März 2015

Hey,

im März liefen alle Projekte im Zeitplan und es wird sich hier im laufenden Jahr noch viel tun. Von den Testlesern habe ich sehr hilfreiche Anmerkungen zu Homer bekommen. Der zweite Lemming Band kam aus dem Lektorat und ich habe ihn noch einmal überarbeitet. »Henni & Hörg – Zwei Missionare räumen auf« wird jetzt noch einmal auf Fehler überprüft. Ich hoffe, den Roman dann spätestens Anfang Mai veröffentlichen zu können.

Auf der Homepage des Waldhardt Verlages ist ein Interview mit mir erschienen.

Als kleines nachträgliches Ostergeschenk gibt es jetzt noch eine kleine, unveröffentlichte Kurzgeschichte. Ich wünsche allen viel Spaß damit.

Ihr und Euer
Jörg Olbrich

Totenblick

Frank Richter sah direkt in das tränenüberströmte Gesicht seiner Frau und hatte das Gefühl, es würde sich ein Loch in sein Herz brennen. Clara war ganz in Schwarz gekleidet, hatte die dunklen Haare zu einem Knoten hinter dem Kopf zusammengebunden und sah aus als wäre sie dem Leibhaftigen persönlich begegnet. Ihre Hände verkrampften sich um eine rote Rose, deren Dornen in ihre Haut stachen. Sie schien es nicht einmal zu bemerken.

Was war hier los?

Franks Schwager Dirk trat an die Seite seiner Schwester und legte den Arm um Claras Schulter. Auch ihm standen die Tränen in den Augen und er sah aus, als hätte er seit Tagen kaum geschlafen. Frank stellte sich die Frage, wessen Tod die beiden so sehr aus der Bahn geworfen hatte. War etwa ihre Mutter gestorben? Und warum stand er selbst nicht neben seiner Frau?

Bis zu dem Zeitpunkt hatte Frank nur Augen für Clara gehabt und gesehen, dass diese vor einem offenen Grab stand. Nun hob er den Blick und betrachtete sich die Trauergemeinde. Dort kannte er jede einzelne Person.

Seine Eltern standen neben Claras Mutter, die damit nicht diejenige sein konnte, deren Beerdigung Frank wie in einem Traum miterlebte. Dahinter stand Dirks Frau mit den beiden Kindern. Es folgten Franks Tanten, Onkels, Cousins, Cousinen, sein Großvater und die Familie von Clara.

Er sah seine Arbeitskollegen, die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr, Freunde und Bekannte. Es fehlte nur eine einzige Person. Und das war er selbst.

Es viel Frank schwer die grausame Wahrheit zu akzeptieren, doch es konnte keinen Zweifel daran geben. Er beobachtete seine eigene Beerdigung. Nur warum? Was war geschehen?

So sehr er sich auch bemühte, Frank konnte sich nicht an die Ereignisse der vergangenen Tage erinnern. Alles lag in einem dichten Nebel, den er nicht durchdringen konnte.

„Wie konnte das nur passieren?“, hörte Frank die leise Stimme seiner Frau. Jedes Wort wurde von einem verzweifelten Schluchzer unterbrochen. Clara lies die Rose in das Loch vor ihren Füßen fallen.

Dirk drückte seine Schwester fest an sich und hielt sie einen endlos erscheinenden Moment fest, bevor er sie langsam vom Grab wegführte.

„Ich bin hier“, wollte Frank schreien, aber nicht ein Ton kam über seine Lippen. Er war dazu verdammt die schreckliche Szene zu beobachten und konnte nichts tun, um den Schmerz seiner Frau zu lindern. Er wollte die Augen schließen, weil er den Anblick vor sich nicht länger ertragen konnte, aber auch das gelang ihm nicht. Frank hatte vollständig die Kontrolle über seinen Körper verloren und war gezwungen zuzuschauen, wie einer seiner Freunde nach dem anderen zum Grab kam, um sich von ihm zu verabschieden.

Jedes einzelne Wort, welches seine Angehörigen zum Abschied an Frank richteten, kam ihm vor wie ein Stich ins Herz. Er wünschte sich nichts mehr, als dass dieser furchtbare Alptraum endlich ein Ende nahm. Eine gefühlte Ewigkeit später kam sein alter Schulkamerad Siegmar als Letzter zu seinem Grab, um sich von seinem Freund zu verabschieden. Kurz darauf war die komplette Trauergemeinde vor seinen Augen verschwunden. Plötzlich wurde es dunkel.

 

Mit einem gellenden Schrei, der die Fesseln um seinen Körper sprengte, fuhr Frank hoch und schaute sich keuchend um. Clara sprang aus dem Bett und sah ihren Mann entsetzt an.

„Was um alles in der Welt ist denn los? Du bist ja schweißgebadet.“

„Ich habe geträumt“, gab Frank ächzend zurück und konnte nicht fassen, dass nichts von all dem tatsächlich passiert war. Dabei waren die Bilder und die Gefühle, die er bei ihnen durchgestanden hatte, so real gewesen. Nie in seinem Leben hatte er etwas Furchtbareres erlebt.

„Das muss ja wirklich die Hölle gewesen sein. Möchtest du darüber sprechen?“

„Nein, Clara. Erst einmal muss ich wieder einen klaren Gedanken fassen können. Ich gehe Duschen. Danach wird es mir besser gehen.“

Frank versuchte den schrecklichen Alptraum zu verdrängen, bekam die Bilder aber einfach nicht aus seinem Kopf. Dabei erledigte er die morgendliche Routine wie in Trance. Er hatte das Gefühl, als würde ein dicker Klos seinen Hals verschließen, so dass er auf ein Frühstück verzichtete und lediglich eine Tasse Kaffee trank.

Clara warf ihrem Mann einen besorgten Blick hinterher, als dieser das Haus verließ.

Zehn Minuten später ging Frank den Weg von seinem Parkplatz zu dem Bürogebäude, in dem er arbeitete. Noch immer stand er im Bann der furchtbaren Eindrücke, die er in seinem Alptraum hatte ertragen müssen. Auf seine Umgebung achtete er kaum. Als er die Straße überquerte, übersah er den tonnenschweren LKW, dessen Fahrer die rote Ampel ignorierte und lief direkt davor.

ENDE

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