04. Dezember: Kapitel 5

5

 

„Wer bist du?“, fragte Hilmer und sah das Männchen verwirrt an, das in der Eingangstür der Wohnung stand, die er heute Morgen noch mit seinem Weibchen bewohnt hatte.

Hier stimmte etwas nicht.

„Mein Name ist Fred. Ich wohne hier.“

„Nein. Das tust du nicht“, sagte Hilmer, dessen Verwirrung sich jetzt in Ärger wandelte. „Das ist mein Appartement. Ich teile es mir mit meinem Weib Agnes.“

„Ach, du bist das“, sagte Fred, machte aber keinerlei Anstalten, Hilmer in die Wohnung zu lassen.

„Was soll das jetzt wieder heißen?“

„Agnes hat mir von dir erzählt. Ich dachte, du seist tot.“

„Wie du siehst, bin ich das nicht. Wo ist sie?“

„Sie ist unter der Dusche.“

Hilmer starrte Fred fassungslos an. Es fiel ihm schwer, seinen Zorn im Zaum zu halten. Offensichtlich hatte Agnes die Trauerzeit um ihn nicht über die Maßen ausgedehnt. Der Kerl musste direkt eingezogen sein, nachdem er selbst zum Schicksalsberg aufgebrochen war. Dieses treulose Weib konnte etwas erleben.

„Lass mich vorbei“, sagte Hilmer und hob die Faust. „Ich war noch nie so lebendig wie jetzt. Das ist meine Wohnung.“

„Nicht mehr“, entgegnete Fred unsicher. „Agnes hat mir versichert, dass ich hier wohnen kann. Was willst du hier?“

„Was ich hier will?“ Einen Moment lang glaubte Hilmer sich verhört zu haben, schluckte seine Erwiderung dann aber herunter. Seine Wut wurde noch größer. Er hätte sich am liebsten auf den Fremden gestürzt und ihm mit seinen Fäusten gezeigt, was er von seinem Verhalten hielt. Das brachte Hilmer aber auch nicht weiter. Es war normal, dass sich ein Weibchen nach dem Tod des Ehemannes einen neuen Partner suchte. Dass Agnes aber noch nicht einmal eine Nacht allein geblieben war, ärgerte Hilmer maßlos. Fast sah es so aus, als hätte sie seinen Tod herbeigesehnt.

„Lass mich vorbei, sonst geschieht ein Unglück“, sagte Hilmer, nachdem er zweimal tief durchgeatmet hatte. Der drohende Unterton in seiner Stimme hatte Fred wohl überzeugt, und er gab den Weg frei.

Kaum war Hilmer in der Wohnung, spürte er, wie er erneut dicht vor einen Tobsuchtsanfall stand. Er ging zum Badezimmer und hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. „Komm sofort da raus! Ich weiß, dass du da bist, und werde nicht eher gehen, bis du mit mir gesprochen hast!“

Es dauerte nur wenige Sekunden, da öffnete sich die Tür. „Hilmer!“, rief Agnes überrascht. „Warum bist du denn nicht tot?“

„Diese Frage geht mir langsam gegen den Strich“, zischte Hilmer ärgerlich. „Es scheint keinen wirklich zu freuen, dass ich noch am Leben bin. Ihr müsst mich ja alle wirklich sehr vermissen.“

„Du siehst das völlig falsch“, versuchte Agnes einen Erklärungsversuch, aber Hilmer winkte nur ab.

„Wie kannst du nur so pietätlos sein, bereits am Tag meines geplanten Todes mit einem anderen in die Kiste zu springen?“

„Hilmer, du musst das verstehen.“

„Ich muss gar nichts. Du hättest ja wenigstens ein paar Tage warten können.“

„Du weißt, dass ich selbst nur noch zwei Monate zu leben habe“, entgegnete Agnes. „Wir haben keine Kinder, da kann ich ja nicht ewig warten.“

„Das habe ich ja auch gar nicht gesagt“, erwiderte Hilmer. Seine erste Wut verrauchte langsam und wich einer tiefen Traurigkeit. Seitdem er sich geweigert hatte, vom Todesfelsen zu springen, kamen ihm die Gesetze der Lemminge von Stunde zu Stunde unsinniger vor.

Das Verhalten seines Weibs gab ihm den Rest. Hilmer hatte drei Monate mit Agnes zusammengelebt und sie geliebt. Bis vor wenigen Minuten hatte er angenommen, dass sein Weib ihn genauso vergötterte wie er sie. Offensichtlich hatte sie ihn aber lediglich als Lustsklaven gesehen, den man beliebig austauschen konnte. Es lag nicht an zu wenigen Versuchen, dass die Partnerschaft der beiden Lemminge kinderlos geblieben war.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte Agnes nach einer Weile.

„Wie meinst du das?“
„Du kannst nicht hierbleiben.“

„Das weiß ich, Agnes. Mach dir keine Sorgen. Ich werde dir und Fred nicht im Weg stehen.“

„Darum geht es nicht. Der König wird es nicht dulden, dass du dich gegen die Gesetze unseres Volkes stellst. Früher oder später werden sie hier auftauchen und dich suchen.“

„Das ist mir klar“, gab Hilmer zu. „Ich bin zu dir gekommen, weil ich gedacht habe, dass du dich freust. Das scheint aber leider nicht so zu sein.“

„Hilmer, was erwartest du eigentlich von mir?“, fragte Agnes mit feuchten Augen. „Ich gebe zu, dass ich vielleicht einige Tage hätte warten sollen, bevor ich Fred zu mir hole. Ich konnte aber die Einsamkeit nicht ertragen. Ich musste doch denken, dass du nicht zurückkommst. Noch nie ist jemand vom Schicksalsberg zurückgekommen.“

„Dann bin ich eben der Erste“, erwiderte Hilmer. „Ich werde mich nicht freiwillig in den Tod stürzen. Und das solltest du auch nicht tun. Ich dachte, wir gehören zusammen.“

„Ich kann dir nicht helfen, so gerne ich es auch täte.“

„Das weiß ich“, sagte Hilmer traurig. „Ich bin zu einem Aussätzigen geworden. Zu einem Schandfleck unseres Volkes der zu niemandem mehr gehen kann. Ich kann verstehen, dass Turgi, Targi und Torgi mir nicht helfen wollen. Die wissen es nicht besser und sehnen sich nach ihrem gelobten Land. Von dir hatte ich etwas mehr erwartet.“

„Das ist nicht fair.“

„Nein, Agnes. Das ist es nicht.“

„Ich denke, du solltest jetzt verschwinden“, sagte Fred, der die ganze Zeit über im Flur gestanden und das Gespräch verfolgt hatte.

Hilmer drehte sich zu seinem Nachfolger um. Jede Zelle seines Körpers sehnte sich danach, ihm das dämliche Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln. Der Mistkerl hatte aber mit einem Recht: Hilmer musste verschwinden. Auch wenn er nicht wusste, wohin.

„Was willst du jetzt machen?“, wollte Agnes wissen.

„Das weiß ich noch nicht. Ich werde aber nicht hierher zurückkommen.“

Fred schien etwas sagen zu wollen, verstummte aber sofort, als er in Hilmers Gesicht sah. Den hielt jetzt nichts mehr. Irgendwo in den Vororten der Stadt würde er schon jemanden finden, der ihm half. Er musste ja nicht erwähnen, dass er den fünfzehnten Lebensmonat bereits überschritten hatte. Wortlos drehte er sich um, ließ Agnes einfach in der Badezimmertür stehen und ging an Fred vorbei in Richtung Ausgang. Die beiden Frischverliebten sollten die Tränen in seinen Augen nicht sehen.

 

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