01. Dezember: Kapitel 1 und 2

Und los geht es mit den ersten beiden Kapiteln

1

 

„Ich halte es für keine gute Idee, was wir hier tun“, sagte Hilmer und schaute seine drei Vettern skeptisch an.

„Warum?“, fragte Turgi überrascht. „Es steht doch schon ewig fest.“

„Das macht die Sache nicht besser“, erwiderte Hilmer.

„Was soll das auf einmal?“, regte sich Turgi auf.

„Wir warten nun schon seit Monaten auf diesen Tag“, sagte Targi.

„Du solltest froh sein, dass es endlich so weit ist“, stimmte Torgi seinen Brüdern zu.

Hilmer stand mit seinen Vettern inmitten eines wahren Heeres von Lemmingen am Fuße des Schicksalsberges. Alle warteten darauf, den Aufstieg zum Todesfelsen beginnen zu dürfen, wo ihr Leben genau fünfzehn Monate nach ihrer Geburt enden sollte. Genau wie bei Millionen von Lemmingen vor ihnen und sicherlich nicht weniger nach ihnen. So war es Brauch. So musste es geschehen. Keiner konnte etwas dagegen tun.

Genau genommen gab es niemanden, der etwas dagegen tun wollte.

Außer Hilmer.

Der fasste in diesem Moment den Entschluss, dass er auf keinen Fall an diesem Irrsinn teilnehmen wollte.

In seinem bisherigen Leben hatte Hilmer diesem Tag entgegengefiebert. Wochenlang hatte er sich mit seinen Vettern auf diesen Tag vorbereitet. Sie hatten davon geschwärmt, wie es wohl in der Totenwelt sein würde, in der alles besser war und kein Lemming sich darüber Gedanken machen musste, ob es zu viele von ihnen gab. Dort würde genügend Platz für alle sein. Niemand müsste auf etwas verzichten.

Jetzt, wo sein geplanter Todestag gekommen war, fand Hilmer es gar nicht mehr so erstrebenswert, sich von der Klippe in den Tod zu stürzen. Er beschloss, Turgi, Targi und Torgi davon zu überzeugen, dass es besser sei, zurück nach Hause zu gehen.

„Nur weil sich alle anderen Lemminge in den Tod stürzen, heißt das nicht, dass wir hinterher springen müssen“, erklärte Hilmer seinen Vettern.

„Aber so will es das Gesetz“, sagte Turgi.

„Wo steht das?“, setzte Hilmer dagegen.

„In den heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts“, antwortete Turgi.

„Hast du sie gesehen?“

„Natürlich nicht“, gab Turgi zu. „Niemand außer dem König hat das.“

„Was soll das, Hilmer?“, stand Torgi seinem Bruder bei. „Du weißt doch, dass nur Helmut die Aufzeichnungen des Propheten kennt.“

„Eben“, sagte Hilmer. „Darum weiß auch keiner, ob es stimmt, was uns der König erzählt. Vielleicht legt er die heiligen Thesen ja falsch aus.“

„Lass das bloß keinen der Wachleute hören“, warnte Turgi.

„Helmut lässt nicht zu, dass man schlecht über ihn redet“, ergänzte Targi.

„Wenn sie dich erwischen, bist du dran“, warnte Torgi.

„Was soll mir denn passieren?“, fragte Hilmer verblüfft. „Wenn ich die Klippen runterspringe, bin ich tot. Was kann schlimmer sein? Ich gehe jetzt nach Hause.“

„Das kannst du nicht machen!“

„Doch, Targi. Das kann ich und das werde ich auch.“

„Dann bist du kein richtiger Lemming“, warf Turgi seinem Vetter vor.

„Du solltest dich schämen“, ergänzte Targi.

„Deine Eltern würden sich im Grabe herumdrehen“, behauptete Torgi.

„Ihr seid doch nicht mehr ganz dicht“, sagte Hilmer und beschloss, sich von seinen Vettern nicht weiter aufhalten zu lassen. Er drehte sich um und ging die Straße hinunter in Richtung Stadt.

„Warte!“, schrie Torgi und nahm die Verfolgung auf, weil Hilmer einfach weiterging. Turgi und Targi blieb nichts anderes übrig, als sich ihrem Bruder anzuschließen. Die drei waren fest entschlossen, Pfote in Pfote von den Klippen zu springen. Dieses Versprechen wollte keiner der Brüder brechen.

An der Kreuzung zur Hauptstraße, wo der Weg in Richtung Todesfelsen abzweigte, holten Turgi, Targi und Torgi ihren Vetter ein, der dort von einem Wächter festgehalten wurde. Dieser wiederum war völlig überrascht, plötzlich tätig werden zu müssen. Die Stellen in der Garde des Königs waren sehr beliebt, weil sie gut bezahlt wurden und mit sehr wenig Arbeit verbunden waren. Dies war auch der Grund dafür, dass die meisten Mitglieder dieser Einheit unter starkem Übergewicht litten.

„Was soll das heißen? Du willst nicht?“, blaffte der Lemming, nahm seine Zigarre aus dem Mund und starrte Hilmer sichtlich irritiert an.

„Ich habe keine Lust, von dem Felsen in den Tod zu springen. Ich will weiterleben.“

„So ein dummes Zeug hat vor dir noch keiner geredet“, sagte der Wächter grinsend. „Du musst völlig den Verstand verloren haben.“

„Ich meine es todernst.“

Helmuts Helfer schien mit der Situation völlig überfordert zu sein. Niemals hatte er erlebt, dass ein Lemming den Hang wieder herunterkam. Normalerweise bestand seine Aufgabe darin zu verhindern, dass sich einer seiner Artgenossen in den Tod stürzte, bevor er seinen fünfzehnten Lebensmonat vollendet hatte. Unsicher wechselte er den Blick von Hilmer zu den drei Brüdern, die nun ebenfalls neben dem Wachhäuschen stehen geblieben waren.

„Was ist mit euch?“, fragte der Lemming barsch. „Weigert ihr euch ebenfalls, den uns vorbestimmten Weg zu gehen?“

„Selbstverständlich nicht“, entrüstete sich Turgi.

„Das würden wir niemals tun“, bestätigte Targi.

„Wir sind ehrenvolle Lemminge“, versicherte Torgi.

„Ihr seid Spinner“, sagte Hilmer und schickte sich an, seinen Weg in die Stadt fortzusetzen.

„Halt“, schrie der Wächter und baute sich vor dem Flüchtigen auf. „Ich kann das nicht dulden.“

„Was willst du dagegen tun?“, fragte Hilmer grinsend. Er wusste genau, dass sein Verhalten ein einzigartiger Skandal war. Nie zuvor hatte ein Lemming so reagiert. Es gab keine dafür festgesetzte Strafe.

„Ich werde dich zu König Helmut bringen. Soll er entscheiden, was mit dir geschieht.“

„Du kannst mich nicht gegen meinen Willen irgendwo hinbringen“, stichelte Hilmer weiter.

„Wenn wir ihm helfen schon“, sagte Turgi.

„Ihr wollt euch tatsächlich gegen euren Vetter stellen?“, fragte Hilmer.

„Ja“, antwortete Targi. „Wir können nicht zulassen, dass du Schande über unsere Familie bringst.“

„Helmut wird schon eine Lösung einfallen“, bekräftigte Torgi. „Er wird nicht wollen, dass sich andere ein Beispiel an dir nehmen.“

Hilmer blieb nichts anderes übrig, als Turgi, Targi und Torgi in den Palast zu folgen. Er war selbst gespannt darauf, wie Helmut reagieren würde. Angst hatte er nicht. Keine Strafe konnte schlimmer sein als der Tod. Das war ihm an diesem Tag klar geworden. Die drei Brüder nahmen ihren Vetter in die Mitte, um einen Fluchtversuch im Keim ersticken zu können. Der Wächter blieb an seinem Platz und bewachte weiter den Hang, der zum Todesfelsen führte.

 

2

 

„Wollt ihr Schwachköpfe mich verarschen?“, schrie Helmut und sprang von seinem Thron auf. „So einen Unsinn habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.“ Der König sah die beiden Lemminge vor sich mit finsterem Blick an.

Einmal im Monat kamen die beiden Verrückten zu ihm, um ihre neuesten Erfindungen vorzuführen. Viel Brauchbares war in der Vergangenheit nicht dabei gewesen. Jetzt schienen sie aber völlig den Verstand verloren zu haben.

„Unser Kaubonbon funktioniert“, sagte Henni und erwiderte den Blick des Königs.

„Wir haben es mehrfach ausprobiert“, fügte sein Freund Hörg grinsend hinzu.

„Das wird ja immer schlimmer“, wetterte Helmut. „Könnt ihr denn nicht einmal etwas erfinden, was unser Volk auch gebrauchen kann?“

„Aber das haben wir doch“, sagte Henni. „Wenn ein Weibchen diesen Kaubonbon benutzt, wird es nicht mehr trächtig. Damit haben wir unser Übervölkerungsproblem gelöst.“

„Und die Pärchen können sich miteinander vergnügen, sooft sie wollen, ohne dass sie sich über den Nachwuchs Gedanken machen müssen. Stell dir nur vor, was auch dir das für Möglichkeiten bieten würde.“ Hörg sah Helmut grinsend an. Wie alle im Palast wusste er, dass der König für diese Art von Vergnügen nichts übrig hatte und rieb ihm das genussvoll unter die Nase.

„Wir halten unsere Bevölkerungszahlen seit vielen Generationen konstant“, sagte Helmut entschieden. „Muss ich euch wirklich an die heiligen Schriften erinnern? Seitdem der furchtlose Wonibalt zu Beginn unserer neuen Zeitrechnung als Erster eine Gruppe über den Todesfelsen geführt hat, folgen wir diesem Beispiel und es geht uns gut. Hunger, Wohnungsnot und Seuchen gehören der Vergangenheit an und sind uns nur noch aus sehr alten Schriften bekannt. Solange wir diese geregelten Selbstmorde beibehalten, wird es uns an nichts mangeln.“

„Aber genau dafür haben wir ja jetzt die Alternative“, erwiderte Hörg. „Kein Lemming muss sich mehr umbringen.“

„Schweig“, donnerte Helmut. „Ich will nichts mehr von diesem Unsinn hören. Ihr lästert damit gegen die heiligen Thesen unseres Propheten.“

„Vielleicht sollten wir zumindest einen Versuch machen, ob diese Bonbons funktionieren“, schlug Dieter vor. Der Hamster hatte bisher schweigend auf einem Teppich neben dem königlichen Thron gesessen und das Gespräch interessiert verfolgt.

„Halte du dich da raus!“, rief Helmut und warf Dieter einen bösen Blick zu.

„Aber ich bin dein Berater“, entgegnete der Hamster verwirrt.

„Nicht in diesen Fragen“, wiegelte Helmut ab.

„In welchen dann?“, wollte Hörg wissen und fing sich dafür einen Tritt von Henni ein.

„Bist du wahnsinnig“, zischte dieser leise. „Reiz den König nicht noch mehr. Sei froh, dass das außer uns keiner gehört hat.“

Außer den drei Lemmingen und Dieter war der Audienzsaal leer. Zumindest, wenn man die Fliegen nicht mitzählte, die an der großen Fensterscheibe saßen, durch die das Licht in den Raum fiel.

Vor der verschlossenen Eingangstür standen zwei Wachen, um zu verhindern, dass sich ungebetene Gäste dem König näherten. Die meisten Einwohner in der Stadt waren froh, wenn sie Helmut nicht sahen. Deswegen bestand kaum die Gefahr, dass sich einer der Lemminge in den Palast verirrte. Aber man konnte ja nie wissen.

„Mit unseren Bonbons können wir die Massenselbstmorde stoppen“, unternahm Henni einen erneuten Versuch, Helmut zu überzeugen.

„Warum sollte ich das wollen? Es hat sich doch nie jemand über dieses Gesetz beschwert.“

„Weil du dann als der König in die Geschichte eingehen wirst, der den Lemmingen ein längeres Leben brachte“, antwortete Hörg.

„Und wenn ich das nicht will? Seit vielen Generationen folgen wir nun dem großen Propheten in das Totenreich. Ich sehe keinen Grund das zu ändern.“

Wir folgen ihm“, verbesserte Henni den König.

„Was willst du damit sagen?“, blaffte Helmut.

„Dass du Wonibalt nicht folgst. Du bist der einzige Lemming, der sich nicht nach Vollendung seines fünfzehnten Lebensmonats von den Klippen stürzt.“

„Höre ich da leise Kritik?“, fragte Helmut scharf.

„Nein! Natürlich nicht“, versicherte Henni. „Vielleicht wäre es aber der richtige Zeitpunkt, die Gesetze zu überdenken.“

„Ich soll mich gegen die heiligen Thesen stellen?“, fragte der König und starrte den Erfinder aus funkelnden Augen an. „Niemals!“

„Vielleicht wäre Wonibalt nicht von den Klippen gesprungen, wenn er eine andere Lösung gehabt hätte“, warf Hörg ein. „Womöglich hätten ihn unsere Bonbons überzeugt.“

„Blasphemie“, schrie Helmut. Die Gesichtsfarbe des Königs nahm ein gefährliches Rot an und er griff sich mit der rechten Pfote an die Brust.

Dieter brachte sich in Sicherheit, indem er schnell ein paar Schritte vom König weg huschte. Böse Zungen behaupteten, dass seine Beziehung zum König alles andere als geschäftlich war. Glaubte man den Tratschweibchen im Palast beriet er ihn in ganz anderen Dingen. Gegen Helmuts Wutausbrüche war aber auch der Hamster machtlos.

„Ich werde es nicht dulden, dass ihr Wonibalts Namen weiter in den Dreck zieht“, schrie Helmut. „Dieter, hol die Wachen! Sie sollen diese beiden Ungläubigen in den Kerker werfen. Dort bekommen sie bis zu ihrem Todestag Gelegenheit, über ihr unsittliches Treiben nachzudenken.“

Dieter eilte zum Eingang, öffnete die Tür und wechselte ein paar Worte mit den Wachen.

„Schafft sie mir aus den Augen!“, befahl Helmut energisch, als die beiden Lemminge in den Raum traten. „Ich möchte diese Witzfiguren niemals wieder in meinem Audienzsaal sehen.“

Henni und Hörg wussten, dass es an diesem Tag keinen Sinn mehr machte, mit dem König zu sprechen. Sie ließen sich abführen, ohne sich zu wehren. Schon mehrmals waren sie nach einer Audienz in den Katakomben des Palastes gelandet. Bisher hatte es aber nie lange gedauert, bis man sie wieder an ihren Arbeitsplatz gelassen hatte. Beide vertrauten darauf, dass es auch diesmal so sein würde.

Helmut setzte sich erleichtert auf seinen Thron, als die Wachen mit den Erfindern verschwunden waren. „War es das für heute?“, fragte der König seinen Berater, der als Einziger bei ihm im Saal geblieben war.

„Leider nicht“, antwortete Dieter. „Draußen steht noch eine Gruppe von vier Männchen, die dich unbedingt sprechen wollen.“

„Lass sie herein“, sagte Helmut resignierend. „Schlimmer als mit den beiden Verrückten kann es jetzt auch nicht mehr werden.“

 

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