sehr beruhigend, dass er die beiden jetzt zwischen sich und den Ratten hatte.

Auf dem weiteren Weg durch die Höhle stellte Hilmer fest, dass es langsam wärmer wurde. Zunächst konnte er sich den Grund dafür nicht erklären. Er hatte immer angenommen, dass es in den Höhlen unter dem Schicksalsberg deutlich kälter war als im Freien. Dann sah er den flackernden Lichtschein vor sich. Dort musste ein großes Feuer brennen, das nicht nur für die Helligkeit verantwortlich war, sondern auch die Temperaturen hoch hielt.

Nach ein paar Minuten wurde der Gang etwas schmaler und mündete dann in eine riesige Halle. Hilmer befand sich auf einer Art Empore, von der aus er in die Tiefe schauen konnte. Was er sah, ließ ihn erschaudern. Egal wohin er blickte, es wimmelte nur so von Ratten.

Die Stadt, die sich unter Hilmer erstreckte, hatte die Form eines Trichters. An den Seiten befanden sich die Eingänge zu den Behausungen der Bewohner, die vollständig im Fels verschwanden. Wie groß diese Bauten waren, konnte der Lemming von seinem Standort aus nicht erkennen. Ganz unten war ein freier Platz, in dessen Mitte das Feuer loderte. Hilmer sah nicht, was die Ratten dort verbrannten, aber der Gestank war furchtbar und es kostete ihn Mühe, den Brechreiz zu unterdrücken, als ihm eine Rauchwolke ins Gesicht schlug.

Plötzlich erinnerte sich der Flüchtling daran, dass die größte Gefahr nach wie vor von seinen Vettern ausging. Von Turgi und Targi war allerdings nichts zu sehen. Hilmer überlegte, in welche Richtung er jetzt gehen sollte. Er stand immer noch direkt am Ausgang der Höhle. Es führte ein Rundweg um den Trichter herum, von dem aus weitere Gänge abzweigten. Außerdem gab es eine breite Treppe, die einen hinunter in die Stadt brachte.

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch folgte der Lemming dem Weg auf der rechten Seite. Seine Sorge erwies sich zunächst aber als unbegründet. Er erreichte die erste Abzweigung, die in den Berg hineinführte, ging aber weiter. Wenn Turgi und Targi in eine der Höhlen verschwunden waren, würde er sie nie finden. Genau genommen, wollte er das auch gar nicht. Plötzlich spürte Hilmer eine Pfote auf seiner Schulter und erstarrte.

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