06. Dezember: Kapitel 7-9

7

 

„Hilmer, du bist ein Querulant!“, sagte Helmut und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den ehrlosen Lemming.

Der stand zwischen seinen Vettern und hätte sich am liebsten in einem Erdloch verkrochen. Sein Schädel brummte und, wenn er an die Stelle fasste, wo in der Stein getroffen hatte, konnte er die stetig anwachsende Beule fühlen. Die Schmerzen waren unerträglich.

„Meinst du nicht auch, dass du uns langsam genug Scherereien gemacht hast?“, wollte der König wissen.

„Nein“, antwortete Hilmer. „Ganz im Gegenteil. Ich werde mich nicht freiwillig beugen und um mein Leben kämpfen.“

Helmut war sichtlich überrascht und runzelte die Stirn. „Du wirst zugeben müssen, dass du jetzt nicht mehr viel ausrichten kannst. Du hast verloren.“

„Noch lebe ich.“

„Nicht mehr lange“, sagte Helmut und grinste Hilmer dämlich an.

„Das hast du schon einmal gesagt.“

„Diesmal werde ich es aber nicht drei völlig verblödeten Witzfiguren überlassen, dich umzubringen, sondern die Sache selbst in die Pfote nehmen.“

„Wir können nichts dafür, dass der Kerl noch lebt“, entrüstete sich Turgi.

„Wir haben unser Bestes gegeben“, sagte Targi.

„Es gibt keinen Grund, uns die Schuld in die Schuhe zu schieben“, stellte auch Torgi fest.

„Haltet die Klappe und setzt euch in die Ecke“, sagte Helmut entschieden. „Mit euch werde ich mich später beschäftigen.“

Hilmer gewann den Eindruck, dass der König wesentlich ausgeglichener war als am Vormittag. Seine Laune hatte sich erheblich gebessert, obwohl er sich immer noch mit einem Ungläubigen auseinandersetzen musste, dessen Ansichten ihn aufregten. Auch Dieter stellte ein zufriedenes Grinsen zur Schau. Der fette Hamster lag neben dem Thron und streckte alle viere von sich, als gingen ihn die Probleme des Königs nichts an. Die beiden hatten offensichtlich einen vergnüglichen Mittag hinter sich.

„Dein Mut imponiert mir“, sagte der König schließlich. „Du wirst aber einsehen müssen, dass ich nicht dulden kann, dass sich einer meiner Untertanen offen gegen die Lehren des furchtlosen Wonibalts stellt. Ich verliere an Glaubwürdigkeit, wenn ich dich am Leben lasse.“

„Es muss ja keiner wissen“, sagte Hilmer. Für einen  Augenblick sah er eine Chance, dass ihn Helmut doch noch verschonen würde.

„Ich habe eine bessere Idee“, sagte der König. „Wir werden dich öffentlich hinrichten und dem Volk damit zeigen, dass der vorbestimmte Weg eingehalten werden muss. Außerdem wird den Leuten das Spektakel gefallen. Sie freuen sich über jede Abwechslung in ihrem langweiligen Leben.“

Hilmer seufzte enttäuscht. Es wäre auch zu schön gewesen, wäre der König von seinen grotesken Vorstellungen abgewichen. Im Moment wusste er nicht, wie er Helmut und seinen Mannen entkommen konnte. Auch seine hirnlosen Vettern würden sich ganz sicher weiterhin gegen ihn stellen. Hinzu kamen die nach wie vor mörderischen Kopfschmerzen. Die Lage wurde immer hoffnungsloser.

„Wie soll der Verräter denn sterben?“, fragte Turgi neugierig.

„Wir haben noch nie von einer Hinrichtung gehört“, sagte Targi.

„Das wird ein Riesenspaß“, freute sich Torgi.

„Ich habe euch gesagt, ihr sollt still sein“, fuhr Helmut die drei Brüder an. Dann wandte er sich an seinen Berater. „Wach auf Dieter. Wir haben ein Problem.“

„Ich schlafe nicht“, sagte der Hamster und setzte sich auf. Sein Bauch reichte dabei bis auf den Boden und schien auch seinen Kopf nach unten zu ziehen.

„Hast du eine Idee, wie wir den Kerl in Wonibalts Reich schicken können?“

„Ich dachte, Hilmer kommt nicht in das gelobte Land“, rief Turgi überrascht.

„Er hat diese Ehre nicht verdient“, regte sich Targi auf.

„Das ist ungerecht“, moserte Torgi.

„Ihr sollt die Klappe halten!“, schrie Helmut. „Wenn ihr euch noch einmal einmischt, werde ich dafür sorgen, dass auch ihr niemals ins Angesicht des Propheten blicken werdet!“

Während Helmuts Gesicht sich vor Wut rot färbte, musste sich Hilmer ein Grinsen verkneifen. Es war nicht leicht, längere Zeit mit Turgi, Targi und Torgi in einem Raum zu sein. Dies hatte er in den letzten fünfzehn Monaten zur Genüge erfahren. Trotz seiner prekären Situation bereitete es ihm Spaß zu sehen, wie der König wegen der drei Spinner langsam die Geduld verlor.

„Wir könnten ihn von den Klippen werfen“, sagte Dieter nach einer Weile und lächelte seinen Chef an.

„Bist du eigentlich völlig bescheuert? Das haben diese drei Vollidioten schon zweimal versucht. Wir müssen eine andere Möglichkeit finden.“

Turgi schien sich gegen diese Bemerkung wehren und zu einer Erwiderung ansetzen zu wollen, schluckte die Worte aber herunter, als er den drohenden Blick sah, den der König ihm zuwarf.

„Wir könnten ihn erschießen“, schlug Dieter schließlich vor.

„Das klingt schon besser“, gab der König zu. „Wir haben aber keine Waffen. Bisher war es nie notwendig, einen Lemming mit der Todesstrafe zu belegen.“

„Dann hängen wir ihn auf“, sagte der Hamster.

„Eine fabelhafte Idee“, freute sich Helmut. „Das Schauspiel wird unserem Volk sicherlich gefallen. Jetzt brauchen wir nur noch einen Galgen.“

„Den müssen wir eben bauen“, schlug Dieter vor.

„Weißt du, wie das geht?“

„Nicht genau“, gab der Hamster zu. „In meiner Heimat habe ich so was aber schon einmal gesehen. So schwer kann das nicht sein.“

„Schön! Dann wirst du die Herstellung des Galgens überwachen.“ Helmut war sichtlich zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Eine öffentliche Hinrichtung würde dem Volk gefallen. Er selbst konnte die Gelegenheit nutzen, sich seinen Untertanen zu präsentieren.

„Was ist mit uns?“, fragte Turgi, der jetzt, wo das Problem geklärt war, wieder den Mut fand, den König anzusprechen.

„Ihr könnt nach Hause gehen. Haltet euch dort bereit. Wir werden euch rufen, damit ihr beim Bau des Galgen helfen könnt.“

„Das ist nicht fair“, beschwerte sich Targi. „Heute sollte unser Todestag sein.“

„Ich habe euch gesagt, dass ihr nicht eher zum Schicksalsberg dürft, bis Hilmer tot ist. Dabei bleibt es. Ihr tragt einen Teil der Schuld, dass euer Vetter noch lebt. Strafe muss sein.“

Turgi, Targi und Torgi schauten betreten zu Boden. Sicher hatten sie gehofft, noch an diesem Tag vom Todesfelsen springen zu dürfen. Das war jetzt auf unbestimmte Zeit verschoben. Hilmer war sich sicher, dass es ein paar Tage dauern würde, bis der Galgen fertig war. Besonders, da Dieter die Arbeiten leitete.

„Was machen wir mit dem Verräter?“, fragte eine der Wachen.

„Werft ihn in den Kerker“, entschied der König.

„Aber dort sitzen auch noch die beiden Verrückten“, warf der Lemming ein.

„Die werden sich schon nicht gegenseitig umbringen.“ Helmut brach ihn schallendes Gelächter aus und auch Dieter freute sich über den Scherz seines Herrn.

Als Hilmer sich zu den beiden Wachlemmingen umdrehen wollte, bekam er einen Schlag gegen den Hinterkopf. Bevor er sich darüber beschweren konnte, dass der Hieb die Stelle getroffen hatte, an der bereits eine Beule wuchs, verlor er das Bewusstsein und ging zu Boden.

 

8

 

„Ich glaube er wacht auf.“

„Das wurde ja auch Zeit. Der Typ pennt schon einen halben Tag lang.“

„Er hat aber auch mächtig eins auf die Rübe bekommen.“

„Das stimmt. Die Beule ist beachtlich. Es wird einige Zeit dauern, bis die Schwellung weg ist.“

„Wenn er das überhaupt noch erlebt.“

„Eher nicht.“

„Vermutlich hast du recht.“

Hilmers Stöhnen unterbrach den Dialog. Der Lemming schlug die Augen auf und blickte auf zwei ihm unbekannte Gesichter. Sie mussten zu den Stimmen gehören, die er nach seinem Erwachen vernommen hatte.

„Wo bin ich?“, fragte Hilmer benommen. Die Schmerzen in seinem Kopf waren unerträglich und er musste den Brechreiz unterdrücken. So schlecht hatte er sich in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt. Dankbar nahm er einen Becher mit Wasser entgegen und trank vorsichtig einen Schluck.

„Du bist im Kerker des königlichen Palasts“, sagte der Mitgefangene, der Hilmer zu trinken gegeben hatte. Diesem fiel auf, dass der Fremde für einen Lemming sehr ungewöhnliche Ohren hatte.

„Du musst Helmut mächtig geärgert haben“, sagte der Zweite. „Ich habe noch nie erlebt, dass er außer meinem Bruder und mir jemand anderen in den Kerker werfen ließ.“

„Wer seid ihr?“

„Ich bin Hörg“, sagte der Lemming mit den abstehenden Ohren.

„Mein Name ist Henni“, sagte der andere. „Wir sind Erfinder und arbeiten für Helmut. Zumindest dann, wenn er einmal gerade nicht sauer auf uns ist. Wie heißt du?“

„Hilmer. Ich habe mich geweigert vom Todesfelsen zu springen und die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts infrage gestellt. Das hat Helmut nicht gefallen.“

„Das kann ich mir vorstellen“, lachte Henni. „Der König mag es nicht, wenn jemand von seinen Gesetzen abweicht.“

„Wir teilen seine Ansichten ebenfalls nicht“, sagte Hörg.

„Dann habt ihr euch ebenfalls geweigert, über den Schicksalsberg zu gehen?“, wollte Hilmer wissen.

„Nein“, antwortete Hörg. „Wir sind erst 14 Monate alt.“

„Warum seid ihr dann im Kerker?“

„Helmut war mit unserer Erfindung nicht zufrieden“, antwortete Hörg.

„Dabei haben wir die Lösung für alle Probleme“, erklärte Henni.

„Wie das?“ Hilmer trank noch einen Schluck Wasser und spürte, wie es ihm langsam etwas besser ging. Lediglich die Kopfschmerzen drohten, ihn in den Wahnsinn zu treiben.

„Wir haben ein Kaubonbon erfunden, das verhindert, dass unsere Weibchen trächtig werden.“

„Damit könnten wir unsere Bevölkerung regulieren“, ergänzte Henni die Erklärung seines Bruders.

„Damit wären die Selbstmorde nicht mehr notwendig“, erkannte Hilmer. „Das ist brillant.“

„Leider sieht das Helmut ein bisschen anders“, klagte Henni.

„Der kann mit Weibchen nichts anfangen und versteht nicht, wie wunderbar die Kaubonbons für uns Männer wären. Wir könnten uns so oft paaren, wie wir wollten, ohne hinterher Windeln wechseln zu müssen.“ Hörg blickte verträumt in die Luft und auch Hennis Blick verriet, dass er die Vorzüge dieser Kaubonbons durchaus zu schätzen wusste.

„Ihr seht nicht wie Brüder aus“, sagte Hilmer nach einer Weile.

„Wie kommst du darauf?“, entgegnete Hörg.

„Ich habe noch nie solche Ohren gesehen wie deine.“ Hilmer wollte seinen Leidensgenossen keinesfalls beleidigen, konnte seine Neugierde aber nicht mehr im Zaum halten.

„Meine Mutter war eine Spitzmaus“, erklärte Hörg mit leicht beleidigtem Unterton in der Stimme. „Sie hat die Gegend verlassen, nachdem ihr vierter Ehemann über den Todesfelsen gegangen war. Jetzt lebt sie irgendwo weit weg und will nichts mehr mit uns Lemmingen zu tun haben.“

„Das ist traurig“, sagte Hilmer.

„Ja, das ist es. Ich bin aus Mutters zweiter Ehe hervorgegangen. Ihr dritter Gatte brachte dann Henni mit. So wurden wir Brüder und nach anfänglichen Streitigkeiten auch Freunde.“

„Jetzt verstehe ich, warum ihr nach einer Alternative für die Massenselbstmorde sucht.“

„Dumm ist nur, dass wir drei die Einzigen sind, die das so sehen“, sagte Henni. „Wir müssen einen Weg finden, wie wir unserem Volk die Augen öffnen können.“

„Das wird Helmut niemals zulassen“, warf Hilmer ein.

„Er verweist auf die heiligen Schriften, die er über alles stellt. Damit ist er über jeden Zweifel erhaben. Zumindest sieht er das so. Wir müssen Wonibalts Aufzeichnungen finden, die außer dem König niemand zu sehen bekommt.“

„Henni hat recht“, bekräftige Hörg die Aussage seines Bruders. „Die Frage ist nur, wie wir das anstellen wollen.“

„Ich will euch ja nicht den Mut nehmen“, sagte Hilmer niedergeschlagen. „Aber wir können gar nichts tun. Wir sitzen im Kerker und zumindest ich werde innerhalb der nächsten Tage hingerichtet.“

„Helmut will dich hinrichten?“, fragte Henni überrascht. „Wie denn?“

„Dieter soll einen Galgen bauen.“

„Dies wird dem fetten Hamster nicht so schnell gelingen“, sagte Hörg.

„Trotzdem ist meine Chance vertan.“

„Das ist sie nicht“, sagte Henni entschieden.

„Aber wir sitzen im Kerker“, schimpfte Hilmer. „Was willst du denn dagegen tun?“

„Wir sind nicht wirklich gefangen“, antwortete Henni grinsend.

„Wie meinst du das?“

„Ganz einfach, Hilmer. Das Schloss ist kaputt.“

„Das ist nicht dein Ernst.“

„Doch“, sagte Henni. „Ich sagte dir doch, dass der König sehr selten auf den Kerker zurückgreift. Kaum ein Lemming wagt es, gegen seine Gesetze zu verstoßen. Die meisten sehen dafür ja nicht einmal einen Grund. Warum sollte Helmut dann Geld für die Instandhaltung des Kellers verwenden?“

„Willst du damit sagen, dass wir einfach so hier herausspazieren könnten?“

„Genau das“, antwortete Henni grinsend.

„Warum tut ihr es dann nicht?“

„Was würde uns das bringen?“, stellte Hörg die Gegenfrage. „Wir sind schon ein Dutzend Mal von Helmut in den Kerker gesteckt worden. Bisher hat er uns immer nach ein oder zwei Tagen wieder freigelassen. Die meisten unserer Erfindungen findet der König hilfreich. Er hofft, dass wir ihm noch einige Dinge bauen, die ihm das Leben erleichtern. Der Tag unseres Selbstmordes liegt noch einen Monat entfernt. Wir haben nicht die Not aus dem Palast zu fliehen.“

„Weiß Helmut, dass das Schloss kaputt ist?“, fragte Hilmer. Er konnte kaum glauben, was die beiden Brüder ihm hier erzählten. Konnte die Flucht wirklich so einfach sein? Obwohl – Wächter hatte er hier unten noch keine gesehen. Nicht einmal die Fliegen, die sich sonst überall im Palast ausbreiteten, verirrten sich in den Kerker. Was hielt ihn also hier?

„Der König selbst kommt nie hierher“, erklärte Henni. „Die Wächter machen sich keine Gedanken um die Tür. Es ist ja noch nie jemand geflohen.“

„Es wird aber auffallen, wenn ich das jetzt tue.“

„Das mag sein“, gab Hörg zu. „Dennoch kannst du nicht hierbleiben. Ich glaube zwar auch nicht, dass Dieter in der Lage ist, den Galgen über Nacht zu errichten, verlassen würde ich mich darauf allerdings nicht. Du musst fliehen.“

„Aber was soll ich machen?“
„Wir müssen die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts finden“, sagte Henni bestimmt. „Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“

„Wo wollt ihr mit der Suche beginnen?“, fragte Hilmer.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Henni. „Uns wird aber schon etwas einfallen. Wir können die Zelle verlassen und morgens immer wieder zurückkehren. Niemand wird merken, dass wir fort waren.“

„Und wenn Helmut das Schloss reparieren lässt?“

„Wir werden ihm bestimmt nicht sagen, dass es kaputt ist“, lachte Hörg. „Wir behaupten einfach, dass du uns niedergeschlagen hast und wir nicht wissen, wie du geflohen bist.“

„Und wenn sie euch nicht glauben?“, fragte Hilmer. Er war noch nicht davon überzeugt, dass dieser Plan funktionieren konnte und wollte nicht, dass sich Henni und Hörg wegen ihm in Gefahr begaben.

„Wenn etwas schiefgeht, musst du uns eben befreien“, sagte Henni. „Auf keinen Fall kannst du hierbleiben.“

„Wir treffen uns morgen bei Sonnenaufgang am Personaleingang des Palastes“, entschied Hörg. „Der Küchentrupp ist dann schon an der Arbeit und alle anderen schlafen noch. Dann können wir besprechen, wie es weitergeht. Bis dahin versuchen wir herauszufinden, wo Helmut die heiligen Schriften versteckt.“

„Einverstanden“, sagte Hilmer schließlich. Er war noch immer nicht vollständig überzeugt, sah aber ein, dass er keine andere Wahl hatte. Henni und Hörg kannten den König besser und waren auch mit den Gegebenheiten im Palast vertraut. Sie würden sich zu helfen wissen. Er selbst würde sich einen Unterschlupf suchen, wo er den Tag und die Nacht verbringen konnte.

 

9

 

Hilmer hatte keine Mühe, den Weg zum Hinterausgang des Palastes zu finden. Unterwegs begegnete ihm noch nicht einmal jemand. Als er auf die Straße trat, sah er, dass die Sonne bereits langsam wieder unterging. In etwa einer Stunde würde es dunkel sein. Umso besser, dachte der Lemming. Dann erkennt mich wenigstens niemand.

Die Zeit bis zum nächsten Morgen konnte noch ganz schön lang werden. Hilmer wusste nicht so recht, wohin er nun gehen sollte. Eine Wohnung hatte er nicht mehr und es schien ihm zu riskant, irgendwo ein Zimmer zu mieten. Im Freien wollte er die Nacht aber auch nicht verbringen.

Der Flüchtling entschloss sich, an der Rückseite des Palastes entlang zu gehen. Vielleicht gab es dort ein Gartenhaus, in dem er Unterschlupf finden konnte. Als er jedoch die königlichen Grünanlagen erreichte, traf es ihn wie ein Schlag in den Nacken.

„Ich wusste doch, dass man diesem Kerl nicht trauen kann“, sagte Turgi und sprang auf.

„Wie hat er es bloß geschafft, aus dem Kerker zu entkommen?“, fragte Targi.

„Sicher hat er Hilfe gehabt“, vermutete Torgi.

„Was macht ihr denn hier?“ Hilmer hätte nicht gedacht, dass er seine drei Vettern so schnell wiedersehen würde. Sie saßen im Garten inmitten eines Skulpturenparks, der dem furchtlosen Wonibalt gewidmet war, und schauten den Flüchtigen böse an. Sie hatten sich bereits zu einer wirklichen Plage entwickelt. Warum nur hatten sie sich ausgerechnet diesen Platz zum Ausruhen ausgesucht?

„Wir betrachten die wunderbaren Anlagen“, antwortete Turgi und grinste Hilmer an.

„Dafür haben wir jetzt viel Zeit“, sagte Targi.

„Eigentlich sollten wir ja bereits tot sein“, fügte Torgi hinzu.

„Was wollt ihr?“

„Nur mit dir reden“, antwortete Turgi.

„Und das soll ich euch glauben?“

„Warum nicht?“, fragte Targi zurück.

„Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, wolltet ihr mich die Klippen hinunterwerfen. Ich glaube nicht, dass ihr eure Meinung geändert habt.“

„Das ist ungerecht“, stellte Torgi fest. „Du tust ja gerade so, als wären wir an allem schuld.“

„Natürlich seid ihr das“, entgegnete Hilmer. „Wenn ihr mich einfach in Ruhe gelassen hättet, wärt ihr jetzt tot und ich hätte meine Ruhe. Aber das konntet ihr ja nicht tun. Ihr musstet euch ja als die großen Helden aufspielen und mich zu Helmut schleifen. Ihr habt es euch selbst zuzuschreiben, dass ihr noch lebt.“

„Wir müssen jetzt einfach das Beste aus der Situation machen“, sagte Turgi.

„Wie meinst du das?“

„Ganz einfach, Hilmer“, erklärte Targi. „Wir können dich nicht einfach so gehen lassen. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis dieser unfähige Hamster den Galgen errichtet hat.“

„Bis dahin werden wir bei dir bleiben“, entschied Turgi.

„Oder anders gesagt, du bei uns“, korrigierte Torgi seinen Bruder.

„Das meint ihr nicht ernst“, sagte Hilmer.

„Oh doch“, widersprach Turgi.

„Du wirst uns nicht wieder los“, sagte Targi.

„Finde dich damit ab“, schlug Torgi vor. „Dann wird es für uns alle leichter.“

„Ich glaube euch kein Wort“, sagte Hilmer und schüttelte den Kopf. Ihm war bewusst, dass seine Vettern jede Chance ihn zu töten nutzen würden. Egal, wie weit Dieter mit dem Galgen war. Er durfte ihnen nicht trauen.

„Du tust uns unrecht“, sagte Turgi und lächelte Hilmer schief an. „Wir wollen doch nur dein Bestes.“

„Ihr wollt meinen Tod.“

„Das ist das Gleiche“, behauptete Targi.

„Wie stellt ihr Witzfiguren euch das vor? Meint ihr, wir können jetzt die nächsten Tage zusammenleben, als wäre nichts geschehen? Es muss euch doch klar sein, dass ich nicht freiwillig bei euch bleiben werde.“

„Dann zwingen wir dich dazu“, sagte Targi. „Es liegt an dir, ob wir dich fesseln, oder du die nächsten Tage frei zwischen uns leben kannst.“

Hilmer wusste, dass seine drei Vettern etwas im Schilde führten. Am Morgen hätten sie ihn noch am liebsten auf der Stelle erschlagen und jetzt taten sie so, als seien sie seine Freunde. Der Lemming beschloss, dass Spiel von Turgi, Targi und Torgi zunächst mitzumachen. Eine andere Wahl hatte er im Moment ohnehin nicht. Später würde es sicher eine Möglichkeit geben, seine Widersacher zu überlisten.

Turgi, Targi und Torgi führten Hilmer in ihre Wohnung. Da die drei Brüder zusammenlebten und keine Weibchen hatten, konnten sie noch auf ihre alte Behausung zurückgreifen. Diese wäre erst ein paar Tage nach ihrem Tod geräumt und neu vermietet worden. Hilmer wurde in das Wohnzimmer geführt und musste sich zwischen Targi und Torgi auf ein Sofa setzen.

Turgi verschwand, kehrte aber nach kurzer Zeit mit vier Bechern zurück. „Worauf wollen wir trinken?“, fragte er, nachdem er jedem einen Becher hingestellt und selbst ebenfalls Platz genommen hatte.

„Auf das Leben“, schlug Hilmer vor und grinste seine Vettern an, die synchron den Kopf schüttelten. Er traute ihnen noch immer nicht und rechnete mit einer Falle. Plötzlich hatte er eine Idee und beschloss, sie sofort in die Tat umzusetzen. „Schaut mal aus dem Fenster“, rief er und deutete eifrig dahin.

Turgi, Targi und Torgi fielen auf seinen Trick herein und starrten in die angegebene Richtung. Blitzschnell vertauschte Hilmer die Becher.

„Was ist da?“, fragte Turgi aufgeregt und schaute wieder zu Hilmer.

„Ich kann auch nichts sehen“, stellte Targi verärgert fest.

„Warum erschreckst du uns so?“, beschwerte sich Torgi.

„Ich muss mich wohl geirrt haben. Wo waren wir stehen geblieben?“

„Wir wollten einen guten Schluck nehmen“, sagte Turgi. „Es ist egal, worauf wir trinken, lasst uns den Wein einfach genießen. Einen Vorteil muss es ja haben, dass wir noch am Leben sind.“

„Auf den Tod“, sagte Targi und seine Brüder stimmten begeistert zu.

Die vier Lemminge stießen ihre Becher gegeneinander und tranken sie, wie es bei ihrem Volk üblich war, in einem Zug leer. Hilmer ließ seinen Blick von einem seiner Vettern zum nächsten wandern, alle drei sahen ihn erwartungsfroh an. Offensichtlich war seine böse Vorahnung, was den Inhalt der Becher betraf, richtig gewesen. Den Beweis bekam er wenige Sekunden später.

„Mir ist so heiß“, stöhnte Torgi plötzlich und versuchte aufzustehen. Noch ehe er sich vom Sofa erheben konnte, wurde sein Gesicht feuerrot und er schnappte verzweifelt nach Luft. Der Lemming fiel zurück in die Polster. Er griff sich mit beiden Pfoten an die Kehle, als wollte er sich so gegen einen Angreifer schützen. Seine Augen wurden groß und traten hervor.

„Was ist los“, schrie Turgi und sprang auf, um seinem Bruder zu helfen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er begriff, was passiert war.

„Dafür wirst du bezahlen“, sagte Targi leise und schaute Hilmer hasserfüllt an.

Die Farbe von Torgis Zunge wechselte zu blau. Sie hing ihm weit aus dem Mund und schien auf das Doppelte angeschwollen zu sein. Es bildeten sich Schaumblasen in seinem Rachen, die über die Lippen liefen, sich am Kinn sammelten und auf seine Brust tropften. Dann war es vorbei. Nach einem Röcheln wich der letzte Lebensfunke aus Torgis Körper und er sank schlaff in sich zusammen.

Bevor Hilmer etwas unternehmen konnte, stürzten sich Turgi und Targi auf ihn. Beide waren außer sich vor Wut und schlugen mit aller Kraft auf ihren Vetter ein. Der nahm zwar noch die Arme hoch, hatte aber keine Chance, sich gegen die Faustschläge und Tritte zu wehren. Erst als Hilmer regungslos zwischen Turgi und Targi auf dem Boden lag, ließen die beiden von ihm ab und sprangen weinend an die Seite ihres Bruders. Jetzt konnten sie nur noch hoffen, dass er den Weg ins gelobte Land gefunden hatte.

 

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