09. Dezember: Kapitel 13

13

 

Hilmer konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, bis die ersten Sonnenstrahlen durch den Lichtschacht in den Keller fielen. Mittlerweile stand der Gefesselte nur noch auf den Zehenspitzen. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis er den Halt verlor und sich selbst strangulierte. Damit hätten Turgi und Targi gewonnen und ihren Bruder gerächt.

Plötzlich wurde es schlagartig hell im Keller. Hilmer hörte unter sich einen ohrenbetäubenden Lärm und dann zwei bekannte Stimmen.

„So eine Schweinerei“, schimpfte Henni, als er den Raum betrat und nach oben schaute.

„Wer denkt sich denn so eine Folter aus?“, fragte Hörg hörbar entsetzt.

Hilmer konnte die beiden Brüder nicht sehen, war aber unendlich erleichtert, dass sie ihn gefunden hatten. Was die Erfinder vorhatten, konnte er leider nicht erkennen. Er konnte nur hoffen, dass ihnen eine Möglichkeit einfiel, ihn aus dieser Situation zu befreien – und zwar schnell. Aus den Augenwinkeln sah Hilmer etwas Glänzendes vorbeifliegen, dann wurde das Seil über ihm gekappt. Der Lemming verlor den Halt unter den Füßen und landete auf dem Hintern. Dann begann eine rasante Fahrt nach unten.

Der Eisblock hatte inzwischen die Form eines Kegels angenommen und es gab nichts, das Hilmers Rutschfahrt hätte abbremsen können. Da seine Pfoten weiterhin auf den Rücken gebunden und seine Füße annähernd taub waren, wurde er zum wehrlosen Spielball. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Einschlag. Der ließ nicht lange auf sich warten. Hilmer hörte noch die entsetzten Schreie von Henni und Hörg, dann donnerte er in einen Stapel Kisten, die zu seinem Glück leer waren. Holz splitterte und flog in kleinen Teilen um ihn herum.

Für einen Moment dachte Hilmer, dass es seine Vettern letztlich doch noch geschafft hatten. Dann schlug er die Augen auf und sah in die besorgten Gesichter von Henni und Hörg. „Hättet ihr mich nicht etwas behutsamer vom Eisblock holen können?“

„Nun hör sich einer diesen Kerl an“, spielte Henni den Entrüsteten. „Lässt sich in letzter Sekunde vor dem sicheren Tod retten und beschwert sich dann auch noch.“

„Wir Lemminge sind schon eine undankbare Gattung“, lachte Hörg.

„Ich danke euch! Lange hätte ich es nicht mehr auf dem Eisklotz ausgehalten. Ihr seid keine Sekunde zu früh gekommen.“ Hilmer spürte, wie sich seine Muskeln langsam entspannten. Damit kamen aber auch die Schmerzen. Es gab keine Stelle an seinem Körper, die ihm nicht weh tat. Trotzdem freute er sich natürlich, dass er dem Tod im letzten Moment von der Schippe gesprungen war. Turgi und Targi würden ausrasten.

„Die Kerle, die dir das angetan haben, müssen dich sehr hassen“, stellte Henni fest. „Das ist mit Abstand der grausamste Mordversuch, den ich jemals gesehen habe.“

„Wie viele hast du denn vorher gesehen?“, fragte Hörg grinsend.

„Keinen.“

„Das habe ich mir gedacht.“ Hörg nahm ein Messer und schnitt die Fesseln an Hilmers Pfoten durch. „Kannst du aufstehen?“

„Ich werde es versuchen.“ Der Lemming stützte sich mit den Fäusten auf dem Boden ab und kam langsam auf die Beine. „Die Schmerzen bringen mich um“, jammerte er, als er aufrecht zwischen seinen Befreiern stand.

„Sie zeigen dir, dass du noch lebst“, sagte Henni. „Wir müssen verschwinden.“

„Wie habt ihr mich überhaupt gefunden?“

„Als du nicht zu unserem Treffpunkt gekommen bist, dachten wir schon, dass etwas schiefgegangen ist“, erklärte Hörg. „Es war nicht schwer herauszufinden, wo deine schrägen Vettern wohnen. Zwei von ihnen kamen aus dem Haus, als wir hier ankamen und redeten davon, dass du diesmal keine Chance mehr haben würdest.“

„Der Dritte ist tot.“

„Wie das?“, fragte Henni.

„Er ist an seinem eigenen Rattengift zugrunde gegangen.“

„Das musst du uns näher erklären.“

„Dazu haben wir jetzt keine Zeit“, widersprach Hörg seinem Bruder. „Du kannst uns die Einzelheiten später erzählen. Lasst uns jetzt von hier verschwinden.“

Henni und Hörg mussten Hilmer stützen, als die drei Lemminge aus dem Keller hinaufstiegen. Sie verließen das Gebäude und gingen die Straße hinunter, bis sie einen schmalen Pfad erreichten, in dem man sie nicht so schnell entdecken konnte. Die drei setzten sich auf den Boden und atmeten durch. Zunächst schilderte Hilmer, wie er in die Fänge seiner Vettern geraten war. Dann waren die beiden Erfinder mit dem Erzählen dran.

„Ich soll zu Etna gehen?“, fragte Hilmer entsetzt, nachdem Hörg ihm berichtet hatte, wo Helmut Wonibalts heilige Schriften versteckt hielt.

„Wir sehen keine andere Möglichkeit“, sagte Henni.

„Daraus wird nichts. Niemand kann zu der alten Kröte gehen.“

„Du musst es“, erwiderte Hörg bestimmt. „Vielleicht ist sie ja gar nicht so schlimm, wie alle behaupten.“

„Die Lemminge erzählen sich, dass bisher niemand lebend von Etna zurückgekehrt ist.“ Hilmer schüttelte den Kopf. Was die beiden Erfinder hier von ihm verlangten, war einfach nicht möglich.

„Vielleicht hat es noch niemand versucht“, bemühte sich Henni, Hilmer zu beruhigen. „Es kann ja keiner wissen, dass sich die heiligen Schriften bei der Kröte befinden. Wer sollte also einen Grund haben, den gefährlichen Weg auf sich zu nehmen. Immerhin muss man durch das Reich der Ratten, wenn man so tief in die Höhlen des Schicksalsberges vordringen will.“

„Eben. Was, wenn ich nicht einmal das schaffe?“

„Was willst du denn sonst machen?“, wollte Hörg wissen. „Wenn du in der Stadt bleibst, wirst du nicht mehr lange überleben. Die Frage ist nur, ob dich die Wachen oder deine Vettern zur Strecke bringen.“

„Ich könnte die Gegend verlassen und einen Ort suchen, wo es keine Lemminge gibt.“

„Du wirst niemals sicher sein“, widersprach Hörg. „Turgi und Targi werden nicht aufgeben. Sie wollen ihren Bruder rächen. Außerdem ist ihnen der Weg zum Todesfelsen untersagt, solange du noch lebst. Die jagen dich bis ans Ende der Welt.“

„Du hast ja recht“, gab Hilmer zu. „Aber ungefährlich ist der Weg zu Etna auch nicht.“

„Das stimmt“, gab Henni zu. „Aber es ist die bessere Lösung. Turgi und Targi werden nicht damit rechnen, dass du in die Höhlen gehst. Es klingt vielleicht komisch, aber dort bist du sicher vor deinen Vettern.“

„Aber nicht vor den Ratten.“ Hilmer wusste selbst, dass Henni und Hörg recht hatten. Er musste die heiligen Schriften finden. Vielleicht würde er in ihnen eine Möglichkeit entdecken, wie er sich gegen Helmut durchsetzen konnte. Falls der König immer die Wahrheit über Wonibalts Thesen verkündet hatte, war Hilmer ohnehin verloren. „Also gut“, sagte er nach einer Weile. „Ich gehe zu Etna.“

 

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