07. Dezember: Kapitel 10

10

 

„Bist du bescheuert?“, fragte Hörg seinen Bruder und schüttelte energisch den Kopf. „Es muss einen anderen Weg geben. Das mache ich nicht.“
„Du musst ja nicht die ganze Nacht in dem Zimmer bleiben“, entgegnete Henni.

Die beiden Lemminge saßen in ihrer Zelle und überlegten, wie sie herausfinden konnten, wo Helmut die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts versteckt hatte. Sicher gab es einen Grund, warum der König die Bücher unter Verschluss hielt und niemandem Einblick gewährte. Henni und Hörg mussten herausfinden welchen. Nur so konnten sie Hilmer und auch sich selbst helfen. Immerhin stand auch ihr geplanter Todestag bereits in einem Monat an. Genau wie ihr neuer Bekannter hatten auch die Brüder nicht die Absicht, den Schicksalsberg zu besteigen, um vom Todesfelsen zu springen.

Henni hatte vorgeschlagen, dass sie sich aufteilten. Einer sollte sich in Helmuts Privaträumen verstecken und ihn am Abend belauschen, der andere sollte ihn verfolgen, falls er nicht direkt in seine Gemächer ging. Für Hörg hatte Henni den Job im königlichen Schlafzimmer vorgesehen.

„Das ist widerlich“, sagte Hörg wieder. „Dieter wird auch da sein. Ich möchte nicht dabei sein, wenn sich dieser Fettsack und der König begrapschen.“

„Es ist ja nicht gesagt, dass sie das tun.“

„Aber es könnte passieren. Alleine bei dem Gedanken wird mir schlecht. Ich werde Helmut sicher in den Schrank kotzen, wenn er und der Hamster anfangen, Süßholz zu raspeln.“

„Jetzt stell dich nicht an wie ein Weibchen.“

„Komm mir nicht so, Henni. Wir können ja tauschen und du versteckst dich in Helmuts Gemächern.“
„Nein. Du hast das bessere Gehör von uns beiden und bist außerdem schlanker. Ich kann bestimmt nicht unter Helmuts Bett kriechen.“

„Das mache ich auch nicht“, kreischte Hörg entsetzt. „Lieber verstecke ich mich im Schrank.“

„Mach das. Wichtig ist, dass du die beiden belauschen kannst. Ich bin mir sicher, dass sie sich nach den Ereignissen des Tages noch über Hilmer und seine Hinrichtung unterhalten werden. Der Hamster wird seinem Chef erzählen wollen, wie weit er mit dem Plan für den Galgen ist. Vielleicht erfährst du dabei auch etwas über das Versteck der Schriften.“

„Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache.“

„Jetzt auf einmal? Eben warst du doch noch dafür, dass wir Hilmer helfen.“

„Das will ich ja auch“, sagte Hörg. „Ich dachte nur nicht, dass ich dafür in die Höhle des Löwen muss.“

„Jetzt übertreib mal nicht. So schlimm wird es schon nicht werden.“

„Du hast leicht reden.“

„Es ist ja nicht so, dass ich gar nichts tue“, entgegnete Henni. „Vielleicht geht Helmut ja zum Versteck. Dann kann ich ihm folgen und du brauchst ihn später nicht mehr zu belauschen.“

„Bei meinem Glück passiert das nicht.“

„Überlege doch mal. Wenn wir die Schriften finden, nehmen diese blödsinnigen Todessprünge ein für alle Mal ein Ende. Und wir werden zu Helden. Das Volk wird uns die Kaubonbons aus den Pfoten reißen. Wir werden steinreich und können noch dazu so viele Weibchen beglücken, wie wir wollen.“

„Also gut“, lenkte Hörg ein, der gegen diese schlagkräftigen Argumente nichts mehr vorbringen konnte. „Aber das nächste Mal übernimmst du die Drecksarbeit.“

Henni öffnete das Schloss und die Brüder verließen ihre Zelle. Ihr Wächter hatte ihnen das Abendessen bereits gebracht und kam sicher nicht vor dem nächsten Morgen wieder. Niemand würde bemerken, dass die Gefangenen die Nacht nicht innerhalb des Kerkers verbrachten.

 

Die beiden schlichen den Gang entlang zur Treppe, wo sie einen Moment lang stehen blieben und lauschten. Alles war ruhig. Schritt für Schritt gingen sie die Stufen hinauf und erreichten das Erdgeschoss, ohne auch nur das leiseste Geräusch zu hören. Hier trennten sich ihre Wege. Während Hörg weiter nach oben ging, um sich in Helmuts Privatgemächern zu verstecken, schlich Henni in Richtung Audienzsaal. Wie erwartet standen zwei Wächter vor der Tür, um ungebetene Gäste abzuhalten. Dies bedeutete, dass Helmut – und vermutlich auch Dieter – noch in dem Raum waren. Sie mussten auf jeden Fall durch diesen Gang, wenn sie den Saal verlassen wollten.

Henni sah sich suchend im Flur um. Sein Blick blieb an einer Tonvase hängen, deren Höhe seine eigene Größe deutlich überschritt. Kurz entschlossen sprang er an der Außenwand des Gefäßes hoch und hielt sich in der Öffnung fest. Nach einem Klimmzug konnte er in die Vase hineinschauen. Zu seinem Entzücken war sie leer. Ohne einen Moment zu zögern, kletterte er auf den Rand und ließ sich von da aus in den Bauch des Gefäßes fallen. Nun begann das Warten.

Henni war kurz davor einzuschlafen, als er endlich leise Stimmen hörte, die auf ihn zukamen. Er brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass es sich um Helmut und Dieter handelte. Jetzt wurde es spannend.

„Es war ein langer und anstrengender Tag“, sagte Helmut, als er in Hennis Hörweite war. „Selten haben mich die Amtsgeschäfte so geschafft wie heute.“

„Das ist wahr“, stöhnte Dieter. „Erst diese beiden angeblichen Erfinder und dann auch noch ein Lemming, der sich weigert, in den Tod zu springen. Ich hätte niemals gedacht, dass es so etwas gibt.“

„Ich auch nicht“, gab der König zu. „Hilmer muss auf jeden Fall sterben. Ich kann mir nicht auf der Nase herumtanzen lassen.“

„Dein Volk wird begeistert sein, eine Hinrichtung miterleben zu dürfen.“

Die beiden hatten Henni mittlerweile passiert. Dieters letzte Worte konnte er nur noch sehr leise hören und verstand nicht mehr, was Helmut darauf antwortete. Der Erfinder wartete noch, bis auch die beiden Wächter an seinem Versteck vorbeigegangen waren, und kletterte dann aus der Vase.

Auch wenn Henni nicht sicher sein konnte, dass der König mit seinem Berater in die privaten Räume gehen wollte, schlug er diese Richtung ein. Er setzte darauf, dass Helmut den Palast nicht sofort verlassen würde, wenn er das denn überhaupt vorhatte. Henni hatte Glück. Seine Voraussage erfüllte sich. Als er sich der Tür zu den königlichen Gemächern näherte, sah er, wie diese gerade geschlossen wurde. Er beschloss, sich ein Versteck zu suchen und zu warten, ob einer der beiden die Räume wieder verließ. Falls ja, wollte er die Verfolgung aufnehmen.

Hörg wird sich freuen, dachte Henni grinsend, als er in eine Abstellnische kroch und den Vorhang davor zuzog.

 

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