10. Dezember: Kapitel 14 und 15

14

Wo es einen Einstieg in das Höhlensystem gab, wusste Hilmer nicht. Da sich ein Teil der Gänge aber im Schicksalsberg befand, hoffte er, dort auch irgendwo eine Öffnung zu entdecken, durch die er hineingelangen konnte. Er beschloss, zunächst unter dem Todesfelsen zu suchen. Es gab Gerüchte, dass die Ratten die Leichen der Lemminge einsammelten, die von der Klippe gesprungen waren. Sicher führte ein direkter Weg aus dem Reich der Nager dorthin.

„Da läuft der Kerl ja“, hörte Hilmer plötzlich Turgis Schrei und drehte sich erschrocken um. Seine beiden Vettern waren etwa einhundert Meter von ihm entfernt in die Straße eingebogen und nahmen sofort die Verfolgung auf.

„Haltet ihn auf“, rief Targi, doch keiner der Lemminge, die auf der Straße unterwegs waren, hörten auf ihn.

Hilmer drehte sich von den beiden weg und lief los. Die Schreie seiner Widersacher spornten ihn an. Er wusste, dass er sich auf gar keinen Fall noch einmal von den beiden erwischen lassen durfte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie ein Pfeil neben ihm gegen eine Wand schlug. Seine Vettern hatten sich tatsächlich bewaffnet und schossen nun auf ihn. Dabei hatte Hilmer noch Glück, dass Turgi und Targi den Umgang mit dem Bogen nicht gewohnt waren. Dennoch würden sie ihn früher oder später erwischen. Da er selbst noch unter den Nachwirkungen der letzten Nacht litt, war er eindeutig langsamer als seine Verfolger. Es würde nicht lange dauern, bis sie ihn eingeholt hätten.

Wieder schlug ein Pfeil dicht neben Hilmer gegen die Wand. Obwohl er das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenbrechen zu müssen, beschleunigte er seine Schritte noch. Er bog um eine Ecke und sah vor sich eine weitere, lange Straße. Die führte zwar direkt zum Schicksalsberg, bis dahin würde er es aber nicht mehr schaffen.

„Bleib stehen du elendiger Verräter“, schrie Turgi, der nicht mehr weit von dem Flüchtigen entfernt war.

Hilmer sah sich im Laufen um und bemerkte, wie Targi einen weiteren Pfeil auf ihn abfeuerte. Er schaffte es, im letzten Moment dem Geschoss auszuweichen, und es flog dicht an seinem Kopf vorbei. Seine Verfolger hatten die Distanz zu ihm inzwischen mehr als halbiert.

Turgi und Targi jagten ihren Vetter direkt auf einen Brunnen zu, der sich auf einem kleinen Platz befand, an dem sich zwei Straßen kreuzten. An einem Holzbalken hing ein Seil hinunter, an dem vermutlich ein Eimer befestigt war. Die Kurbel lag in einer Halterung, die stabil genug aussah, auch das Gewicht eines Lemmings zu halten. Hilmer setzte alles auf eine Karte. Ohne vorher stehen zu bleiben, sprang er über den Rand des Brunnens und griff mit beiden Pfoten nach dem Seil. Dann hielt er kurz den Atem an. Die Kurbel knarrte verdächtig, brach aber nicht.

„Du wirst uns nicht entkommen“, schrie Turgi und schoss einen weiteren Pfeil auf den Flüchtigen ab. Auch Targi spannte seinen Bogen.

Wieder hatte Hilmer großes Glück, dass er nicht getroffen wurde. Bevor ihn seine Vettern erreichen konnten, kletterte er an dem Seil nach unten. Nach etwa fünf Metern erreichte er den Eimer. Der Lemming warf einen verzweifelten Blick nach oben und sah dort die Gesichter von Turgi und Targi auftauchen. Beide waren gerade dabei, ihren Bogen zu spannen. Hilmer wusste nicht mehr, was er anderes tun konnte, und ließ das Seil los. Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass Wasser in dem Brunnen war. Ansonsten würde er sich den Hals brechen.

Der Lemming war trotz seines Pechs mit den immer wieder auftretenden Verfolgern ein echter Glückspilz. Kurz nach dem Aufschlag brach eine Wasserwelle über ihm zusammen und er tauchte tief in die eiskalte Brühe ein. Als er mit den Füßen den Grund des Brunnens berührte, stieß er sich ab, um wieder an die Oberfläche zu gelangen. Hilmer sah die Gesichter seiner Vettern.

„Jetzt sitzt du in der Falle“, schrie Turgi nach unten.

„Dieses Mal befreit dich keiner“, prophezeite Targi.

„Kommt doch herunter und holt mich, wenn ihr euch so sicher seid“, gab Hilmer wütend zurück. Gestern um diese Zeit war er mit seinen Vettern zum Schicksalsberg aufgebrochen. Da hätte er es noch nicht für möglich gehalten, dass er sie einmal aus tiefstem Herzen hassen würde.

Nach einer Weile schienen auch Turgi und Targi zu bemerken, dass sie so nicht weiterkamen. Sie sprachen leise miteinander und wussten offenbar nicht, was sie jetzt tun konnten, um Hilmer in die Finger zu bekommen. Der nutzte die Zeit, um sich den Brunnenschacht genauer zu betrachten. Die Wände waren nicht völlig glatt, zeigten aber auch keine Risse oder Spalten, in denen er Halt finden konnte. Es war nicht möglich, ohne ein Seil nach oben zu klettern. Blieb der Weg nach unten. Irgendwie musste ja auch das Wasser hierhergelangen.

Plötzlich verschwand Turgi für einen Moment aus seinem Blickfeld, während Targi weiterhin in die Tiefe schaute. Hilmer ahnte, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte, und behielt mit dieser Befürchtung recht. Als sein Vetter wieder erschien, hielt er zwei faustgroße Steine in den Pfoten. Er zielte und warf die beiden Brocken nach unten.

Hilmer holte tief Luft und tauchte im letzten Augenblick blitzschnell nach unten, bevor die Steine in ernstlich verletzen konnten. Trotzdem wurde er an der Schulter getroffen. Zunächst spürte er einen stechenden Schmerz, der aber schnell wieder verging. Hilmer suchte nach einem Ausgang und konnte am Grund des Brunnens tatsächlich so etwas wie einen Gang erkennen, der zur Seite wegführte. Seine Lungen drohten zu platzen. Dem Lemming blieb nichts anderes übrig, als aufzutauchen und sich darauf zu verlassen, dass Targi nicht ausgerechnet in diesem Moment den nächsten Stein nach unten warf, in dem er mit dem Kopf aus dem Wasser stieß.

Hilmer traute sich nicht, in den Gang hineinzutauchen, weil er nicht wusste, wann und wo er dort wieder herauskommen und Luft würde holen können. Als er auftauchte, konnte er weder Turgi noch Targi am Brunnenrand entdecken. Hatten die beiden etwa aufgegeben und waren verschwunden? Nein! Hilmer konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass seine Vettern es ihm so einfach machen würden. Sicherlich führten sie wieder irgendeine Schweinerei im Schilde.

Zunächst geschah allerdings nichts. Hilmer wusste, dass er nicht ewig auf der Stelle schwimmen konnte. Irgendwann musste er versuchen aus dem Wasser herauszukommen. Er war kurz davor, doch einen Versuch zu starten, an den Brunnenwänden nach oben zu klettern, als er über sich die Stimmen seiner Vettern hörten. Was sie sprachen, verstand er nicht.

Plötzlich tauchte Targi in Hilmers Blickfeld auf und stellte einen Kanister auf dem Rand des Brunnens ab. Kurze Zeit später gesellte sich Turgi an die Seite seines Bruders. Der schraubte den Deckel des Behälters auf und kippte ihn leicht nach vorne. Eine dunkle Flüssigkeit strömte hervor und ergoss sich nach unten genau auf Hilmer zu. Der ahnte mittlerweile, was die beiden Verrückten in dem Kanister hatten.

Jetzt blieb ihm nur noch ein Ausweg.

Keine Sekunde zu spät tauchte Hilmer ab. Er schwamm auf den Seitengang am Grunde des Brunnens zu und betete innerlich, dass der ihn schnell in eine Höhle bringen würde, in der er atmen konnte. Gerade bevor er im Gang verschwand, sah er, wie über sich im Schacht ein flammendes Inferno losbrach. Hilmer machte ein paar kräftige Schwimmzüge und spürte dabei, dass das Wasser schlagartig wärmer geworden war.

 

15

 

„Ich glaube euch beiden kein Wort.“

„Aber, Helmut“, entgegnete Henni gespielt entrüstet. „Haben wir dich jemals angelogen?“

„Ja, das habt ihr“, antwortete Dieter anstelle des Königs und schaute die beiden Erfinder aus böse funkelnden Augen an.

Henni und Hörg wussten, dass der Hamster sie lieber heute als morgen über den Schicksalsberg gejagt hätte. Zu Helmut hatten die beiden aber nach wie vor einen sehr guten Draht. Ein paar ihrer Erfindungen wusste der König durchaus zu schätzen. Besonders die Kühlschrank-Grill-Kombination in seinem Schlafzimmer, die ihm rund um die Uhr eine schnelle Mahlzeit ermöglichte, wollte er ganz sicher nicht mehr missen. Er würde ihnen früher oder später auch die Idee mit den Kaubonbons verzeihen, die sie selbst nach wie vor als ihren absoluten Geniestreich ansahen. Deshalb interessierten sie sich nicht so sehr für das, was sein Berater von sich gab, und ließen ihn links liegen. Irgendwann würde der König ihn sowieso zum Teufel jagend.

Als einer der Wächter am Morgen in den Kerker gekommen war, hatte er dort nur zwei und nicht, wie erwartet, drei Gefangene vorgefunden. Helmuts treuer Diener war natürlich schleunigst zum König geeilt und erstattete ihm Bericht. Der war aus allen Wolken gefallen und hatte Henni und Hörg sofort in den Audienzsaal bringen lassen, um sie dort zu verhören. Die beiden beteuerten, nichts von Hilmers Verschwinden gemerkt zu haben, was Helmut ihnen aber, wie erwartet, nicht glaubte.

„Der Kerl war bewusstlos, als ihr ihn zu uns in den Kerker gebracht habt“, erklärte Hörg. „Er muss aufgewacht und verschwunden sein, nachdem Henni und ich eingeschlafen waren.“

„Du behauptest also, dass ihr nicht mit Hilmer gesprochen habt?“, fragte Helmut und runzelte die Stirn.

„Genau. Wir würden uns doch nie mit einem Verbrecher einlassen“, sagte Henni. „Wir sind gesetztestreue Bürger.“

„Deshalb wart ihr ja auch im Kerker“, stichelte Dieter.

„Bei uns ist das mehr so eine Art angeordnete, schöpferische Pause“, erwiderte Henni und grinste den Hamster an.

„Was hat er denn überhaupt angestellt?“, wollte Hörg wissen, um von seinen eigenen Taten abzulenken.

„Er wollte nicht vom Todesfelsen springen“, antwortete der König. „Seine Vettern Turgi, Targi und Torgi haben ihn zu mir gebracht.“

„Das wissen die beiden doch“, schnaufte Dieter verächtlich. „Die lügen hier das Blaue vom Himmel herunter und du glaubst ihnen auch noch.“

„Wir kennen Hilmer und seine Vettern von früher“, erklärte Henni grinsend. „Deshalb wussten wir, wer zu uns in den die Zelle gebracht wurde. Das macht uns aber noch lange nicht zu seinen Komplizen.“

„Wie er aus dem Kerker entkommen ist, wissen wir wirklich nicht“, fügte Hörg hinzu. „Vielleicht haben ihn seine Vettern ja befreit.“

„Unsinn“, entgegnete der König. „Die drei wollen den Kerl am liebsten selbst tot sehen und werden ihn jetzt sicherlich jagen.“

„Diese hirnlosen Idioten können noch nicht einmal eine Feldmaus fangen“, sagte Dieter verächtlich.

„Oder einen in die Jahre gekommenen, übergewichtigen Hamster“, fügte Hörg hinzu und fing sich dafür einen Hieb von Henni ein. Der königliche Berater schaute die Brüder böse an, schwieg aber.

„Aus diesem Grund werdet ihr diesen Spinner einfangen“, beschloss Helmut.

„Wieso denn wir?“, fragte Henni entrüstet. „Wir haben doch gar nichts mit der Sache zu tun.“

„Ihr habt Hilmer entkommen lassen, ihr bringt ihn auch wieder zurück. So einfach ist das.“

Hörg wollte dem König widersprechen, sah aber in dessen Blick, dass dies keinen Sinn haben würde. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

„Willst du dich wirklich auf die beiden Nichtsnutze verlassen?“, gab Dieter zu bedenken. „Wenn du sie laufen lässt, machen die irgendeinen Unsinn. Aber nicht das, was sie sollen.“

„Die beiden werden sich genau an meine Anweisungen halten.“

„Was macht dich da so sicher?“

„Unsere Erfinder wollen bestimmt ihr Labor zurückhaben. Das bekommen sie nur im Tausch gegen Hilmer. Du siehst also, sie haben allen Grund, mich zufriedenzustellen.“

Henni und Hörg starrten den König entsetzt an. Natürlich hatten sie niemals vor, sich gegen Hilmer zu stellen. Wenn das aber die einzige Möglichkeit war, das Labor zurückzubekommen, mussten sie sich etwas einfallen lassen. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Helmut eine richtig clevere Entscheidung getroffen. Natürlich, ohne das zu wissen.

„Das ist nicht fair“, unternahm Hörg einen letzten Versuch, Helmut umzustimmen.

„Mag sein“, antwortete der König. „Dennoch werden wir es genau so machen, wie ich es gerade gesagt habe. Ich lasse zwei Wächter vor eurem Labor postieren, die verhindern werden, dass ihr dort eindringt.“

„Schick die doch lieber los und lass sie Hilmer suchen“, sagte Henni zähneknirschend.

„Nein, mein Lieber. Ihr beide werdet euch sehr viel mehr Mühe geben, den Verräter zu fassen. Ich weiß, wie wichtig euch eure Arbeit ist. Und jetzt raus hier!“

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