08. Dezember: Kapitel 11 und 12

11

 

Dafür bringe ich dich um, dachte Hörg, als er hörte, wie sich die Tür zu den königlichen Schlafgemächern öffnete. In diesem Moment schwor er sich, dass er das nächste Mal nicht auf seinen Bruder hören und die Aufgaben selbst verteilen würde. Jetzt blieb ihm aber nichts anderes übrig, als das Kommende über sich ergehen zu lassen. Egal, wie schlimm es auch werden würde.

Nachdem Hörg sich verzweifelt in Helmuts Gemächern umgesehen hatte, hatte er sehr schnell feststellen müssen, dass er sich wirklich unter dem königlichen Bett verstecken musste. Kein Schrank war groß genug, damit er hineinklettern konnte, und auch sonst gab es nichts in den sieben Räumen, was genug Platz bot, ihn sicher zu verbergen.

Helmuts Bett war riesig und nahm fast einen kompletten Raum ein. Es stand auf acht mächtigen Holzpfosten und war mit einem stabilen Rahmen versehen. Die Tagesdecke reichte auf allen Seiten bis auf den Boden. Hörg würde darunter nicht zu sehen sein. Es kostete ihn zunächst große Überwindung auch nur einen Blick unter das Bett zu werfen. Dann schluckte er den aufkommenden Ekel hinunter und hob die Decke an. Zu seiner Überraschung fand er nicht das kleinste Staubkorn auf den Holzdielen. Die königlichen Reinigungskräfte schienen ihre Arbeit sehr ernst zu nehmen. Hörg dankte ihnen in diesem Moment aus ganzem Herzen dafür. Plötzlich hörte er hinter sich Stimmen vor der Tür. Jetzt hatte er keine andere Wahl mehr. Er musste unter das Bett kriechen.

„Sorge dafür, dass ich heute nicht mehr gestört werde“, sagte Helmut, nachdem er die Tür von innen geschlossen hatte.

„Ich werde die Tür für niemanden öffnen“, versprach Dieter.

Wie Hörg bereits befürchtet hatte, schien der Hamster die Nacht in den Gemächern des Königs verbringen zu wollen. Der Berater hatte zwar seine eigenen Räume im Palast, hielt sich dort allerdings sehr selten auf. Helmuts Bedienstete ahnten natürlich längst, was sich zwischen den beiden Männchen abspielte, wenn sie sich allein in den privaten Räumen befanden. Keiner würde es aber wagen, sich dazu öffentlich zu äußern. So sehr sich Hörg auf der einen Seite davor fürchtete, dass sich die beiden während seiner Anwesenheit miteinander amüsierten, so froh musste er andererseits sein, dass Dieter mitgekommen war. Wäre Helmut allein, würde Hörg sicher nichts über die geheimen Schriften erfahren. So bestand wenigstens eine Chance, dass sich der König mit seinem Berater darüber unterhielt.

Helmut kam sofort in Richtung Bett und warf sich auf die Decke. Es dauerte keine zwei Sekunden, da lag der Hamster neben ihm. Hörg hielt den Atem an. Die Matratze bog sich mächtig durch und stoppte nur wenige Millimeter über ihm. Dabei lag der Lemming bereits auf dem Rücken und machte sich so dünn wie möglich. Der Gedanke, das Bett könnte zusammenbrechen, erfüllte Hörg mit einer Panik, wie er sie noch nie erlebt hatte.

„Soll ich dich ein bisschen massieren?“, fragte der Hamster mit säuselnder Stimme.

Bitte nicht, dachte Hörg entsetzt.

„Heute nicht“, lehnte Helmut zu Dieters Enttäuschung, aber zur großen Erleichterung des Lemmings unter sich das Angebot ab. „Ich bin müde und möchte nur noch schlafen.“

„Dann eben nicht“, murrte der Hamster.

„Jetzt sei nicht gleich beleidigt. Wir haben doch heute Mittag bereits ein paar schöne Stunden verbracht.“

Wonibalt sei Dank, freute sich Hörg. Sie hatten heute schon Sex.

„Du grämst dich immer noch wegen diesem Irren“, stellte Dieter fest und setzte sich im Bett auf. „Bist du sicher, dass ich dich nicht auf andere Gedanken bringen soll?“

Ja, er ist sich sicher. Im letzten Moment schluckte Hörg die Worte hinunter. Der Fettsack sollte endlich Ruhe geben und sich mit Helmut über die Ereignisse des Tages unterhalten.

Plötzlich krabbelte eine Fliege unter das Bett und blieb eine Pfotebreit vor Hörgs Nase auf dem Boden sitzen. Der zuckte kurz zusammen und hätte das hässliche Insekt beinahe erschlagen. Im allerletzten Moment erinnerte er sich daran, wo er war und hielt inne. Die Fliege schien zu ahnen, wie knapp sie mit dem Leben davongekommen war. Hörg kam es so vor, als würde ihn dieses schreckliche Vieh, das ihn aus großen, runden Augen ansah, auslachen. Der Lemming gefror innerlich. Es gab keine Geschöpfe, die er mehr hasste, als Fliegen. Warum musste ausgerechnet jetzt ein Exemplar dieser Gattung den Weg unter Helmuts Bett finden.

„Ich darf nicht zulassen, dass Wonibalts Lehren in Zweifel gezogen werden“, sagte der König.

Hörg atmete erleichtert auf. Genau das war das Thema, über das die beiden reden sollten. Und über nichts anderes.

„Du könntest einen Vertrauensmann bestimmen, der einen Blick in die heiligen Schriften wirft“, schlug Dieter vor.

„Du denkst dabei doch nicht etwa an dich?“

„Warum nicht?“

„Weil das Volk dir nicht glauben würde. Du bist kein Lemming. Alle denken, dass du nur sagst, was ich von dir verlange.“

„Dann wähle eben einen anderen aus.“

„Nein. Nur dem König ist es bestimmt, die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts zu studieren.“

„Auch mir hast du die Werke niemals gezeigt.“

„Das kann ich nicht Dieter. Ich muss die Lehren des Propheten ehren. Selbst wenn du ein Lemming wärst, dürfte ich dir nicht erlauben, diese Worte zu lesen.“

„Kannst du mir nicht wenigstens sagen, wo du die Schriften versteckt hast.“

Oh ja, bitte, dachte Hörg. Genau das will ich auch wissen. Erzähl dem Fettsack alles und dann schlaft.

„Du gibst wohl nie auf?“

„Dann eben nicht“, brummte der Hamster mit einem deutlich beleidigten Ton in der Stimme. „Ich habe gedacht, du vertraust mir.“

„Das tue ich doch.“

„Dann kannst du mir auch verraten, wo du die Bücher versteckst. Ich werde sicher nicht losrennen, um sie zu suchen, und behalte das Geheimnis für mich.“

„Na gut. Wenn du dich dann besser fühlst, sage ich dir, wo sich die Schriften befinden. Du wirst erkennen, dass sie für dich nicht zu erreichen sind.“

„Wie meinst du das?“

Genau wie Dieter fragte sich auch Hörg, was das nun wieder sollte. Konnte Helmut nicht einfach endlich den Mund aufmachen und die blöden Spielchen lassen?

„Die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts werden von keiner geringeren bewacht als der alten Etna.“

„Bist du wahnsinnig? Wie kannst du dieser grausamen Kröte nur trauen?“

„Sie würde es niemals wagen, mich zu hintergehen. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie, solange sie lebt, niemanden auch nur in die Nähe der Bücher lassen wird. Ein sichereres Versteck kann es nicht geben.“

Da hast du leider recht, dachte Hörg zutiefst erschrocken. Die Legenden, die sich um Etna rankten, waren mehr als furchterregend. Es hieß, sie lebte tief in den Höhlen unter dem Schicksalsberg und kein Lemming, der sich auf den Weg zu ihr gemacht hätte, wäre jemals wieder gesehen worden. Hörg tat es leid für Hilmer, aber Wonibalts Schriften mussten sie sich aus dem Kopf schlagen. Sie würden einen anderen Weg finden müssen, das Volk von der Unsinnigkeit der Massenselbstmorde zu überzeugen.

„Was ist, wenn dir einmal etwas zustößt?“, fragte Dieter. „Niemand kann zu Etna gehen und von ihr verlangen, dass sie die Bücher herausrückt.“

„Mach dir keine Sorgen, Dieter. Wie gesagt, steht die alte Kröte auf meiner Seite. Sollte ich sterben und ein anderer wird König, wird sie wissen, wie sie sich zu verhalten hat.“

„Wie meinst du das?“

„Sie wird dafür sorgen, dass der rechtmäßige König der Lemminge Zugriff auf die Schriften haben wird. Das war schon zu Zeiten meines Großvaters so. Etnas Schicksal ist eng mit dem meiner Familie verbunden.“

„Wer soll denn nach dir König werden? Du hast keine Nachfahren.“

„Damit habe ich mich noch nicht befasst. Ich werde schon rechtzeitig jemanden bestimmen.“

„Gehst du oft zu der Köte?“

„Ein- oder zweimal im Jahr. Ich weiß ja, was in den Schriften steht. Außer uns beiden kennt niemand das Versteck der Bücher. Selbst wenn jemand auf die Idee käme, sie bei Etna zu suchen, würde er das nicht überleben. Du siehst also, es ist alles in Ordnung.“

Das sah Hörg ganz anders. Was er erfahren hatte, war furchtbar. Eines musste er dem König aber lassen. Er hatte das Schicksal seines Volkes fester im Griff, als Hilmer, Henni und Hörg es vermutet hatten. Helmut war bei Weitem nicht so einfältig, wie es manchmal den Anschein hatte.

Hörg hatte erfahren, was er wissen wollte, und wünschte sich jetzt nur noch, so schnell wie möglich aus den königlichen Gemächern verschwinden zu können. Wieder hatte er das Gefühl, dass die Fliege, die unverändert direkt vor seiner Nase saß, ihn verhöhnte.

„Dann gibt es auch keinen Grund für dich, wegen Hilmer besorgt zu sein“, sagte Dieter. Wenn er sich darüber ärgerte, dass er das größte Geheimnis der Lemminge niemals lüften würde, gelang es ihm gut, dies zu verbergen. „Wie wäre es jetzt mit einer kleinen Massage.“

Der gibt wohl nie auf, stöhnte Hörg innerlich und hörte erleichtert, wie Helmut antwortete, dass er jetzt schlafen wolle. Das sextolle Verhalten des Hamsters ging ihm schwer auf die Nerven. Wenn sich die Weibchen von Dieters Gattung ähnlich verhielten, musste Hörg unbedingt seine Cousinen kennenlernen. Sicher wären die auch dankbare Abnehmerinnen für die Kaubonbons. Der Erfinder nahm sich vor, dies bei nächster Gelegenheit mit Henni zu besprechen. Allerdings würde er sich zunächst auf seine Art bei seinem Bruder dafür bedanken, dass der ihn in diese verflixte Situation gebracht hatte.

Es dauerte nur wenige Minuten bis der König eingeschlafen war. Sein lautes Schnarchen drohte, Dieter und Hörg gleichermaßen in den Wahnsinn zu treiben. Der Hamster konnte offensichtlich nicht schlafen. Er wälzte sich im Bett hin und her und gab grunzende Geräusche von sich.

Hörg kam es vor, als sei eine Ewigkeit vergangen, bis Dieter plötzlich aufstand und in Richtung Badezimmer schlurfte. Jetzt oder nie, dachte Hörg, hämmerte die Faust auf die Fliege, kroch, so schnell er konnte, unter dem Bett hervor und eilte in Richtung Ausgang. So leise wie möglich öffnete er die Tür. Hörg atmete tief durch, trat auf den Flur und schlich von den königlichen Gemächern weg. An einem Vorhang wischte er sich die Reste des zermatschten Insekts von der Pfote.

Plötzlich stand Henni vor ihm. Hörg holte aus und hämmerte seinem Bruder die Faust auf die Nase.

„Was soll das denn?“, fragte der Getroffene überrascht und sah den Schläger böse an.

„Das erkläre ich dir später. Lass uns von hier verschwinden.“

 

12

 

Als Hilmer erwachte, fühlte er sich furchtbar. Wie schon am Mittag drohten seine Kopfschmerzen, ihm den Schädel zu sprengen. Für einen Moment überlegte der Lemming, ob er nicht doch besser am Morgen gestorben wäre, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. Es gab nichts Schlimmeres als den Tod. Ganz egal, wie schlecht er sich jetzt fühlte.

Hilmer wollte sich über die Augen wischen und stellte fest, dass seine Arme hinter dem Rücken zusammengebunden waren. Turgi und Targi hatten ihn also gefesselt. Im Moment war von den Brüdern weder etwas zu sehen noch zu hören. Hilmer wusste, dass er nach Torgis Tod erst recht keine Gnade von seinen Vettern erwarten konnte. Ihm war schon vorher klar gewesen, dass der zur Schau getragene Sinneswandel seiner Widersacher nur gespielt war und er ihnen nicht trauen durfte. Turgi und Targi würden sich fruchtbar dafür rächen wollen, dass sich ihr Giftanschlag durch Hilmers schnelles Handeln gegen ihren eigenen Bruder gerichtet hatte.

So sehr sich Hilmer auch abmühte, es gelang ihm nicht, seine Fesseln zu lockern. So blieb ihm nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass Turgi und Targi zurückkehrten. Doch die beiden Brüder ließen sich damit sehr viel Zeit. Es war bereits stockfinster im Raum, als Hilmer endlich ein Geräusch an der Tür hörte.

Das grelle Licht, das den Raum schlagartig erhellte, schmerzte Hilmer in den Augen. Turgi musste gesehen haben, wie er deswegen das Gesicht verzog, und quittierte dies mit einem hämischen Lachen. „Ich hoffe, es geht dir schlecht“, sagte der Lemming bösartig.

Hilmer tat seinem Vetter nicht den Gefallen, ihm seine Schmerzen zu bestätigen. Er wunderte sich nur darüber, dass er allein war. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Wo war Targi? Was führten die beiden Brüder wohl jetzt im Schilde? Sicher hatten sie einen Plan, der nur mit Hilmers Tod enden konnte. Er hätte zu gerne gewusst, welchen.

„Wie konntest du so etwas tun?“, fragte Turgi mit leiser Stimme, die eine Mischung zwischen Enttäuschung und Zorn erkennen ließ. „Du wusstest, dass wir drei gemeinsam vom Todesfelsen springen wollten! Du hast alles verdorben!“

„Wieso ich?“, ächzte Hilmer. Er sehnte sich nach einem Schluck Wasser. Sein Mund war trocken und die Beule an seinem Kopf schien auf das Dreifache angewachsen zu sein. „Wer wollte denn wen töten?“

„Wenn du dich wie ein normaler Lemming verhalten hättest, wäre jetzt alles in Ordnung.“
„Dann wäre Torgi auch tot. Genau wie du, Targi und ich.“

„Mein Bruder wäre ehrenhaft gestorben und nicht elendig an dem Rattengift zugrunde gegangen.“

„Aber ich sollte an dem Zeug verrecken.“ Hilmer spürte, wie der Zorn in ihm ins Unermessliche wuchs, als er hörte, womit Turgi, Targi und Torgi ihn hatten umbringen wollen. Das war wirklich das Allerletzte. Mit Ausnahme von Fliegen gab es keine niederen Wesen als Ratten. Seine Vettern hatten ihn mit diesen widerlichen Nagern gleichgesetzt. Allein dafür verdienten sie den Tod.

„Du hattest eine Wahl, Torgi nicht. Dafür wirst du jetzt einen langsamen Tod sterben. Du sollst Zeit haben, darüber nachzudenken, was du mir und meinen Brüdern angetan hast.“

„Was habt ihr vor?“

„Das wirst du jetzt sehen. Komm hoch.“

„Ich kann nicht aufstehen.“

Turgi ging zu Hilmer und zog ihn an den zusammengebundenen Pfoten hoch. Der Schmerz fuhr dem Gefesselten über die Arme bis in die Schultern. Das schien seinen Vetter allerdings nicht im Geringsten zu interessieren. Er zog ihn einfach mit.

„Hör auf mich zu schleifen“, ächzte Hilmer. „Ich komme freiwillig mit.“

„Darauf falle ich nicht noch einmal rein.“

Hilmer blieb nichts anderes übrig, als rückwärts hinter Turgi herzulaufen, der ihn einfach mit sich zog. Was sollte das? Plötzlich ging es eine Treppe hinunter und Hilmer, der damit nicht gerechnet hatte, wäre beinahe gestürzt. Erst als es ihm gelungen war, sich zu fangen, kam ihm der Gedanke, dass er Turgi einfach hätte mitreißen können, wenn er sich fallen ließe. Dem schien das in diesem Moment ebenfalls einzufallen.

„Mach ja keine Dummheiten“, sagte der Drilling. „Diesmal hast du keine Chance mehr.“

Kurz nachdem sie das Ende der Treppe erreicht hatten, zog Turgi Hilmer zu dessen Überraschung wieder nach oben. Jetzt ging es aber über schmale Metallstufen weiter, durch deren Gitter der Boden zu sehen war. Hilmer erkannte, dass er sich in dem Keller des Hauses befand, in dem seine drei Vettern lebten. Hier hatten Turgi und Targi einiges umgebaut. Für ihn selbst konnte dies nichts Gutes bedeuten.

„Da seid ihr ja“, sagte Targi, als er die beiden kommen sah. Auch ihn schien der Schock über den misslungenen Mordversuch und Torgis darauffolgenden Tod schwer getroffen zu haben. Er hatte tiefe Ringe unter den Augen und der Blick, den er seinem Vetter zuwarf, zeigte den blanken Hass.

Sie erreichten die oberste Stufe der Treppe und Targi half Turgi dabei, den Gefangenen weiterzuziehen. Beinahe wäre Hilmer ausgerutscht. Er hatte Mühe auf den Beinen zu bleiben und spürte, wie der Boden eisig wurde. Nach ein paar Schritten bekam er einen Schlag in den Nacken und ging zu Boden. Einer der beiden Brüder zog Hilmer den Kopf an den Haaren nach hinten. Dann bekam er ein Seil um den Hals gelegt.

Dem Gefesselten blieb nichts anderes übrig, als aufzustehen, wenn er nicht stranguliert werden wollte. Der Strick war in seinem Nacken fest verknotet und wurde so hochgezogen, dass Hilmer gerade noch flach stehen konnte. Dann tauchten seine Vettern direkt vor seinem Gesicht auf.

„Du stehst auf einem großen Würfel aus Eis“, bestätigte Turgi Hilmers Vermutung. „Wir werden dich jetzt allein lassen und die Heizung im Raum anstellen.“

„In ein paar Stunden wirst du nur noch auf den Zehenspitzen stehen können und irgendwann den Boden unter den Füßen verlieren. Dein eigenes Gewicht wird dir die Luft abschnüren.“ Targi grinste seinen Vetter böse an. Offensichtlich machte es ihm großen Spaß, seinen Gefangenen zu quälen.

„Es tut mir leid, was mit Torgi geschehen ist“, sagte Hilmer. „Ihr wart aber diejenigen, die das Rattengift in den Becher getan haben. Nicht ich.“

„Spar dir deine Worte“, zischte Turgi und gab Hilmer eine Maulschelle. „Morgen früh wirst du ebenfalls tot sein. Dann schmeißen wir Helmut deine Leiche vor die Füße und gehen zum Schicksalsberg. Ich glaube nicht, dass wir uns im gelobten Land wiedersehen werden.“

„Weil es nicht existiert“, sagte Hilmer und bekam den nächsten Schlag ins Gesicht.

„Dein Tod wird langsam und qualvoll sein“, prophezeite Targi seinem Vetter.

„Nichts anderes hast du verdient“, sagte Turgi.

Ohne ein weiteres Wort drehten sich die beiden Brüder um und gingen zum Ausgang des Raumes. Hilmer hörte, wie eine Tür zugeschlagen wurde. Dann ging das Licht aus. Er war allein. Seit sich der Lemming geweigert hatte vom Todesfelsen zu springen, war seine Situation nie so ausweglos gewesen wie zu diesem Zeitpunkt. Ohne Hilfe konnte er sich nicht von dem Strick befreien, er wusste aber auch, dass hierher niemand kommen würde. Als besonders schlimm empfand Hilmer, dass er nichts sehen konnte. Zum einen war es stockfinster im Raum, zum anderen konnte er den Kopf nicht bewegen und war gezwungen, den Blick nach oben zu richten.

Die Kälte zog von Hilmers mittlerweile tauben Füßen langsam höher. Wenn ihn die Kraft verließ, würde dies seinen sicheren Tod noch beschleunigen. Vielleicht sollte er sich jetzt einfach fallen lassen und seiner Qual so ein Ende setzen. Er hatte verloren. Es war vorbei.

 

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