Der Winterkönig

Hey,

vor fast 400 Jahren, am 23. Mai 1618, warfen Vertreter der protestantischen Stände zwei königlichen Statthaltern und dessen Sekretär aus einem Fenster der Prager Burg. Wie durch ein Wunder überlebten alle drei den Sturz aus etwa 17 Meter Höhe.
Mit diesem Aufstand erhoben sich die Protestanten, die die Einhaltung der versprochenen Religionsfreiheit forderten, gegen den böhmischen König Ferdinand und den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nationen. Der dreißigjährige Krieg hatte begonnen.
Verwüstung, Hungersnöte, Armut und Pest kosteten in dieser Zeit rund sechs Millionen Menschen das Leben.
Die Ereignisse um den Prager Fenstersturz bilden auch den Beginn meiner 6-teiligen Romanreihe über den dreißigjährigen Krieg. Der 1. Band „Der Winterkönig – Geschichten des Dreißigjährigen Kriegs“ ist im Oktober 2017 im acabus Verlag aus Hamburg erschienen. Der 2. Band soll im September 2018 folgen.

Cover - Der Winterkönig

Klappentext:

Wie durch ein Wunder überlebt der Sekretär Philipp Fabricius zusammen mit zwei Statthaltern den gewaltsamen Fenstersturz aus der Prager Burg. Philipp macht sich schwer verletzt auf den Weg nach Wien, um den Kaiser über die protestantischen Aufstände zu informieren. Mit Hilfe der schönen Magdalena erreicht seine Botschaft die Residenzstadt, doch die Lage zwischen Katholiken und Protestanten spitzt sich weiter zu und Philipp gerät ins Visier der gegnerischen Parteien. Der Krieg lässt sich nicht mehr aufhalten …
Währenddessen tritt in Pilsen der Schmied Hermann den kaiserlichen Truppen bei. Als Söldner in Tillys Armee begeht und erleidet er die Schrecken des Krieges. Die Chronik eines jungen Schreibers in Wien dokumentiert die Gräuel.

Verwüstung, Hungersnöte, Armut und Pest kosteten zwischen 1618 und 1648 rund sechs Millionen Menschen das Leben. Der Auftakt der sechsteiligen Romanreihe „Geschichten des Dreißigjährigen Krieges“ überzeugt mit historischen Fakten und einer spannungsgeladenen Entwicklung.

Die  Reaktionen auf das Buch sind bisher sehr erfreulich und die 1. Auflage ist fast ausverkauft. Mit den Arbeiten am zweiten Band komme ich gut voran. Es ist geplant, dass ich diesen auf dem Festival Mediaval im September 2018 vorstellen werde.

Ihr und Euer

Jörg Olbrich

Herbst 2016

Hey,

in den letzten Monaten hat sich vieles getan. Zunächst möchte ich Euch aber auf ein Projekt hinweisen, das ich gemeinsam mit anderen Autoren realisiert habe:

Das Leben hält für jeden von uns wundervolle Momente bereit. Doch jeder Lebensweg führt auch über steinige Pfade. Wir verlieren Menschen, die für uns die Welt bedeuten. Treffen falsche Entscheidungen oder haben Träume, die in so weite Ferne gerückt sind, dass wir das Gefühl bekommen, sie nicht erreichen zu können.
In der ersten Hoffnungsschimmer-Anthologie finden Sie Geschichten, Gedichte und Illustrationen über Menschen, denen es ebenso ergeht. Über Kinder, die ihre Ängste überwinden müssen, um ihre Träume leben zu können. Über Kinder, die sich selbst aus einer Hölle befreien, in die sie hineingedrängt wurden. Über Mädchen und Jungen, die schwer krank sind, aber jeden einzelnen Moment genießen möchten, der ihnen noch bleibt. Über Männer, die in den Krieg ziehen, sich jedoch nichts sehnlicher wünschen, als ihre Familien in den Arm zu nehmen. Und über Frauen, die erst durch das Wunder eines heranwachsenden Lebens spüren, was wirklich wichtig ist. (mehr …)

Phantastische Bibliothek

Hey,

ich komme heute mal mit einem ungewöhnlichen, aber für mich sehr wichtigen Anliegen auf Euch zu, das mit der Literatur zu tun hat, die ich schreibe und die Ihr lest und die wir beide lieben.

In dem kleinen hessischen Städtchen Wetzlar gibt es die große Phantastische Bibliothek, die alles das sammelt, was wir schätzen: Fantasy, Science Fiction, Horror … bis hin zu den klassischen Märchen und Sagen und zu jeder anderen Form von phantastischer Literatur. Sie ist die einzige öffentlich zugängliche Bibliothek dieses Sammelgebiets in Deutschland und mit 280.000 Titeln weltweit die größte. Sie ist offen für jedermann, ist Lobby für unsere Literatur, arbeitet kulturell, wissenschaftlich und pädagogisch, ist aber genauso für die Fans da, die einfach „nur“ lesen wollen. (mehr …)

24. Dezember: Kapitel 41 und 42

41

 

„Was wollt ihr denn jetzt hier?“, blaffte der König seine beiden Erfinder an.

„Wir sind hier, um unserem Volk die Augen zu öffnen“, erklärte Henni. „Alle sollen erfahren, dass sie von ihrem König betrogen worden sind.“

Die Lemminge auf dem Platz beobachteten gespannt, wie Hörg zu Hilmer ging und die Schlinge über seinen Kopf zog. Jeder wollte wissen, was die vier Neuankömmlinge zu sagen hatten. Auch Dieter schien neugierig zu sein. Einzig der Miene des Königs war zu entnehmen, dass er seine Erfinder am liebsten gleich ebenfalls aufhängen lassen würde.

„Wonibalt war in Wirklichkeit Helmuts Großvater“, rief Hilmer der Menge zu. „Es gibt keine heiligen Schriften und auch kein gelobtes Land. Die Massenselbstmorde bauen auf einer Lüge auf, die der König aufrechterhält, um sein Volk zu unterdrücken.“

„Das sind schwere Vorwürfe, die du da erhebst“, schrie einer der Lemminge aus der Menge.

„Kannst du auch beweisen, was du hier behauptest?“, wollte ein zweiter wissen.

„Bevor Wonibalt eine Schreckensherrschaft begonnen hat, wurde unser Volk von einem König und dem Rat der vier Weisen regiert. Diese beiden dort sind die letzten Wächter der alten Gesetze, die in dieser Zeit bestand hatten.“ Hilmer deutete auf Anton und Paula, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatten.

„Der Ungläubige versucht nur, sein Leben zu retten“, meldete sich Helmut zu Wort, der die erste Verblüffung wohl überwunden hatte.

„Nein“, erwiderte Hörg. „Die Zeit der Lügen ist vorbei. Wir werden hier und heute die Wahrheit enthüllen.“

„Wie wollt ihr das machen?“, fragte der König und schaute seine Erfinder argwöhnisch an. Ihm musste klar sein, dass die beiden noch ein Ass im Ärmel hatten. Besonders beeindruckt zu sein schien er jedoch nicht.

„In dieser Schatulle befinden sich die echten Chroniken unserer Vorfahren“, erklärte Hörg grinsend.

„Zeig sie uns“, erwiderte Helmut. „Ich bin sehr gespannt, was ihr Verräter uns mitgebracht habt.“

Hilmer schaute seinen Freund an und hätte ihm den Kasten am liebsten aus der Pfote gerissen. Worauf wartete der denn noch? Auch die anderen Lemminge richteten ihre Blicke nun auf Hörg, der mit der Schatulle in der Pfote auf dem Podest stand und betreten zu Boden sah.

„Ich habe keinen Schlüssel.“

„Das kann nicht euer Ernst sein“, ächzte Hilmer und sah Hörg voller Entsetzen an.

„Wenn ihr den Beweis für eure Behauptungen nicht erbringen könnt, solltet ihr jetzt nach Hause gehen und unsere Zeremonie nicht weiter stören“, sagte Helmut bestimmt. „Es sei denn, ihr wollt neben eurem Freund hängen.“

Hilmer fühlte sich, als sei ihm der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Er hatte seine ganze Hoffnung auf Henni und Hörg gesetzt und war sich seiner Sache sehr sicher gewesen, als sie im letzten Moment aufgetaucht waren. Jetzt war sein Traum geplatzt – wie eine Seifenblase. Da landete eine Fliege auf Hilmers Schulter und wisperte ihm etwas ins Ohr. Der Lemming hatte große Mühe die Worte des kleinen Wesens zu verstehen, schöpfte daraus aber neue Hoffnung. Ohne ein Wort zu sagen, ging er auf den König zu und riss ihm, ehe einer seiner Helfer eingreifen konnte, die Kette vom Hals.

Ein Raunen ging durch die Menge, als Hilmer ihnen den kleinen Schlüssel präsentierte, den Helmut als Anhänger getragen hatte. Es herrschte Totenstille als Hilmer seine Beute an Hörg weitergab, der den Schlüssel sofort in das Schloss der Schatulle steckte und diese öffnete.

„Offensichtlich scheint unser König mehr zu wissen, als er zugeben mag“, rief Hilmer.

„Schwing keine große Reden und zeig uns, was in dem Kasten ist“, rief einer der Lemminge auf dem Platz und andere stimmten ihm zu.

Wieder richtete sich die volle Aufmerksamkeit auf Hörg, der mit bitterer Miene in die Schatulle schaute und den Kopf schüttelte.

„Was ist jetzt schon wieder los?“, fragte Hilmer und nahm seinem Freund das Kästchen aus der Pfote. Als er die aufgeweichte Masse darin sah, stockte ihm der Atem. Das durfte einfach nicht wahr sein.

„Die Schatulle lag im Wasser“, erklärte Hörg. „Es tut mir leid.“

„Wo ist denn jetzt euer Beweis?“, fragte Helmut, der zunächst viel von seiner Sicherheit verloren hatte, nun aber wieder Oberwasser bekam.

Hilmer war sich sicher, dass Helmut den Inhalt der Schriften kannte. Diese waren nun aber für immer verloren. In den letzten Minuten hatte der Lemming ein wahres Wechselbad der Gefühle erlebt. Jetzt schien endgültig der Moment gekommen zu sein, an dem alle Karten gespielt waren.

„Ist noch jemand hier, der meint, dass die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts nicht existieren und ich ein Betrüger bin, oder können wir jetzt endlich mit der Hinrichtung fortfahren?“ Helmut stand triumphierend auf dem Podest und schaute auf sein Volk herab. Mit der Zerstörung der alten Chroniken war er nun endgültig zum unantastbaren Herrscher geworden.

Doch es war noch nicht vorbei.

„Ich kann Hilmers Worte bestätigen“, ertönte eine rauchige Stimme aus der Menge. Unbeachtet von den Lemmingen auf dem Platz hatten es die rattenscharfe Rosa und ihren Söhne Bert und Gerd geschafft, bis kurz vor das Podest zu gelangen. Begleitet wurden sie von einer weiteren Gestalt, die von einem Umhang vollständig verhüllt war.

„Seit wann mischen sich Ratten in die Belange der Lemminge ein?“, fragte der König zähneknirschend.

„Wir haben lange genug eure Leichen von den Klippen weggeräumt“, erklärte Rosa der verblüfften Meute auf dem Platz. Mit dem Auftauchen der Ratten hatte nun wirklich niemand gerechnet. „Es ist an der Zeit, dass sich etwas ändert.“

„Welche Beweise willst du denn für die erhobenen Vorwürfe vorbringen?“, fragte Helmut verächtlich.

„Ich kann gar nichts zur Sache sagen“, antwortete Rosa.

„Aber ich“, sagte die verhüllte Gestalt und ließ den Umhang zu Boden fallen.

„Etna?“, ächzte der König zutiefst erschrocken und griff sich mit der Pfote an die Brust.

Die Kröte drehte sich von Helmut weg und richtete ihre Worte an die Menge vor sich. „Hilmer sagt die Wahrheit. Ich selbst bin damals von Wonibalt in die Höhlen des Schicksalsberges verbannt werden. Ich habe seine Schreckensherrschaft miterlebt und nichts davon vergessen. Helmut ist ein elendiger Lügner, dem es Spaß macht sein Volk zu unterdrücken. Eure Todessprünge sind Unsinn. Es gibt kein gelobtes Land.“

Ein Raunen ging durch die Menge und es folgten laute Schreie. Die Meinung der Lemminge auf dem Platz war zweigeteilt. Einige forderten Helmut auf, endlich die Wahrheit zu sagen, andere wollten, dass Etna und die Ratten verschwanden und Hilmer endlich gehängt wurde. Der Anteil der Stimmen gegen den König wurde allerdings zunehmend größer.

„Was willst du hier?“, zischte Helmut und ging auf die alte Kröte zu. „Verschwinde und verkrieche dich wieder in den dunkelsten Höhlen des Berges, wo du hingehörst.“ Wieder griff sich der König an die Brust. Schweiß trat ihm auf die Stirn.

Bert und Gerd bauten sich vor Etna auf und schützten sie so vor den Soldaten, die sich allerdings freiwillig an den Rand der Plattform verzogen und nicht gewillt waren, es mit den Ratten aufzunehmen. Auch Dieter hatte sich aus dem Staub gemacht und ließ seinen Herrn allein mit Hilmer und seinen Freunden stehen.

„Ihr müsst den Rat der vier Weisen wieder einsetzen und so einen Gegenpol zum König schaffen“, forderte die Kröte. „Die Selbstmorde müssen aufhören.“

„Du hast hier überhaupt nichts zu sagen“, schrie Helmut mit bebender Stimme. Sein Atem setzte aus und er wurde feuerrot im Gesicht. Wieder griff er sich mit beiden Pfoten an die Brust. Der König konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und ging unter dem Raunen der Menge zu Boden. Dort blieb er regungslos liegen.

 

42

 

Die Wächter stürzten zu ihrem Herrn und auch Dieter, der sich hinter dem Galgen versteckt hatte, rannte zum König und ging neben ihm auf die Knie. Alle Lemminge, auf dem Podest und davor, hielten vor Schreck den Atem an. Selbst Etna und die Ratten starrten schweigend auf den leblos am Boden liegenden Körper. Die Sekunden vergingen und die Spannung stand kurz vor dem Zerreisen, als der Hamster sich erhob und mit Tränen in den Augen den Kopf schüttelte.

„Der König ist tot“, sagte er mit brüchiger Stimme.

Vereinzelte Schreie klangen über den Platz. Viele Lemminge weinten, andere schüttelten nur ratlos den Kopf. Auch Hilmer wusste nicht, was nun geschehen sollte. Helmuts Ableben hatte ihn genauso überrascht wie alle anderen.

Es war Gesetz, dass der älteste Sohn eines Königs seinem Vater auf den Thron folgte, wenn dieser verstarb. Helmut hatte aber niemals ein Weibchen gehabt und daher auch keine Nachkommen.

„Wir brauchen einen neuen König!“, schrie plötzlich einer der Lemminge auf dem Platz. Kurz darauf stimmten weitere in diese Forderung ein.

„Ich war Helmuts engster Vertrauter und bin in seine Amtsgeschäfte eingeweiht“, erklärte Dieter. „Ich bin bereit euch als euer König in eine bessere Zukunft zu führen.“

„Das könnte dir so passen“, brauste Hörg auf und schubste den Hamster zur Seite. „Ihr habt heute vieles über eure Vergangenheit gehört“, richtete er sich an die Menge. „Wir haben jetzt die einmalige Chance, etwas zu ändern. Der Älteste von uns sollte der neue König werden. So stand es in den alten Schriften und selbst Helmuts heilige Schriften sahen das so vor.“

„Es gibt keinen ältesten Lemming“, widersprach Dieter. „Seit Generationen springt jeder eurer Art mit Vollendung des fünfzehnten Lebensmonats vom Todesfelsen. Diejenigen, die heute springen sollten, sind alle gleich alt. Einen älteren Lemming gibt es nicht.“

„Hilmer ist älter“, entgegnete Henni. „Er hätte bereits vor einigen Tagen über den Schicksalsberg gehen sollen. Er ist der älteste von uns und sollte daher unser König werden.“

Der Beifall der Menge zeigte, dass die meisten mit diesem Vorschlag einverstanden waren.

„Wir sind genauso alt wie Hilmer“, rief Turgi und zog seinen Bruder auf das Podest. „Und wir waren stets treue Diener des Königs.“

„Ich bin eine Stunde vor euch geboren. Das wisst ihr.“ Bei der kurzen Lebensspanne der Lemminge war Hilmers Einwand berechtigt.

„Somit dürfte klar sein, wer der neue König unseres Volkes ist“, rief Henni und schob seinen Freund ganz nach vorn auf dem Podest, damit ihn alle sehen konnten.

„Hilmer! Hilmer!“, ertönten die Schreie der Menge. Ein wahrer Jubelsturm brandete auf. Beim Volk bestand nun kein Zweifel mehr, wer der neue Herrscher der Lemminge war.

„Ich danke euch und verspreche, dass ich euch ein guter König sein werde. Ab heute soll sich kein Lemming mehr freiwillig in den Tod stürzen. Die Massenselbstmorde sind von diesem Moment an Geschichte. Wir werden uns unserer alten Gesetze erinnern und auch den Rat der vier Weisen wieder einrichten. Die ersten Mitglieder sollen Henni, Hörg, Anton und Paula sein. Rosa und Etna werden meine Berater.“

Nach der kurzen Ansprache des neuen Königs kannte der Jubel der Massen keine Grenzen mehr. Hilmer wollte noch weitere Worte an sein Volk richten, war aber aufgrund des Lärms nicht mehr zu verstehen.

„Was ist mit uns?“, fragte Turgi, der noch immer gemeinsam mit Targi auf dem Podest stand.

„Für euch beide habe ich eine besondere Aufgabe“, erklärte Hilmer und grinste seine Vettern an. „Ihr werdet am Fuße des Schicksalsberges Wache halten und dafür sorgen, dass kein Lemming mehr zum Todesfelsen geht, um sich auf die Klippen zu stürzen.“

„Das kann doch nicht dein Ernst sein?“, sagte Targi entsetzt.

„Ich bleibe dabei. Es ist genau die Strafe, die ihr verdient.“

Die Menge auf dem Platz feierte weiterhin ihren neuen König, der dies nach all dem Ärger sichtlich genoss. Die Zukunft würde zeigen, ob er in der Lage war, die richtigen Entscheidungen für sein Volk zu treffen. Er schwor sich selbst, sich diese Aufgabe nicht zu leicht zu machen und die Bedürfnisse seiner Untergebenen ernst zu nehmen.

Es dämmerte bereits, als sich die Menge auf dem Platz endlich auflöste. Als auch Hilmer sich gerade auf den Weg in sein neues Zuhause machen wollte, stand plötzlich Agnes vor ihm.

„Kommst du in unsere Wohnung zurück oder werden wir gemeinsam im Palast leben?“, säuselte das Weibchen, mit dem er den Großteil seines Lebens verbracht hatte, mit honigsüßer Stimme.

„Es gibt kein Wir mehr“, entgegnete Hilmer. „Als du geglaubt hast, ich sei tot, hat deine Trauer nicht einmal einen einzigen Tag gehalten. Jetzt bist du nicht mehr mein Weib.“

„Aber du kannst mich doch nicht einfach wegschicken. Wir gehören zusammen.“

„Nein! Unsere gemeinsame Zeit ist vorbei. Endgültig.“

„Ist das dein letztes Wort?“

„Ja.“ Hilmer ließ Agnes einfach stehen und begab sich gemeinsam mit dem neuen Rat der vier Weisen in den Palast. Dort würden nun auch seine Freunde leben, bis ein neuer Tempel für den Rat gebaut worden war. Etna und die drei Ratten machten sich zurück auf den Weg in ihre eigene Welt. Sie hatten versprochen mit Hilmer zu beraten, wie die gemeinsame Zukunft der beiden Völker aussehen sollte, sobald sich der neue König in sein Amt eingearbeitet hatte.

Dieter wurde nie wieder in der Stadt gesehen. Vermutlich hatte es der Hamster vorgezogen, wieder bei seinen Artgenossen zu leben.

Als Hilmer an diesem Abend in das frisch bezogene Bett in den königlichen Gemächern fiel, war er so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Ganz spontan hatte er sich gegen die Gesetze seines Volkes gestellt und die Welt verändert. Nichts würde mehr so sein wie noch vor ein paar Stunden. Für die Lemminge hatte ein neues Zeitalter begonnen.

 

Am nächsten Morgen saß Hilmer gemeinsam mit Henni und Hörg beim Frühstück im Audienzsaal des Palastes. Anton und Paula waren in ihren Gemächern geblieben, um dort den neugewonnenen Luxus zu genießen. Die drei Lemminge vermuteten, dass sie gerade einen weiteren Versuch unternahmen, ihr Nachwuchsproblem in den Griff zu bekommen.

Plötzlich stürzte einer der Wächter in den Saal und verbeugte sich kurz vor seinem König.

„Entschuldige die Störung, aber ich habe wichtige Neuigkeiten.“

„Was ist passiert?“, wollte Hilmer wissen.

„Turgi und Targi haben sich von den Klippen gestürzt. Der Zugang zum Todesfelsen ist jetzt unbewacht.“

„Kümmere dich darum, dass zwei andere Soldaten dort dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passiert“, sagte Hilmer. Trotz allem, was sie ihm angetan hatten, war er traurig, dass seine Vettern jetzt tot waren.

„Nun sind die beiden dem furchtlosen Wonibalt doch noch gefolgt“, sagte Henni.

„Nein“, widersprach Hilmer. „Sie sind Torgi gefolgt.“

 

ENDE

23. Dezember: Kapitel 39 und 40

39

 

„Das kann ja wohl nicht wahr sein“, regte Hörg sich auf und trat Anton gegen den Fuß.

„Was ist los?“, fragte der Angesprochene verwirrt und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Hilmer ist im Kerker des Palastes gefangen, mein Bruder und ich setzen unser Leben aufs Spiel, um den letzten Schlüssel zu bekommen, und ihr liegt hier und pennt.“

„Ihr habt doch selbst gesagt, dass wir hierbleiben und den Eingang bewachen sollen“, erwiderte Anton.

„Was schreist du hier so herum?“, fragte Paula gähnend.

„Entschuldigt bitte, dass wir euren Schlaf stören“, sagte Hörg wütend. „Aber wir würden es sehr begrüßen, wenn wir die alten Chroniken finden würden, bevor man Hilmer aufgehängt hat.“

„Wenn er wirklich euer heilbringender Lemming ist, solltet ihr das als seine Vorboten ebenfalls wollen“, stand Henni seinem Freund bei.

„Nun macht mal halblang“, regte sich Anton auf. „Wir haben nie gesagt, dass wir euch nicht helfen. Jetzt übertreibt ihr wirklich. Wir sind doch nicht eure Lakaien.“

„Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen“, sagte Henni beschwichtigend. „So helfen wir Hilmer auch nicht.“

„Da hat er recht“, meinte Paula und stand auf. „Lasst uns ausprobieren, ob der Schlüssel passt.“

Henni ging auf die Höhle zu und öffnete die erste Tür mit Etnas Schlüssel. Hilmer hatte wieder abgesperrt, als sie Anton und Paula am Vorabend hier zurückgelassen hatten. Nacheinander gingen die vier Lemminge auf die zweite Tür zu. Jetzt würde es sich zeigen, ob sich der Besuch bei der rattenscharfen Rosa gelohnt hatte. Henni atmete tief durch, steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn vorsichtig herum. Als er das leise Klicken vernahm, sah der Erfinder seine Begleiter triumphierend an. „Es ist tatsächlich der Richtige.“

„Dann lass uns weitergehen“, drängte Hörg und versuchte, sich an Henni vorbeizuzwängen, der ihm aber keinen Platz machte. Stattdessen zog er das Türblatt auf und ging als Erster in den dahinterliegenden Gang hinein. Nach ein paar Schritten wurde es aber so finster, dass sie nichts mehr erkennen konnten.

„Es hat keinen Sinn“, sagte Henni ärgerlich. „Wir müssen eine Lampe holen. Warum habt ihr nicht gleich eine mitgenommen?“

Anton und Paula antworteten nicht, machten sich aber gleich gemeinsam auf den Weg in ihre Behausung, um das Gewünschte zu holen.

„Es ist wirklich nicht zu fassen“, sagte Hörg, als die beiden außer Hörweite waren. „Das sind wirklich die größten Schlafmützen, die ich jemals getroffen habe.“

„Aber mit weitem Abstand“, stimmte Henni zu. „Ich kann nicht erklären warum, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass wir zu spät kommen. Hoffentlich haben sie Hilmer nicht schon aufgeknüpft, wenn wir zurück beim Palast sind.“

„Hör bloß auf. Wenn wir wirklich nicht rechtzeitig mit den Chroniken beim König sind, werde ich Anton und Paula an den Ohren den Schicksalsberg hinaufschleifen.“

„Was hast du gesagt?“, rief Anton, der den Gang in diesem Moment betreten hatte und den Lichtstrahl auf die beiden wartenden Lemminge richtete.

„Ich habe mit Henni gesprochen“, sagte Hörg. „Es war nichts Wichtiges. Kommt zu uns, damit wir endlich sehen, wohin die Höhle führt.“

Die vier Lemminge gingen weiter und erreichten nach kurzer Zeit eine Stelle, an der sich der Weg in drei verschiedene Richtungen gabelte.

„Und was machen wir jetzt?“ Henni drehte sich um und schaute die beiden Vorboten fragend an. „Ihr müsstet doch irgendetwas wissen. Warum gibt es weiter vorne zwei Türen, wenn es danach verschiedene Wege gibt? Das kann doch nur eine Falle sein.“

„Das wissen wir nicht“, antwortete Anton betreten.

„Na, das ist doch jetzt wirklich mal eine Überraschung“, regte sich Hörg auf, verzichtete aber diesmal darauf, Anton und Paula mit Beschimpfungen einzudecken. Das brachte sie auch nicht weiter.

„Ihr beide wartet hier“, sagte Henni zu den VHL. „Hörg und ich gehen in den linken Gang, und wenn wir etwas finden, holen wir euch.“

„Wir haben aber nur ein Licht“, warf Anton ein.

„Die nehme ich“, beschloss Hörg und nahm ihm die Lampe ab, bevor er widersprechen konnte. Diesmal ging er voraus und verließ sich darauf, dass Henni ihm folgte. Nach wenigen Metern machte der Gang eine Kurve nach links, wechselte aber kurz darauf wieder die Richtung. Schweigend und jederzeit bereit, sich gegen einen möglichen Angriff zu wehren, gingen die beiden Freunde weiter. Ihre Sorge schien jedoch völlig unbegründet zu sein. Im Gegenteil lud der geräumige Gang die Erfinder dazu ein, schneller zu laufen. Die Wände waren gleichmäßig glatt und auch auf dem Boden war nicht die kleinste Delle zu sehen. Es gab weder lose Steine noch andere Gegenstände, die herumlagen oder gar den Weg versperrten.

Plötzlich verlor Hörg den Boden unter den Füßen. Bevor er auch nur zur kleinsten Reaktion fähig war, ging es abwärts. Henni griff blitzschnell nach seinem Bruder und erwischte ihn am Hals, bevor er in die Tiefe stürzte. Mit einem kräftigen Ruck zog er ihn zurück. Beide Lemminge fielen zu Boden.

„Aua“, schrie Hörg und rieb sich den Nacken. „Du hast mir ein ganzes Büschel Haare ausgerissen.“

„Möchtest du jetzt lieber tot in diesem Loch liegen?“, gab Henni beleidigt zurück.

„Nein! Natürlich nicht.“ Hörg rappelte sich auf, blieb vor seinem Bruder stehen und umarmte ihn dankbar. „Das war knapp“, sagte er schließlich und ging auf die Kante zu.

Als Henni den Strahl der Lampe in die Tiefe richtete, blieb den beiden Lemmingen fast das Herz stehen. Auf dem Boden waren angespitzte Holzpfähle zu sehen, die Hörgs Körper durchbohrt hätten, wäre er auf ihnen gelandet. Die zahlreichen Knochen, die zwischen den hinterhältigen Waffen lagen, bewiesen, dass es bereits einige Lemminge gegeben hatte, denen dieses widerfahren war.

„Wie kommen wir jetzt da rüber?“, fragte Henni, nachdem er sich von dem ersten Schrecken erholt hatte.

„Wir springen.“

„Bist du verrückt? Dann kannst du dich gleich in die Tiefe fallen lassen.“

„Unsinn“, erwiderte Hörg. „So weit ist es nicht, das schaffen wir locker.“

„Ich denke, wir sollten lieber umkehren. Vielleicht führt uns der andere Weg weiter.“

„So schnell gebe ich nicht auf. Leuchtest du mir? Ich springe zuerst.“ Entschlossen nahm Hörg ein paar Schritte Anlauf und stieß sich kraftvoll ab. Für einen kurzen Moment ergriff ihn die Panik, er könne doch noch in die Tiefe stürzen und von den Pfählen durchbohrt werden. Dann landete er sicher auf der anderen Seite. „Wirf mir die Lampe rüber und komm nach.“

Henni zögerte einen Moment lang, nahm dann aber allen Mut zusammen und folgte seinem Bruder. „Du bist wahnsinnig“, sagte er, als er sicher neben Hörg auf der anderen Seite stand.

„Ich weiß“, sagte der grinsend. „Komm weiter.“

Diesmal ließen sich die beiden nicht mehr dazu verleiten, schneller zu gehen, und schlichen vorsichtig weiter. Es kam Hörg vor, als sei eine Ewigkeit vergangen, als er weit vor sich im Licht einen Schatten sah. „Da ist jemand“, zischte er seinem Begleiter leise zu.

„Ja“, bestätigte Henni. „Und ich weiß auch, wer.“

„Wieso kommt ihr jetzt aus dieser Richtung?“, rief Anton, der die beiden Erfinder an ihren Stimmen erkannt haben musste.

„Was meinst du?“, gab Henni zurück.

„Kommt her, dann seht ihr es.“

Henni und Hörg beeilten sich, zu den Vorboten des heilbringenden Lemmings zu kommen, und sahen dort, dass sie auf der rechten Seite wieder herausgekommen waren. Sie mussten also einen großen Bogen gegangen sein.

„Bleibt nur noch der Gang in der Mitte“, stellte Paula überflüssigerweise fest.

„Worauf warten wir dann noch?“, sagte Henni und schob Hörg vor sich her.

Nach etwa fünfzig Metern erreichten die Lemminge – wie erhofft – die dritte Tür. Ohne zu zögern, steckte Henni den Schlüssel aus dem See ins Schloss, das sich problemlos öffnen ließ. Vier Augenpaare blickten in eine kleine Kammer, in deren Mitte es eine schmale Grube gab, die bis zum Rand mit Wasser gefüllt war. Ansonsten war der Raum leer.

Hörg zögerte einen kurzen Moment, griff dann aber entschlossen in die dunkle Brühe und tastete vorsichtig hinein. Nach wenigen Zentimetern stieß er mit den Fingern an ein Metallkästchen. Dann packte er mit beiden Pfoten zu und holte seinen Fund hervor.

„Jetzt brauchen wir wieder einen Schlüssel“, sagte Anton.
„Den ihr natürlich nicht besitzt“, vermutete Henni.

„Nein.“

„Hast du eine Idee, wo er sein könnte?“, fragte Hörg resignierend.

Anton schüttelte nur den Kopf.

„Wir können uns jetzt hier nicht weiter aufhalten“, entschied Henni. „Wir werden schon eine Möglichkeit finden, das Ding aufzubekommen. Zunächst sollten wir zusehen, dass wir den Palast erreichen. Und zwar so schnell wie möglich. Ich habe ein ungutes Gefühl, was Hilmer angeht.“

„Dann wollen wir mal hoffen, dass du nicht recht behältst“, sagte Hörg und wandte sich an Anton und Paula. „Diesmal kommt ihr mit.“

 

40

 

Nach einer schlaflosen Nacht saß Hilmer in seiner Zelle und wartete auf die Wärter, die ihn zu seiner Hinrichtung führen sollten. Stundenlang hatte er sich nun das Hirn zermartert, aber keinen Ausweg aus seiner miserablen Situation gefunden. Er musste jetzt ganz auf Henni und Hörg vertrauen. Nur die beiden Erfinder konnten ihn noch vor dem Tod retten. Wenn sie es nicht rechtzeitig schafften, die alten Chroniken herzubringen, war Hilmers Ende gekommen.

Sein Zeitgefühl hatte der einsame Lemming längst verloren. Es gab kein Fenster im Kerker und so konnte er nicht einmal sagen, ob die Sonne bereits aufgegangen war. Obwohl er so müde war, dass er sich kaum würde auf den Beinen halten können, war an Schlaf nicht zu denken. Sobald Hilmer die Augen schloss, sah er sich selbst tot an einem Seil baumeln und erschrak bis ins Mark.

Endlich hörte der Gefangene ein leises Geräusch, das aus dem Flur zu ihm drang. Sicher kamen sie jetzt, um ihn zu holen. Auch wenn er wusste, dass ihn das dem Tod näher brachte, war Hilmer dennoch froh, nicht länger allein in der Zelle warten zu müssen. Vielleicht waren Henni und Hörg bereits auf dem Vorplatz des Palastes und warteten dort auf eine günstige Gelegenheit einzugreifen.

Wenige Augenblicke später waren die Wächter bei Hilmer, die ihn vorher auch in den Kerker gesperrt hatten. Beiden stand die Vorfreude nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Müssen wir dich fesseln oder kommst du freiwillig mit uns?“, höhnte einer der Soldaten, während sein Kamerad die Zellentür aufschloss.

„Ich werde nicht versuchen zu fliehen“, antwortete Hilmer zähneknirschend. Natürlich hatte er nicht vor, dieses Versprechen einzuhalten. Wenn aber jetzt seine Pfoten zusammengebunden würden, war auch diese letzte Chance dahin.

Helmuts Gehilfen nahmen den Gefangenen in ihre Mitte und brachten in triumphierend nach oben. Durch den Hauptflur des Palastes ging es zum Ausgang, der sie direkt auf den Platz führte, auf dem Dieter den Galgen hatte errichten lassen.

Als die beiden Wächter Hilmer auf dem Platz vorführten, wurden sie vom tosenden Beifall des Publikums begrüßt. Die ganze Stadt schien versammelt zu sein und auch von außerhalb hatten offensichtlich einige den Weg hierher gefunden, um diesem Spektakel beizuwohnen. Eine Hinrichtung war etwas völlig Neues. Keiner der Anwesenden hatte so etwas schon einmal gesehen. Manche wussten sicher noch nicht einmal genau, worum es dabei ging.

Auch der König und sein fettleibiger Berater warteten bereits auf dem Podest darauf, dass der Todeskandidat den Galgen erreichte. Hilmer schaute an den beiden vorbei und versuchte, bekannte Gesichter in der Menge auszumachen. Er sah Agnes und ihren neuen Lover und noch ein paar andere, die früher einmal seine Freunde gewesen waren. Zum wiederholten Mal fragte er sich, wie es sein konnte, dass sich auf einmal alle gegen ihn gestellt hatten. Gerade von seinem Weibchen war er zutiefst enttäuscht. In all den Monaten hatte er wirklich geglaubt, dass sie ihn genauso sehr liebte wie er sie.

„Hilmer, du hast es lange geschafft, deinen Tod hinauszuzögern“, begann Helmut seine Rede mit kräftiger Stimme, die bis in den kleinsten Winkel des Platzes hineinhallte, sodass jeder der Anwesenden seine Worte verstehen konnte. „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, deine Seele in das gelobte Land zu schicken. Falls sie da überhaupt noch aufgenommen wird.“

Wieder gab es tosenden Applaus der Menge. Der König musste seine Ansprache unterbrechen und hob schließlich beide Pfoten, um die Leute zu beschwichtigen.

„Wir hätten dich auch einfach über die Klippen werfen können“, fuhr Helmut fort. „Alle Lemminge sollen aber sehen was passiert, wenn einer von ihnen gegen die Regeln verstößt, die in den heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts festgelegt sind.“

Der nun folgende Beifallssturm übertraf die vorherigen noch. Die Massen johlten vor Begeisterung und es gab vereinzelte Rufe von Lemmingen, die den König hochleben lassen wollten. Als er dieses Mal die Pfoten hob, dauerte es länger, bis es so ruhig war, dass er weitersprechen konnte.

„Hast du noch einen letzten Wunsch?“, wandte sich Helmut nun an den Gefangenen.

„Ich möchte einen Blick in die heiligen Schriften werfen“, rief Hilmer in die Menge. „Ich verlange einen Beweis, dass wir tatsächlich nach dem Willen unseres Urahnen handeln, wenn wir uns in Massen vom Todesfelsen in den Tod stürzen.“

„Hört, hört“, hielt Helmut dagegen. „Der Frevler bereut seine Taten nicht und stellt unseren Propheten weiterhin in Frage. So wird er niemals in das gelobte Land einziehen. Ist auch nur einer hier unter euch, der sich auf die Seite dieses Irren stellt?“

Mit einer Mischung aus Ekel und Entsetzen schaute Hilmer in die Gesichter einiger Lemminge auf dem Platz. Wieder klatschte die Meute begeistert Beifall. Keiner trat nach vorn, um ihn und seine Ansichten zu unterstützen.

„Hängt ihn auf“, schrie Helmut in den Jubelsturm der Massen hinein und trat zur Seite, damit die Wachen den Gefangenen zum Galgen führen konnten.

„Wartet auf uns“, schrie plötzlich eine gehetzt klingende Stimme über den Platz.

Zu seinem Entsetzen sah Hilmer, wie Turgi und Targi aus einer Nebenstraße herauskamen und sich einen Weg durch die Menge bahnten. Es konnte kein gutes Zeichen sein, dass seine Vettern aus Rosas Klauen entkommen waren.

„Lasst die beiden nach vorn“, rief Helmut in die Menge. „Ihnen soll die Ehre zuteilwerden, Hilmer auf seinen letzten Weg zu schicken, bevor sie dann selbst zum Schicksalsberg gehen, um ihr eigenes Seelenheil zu finden.“

Es erklang einiges Murren in der Menge, als sich die Brüder langsam nach vorn kämpften, aber schließlich gaben die anderen doch nach und ließen sie durch. Die beiden stiegen die Treppe hinauf und blieben mit hochroten Gesichtern vor Hilmer stehen.

„Endlich ist es so weit“, sagte Turgi voller Zorn.

„Wir werden deinen Tod genießen“, zischte Targi.

Jeder der beiden packte Hilmer an einem Arm. Sie führten ihn direkt unter den Galgen und legten ihm die Schlinge um den Hals.

„Und jetzt öffnet die Luke!“, rief der König und klatschte in die Pfoten.

„Welche Luke?“, fragte Turgi.

„Die im Boden“, antwortete Helmut ärgerlich. „Wie wollt ihr den Kerl denn sonst aufhängen?“

„Aber da ist nichts“, sagte Targi.

„Dieter!“, schrie der König und sah sich suchend nach seinem Berater um. „Kannst du den beiden Vollidioten erklären, wie der Mechanismus funktioniert?“

„Die beiden haben recht“, erklärte der Hamster kleinlaut. „Da ist keine Luke.“

„Willst du mir damit sagen, dass ihr den Galgen falsch gebaut habt und wir die Hinrichtung verschieben müssen?“ Helmut schaute seinen Berater mit hochrotem Kopf an. Seine Halsschlagader schwoll verdächtig an und die Augen des Königs funkelten vor Zorn.

„Wir könnten den Kerl auf einen Stuhl stellen und die Beine wegtreten“, schlug der Hamster vor.

„Und das soll funktionieren?“

„Ja, mein König. Ich werde sofort losgehen und ein passendes Exemplar aussuchen.“

Hilmer atmete tief durch. Helmuts unfähiger Berater hatte ihm eine kleine Galgenfrist beschert. Wie er die nutzen konnte, wusste der Todeskandidat aber nicht. Turgi und Targi hielten ihn weiterhin eisern fest und würden ganz sicher nicht loslassen. Schneller als erwartet, kehrte Dieter zurück. Hilmer hätte am liebsten seine Faust in das Gesicht des Hamsters gedonnert und so das dämliche Grinsen daraus entfernt.

So endet es also, dachte der Lemming und schloss innerlich mit seinem Leben ab.

Dann wendete sich das Blatt.

„Einen Augenblick“, schallte Hörgs Schrei über den Platz und ein Ruck ging durch die Menge. Fast gleichzeitig drehten sich alle zu ihm um, der begleitet von Henni, Anton und Paula auf den Platz eilte und eine Metallkiste in den Pfoten hielt. Diesmal machten die Lemminge unaufgefordert Platz und ließen die kleine Gruppe unbehelligt zu dem Podest vortreten.

22. Dezember: Kapitel 37 und 38

37

 

„Na, wer hätte das gedacht?“, begrüßte Helmut die drei Lemminge, als sie in sein Audienzzimmer eintraten. „Es überrascht mich sehr, dass ihr mir diesen Verräter tatsächlich ausliefert.“

„Haben wir dich jemals enttäuscht?“, fragte Hörg gespielt beleidigt.

„Darauf willst du sicher keine Antwort.“

„Jetzt, wo wir unseren Teil der Abmachung erfüllt haben, dürfen wir doch sicher in unser Labor zurück.“ Henni kam ohne Umschweife zur Sache und sah den König bei diesen Worten so unschuldig an, dass sich selbst Hilmer ein Lachen verkneifen musste.

„Wusste ich es doch“, mischte sich Dieter ein und schaute die beiden Erfinder giftig an. „Denen geht es nur um ihre eigenen Interessen.“

„Sie haben getan, was ich von ihnen verlangt habe“, entgegnete Helmut. „Wir haben den Unruhestifter in unserer Gewalt und können dem Volk zeigen, dass es sich nicht lohnt, ihm nachzueifern. Das ist alles was zählt.“

„Ich traue den beiden trotzdem nicht.“

„Das weiß ich Dieter. Das würdest du aber auch nicht tun, wenn sie mir Hilmer in Blattgold eingewickelt gebracht hätten.“

„Dennoch würde es mich sehr interessieren, wo die beiden den Flüchtigen gefangen haben.“

„Das werden sie uns jetzt sicher gleich sagen.“

„Selbstverständlich“, sagte Henni, bevor Dieter einen weiteren Kommentar gegen sie abgeben konnte. „Wir haben den Kerl hinter dem Schicksalsberg entdeckt, wo er zugesehen hat, wie sich die rechtschaffenen Vertreter unseres Volkes auf die Klippen stürzten.“

„Vermutlich hat er überlegt, ob er nicht doch diesen Weg antreten sollte“, fügte Hörg hinzu.

„Das glaubt ihr doch selbst nicht“, regte sich Dieter auf. „Am besten steckst du sie gleich mit in den Kerker. Wir können sie nacheinander am Galgen aufknüpfen.“

„Seit wann hat der fette Hamster hier das Sagen?“, fragte Henni provokant und traf damit genau den Nerv, mit dem er Helmut auf seine Seite ziehen konnte.

„Das hat er nicht“, sagte der König bestimmt. „Ich halte meine Versprechen. Ihr bekommt euer Labor zurück. Ich werde die Wachen entsprechend anweisen, wenn sie unseren kleinen Verräter in seine Zelle gebracht haben.“

Hilmer sah den König der Lemminge nur ausdruckslos an und ließ alles scheinbar lethargisch über sich ergehen. Er wusste, dass es nur ein kurzer Stopp auf seinem Triumpfmarsch war und er sich nicht länger als unbedingt nötig im Kerker des Palastes aufhalten würde. Helmut sollte ruhig noch einmal seinen Spaß haben, bevor seine Zeit endgültig vorbei war.

„Habt ihr die beiden hirnlosen Vettern dieses Ungläubigen gesehen?“

„Nein, das haben wir nicht“, beantwortete Henni die Frage des Königs. „Aber waren es nicht drei?“

„Torgi ist tot. Ich wüsste zu gerne, ob Hilmer etwas damit zu tun hat.“

„Frag ihn doch“, schlug Hörg vor. „Er hat inzwischen wohl eingesehen, dass er einen Fehler begangen hat und zeigte sich sehr kooperationsbereit.“

„Dem Kerl darf man nicht trauen“, sagte Helmut und winkte ab. „Er hat bereits mehrfach versucht andere zu täuschen. Seine Einstellung wird er sicher nicht mehr ändern. Aber du hast recht. Hilmer soll uns sagen, was genau mit Torgi geschehen ist, bevor wir ihn aufknüpfen.“

„Ich weiß zwar nicht, warum ich dir noch irgendetwas sagen soll, du unfähiger Vollidiot. Aber wenn du es wissen willst. Meine Vettern wollten mir Rattengift zu trinken geben und Torgi hat den falschen Becher erwischt. So einfach ist das.“

„Wage es nie wieder so mit mir zu sprechen“, schrie Helmut und sprang auf. „Noch so eine Beleidigung und ich lasse dich gleich hier auf der Stelle hinrichten.“

„Für mich würde das nicht viel ändern“, sagte Hilmer gespielt gleichgültig. „Du aber müsstest auf dein Publikum verzichten.“

„Dir werden deine vorlauten Sprüche schon noch vergehen“, meinte Dieter. „Mal sehen, was du noch zu sagen hast, wenn die Schlinge um deinen Hals liegt.“

„Von mir erfährst du gar nichts mehr. Auch nicht, was mir Etna so erzählt hat.“

Helmut erschrak und wurde feuerrot im Gesicht. Dieter verschluckte sich an einer Traube und japste nach Luft.

„Was willst du damit sagen?“, fragte Helmut zornig.

„Nichts. Von mir erfährst du kein Wort mehr.“

„Spuck sofort aus, was du über Etna weißt, sonst …“

„Sonst was?“, unterbrach Hilmer den König. „Lässt du mich hinrichten, wenn ich nichts mehr sage? Vergiss es, du alter Dreckskerl! Ich weiß viel mehr, als du ahnst, und du kannst nichts tun, um mich zum Reden zu bringen.“ Hilmer wusste, dass er jedes Wort später bereuen würde, doch es war einfach aus ihm herausgebrochen, ohne dass er etwas dagegen hätte tun können. Die arrogante Art von Helmut trieb ihn derart zur Weißglut, dass er es einfach nicht schaffte, sich zu beherrschen, so sehr er es sich auch vornahm.

„Es ist mir scheißegal, was du weißt, oder zu wissen glaubst“, fuhr der König Hilmer an. „Schafft den Kerl in den Kerker“, wandte er sich an seine Wachen. „Dort kann er noch ein letztes Mal über seine Taten nachdenken, bevor er morgen vor all seinen Freunden am Galgen baumelt.“

Henni und Hörg traten zwei Schritte zurück, als die Wachen sich vor Hilmer aufbauten, um ihn abzuführen. Der hoffte jetzt nur, dass Helmut nicht auf die Idee kam, seine beiden Freunde nach Etna zu fragen. Es war ein großer Fehler gewesen, Helmut auf diese Spur zu bringen, aber jetzt war es nicht mehr zu ändern.

Hilmers Sorge war aber zunächst unbegründet. Die beiden Erfinder kamen von selbst darauf, dass es wohl besser war, sich schnell aus dem Staub zu machen. Sie verließen den Audienzsaal, noch bevor Hilmer aus dem Raum herausgeführt worden war. Helmut protestierte nicht gegen das Verschwinden der beiden. Hilmer war nicht einmal sicher, ob er es überhaupt bemerkt hatte. Er hielt dem Blick des Königs stand, der sich jetzt sicher fragte, wie viel sein Gefangener wirklich wusste. Dem machte es jetzt zunehmend Spaß, den Staatsführer schmoren zu lassen. Sicher würde ihn Dieter später mit seinen Fragen weiter in Rage bringen.

Die Wächter führten Hilmer über die Treppe in den Keller. Von Henni und Hörg sah er nichts mehr. Als sie die Zelle erreichten, hatte er das Gefühl, als träfe ihn der Schlag. An der Gittertür hing ein nagelneues, silbernes Schloss, das so konstruiert war, dass man es von innen nicht erreichen konnte. Ein ähnliches System hatte Hilmer bereits bei den Ratten gesehen. Hier würde er ohne Hilfe nicht herauskommen. Henni, Hörg und er selbst waren sich ihrer Sache zu sicher gewesen. Jetzt saß Hilmer in der Falle und musste sich voll auf seine Freunde verlassen. Als die Wächter die Tür absperrten und mit dem Schlüssel verschwanden, wusste der Gefangene, dass er dem Tod nun ein ganzes Stückchen näher gekommen war.

 

38

 

„Und ihr beiden macht sofort, dass ihr verschwindet!“, begrüßte Hörg die Wächter, die vor der Tür ihres Labors standen.

„Wir haben die Erlaubnis von Helmut, diese Räume wieder zu nutzen“, erklärte Henni.

„Sicher könnt ihr das auch beweisen“, sagte einer der beiden verächtlich.

„Was soll das heißen?“, regte sich Hörg auf. „Wollt ihr uns etwa als Lügner bezeichnen?“

„Wir wollen gar nichts“, gab der zweite Wächter zurück. „Aber wir haben unsere Befehle. Und die lauten, dass wir euch auf keinen Fall hereinlassen dürfen, egal, was ihr uns erzählt.“

„Wir kommen gerade vom König“, sagte Henni ärgerlich. „Ihr könnt ihn ja fragen. Wir haben diesen ehrlosen Lemming gefangen und zu Helmut gebracht. So wie er es von uns verlangt hat. Jetzt wollen wir unser Eigentum zurück.“

„Solange uns das nicht vom König oder einer unserer Kollegen bestätigt wird, lassen wir euch hier nicht rein“, sagte der Wächter, der bereits vorher einen Beweis hatte sehen wollen.

„Hast du vielleicht verdorbenen Tabak geraucht?“, regte sich Hörg auf. „Wir haben dir doch gesagt, dass wir gerade beim König waren. Was gibt es denn daran nicht zu verstehen?“

„Es gibt keinen Grund, beleidigend zu werden. Wir machen nur unsere Arbeit. Wenn du noch so einen Spruch bringst, kannst du etwas erleben.“

„Bilde dir ja nichts ein“, entgegnete Hörg ärgerlich. „Nur weil du ein Schwert hast, kannst du dir nicht alles herausnehmen. Geh doch selbst zum König und frag ihn, ob wir in unser Labor hineindürfen.“

„Das werde ich auch tun.“ Der Wächter ließ seinen Kollegen bei Henni und Hörg stehen und ging entschlossen in Richtung Audienzsaal.

Hörg ärgerte sich über diese Verzögerung. Er wusste aber, dass er nichts gegen die Sturheit der beiden tun konnte. Die Soldaten des Königs hatten in der Regel nicht viel zu tun. Wenn sie dann doch einmal einen Auftrag bekamen, nahmen sie den wichtiger, als er vielleicht war, und wichen keinen Millimeter von ihrem Befehl ab. Es gab nur wenige Lemminge, die bereit waren, sich in den Dienst des Königs zu stellen. Diejenigen, die es doch taten, hatten meist keine andere Wahl. Dies war der Grund, warum die Wächter des Palastes oft nicht die allergrößten Leuchten waren.

„Was treibt ihr beiden eigentlich da drin“, fragte der zweite Wächter, nachdem sein Kollege aus ihrem Blick verschwunden war.

„Das geht dich nichts an“, erklärte Henni bestimmt.

„Außerdem würdest du es nicht verstehen“, ergänzte Hörg. „Mit unseren Erfindungen erleichtern wir Helmut und anderen Lemmingen das Leben. Auch du selbst hast sicherlich bereits davon profitiert.“

„Ihr seid zwei unfähige Angeber“, entgegnete der Wächter. „Wenn eure Arbeit so wichtig für den König wäre, würde er euch nicht ständig in den Kerker werfen.“

„Er lässt uns aber immer wieder frei, weil er merkt, wie sehr er uns braucht.“

„Lass gut sein Henni“, sagte Hörg. „Der Kerl ist und bleibt ein Ignorant.“

„Wie auch immer. Wenn sein Kumpel gleich zurückkommt, wird er sehen, dass wir recht hatten und geht zurück in seine Kaserne, wo er dann gelangweilt darauf wartet, dass er vielleicht irgendwann einmal etwas Sinnvolles tun kann.“

Hörg grinste seinen besten Freund an und wollte gerade noch einen draufsetzen, als der andere Soldat zurückkehrte.

„Die beiden Blödmänner haben recht“, erklärte der seinem Kollegen mit kleinlauter Stimme. „Helmut hat bestätigt, dass wir sie wieder in ihre Räume lassen sollen.“

„Seht ihr!“, sagte Hörg grinsend. „Es ist genau so, wie wir es gesagt haben. Ihr übereifrigen Vollidioten habt uns nur aufgehalten. Ihr könnt froh sein, wenn wir uns deswegen nicht beim König beschweren.“

Ohne ein weiteres Wort zogen die beiden Wächter mit gesenkten Köpfen ab und drehten sich auch nicht mehr zu den beiden Erfindern um.

„Wenigstens sehen sie ein, wann sie verloren haben“, sagte Hörg grinsend. „Und jetzt lass uns die Bonbons holen.“

Henni öffnete die Tür zum Labor und betrat den Raum als Erster. „Wir müssen hier unbedingt mal wieder aufräumen“, sagte er, als er das Chaos betrachtete.

„Warten wir erst mal ab, wie sich die Lage in den nächsten Tagen entwickelt. Vielleicht lohnt sich der Aufwand ja gar nicht mehr.“

Überall standen Kisten und Körbe herum und die beiden Lemminge mussten über zahlreiche Hindernisse hinwegsteigen, bis sie das Lager erreichten, das die beiden in einer kleinen Kammer gegenüber dem Haupteingang errichtet hatten. Jeder nahm einen Karton der Verhütungskaubonbons unter den Arm. Damit verließen die beiden Erfinder ihr Labor wieder. Hörg fragte sich, ob er wohl jemals in diese Räume zurückkehren würde.

„Ich hoffe, dass die Ratte mit der Lieferung zufrieden sein wird“, sagte Henni, nachdem er die Tür wieder abgeschlossen hatte.

„Die reichen für mindestens ein Jahr“, antwortete Hörg. „Das ist ja wohl genug für einen Schlüssel, den die Nymphomanin nicht einmal braucht.“

„Bei der weiß man nie. Mit Turgi und Targi möchte ich auf jeden Fall nicht tauschen.“

„Ich auch nicht“, stimmte Hörg seinem Bruder zu.

Die beiden beeilten sich, den Schicksalsberg zu erreichen. Hörg freute sich nicht wirklich darauf, wieder in die Welt der Ratten gehen zu müssen. Obwohl er zugeben musste, dass diese viel von ihrem Schrecken verloren hatte, nachdem er einmal dort gewesen war. Als sie den Eingang zu dem Höhlensystem erreichten, trafen sie dort auf zwei bekannte Gesichter.

„Wir dachten schon, ihr würdet nicht mehr kommen“, begrüßte Bert die beiden Lemminge.

„Noch eine Stunde und wir hätten unserer Mutter sagen müssen, dass ihr sie betrogen habt“, fügte Gerd hinzu.

„Macht mal halblang“, erwiderte Hörg. „Wir sind ja hier.“

„Rosa wird sehr zufrieden sein“, sagte Henni und zeigte den beiden Ratten den Karton.

„Dann sollten wir sie nicht länger warten lassen“, sagte Bert. „Kommt mit.“

Henni und Hörg folgten den Nagern durch die Gänge. Wie schon bei ihrem ersten Besuch staunten sie über die gleichmäßige Helligkeit, die durch raffiniert angeordnete Spiegel entstand, die das Licht vom Feuer in der kleineren der beiden Hallen überall im Berg verteilten. Die unterirdische Welt der Ratten hatte Hörg sich immer viel dunkler vorgestellt. Die unter den Lemmingen so gefürchtete Art hatte offensichtlich einige Fähigkeiten, die man bei ihnen nicht unbedingt erwartet hätte.

Die rattenscharfe Rosa lag vor ihrem Bau und schaute ihren Söhnen und den beiden Lemmingen sichtlich zufrieden entgegen. „Ich hoffe, eure Wunderkaubonbons funktionieren auch noch nachträglich“, begrüßte sie ihre beiden Besucher.

„Man muss sie vor dem Verkehr nehmen“, erklärte Henni. „Nur dann können sie verhindern, dass du trächtig wirst.“

„Schade, aber nicht zu ändern. Ich habe schon so viele Junge bekommen, dann kommt es auf ein paar weitere nicht an. Nicht einmal, wenn sie von Lemmingen abstammen.“

Henni und Hörg wechselten einen schnellen Blick, sagten aber nichts.

„Könnt ihr mir versichern, dass ich in Zukunft nie mehr trächtig werde?“

„Wenn du die Bonbons täglich isst, dann ja“, antwortete Hörg. „Wo sollen wir die Kartons hinbringen?“

„Stellt sie einfach neben dem Eingang auf den Boden. Ich räume sie später weg.“

Henni und Hörg betraten den Bau und erschraken. Vor ihnen lagen Turgi und Targi in Rosas Liebesnest und streckten alle viere von sich. Die beiden Freunde wussten nicht, ob sie lachen oder doch Mitleid mit Hilmers Vettern haben sollten. Während Turgi völlig ausgepumpt war und sichtlich schwer Luft bekam, lag sein Bruder reglos da und starrte mit ausdruckslosen Augen zur Decke. Hörg wollte nicht wissen, was die beiden hinter sich hatten. Der Gedanke daran jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. Dicht gefolgt von Henni verließ er den Bau sofort, nachdem er den Karton abgestellt hatte.

„Wir haben unseren Teil der Abmachung erfüllt“, sagte Hörg, als er wieder neben der liebestollen Ratte stand. „Jetzt bist du an der Reihe.“

„Ich habe Hilmer und euch beide laufen lassen. Ist das nicht ein großzügiger Lohn für die paar Kaubonbons?“

„Das war aber so nicht vereinbart“, sagte Henni.

„Ich habe es mir anders überlegt. Eure Probleme interessieren mich nicht. Wenn ihr mich weiterhin beliefert, werde ich meine Meinung vielleicht irgendwann ändern.“

„Was soll das heißen?“, sagte Hörg ärgerlich.

„Dass ich nicht bereit bin, euch mehr als euer Leben zu geben.“

„Hast du denn kein bisschen Ehre im Leib?“, schrie Hörg die Ratte an. Sofort bauten sich Bert und Gerd drohend neben ihm auf.

„Wenn nichts passiert, werden wir bald genauso vom Todesfelsen springen müssen wie alle anderen“, versuchte Henni Rosa zu überzeugen. „Dann ist niemand mehr da, der die Bonbons herstellen kann.“

„Bringt mir das Rezept und ich werde euch vielleicht helfen.“

„Dafür haben wir jetzt keine Zeit“, drängte Henni. „Hilmer wird morgen am Galgen baumeln, wenn wir nicht vorher beweisen können, dass der König lügt. Dann war alles umsonst.“

„Gib ihnen den Schlüssel!“, donnerte plötzlich eine fremde Stimme durch die Höhle.

Hörg drehte sich erschrocken um und hatte das Gefühl, vom Schlag getroffen zu werden. Vor ihm stand das hässlichste Wesen, dass er jemals gesehen hatte.

„Halt du dich da raus Etna“, sagte Rosa ärgerlich.

„Das werde ich nicht tun“, antwortete die Kröte. „Diesmal nicht. Es muss sich etwas ändern. Und wir werden dafür sorgen, dass das auch passiert. Und jetzt gib den beiden den Schlüssel.“

Die Ratte schien alles andere als erfreut zu sein, gab aber nach. Mit mürrischem Gesicht betrat sie ihren Bau und kehrte wenige Augenblicke später mit dem kostbaren Stück zurück. „Ich hoffe, dass ihr mir trotzdem noch weitere Kaubonbons liefert“, sagte sie zu Henni, als sie ihm den Schlüssel in die Pfote drückte. „Es wird sicher noch eine andere Möglichkeit geben, wie ich dann dafür bezahle.“

Nach einem Blick in das Gesicht der Ratte wollte Hörg lieber nicht wissen, was sie damit meinte. Auch er hatte Grenzen.

„Lass uns gehen“, sagte Henni und schlug Hörg auf die Schulter. „Wir haben schon genug Zeit vertrödelt.“

 

21. Dezember: Kapitel 35 und 36

35

 

Hilmer war sauer. Er konnte es nicht fassen, dass sich die letzten beiden Mitglieder der VHL als derartige Pfeifen entpuppt hatten. Kein Lemming ging gern ins Wasser, aber Hilmer hatte kein Verständnis dafür, dass die beiden Wächter sich nie davon überzeugt hatten, ob das, was sie bewachten, überhaupt da war.

Auch wenn der See eine willkommene Abkühlung darstellte, ging Hilmer diesen Weg mit gemischten Gefühlen. Wohl war ihm nicht bei dem Gedanken, in die dunklen Tiefen dieser Brühe vorzudringen. Er wollte jetzt aber nicht mehr umkehren, um Henni und Hörg zu bitten, ihn zu begleiten. Er schwamm bis zur Mitte und blickte von da aus zum Ufer, wo die vier Lemminge saßen und ihn neugierig beobachteten. Hilmer wusste, dass keiner von ihnen mit ihm tauschen wollte. Er nahm all seinen Mut zusammen, atmete tief ein und tauchte unter.

Zunächst war die Sicht klar. Nach aber nicht einmal einem Meter wurde das Wasser deutlich trüber. Hilmer musste einen Brechreiz unterdrücken, als er daran dachte, dass er eben noch von der Brühe getrunken hatte. Plötzlich fiel ihm ein, dass es durchaus auch noch andere Lebewesen geben konnte, die sich in dem See versteckten. Vor einer Kaulquappe hatte er keine Angst, aber es gab verschiedene Fischarten, die ihm gefährlich werden könnten. Jetzt hoffte er, dass sich keine größeren Exemplare im Wasser befanden. Entkommen würde er ihnen nicht. Dafür schwamm ein Lemming einfach zu langsam.

Schneller, als er es erwartet hatte, erreichte Hilmer den Grund des Sees. Er war aber nicht glatt und eben, sondern steinig, voller Algen und anderer Pflanzen. Wie sollte er hier eine kleine Truhe mit einem Schlüssel darin finden? Hastig durchwühlte der Lemming den Boden mit seinen Fingern und ärgerte sich sofort selbst darüber. Binnen Sekunden war das Wasser so voller Sandkörnchen und Dreck, dass er überhaupt nichts mehr erkennen konnte. Dann wurde ihm die Luft knapp. Er musste auftauchen.

„Hast du etwas gefunden?“, rief Hörg Hilmer vom Ufer aus zu, als er zum ersten Mal wieder auftauchte.

„Nein. So schnell geht das nicht.“

„Was gibt es denn da unten?“, wollte Henni wissen.

„Steine und Dreck“, antwortete Hilmer und verschluckte sich dabei fast an der Brühe. Es war nicht leicht, gleichzeitig auf der Stelle zu schwimmen und mit seinen Freunden zu reden. Wasser war einfach nicht sein Metier. Oft zum Boden hinuntertauchen konnte er nicht. Noch drei bis vier Versuche, dann würde er zurück zum Ufer und eine Weile verschnaufen müssen, wenn er nicht ertrinken wollte.

Hilmer beschloss deshalb, sich jetzt nicht weiter mit Henni und Hörg abzugeben. Mit ihnen konnte er sprechen, wenn er wieder zurück war. Als er den Grund des Sees erreichte, hatte sich die Sicht dort inzwischen ein bisschen gebessert. Dennoch schwammen mehr Teilchen in der Brühe herum, als bei seinem ersten Tauchversuch. Diesmal untersuchte er den Boden vorsichtiger. Hilmer schwamm am Grund entlang und suchte ihn mit seinen Augen ab. Er wusste, dass er das Kästchen niemals finden würde, wenn es vom Sand verdeckt war, und hoffte einfach darauf, dass es frei lag. Bedachte er allerdings, wie lange es schon hier unten sein musste, verließ ihn die Zuversicht.

Als er zum zweiten Mal auftauchte, verzichtete Hilmer darauf, zu den vier anderen Lemmingen zu schauen. Er atmete tief durch, holte Luft und ließ sich erneut nach unten sinken. Nach dem sechsten Versuch schwamm Hilmer zurück zum Ufer.

„Du siehst nicht so aus, als hättest du Erfolgt gehabt“, begrüßte Hörg seinen Freund.

„Nein. Es ist schwierig, da unten etwas zu entdecken. Wenn das Kästchen da ist, werde ich es aber finden.“

„Du willst noch einmal in den See?“, fragte Henni überrascht.

„Natürlich. Ich kann doch jetzt nicht aufgeben. Wenn unsere beiden Helden hier sich auch nur einmal kurz um ihre Aufgabe gekümmert hätten, wüssten wir, wo der Schlüssel ist.“

Anton und Paula schauten betreten zu Boden, sagten aber nichts.

„Wie oft willst du denn noch zum Grund des Sees tauchen?“, fragte Henni.

„So oft, wie es sein muss“, antwortete Hilmer entschlossen. „Ihr könnt mir ja helfen.“

„Lass uns die Arbeit aufteilen“, entgegnete Hörg. „Du schwimmst und wir versuchen, den Felsen zur Seite zu schieben.“

„Warum habt ihr das nicht bereits versucht, während ich im See unterwegs war?“

„Weil es mir gerade erst eingefallen ist.“

„Macht was ihr wollt“, sagte Hilmer unwirsch. „Ich gehe jetzt noch eine Runde schwimmen.“ Als er zum zweiten Mal in den See stieg, kostete es den Lemming bei Weitem nicht so viel Überwindung wie zuvor. An die Temperatur des Wassers hatte er sich gewöhnt und empfand sie bei der Hitze sogar als angenehm. Sein größtes Problem war und blieb die Sicht. So sehr er sich auch bemühte, wenig Dreck aufzuwühlen, ganz vermeiden konnte er es nicht.

Hilmer konnte nicht sagen, wie oft er bereits zum Grund des Sees getaucht war, als er endlich etwas entdeckte. Plötzlich ertastete er mit der rechten Pfote eine scharfe Kante am Boden. Diese war so klein, dass er sie nie hätte sehen können. Hastig begann er damit, den Dreck wegzukratzen, und legte so tatsächlich eine kleine Metallplatte frei. Bevor er es aber schaffen konnte, den Gegenstand ganz aus dem Sand herauszuholen, brauchte er dringend Luft. So schnell er konnte, tauchte er auf und atmete gierig ein.

„Was ist los?“, rief Hörg aufgeregt und stand auf. Anscheinend hatte er gemerkt, dass Hilmer im Wasser hektischer geworden war. Der verzichtete auf eine Antwort und tauchte erneut ab. Zunächst gelang es ihm nicht, die Stelle wiederzufinden. Verzweifelt suchte er den Boden ab und merkte, wie ihm die Luft langsam wieder knapp wurde. Es half nichts. Hilmer musste auch diesen Versuch abbrechen.

Als er kurz auftauchte, hörte er, wie Henni und Hörg irgendetwas schrien verstand die Worte aber nicht. Zurück am Grund des Sees versuchte er, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Dort, wo er die Platte gefunden hatte, musste das Wasser trüber sein, weil er den Sand aufgewühlt hatte. Als er sich einmal um die eigene Achse drehte, fand Hilmer tatsächlich eine Stelle, an der mehr Dreck im Wasser schwebte. So schnell wie möglich schwamm er darauf zu und sah zu seiner Freude das Schimmern des Metalls. Sofort grub er weiter und schaffte es endlich, das Kästchen aus dem Sand herauszuholen. Er tauchte auf, sog gierig Luft in die Lungen und schwamm zum Ufer. Dort blieb er völlig ausgepumpt am Boden liegen. Sofort waren Henni und Hörg bei ihm und sahen besorgt auf ihn hinunter.

„Ich habe es gefunden“, sagte Hilmer und hob die Pfote mit dem Kästchen mühsam ein bisschen an.

 

36

 

„Und wie willst du den Kasten jetzt aufmachen?“, fragte Hörg und betrachtete Hilmers Fund von allen Seiten. „Hier ist ein Schloss, aber das hilft uns nicht wirklich weiter.“

„Dann brechen wir das Ding eben auf.“

„Das würde ich nicht tun“, sagte Anton und hielt Hilmers Arm fest, als der wieder nach dem Kasten greifen wollte.

„Und warum nicht?“

„Weil du es damit zerstörst.“

„Kannst du das auch ein ganz kleines bisschen genauer erklären?“, fuhr Hilmer Anton an.

„Unsere Vorgänger haben uns davor gewarnt, die Schatulle mit Gewalt zu öffnen, weil dann der Inhalt von Säure zerfressen würde, die sich innerhalb des Deckels befindet.“

„Dann gib mir den Schlüssel.“

„Den haben wir nicht“, erklärte Anton fast weinerlich.

„Sag mal, bist du sicher, dass ihr wirklich zu den VHL gehört und nicht von Helmut beauftragt wurdet, diese Organisation für immer zu zerschlagen?“ Hilmer spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. War das noch zu fassen?

„Was willst du damit sagen?“, fragte Paula vorsichtig.

„Dreimal darfst du raten.“ So sehr Hilmer es auch versuchte, es gelang ihm nicht mehr, die Beherrschung zu wahren. „Ihr seid absolut unfähig und mit Abstand die dämlichsten Lemminge, die ich jemals getroffen habe!“, schrie er dem Weibchen ins Gesicht. „Ich gebe zu, dass ihr wusstet, wo der Schlüssel ist, aber das war es dann auch. Nicht sehr viel für eine Gruppe, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, einem Propheten den Weg zu ebnen. Oder siehst du das anders?“

„Du hast ja überhaupt keine Ahnung“, antwortete Paula. „Du kommst hierher, stellst Forderungen und schreist herum.“

„Jetzt sei nicht gleich beleidigt“, sagte Hilmer ein bisschen ruhiger.

„Es ist nicht leicht, auf ein Ereignis zu warten, von dem du dir eigentlich sicher bist, dass es nie eintritt“, erklärte Anton. „Wir haben auf sehr, sehr viel verzichtet und an diesem See ein einsames und bescheidenes Leben geführt. Du hast kein Recht, uns zu verurteilen.“

„Das tue ich ja auch gar nicht“, räumte Hilmer ein. „Ich bin nur enttäuscht, dass es so kurz vor dem Ziel nicht mehr vorangeht. Es hängt sehr viel davon ab, dass wir die alten Chroniken finden. Das wisst ihr doch.“

„Wir sind ja auch bereit, euch bei der Suche zu helfen“, sagte Anton. „Wo willst du hin?“

Die Frage war an Paula gerichtet, die gerade aufstand und zu einer kleinen Höhle in der Felswand eilte, die den beiden Lemmingen sicherlich Schutz vor Wind und Wetter bot.

„Keine Sorge, ich bin gleich wieder da.“

Hilmer, Henni, Hörg und Anton schauten gebannt zu, wie das Weibchen in einer Holzkiste herumwühlte, in der sie mühelos selbst Platz finden könnte. Es dauerte etwa eine Minute, bis sie einen triumphierenden Schrei ausstieß und etwas aus der Truhe herausnahm. Als sie wieder bei den anderen ankam, erkannten diese, dass es sich um einen braunen Lederbeutel handelte. Paula öffnete ihn und schüttete den Inhalt zwischen ihnen auf den Boden. Neben ein paar Perlen und einem grünem Edelstein kam auch ein winziger Schlüssel zum Vorschein. Mit strahlenden Augen steckte Paula ihn ins Schloss des Kästchens und atmete erleichtert aus, nachdem sie ihn darin mühelos herumdrehen konnte. Vier Augenpaare sahen zu, wie das Weibchen langsam den Deckel öffnete.

Zu aller Überraschung war die Schatulle innen völlig trocken. Im Laufe der Jahre schien kein Tropfen Wasser hineingelangt zu sein. Auf einem roten Samtpolster lag der Schlüssel. Er bestand aus Gold und der Griff zeigte einen Dreizack, der dem von Hilmers Exemplar bis ins kleinste Detail glich.

„Somit hätten wir zwei von drei“, sagte Hilmer und schaute zu der Stelle, wo der Felsbrocken vor dem Eingang der Höhle lag, durch die sie zu den geheimen Schriften gelangen sollten. Es überraschte ihn nicht, dass Henni und Hörg den Stein in der Zwischenzeit nicht weggerollt hatten, auch wenn er natürlich gehofft hatte, sie würden es tun. Entschlossen ging er zu der Stelle und schaute von dort zurück zu seinen Freunden. „Kommt ihr jetzt her und helft. Oder soll ich das hier auch wieder allein machen.“

„Selbstverständlich unterstützen wir dich dabei“, erklärte Hörg. „Wir hätten diese Arbeit längst verrichtet, mussten aber aufpassen, dass dir im See nichts geschieht.“

„Das ist euch erfreulicherweise auch gelungen“, sagte Hilmer spöttisch.

„Willst du nur reden oder holen wir uns jetzt die Schriften?“, wollte Henni wissen. Offensichtlich hatte er keine große Lust, sich weiterhin vorwerfen zu lassen, dass er nichts tun würde.

Mit vereinten Kräften gelang es den drei Lemmingen, den Felsbrocken langsam zur Seite zu rollen. Paula und Anton schauten gespannt zu. Sie waren sicherlich die schwächsten der fünf Lemminge und alle zusammen hätten an dem Stein sowieso keinen Platz gefunden.

Wie erhofft, kam hinter dem Felsbrocken der Eingang zu einer Höhle zum Vorschein. Allerdings hatte Hilmer nicht damit gerechnet, dass sie schon nach einem Meter auf die erste Tür stoßen würden. Er probierte den Schlüssel aus dem See aus, kam mit diesem aber nicht weiter. Mit Etnas Schlüssel hatte er mehr Glück und es gelang ihm, das Schloss zu öffnen. Er zog die Tür auf und die fünf Lemminge blickten in eine Höhle, die nach weiteren zehn Metern wieder verschlossen war. Diesmal hatten die Schatzsucher Pech. Keiner der Schlüssel passte und es gab keine andere Möglichkeit mehr, als mit den Kaubonbons zu Rosa zu gehen.

„Jetzt bleibt nur noch der Weg zu Helmut“, sagte Henni und schaute Hilmer bedauernd an. „Es tut mir leid, aber wir haben keine andere Wahl. Wir müssen zumindest so tun, als würden wir dich dem König ausliefern. Ansonsten kommen wir nicht in unser Labor.“

Hilmer wusste, dass der Erfinder Recht hatte, auch wenn es ihm nicht gefiel.

„Denk daran, dass die Tür im Kerker sich nicht richtig schließen lässt“, versuchte Hörg seinen Freund aufzumuntern. „Du wirst nicht lange gefangen sein.“

„Du hast recht“, sagte Hilmer „Lasst uns die Sache hinter uns bringen. Ihr geht mit den Bonbons zu Rosa und wir treffen uns dann später wieder hier.“

„Was sollen wir machen?“, fragte Anton.

„Ihr bleibt hier und passt auf die Höhlen auf“, antwortete Hilmer. „Ich glaube zwar nicht, dass jemand kommt, aber sicher ist sicher.“

 

20. Dezember: Kapitel 33 und 34

33

 

Hilmer, Henni und Hörg trafen auf ein völlig abgemagertes Pärchen. Das Weibchen war so dürr, dass man die Knochen ihres Brustkorbes durch ihr Fell hindurch erkennen konnte. Ihr Blick war voller Angst und auch ihr Partner schien sich vor den drei Fremden zu fürchten. Sein Körper sah ausgemergelt aus und es gab zahlreiche Lücken in seinem grauen, glanzlosen Fell.

„Bevor ihr jetzt aufspringt und wegrennt, kann ich euch versichern, dass wir euch nichts Böses wollen“, sagte Hilmer. Er dachte daran, wie er wohl selbst reagieren würde, wenn plötzlich und unerwartet drei ihm körperlich überlegene Fremde vor ihm stünden.

„Wir wollen nur etwas trinken“, ergänzte Henni, stürzte ans Ufer, ging in die Knie und hielt den Kopf in das eisige Wasser.

Hilmer und Hörg zögerten einen Moment, taten es ihm dann aber nach. Nachdem sie sich erfrischt hatten, setzten sich die drei Freunde zu dem Pärchen ans Ufer und schauten sie neugierig an. Noch nie hatten sie Lemminge gesehen, die sich auch nur annähernd in einem so schlechten Zustand befunden hatten. Dabei waren sie auf keinen Fall älter als sie selbst.

„Wer seid ihr?“, fragte Hilmer, nachdem er eine Weile darauf gewartet hatte, dass einer der Fremden das Gespräch begann.

„Wer will das wissen?“

„Ich.“

„Lass den Unsinn! Sag mir deinen Namen.“

„Ich habe zuerst gefragt“, antwortete Hilmer grinsend.

Das Männchen sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Wenn ihr mir so kommt, werde ich nicht mit euch reden. Ich brauche euch nicht. Ihr dagegen, seid offensichtlich auf der Suche nach etwas.“

„Also gut. Mein Name ist Hilmer und das sind meine Freunde Henni und Hörg.“

„Warum seid ihr hier?“

„Wir wollten uns die Gegend anschauen.“

„Das ist eine Lüge“, mischte sich das Weibchen zum ersten Mal in das Gespräch zwischen ihrem Gatten und Hilmer ein. „Kein Lemming schaut sich einfach so die Gegend an. Alle wollen nur zum Schicksalsberg.“

„Da war ich bereits. Kurz vor dem Sprung habe ich mir es dann anders überlegt und bin umgekehrt.“

Nicht nur die beiden Fremden schauten Hilmer nach dieser Aussage überrascht an, auch Henni und Hörg schienen sich darüber zu wundern, dass er so schnell mit der Wahrheit herausrückte. Denn die meisten Lemminge würden auf ein derartiges Bekenntnis eher abweisend, wenn nicht sogar boshaft reagieren. Das tat das Pärchen jedoch nicht.

„Jetzt könnt ihr uns erzählen, was ihr beiden hier macht“, sagte Henni, der als erster die Sprache wiederfand.

„Wir leben hier. Ich bin Anton und das ist mein Weib Paula.“

„Aber wieso?“, bohrte Henni weiter. „Hier gibt es doch nichts – außer dem See.“

„Auf den ersten Blick sicher nicht“, gab Anton zu. „Uns gefällt es aber. Wir wollen unsere letzten Tage genießen, bevor auch wir zum Todesfelsen gehen.“

„So wie ihr ausseht, wird man euch den Schicksalsberg hinauftragen müssen“, sagte Henni. „Habt ihr überhaupt noch die Kraft, dorthin zu gehen?“

„So schwach sind wir nun auch wieder nicht. Paula und ich leben bescheiden. Wir sind aber nicht krank.“

„Siehst du Henni“, sagte Hörg lachend und schlug seinem besten Freund auf die Schulter. „Mann muss nicht übergewichtig sein, um ein glückliches Leben zu führen.“

Selbst Paula musste bei dieser Bemerkung lachen und Henni blieb nichts anderes übrig, als die Spitze unkommentiert über sich ergehen zu lassen. Ein Blick in sein Gesicht reichte Hilmer aber aus, um zu erkennen, dass es hierfür noch eine Retourkutsche geben würde. Der kleine Scherz half aber dabei, die Stimmung zwischen den fünf Lemmingen weiter aufzulockern. Auch wenn die beiden Parteien noch nicht genau wussten, was sie voneinander halten sollten, lag zumindest keine Feindseligkeit mehr in der Luft.

Hilmer schaute sich das Pärchen nachdenklich an. Konnte es sein, dass er hier zwei Vertreter der VHL vor sich hatte? Er überlegte, ob er es wagen konnte, diese Frage offen zu stellen, und kam zu dem Ergebnis, dass es im schlimmsten Fall dazu führen würde, dass er, Henni und Hörg die Suche fortsetzen mussten. Gefährlich werden konnte ihnen das Pärchen sicher nicht. Überraschenderweise waren es aber die beiden, die das Gespräch in die entsprechende Richtung lenkten.

„Wir sind so eine Art Wächter“, sagte Paula plötzlich und sah Hilmer ernst an. „Schon als Kinder haben wir unser Leben einer Sache verschrieben, die sehr viel wichtiger ist als jeder einzelne von uns.“

„Was meinst du?“, fragte Hilmer, in dem die Hoffnung wuchs, das Ziel seiner Suche erreicht zu haben.

„Es ist kein Zufall, dass du zu uns kommst“, antwortete Anton anstelle seines Weibes. „Kannst du uns sagen, warum du vom Todesfelsen zurückgekehrt bist?“

„Ich habe keinen Sinn darin gesehen, mich in den Tod zu stürzen.“

„Und das, obwohl du weißt, dass danach das gelobte Land auf dich wartet?“ Der Blick, den Anton Hilmer jetzt zuwarf, zeigte eine Mischung aus Neugierde und List.

Henni und Hörg wollten Hilmer offensichtlich das Feld überlassen. Sie machten es sich auf dem Boden bequem und hörten dem Gespräch zwischen ihrem Freund und dem Pärchen scheinbar gelangweilt zu. Hilmer war aber klar, dass auch die beiden Erfinder innerlich vor Neugierde kurz vor dem Platzen standen.

„Das gelobte Land gibt es genauso wenig wie die heiligen Schriften des fruchtlosen Wonibalts“, sagte Hilmer.

„Ich müsste dich jetzt an Helmuts Wächter ausliefern und ihnen von deinem Frevel erzählen“, sagte Anton nachdenklich. „Das weißt du. Und trotzdem erzählst du mir, dass du dich weigerst, an den Selbstmorden teilzunehmen. Warum?“

„Weil du genauso wenig an die angeblichen Lehren glaubst wie ich.“

„Was macht dich da so sicher?“, fragte Anton.

„Ich glaube, ich weiß, zu welcher Gruppe ihr beiden gehört“, sagte Hilmer vorsichtig.

„Jetzt bin ich wirklich gespannt“, antwortete diesmal Paula. „Was meinst du?“

„Ihr gehört zu den Vorboten des heilbringenden Lemmings.“

„Wie kommst du auf so einen Unsinn?“

Hilmer beantwortete Antons Frage nicht, sondern sah ihn nur einen Moment lang nachdenklich an. Dann entschloss er sich, alles auf eine Karte zu setzen. Er holte den Schlüssel aus seinem Fell hervor und legte ihn zwischen die beiden Fremden in den Sand.

Für ein paar Sekunden schienen Anton und Paula vor Schreck erstarrt zu sein. Dann trat ein feuriger Glanz in ihre Augen. Sie schnellten empor, sprangen auf Hilmer zu und gingen vor ihm auf die Knie. Der war völlig überrascht und schaffte es, im letzten Augenblick, sich dagegen zu wehren, dass ihm die beiden abgemagerten Gestalten die Füße küssten. So schräg die Situation in diesem Moment auch war. Hilmer spürte, wie ihn ein großes Glücksgefühl durchströmte. Er, Henni und Hörg hatten die VHL gefunden. Eine weitere Hürde war genommen. Helmut würde sein Volk nicht mehr lange beherrschen.

 

34

 

„Du bist der heilbringende Lemming“, sagte Paula ehrfürchtig. „Wir haben unser ganzes Leben auf dich gewartet.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Tag noch erleben darf“, fügte Anton hinzu.

„Nun übertreibt mal nicht“, sagte Hörg spöttisch. „Ohne uns beide säße Hilmer noch im Kerker des Palastes und wüsste nicht, was er als Nächstes machen sollte.“

„Wir mussten ihm mehrfach das Leben retten“, pflichtete Henni seinem Bruder bei.

„Was soll das jetzt?“, fragte Hilmer ärgerlich. „Immerhin habe ich euch in der Rattenstadt ebenfalls aus einer Zelle herausgeholt.“

„Da sind wir aber nur hingegangen, weil wir dir helfen wollten“, widersprach Hörg.

„Was willst du eigentlich damit sagen?“

„Ich will nur vermeiden, dass du den ganzen Ruhm allein erntest.“

„Genau“, sagte Henni. „Es müsste eigentlich die Vorboten der heilbringenden Lemminge heißen.“

„Ist das wirklich wichtig“, fragte Hilmer irritiert.

„Nein“, antworteten Henni und Hörg wie aus einem Mund und brachen in schallendes Gelächter aus.

„Sind die immer so?“

„Ja“, beantwortete Hilmer Antons Frage. „Aber sie haben recht. Ohne die beiden wäre ich nicht so weit gekommen. Und auch den Rest des Weges werden wir gemeinsam gehen. Oder etwa nicht?“

„Selbstverständlich“, sagte Hörg in versöhnlichem Tonfall.

„Nachdem das jetzt geklärt ist, können wir ja zum eigentlichen Thema zurückkehren.“ Hilmer schaute Anton und Paula auffordernd an.

Die beiden schienen nicht so recht zu wissen, was sie sagen sollten. Dann fasste sich das Männchen ein Herz. „Wir sind die letzten beiden, die von den VHL übrig geblieben sind“, sagte er.

„Dann könnt ihr mir sicher das Amulett zeigen, das euch als Mitglieder der Bruderschaft ausweist?“

„Natürlich“, antwortete Paula. Das Weibchen griff mit der Pfote in den Sand und zog eine goldene Plakette hervor, in deren Mitte der gleiche Dreizack zu sehen war wie auf dem Griff des Schlüssels.

Für Hilmer war damit der letzte Beweis erbracht. Er war sich sicher, dass er und seine Freunde dem Pärchen vertrauen konnten. „Wieso seid ihr nur noch zu zweit? Es muss doch früher mehr von euch gegeben haben. Zumindest hat mir Etna das gesagt.“

„Du warst bei der Kröte?“, fragte Paula überrascht. „Dann bist du mutiger, als du aussiehst.“

Hilmer ignorierte die letzte Bemerkung des Weibchens und wandte sich wieder an ihren Partner. „Was ist mit den anderen?“

„Kurz nach ihrer Gründung zählten die Vorboten des heilbringenden Lemmings fast dreißig Mitglieder. Damals war es schwierig, die Gruppe geheim zu halten, weil sie so groß war. Im Laufe der Jahre festigten sich die Lehren des jeweiligen Königs in den Köpfen unseres Volkes immer mehr. Die wenigen, die etwas von unserer Bewegung hörten, betrachteten uns als Spinner oder glaubten erst gar nicht an unsere Existenz. Es wurde zunehmend schwerer, junge Lemminge für unsere Sache zu begeistern. Alle denken ja, dass es uns gut geht und dass wir in das gelobte Land kommen. Es wird einfach kein Grund dafür gesehen, dass sich irgendetwas ändern sollte.“

„Wieso habt ihr beide keine Nachkommen?“, wollte Henni wissen. „Ihr seid doch ein Paar, oder nicht?“

„Wir sind Geschwister“, antwortete Anton. „Und trotzdem ein Paar. Glaub nicht, dass wir es nicht versucht hätten. Paula ist aber einfach nicht trächtig geworden.“

„Habt ihr da vielleicht auch ein Mittel?“, fragte Hilmer Hörg leise, doch der schüttelte den Kopf.

„Wie sollten wir erklären, dass wir etwas erfinden, was die Schwangerschaft fördert, wenn sich unser Volk von den Klippen stürzt, weil es so viele von uns gibt. Nein, Hilmer. Es gibt einfach keinen Bedarf für so was.“

„Was meint ihr beide?“, wollte Paula wissen,

„Das ist nicht so wichtig“, wich Hörg aus. „Vielleicht erzähle ich euch später davon.“

„Wenn ihr so große Probleme habt, junge Lemminge anzuwerben, wundert es mich, dass eure Organisation noch nicht ausgestorben ist“, sagte Hilmer und bereute die Worte sofort, als er Paulas traurigen Blick sah.

„Wenn wir beide sterben, wird die Organisation auch sterben“, sagte Anton leise.

„Dann seid ihr also tatsächlich die letzten Vorboten des heilbringenden Lemmings.“ Hilmer lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Wenn ich zwei Wochen später gekommen wäre, hätte es euch bereits nicht mehr gegeben und alles wäre vorbei.“

„Ich glaube auch so nicht, dass wir euch eine große Hilfe sein können“, sagte Anton.

„Da irrst du dich gewaltig“, widersprach Hilmer. „Etna hat mich zu euch geschickt. Sie sagt, dass ihr uns zu den wahren Chroniken unseres Volkes führen könnt.“

„Ganz so einfach ist das nicht. Du hast einen Schlüssel. Wenn ich die Worte meines Vaters richtig in Erinnerung habe, brauchen wir aber derer drei.“

„Wir wissen, wer den zweiten hat“, sagte Hilmer und lächelte den beiden Wächtern zu. „Mit eurem haben wir also alle komplett.“

„Ich enttäusche dich nur ungern“, erklärte Anton. „Aber … wir haben den Schlüssel nicht.“

„Was soll das heißen?“ Hilmers Stimme schwoll fast zu einem Schrei an. Sollte jetzt doch noch alles umsonst gewesen sein? „Ist es nicht eure Aufgabe die Schriften und den Weg dorthin zu bewachen?“

„So genau wissen wir das nicht“, antwortete Anton.

„Kannst du mir bitte erklären, was du mir damit sagen willst?“

„Du solltest Hilmer nicht zu sehr ärgern“, sagte Henni grinsend. „Seine Nerven sind zurzeit nicht die besten.“

„Am Ende schmeißt er dich noch höchstpersönlich vom Todesfelsen“, pflichtete Hörg seinem Bruder bei.

„Hört mit dem Blödsinn auf“, sagte Hilmer ärgerlich. „Dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Und ihr sagt mir endlich, was ihr wisst. Kennt ihr nun den Weg zu den Chroniken oder nicht?“

„Angeblich soll der Eingang zu den Höhlen hinter diesem Felsen liegen“, sagte Anton und deutete auf einen großen, runden Steinblock, der direkt an der Steilwand lag und mit ihr verwachsen zu sein schien.

„Das heißt, du weißt es nicht genau?“

„Hilmer, es tut mir leid. Paula und ich sind einfach zu schwach, den Eingang zu zweit freizulegen. Wir haben die Höhlen noch nie betreten.“

„Was macht ihr dann hier?“, wollte Henni wissen.

„Sie verhindern, dass ein anderer den Stein wegrollt“, vermutete Hörg.

„Was ist mit dem Schlüssel?“, fragte Hilmer. „Wisst ihr wenigstens, wo er sich befindet?“

„Angeblich soll er in der Mitte des Sees in einer kleinen Metallkiste sein.“

„Und ihr habt nie versucht, ihn da herauszuholen?“ Hilmer zeigte Anton den Käfer. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Warum mussten ausgerechnet die dümmsten Lemminge der Gegend, sah man einmal von Turgi, Targi und Torgi ab, die letzten Mitglieder der VHL sein?

„Wir können nicht schwimmen“, erklärte Paula entschuldigend, aber Hilmer hörte bereits nicht mehr zu. Ohne eine weiteres Wort ging er zum Ufer und ließ sich nach kurzem Zögern ins Wasser gleiten.

 

19. Dezember: Kapitel 31 und 32

31

 

„Du glaubst ja wohl nicht im Ernst, dass du der heilbringende Lemming bist?“, sagte Hörg und brach in schallendes Gelächter aus.

Auch Henni konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und schüttelte den Kopf. „Selbst wenn alles stimmt, was dir Etna erzählt hat, bedeutet dies nicht, dass diese Vorboten auf dich warten. Wenn es sie überhaupt gibt.“

„Warum seid ihr euch da so sicher?“, sagte Hilmer beleidigt. So abwegig wie seine Freunde fand er den Gedanken nicht, dass er derjenige war, der dem Volk der Lemminge seine wahren Lehren zurückbringen konnte. Immerhin hatte er bereits einiges in Erfahrung gebracht und kannte einen Weg, wie er den König vom Thron stürzen konnte.

Die drei Freunde hatten es sich unter einem Felsvorsprung des Schicksalsberges bequem gemacht und genossen ihr wohlverdientes Nachmittagsbier. Hörg hatte dies in der festen Überzeugung geholt, dass sie sich nach den Abenteuern im Schicksalsberg einen kühlen Schluck verdient hätten. Auch wenn Henni, der ansonsten beileibe kein Kostverächter war, nicht zu den größten Biertrinkern zählte, erfreute auch er sich an dem erfrischenden Kaltgetränk.

Nachdem Henni und Hörg erzählt hatten, wie sie in die Gefängniszelle der Ratten gekommen waren, berichtete Hilmer von seinen Erlebnissen. Es dämmerte fast, als er endlich fertig war. Da es eine warme Sommernacht war, hatte keiner der drei ein Problem damit, sie im Freien zu verbringen. Es gab keinen Platz, wohin sie gehen konnten, und hier würde sie keiner suchen.

„Nun mal im Ernst Hilmer“, startete Henni einen Erklärungsversuch. „Wenn es diese VHL wirklich gibt, warten die seit zwanzig Jahren darauf, dass ihnen der neue Heiland erscheint. Generationen von ihnen sind bereits über den Todesfelsen gesprungen. Ihre Ideale wurden vermutlich mündlich überliefert. Meinst du wirklich, sie wissen überhaupt noch, auf was sie warten?“

„Das spielt gar keine Rolle“, sagte Hilmer. „Alles was wir finden müssen, ist der Weg zu den Chroniken, die der Rat der vier Weisen hinterlassen hat. Mit diesen Büchern werden wir Helmut zur Strecke bringen.“

„Und was machen wir, wenn uns die anderen Lemminge nicht glauben?“

„Wenn sie die Schriften sehen, werden sie erkennen, dass der König ein Betrüger ist“, beantwortete Hilmer Hörgs Frage. „Was ist los mit euch beiden? Warum seid ihr auf einmal dagegen, dem Mistkerl und seinem fetten Hamster endlich das Handwerk zu legen?“

„Das sind wir ja gar nicht“, sagte Henni. „Hörg meint doch nur, dass wir vorsichtig sein müssen. Du weißt doch selbst, wie verblendet unsere Artgenossen sind.“

„Das schon. Aber wir sollten es zumindest versuchen.“

„Was wir ja auch werden“, stimmte Henni Hilmer zu. „Was machen wir als Nächstes?“

„Wir müssen Rosas Schlüssel bekommen. Damit haben wir schon zwei und machen uns auf die Suche nach den VHL. Wenn wir die Schriften haben, versuchen wir das Volk zu mobilisieren und stürzen den König.“

„Wie willst du das machen?“, fragte Hörg. „Wir können uns schlecht auf den Schicksalsberg stellen und versuchen die Lemminge aufzuhalten, die vom Todesfelsen springen wollen. Die überrennen uns oder schleifen uns einfach mit sich.“

„Ich weiß selbst noch nicht genau, wie wir das machen sollen. Uns wird schon etwas einfallen.“ Hilmer wunderte sich darüber, dass seine Freunde seinem Plan nicht zustimmten. Er hatte die beiden als sehr aktive Lemminge erlebt, die sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen ließen. Jetzt sah es so aus, als wollten sie kneifen. Das passte nicht zu den sonst so forschen Erfindern.

„Ich verstehe euer Zögern nicht“, sagte Hilmer. „Ihr wart es doch, die mir überhaupt erst erzählt haben, dass ich zu Etna gehen soll. Jetzt brauchen wir nur eure Bonbons zu holen und Rosa wird uns den Schlüssel geben.“

„Genau da liegt das Problem“, sagte Henni und schaute betreten zu Boden.

„Wieso?“

„Wir können die Bonbons nicht holen“, antwortete Hörg. „Sie befinden sich in unserem Labor. Davor hat Helmut aber zwei Wachen postiert und lässt uns erst wieder rein, wenn wir seinen Auftrag erfüllt haben.“

„Was sollt ihr machen?“

„Dich finden und in den Palast bringen.“

„Seid ihr wahnsinnig?“, schrie Hilmer. Er sprang auf und baute sich drohend vor Hörg auf. „Du wirst mich nicht zurück in die Zelle bringen.“

„Jetzt beruhig dich wieder“, antwortete Henni. „Wir wollen dich dem König nicht ausliefern. Wir haben eben nur keine Möglichkeit, an die Bonbons zu kommen.“

„Dann wird Rosa außer sich sein und uns ihre Söhne auf den Hals hetzen. Den Schlüssel wird sie uns auf keinen Fall geben.“

„Wir könnten nur so tun, als würden wir dich Helmut übergeben“, schlug Hörg vor.

„Wie soll das denn gehen?“

„Ganz einfach, Hilmer. Du lässt dich einsperren, wartest bis der Wächter weg ist und spazierst wieder aus der Zelle heraus.“

„Wenn die inzwischen das Schloss repariert haben, sitze ich in der Falle.“

„Dann befreien wir dich eben“, sagte Henni. „Ich finde Hörgs Vorschlag gar nicht so schlecht. Anders kommen wir an die Bonbons nicht heran und ohne die bekommen wir den Schlüssel nicht. Wir haben keine andere Wahl.“

„Dann lasst uns gleich morgen früh zu Helmut gehen. Morgens ist er meistens noch gut gelaunt.“

„Nein, Hörg“, entgegnete Hilmer. „Bevor ich mich freiwillig in die Gewalt des Königs begebe, will ich sicher sein, dass uns die Schlüssel etwas bringen. Wir müssen die VHL finden. Wenn es die Chroniken wirklich gibt und wir wissen, wie wir an die Bücher gelangen können, dann machen wir es so, wie du es vorgeschlagen hast. Aber nicht vorher.“

„Und wie willst du die Vorboten finden?“, sprach Hörg die Frage aus, die sich alle stellten.

„Wir gehen zur Touristeninformation.“

„Du solltest lieber kein Bier mehr trinken“, schlug Henni vor und zeigte Hilmer den Käfer.

„Ich meine es ernst.“

„Der Kerl, der dort arbeitet, weiß nichts“, sagte Henni und tippte sich erneut an die Stirn. „Da nie ein Tourist kommt, ist das auch völlig wurscht. Alle Lemminge kommen nur wegen dem Schicksalsberg hierher. Das weißt du doch.“

„Das ist ja alles richtig“, gab Hilmer zu. „Wenn wir aber annehmen, dass die VHL sich in der Nähe der Tempelruine aufhalten, müssen wir diesen Platz finden.“

„Ich glaube zwar nicht, dass der Trottel von der Info etwas über die alten Gemäuer weiß, aber wir können ihn ja mal fragen.“ Hörg setzte die Bierflasche an seinen Mund und trank sie in einem Zug aus. „Vor morgen früh können wir aber sowieso nichts mehr machen. Also lasst uns jetzt schlafen.“

 

32

 

„Sagt mal, wovon redet ihr eigentlich?“, sagte der Bedienstete der Touristeninformation am nächsten Morgen, nachdem die drei Freunde ihm ihr Anliegen vorgetragen hatten.

„Wir wollen von dir wissen, welche Sehenswürdigkeiten für Touristen es hier außer dem Schicksalsberg gibt“, unternahm Hilmer einen weiteren Versuch.

„So etwas hat mich noch nie jemand gefragt.“

„Aber es ist doch dein Job, dass du Reisende über diese Dinge informierst“, sagte Henni.

„Wer sagt das?“

„Das Schild außen an der Tür“, antwortete Hilmer ärgerlich, der kurz davorstand, die Geduld zu verlieren.

„Ich weiß nichts von irgendwelchen Ruinen eines Tempels. Wer auch immer euch diesen Unsinn erzählt hat, erlaubt sich einen Scherz mit euch.“

„Ich kann dir versichern, dass unsere Quelle verlässlich ist“, sagte Hilmer mit gepresster Stimme. „Willst du nicht wenigstens einmal nachsehen, ob du in deinen Unterlagen einen Hinweis finden kannst?“

„Sag mal, hörst du mir nicht zu?“ Jetzt wurde auch der Angestellte der Information ärgerlich. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich euch nicht helfen kann? Versucht es meinetwegen in der Stadtbibliothek, wenn ihr mir nicht glauben wollt, dass es keine Ruinen gibt, und lasst mich in Ruhe.“

„Es ist unfassbar, dass Helmut so einen Dilettanten beschäftigt“, sagte Hörg. „Warum sitzt du hier eigentlich? Den Schicksalsberg finden die Besucher auch ohne deine Hilfe.“

„Allmählich fangt ihr drei Witzfiguren an, mir auf die Nerven zu gehen. Ich muss mich vor euch doch nicht rechtfertigen. Wenn ihr nicht bald verschwindet, werde ich euch die Wachen auf den Hals hetzen.“

„Wie willst du die hier herrufen?“, fragte Hörg verächtlich und stellte sich drohend vor den Lemming.

„Ihr wollt euch doch nicht an einem Bediensteten des Königs vergreifen. Wo kommt ihr überhaupt her?“

„Das werden wir dir nicht auf die Nase binden“, sagte Hilmer verärgert und ging ins Freie.

„Das war ja wohl ein Schuss in den Ofen“, motzte Hörg, nachdem er die Touristeninformation ebenfalls verlassen hatte.

„Das hätten wir uns sparen können“, pflichtete Henni seinem Bruder bei. „In die Bibliothek brauchen wir gar nicht erst zu gehen. Dort ist die Gefahr, dass dich einer der Wachen erkennt, noch größer als hier.“

„Ich war vor einigen Wochen einmal dort“, sagte Hilmer. „Die haben keine alten Bücher. Dort gibt es nur Unterhaltungsliteratur. Sicher hat Helmut alles vernichten lassen, was ihm hätte gefährlich werden können. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.“

„Aber was? Wir können ja nicht planlos im Gebirge herumrennen.“ Henni sah seine beiden Freunde ratlos an.

„Warum nicht?“, entgegnete Hörg. „So wahnsinnig weit wird der Tempel nicht von der Stadt entfernt gewesen sein. Wenn wir einen großen Kreis gehen, finden wir vielleicht einen Hinweis.“

„Weißt du, wie weit das ist?“, fragte Henni entsetzt.

„Hörg hat recht“, sagte Hilmer. „Wir haben nicht viele Möglichkeiten. Wenn wir hier herumstehen, kommen wir auch nicht weiter. Lasst es uns einfach einmal versuchen.“

 

Es dauerte nicht lange, bis die drei Lemminge ihren Entschluss bereuten, die Stadt in einem großen Bogen zu umrunden. Beginnend am Schicksalsberg waren sie im Uhrzeigersinn losgelaufen. Die Sonne knallte gnadenlos auf die Wanderer herunter, die nichts tun konnten, um sich vor der Hitze zu schützen.

„Wir hätten nicht um die Mittagszeit losgehen dürfen“, maulte Henni, dem es am schwersten fiel, die ungewohnt weite Strecke zurückzulegen.

„Wir hätten einfach nur etwas zu trinken mitnehmen sollen“, widersprach Hilmer. „Wir haben bereits die Hälfte der Strecke geschafft und dürfen jetzt nicht aufgeben.“

„Der ganze Marsch war eine blöde Idee. Was sollen wir denn hier finden?“

„Stell dich nicht so an“, wies Hörg seinen Bruder zurecht. „Ein kleiner Spaziergang wird dich schon nicht umbringen.“

Henni sagte nichts mehr, atmete aber mit Absicht schwerer und ließ sich leicht zurückfallen. So mussten Hilmer und Hörg immer wieder stehen bleiben, um auf ihn zu warten.

„Es ist wirklich unglaublich“, schimpfte Hilmer. „Fast könnte man meinen, dass du die VHL nicht finden willst.“

„Mach mal halblang. Nur, weil du dein zweites Leben feierst, müssen nicht alle in der Gegend rumrennen. So eilig haben wir es auch wieder nicht.“

„Zick nicht rum und beweg dich“, sagte Hörg. „Wir haben es ja bald geschafft. Hinter der Kuppe da vorn, werden wir den Schicksalsberg sehen können. Dann ist es nicht mehr weit.“

„Was, wenn wir bis dahin nichts finden?“, wollte Henni wissen. „Wollt ihr mir sagen, dass wir dann einen größeren Bogen schlagen müssen?“

„Das entscheiden wir, wenn es so weit ist“, antwortete Hilmer, der die Antwort auf diese Frage selbst nicht wusste. Er kannte sich in der Umgebung der Stadt genauso wenig aus wie die beiden Erfinder und so ziemlich alle anderen Lemminge, die hier lebten. Es gab einfach keinen Grund, sich so weit von den Behausungen zu entfernen.

Die letzte halbe Stunde waren die drei Lemminge stetig leicht bergauf gegangen. Jetzt erreichten sie endlich den höchsten Punkt des Hanges und waren gespannt, was sie dahinter sehen würden. Selbst Henni hörte auf sich zu beschweren und hielt mit den anderen beiden Schritt.

„Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber es ist definitiv mehr als das da“, sagte Hörg und deutete nach vorn.

„Und deswegen rennen wir hier hoch“, maulte Henni. „Hatte ich erwähnt, dass es eine blöde Idee war, die Stadt zu umrunden.“

„Ja, das hast du“, antwortete Hilmer. Enttäuscht schaute er den steinigen Hang hinunter. In der Ferne konnten sie den Weg hinauf zum Schicksalsberg erkennen. Dazwischen gab es nur Steine und Geröll. Etwa zweihundert Meter vor sich sah Hilmer so etwas wie eine Kante. Dahinter lag ein schmaler Streifen, den er nicht überblicken konnte.

„Wollen wir umkehren?“, fragte Henni nach einer Weile.

„Wieso denn das?“, entgegnete Hilmer.

„Weil es da vorn nicht mehr weitergeht.“

„Das weißt du doch gar nicht. Wenn wir jetzt umkehren, war der ganze Weg umsonst.“

„Hilmer hat recht“, sagte Hörg und ging weiter. „Auf die paar Meter kommt es jetzt auch nicht mehr an.“

„Meinetwegen“, knurrte Henni und setzte sich ebenfalls wieder in Bewegung.

Als sie näher an die Kante herankamen, sahen die drei zu ihrer Überraschung, dass sich ein kleiner See dahinter befand. Jetzt hatte es selbst Henni eilig, zu der Stelle zu gelangen, und erreichte sie sogar noch vor Hilmer und Hörg. Sie blieben stehen und blickten einen etwa drei Meter tiefen Abhang hinunter auf eine in der Sonne glitzernde Wasseroberfläche.

„Wie kommen wir jetzt da runter?“ Hörg schaute seine Freunde ratlos an.

Keiner von ihnen hatte geahnt, dass es hier draußen einen See gab. Da sie nicht sehen konnten, wie tief er war, trauten sie sich nicht, einfach nach unten zu springen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als einen Bogen zu schlagen und so an das Ufer zu gelangen. Nachdem die Lemminge etwa fünf Minuten an der Kante entlanggelaufen waren, fanden sie was sie suchten. Vier unterschiedlich große Felsbrocken bildeten eine Art Treppe, über die sie nach unten hüpfen konnten. Hilmer vermutete, dass sie irgendwann einmal absichtlich so hierhergeschafft worden waren. Die drei gingen den Weg zurück zum See und blieben plötzlich abrupt stehen. Vor ihnen am Ufer sahen sie zwei Lemminge, die auf dem Boden saßen und die Ankömmlinge misstrauisch beäugten.

18. Dezember: Kapitel 29 und 30

29

 

„Der Kerl kann sich ja wohl nicht einfach in Luft aufgelöst haben“, schimpfte Helmut und schritt im Audienzzimmer auf und ab. „Seitdem er aus unserem Kerker ausgebrochen ist, hat ihn niemand mehr gesehen.“

„Sei doch froh, dass du den Spinner los bist“, erwiderte Dieter. Der Hamster lag sichtlich gelangweilt neben dem Thron. Offenbar erschien ihm die ganze Aufregung um einen einzigen Lemming übertrieben.

„Ich will einfach vermeiden, dass sich andere ein Beispiel an Hilmers Verhalten nehmen. Ich verliere die Autorität bei meinem Volk, wenn einer nach dem anderen lebend vom Todesfelsen zurückkehrt.“

„Du siehst das zu schwarz“, versuchte Dieter seinen König zu beruhigen, doch der schüttelte den Kopf.

„Nein. Wir müssen die böse Saat, die der Kerl in die Köpfe der anderen Lemminge ausgestreut hat, ausmerzen. Dazu müssen wir ihn aber finden. Er darf nicht überleben.“

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Dieter. „Der Galgen ist so gut wie fertig. Alle werden sehen, was passiert, wenn man sich gegen die heiligen Schriften stellt. Hilmer kann nicht gewinnen.“

„Dir ist aber schon klar, dass wir ihn fangen müssen, bevor wir ihn aufhängen können?“, erwiderte Helmut mürrisch.

„Das ist nur eine Frage der Zeit“, sagte der Hamster. „Immerhin sind insgesamt fünf Lemminge hinter ihm her. Sie werden ihn schnappen.“

„Es sind nur vier“, widersprach Helmut.

„Wieso das?“

„Ich habe heute Morgen die Nachricht bekommen, dass man Torgi tot in seiner Behausung gefunden hat. Von seinen Brüdern fehlt jede Spur.“

„Sie werden alles daransetzen, ihren Vetter zu erwischen“, vermutete Dieter. „Spätestens, seitdem sie ihren Bruder verloren haben, hassen sie den Kerl ganz sicher bis aufs Blut.“

„Das allein reicht aber nicht. Die beiden sind nicht die Hellsten. Hilmer ist zwar ebenfalls ein Idiot, ich traue es ihm aber durchaus zu, mit seinen Vettern fertig zu werden.“

„Was ist mit Henni und Hörg?“

„Die sind unberechenbar“, antwortete der König. „Ich würde meine Pfote nicht dafür ins Feuer legen, dass sie wirklich auf unserer Seite stehen. Auch wenn ihre Erfindungen nicht immer funktionieren, die beiden sind alles andere als dumm.“

„Sie wollen ihr Labor zurück. Also haben sie einen Grund, uns den Flüchtling auszuliefern.“

„Das hoffe ich auch. Verlassen können wir uns darauf aber nicht.“

„Was sollen wir sonst tun? Willst du die Wachen hinter dem Kerl herschicken?“

„Nein. Wir wissen nicht, wo wir suchen sollen. Es macht keinen Sinn, noch mehr Lemminge dafür einzusetzen.“

„Vielleicht ist Hilmer in das Höhlensystem im Schicksalsberg eingedrungen und versucht an die heiligen Schriften zu gelangen?“

„Nein, Dieter. Das ist Unsinn. Niemand weiß, dass die Kröte auf die Bücher aufpasst.“

„Und wenn doch? Irgendwo müssen die fünf Lemminge ja sein. Im Schicksalsberg kann Hilmer sich eine ganze Zeit lang versteckt halten. Vielleicht ist es besser, die Schriften zu holen.“

„Du willst doch nur selbst einen Blick in Wonibalts Vermächtnis werfen.“

„Das ist nicht fair. Ich wollte dir nur helfen.“

Dem König fiel es nicht schwer, Dieters wahre Absichten zu durchschauen. Außer dem Hamster hatte er niemanden erzählt, wo das vermeintliche Versteck der Bücher war. Es konnte also keiner auf die Idee kommen, freiwillig zu Etna zu gehen. Jeder Lemming hatte eine wahnsinnige Angst vor der Kröte. Hinzu kam, dass es in den Höhlen von Ratten nur so wimmelte. Nein. Dort konnte Hilmer nicht sein. Und wenn er doch dumm genug gewesen war, diesen Weg zu wählen, war er vermutlich schon tot.

„Der Verräter muss ein anderes Versteck gefunden haben.“

„Aber wo? Wenn er bei seinem Weibchen, oder sonst irgendwo in der Stadt untergekrochen wäre, wüssten wir das inzwischen.“

Helmut musste seinem Berater recht geben. Wenn der Flüchtling in der Nähe war, hätten ihn seine Fliegen längst über seinen Aufenthaltsort in Kenntnis gesetzt. Von diesen Informanten wusste aber selbst der Hamster nichts. Dieter war bei Weitem nicht in alle Geheimnisse eingeweiht, die in den Mauern des Palastes verborgen waren. Der König schätzte ihn wegen anderer Fähigkeiten. Nicht wegen seiner Leistung als Berater.

„Vielleicht hat Hilmer die Gegend verlassen“, gab der Hamster zu Bedenken. „Was hält ihn noch hier?“

„Das wäre eine Möglichkeit. Dennoch glaube ich nicht daran.“

„Das würde aber zumindest erklären, warum auch seine Verfolger verschwunden sind“, sagte Dieter.

„Bei Turgi und Targi mag das zutreffen. Henni und Hörg wären ihm aber sicherlich nicht gefolgt. Woher hätten sie auch wissen sollen, in welche Richtung Hilmer gegangen ist. Wenn der die Gegend wirklich verlassen hätte, wären sie längst wieder im Palast aufgetaucht und hätten darum gebettelt, wieder als Erfinder beschäftigt zu werden.“

„Vielleicht sind die beiden ebenfalls geflohen.“

„Jetzt geht aber wirklich die Phantasie mit dir durch“, lachte Helmut und schüttelte den Kopf. „Glaub mir. Henni und Hörg würden niemals einfach so verschwinden. Nicht, ohne vorher ihr Labor auszuräumen. An den Wachen werden sie allerdings nicht vorbeikommen.“

„Aber wo sind sie dann alle hin? Es bleiben ja nur noch die Höhlen im Schicksalsberg übrig.“

„Wenn du dir so sicher bist, dass dies der richtige Weg ist, warum gehst du dann nicht selbst zu Etna und fragst sie, ob sie Besuch bekommen hat?“

„Wieso ich?“

„Du wolltest doch unbedingt einen Blick in die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts werfen. Geh zu der Kröte und frag sie danach.“ Helmut wusste, dass sein Berater niemals auf diesen Vorschlag eingehen würde. Damit war sein Geheimnis sicher. Vor Dieter und auch vor den Lemmingen. Dennoch war es natürlich möglich, dass sich Hilmer tatsächlich bei den Nagern verkrochen hatte. Der König beschloss seine kleinen, fliegenden Informanten in die Rattenwelt zu schicken, um nach ihm zu suchen. In der Zwischenzeit wollte er sich von Dieter auf andere Gedanken bringen lassen.

 

30

 

„Haben sie dich jetzt also auch erwischt?“, rief Hörg entsetzt, als er Hilmer zwischen Bert und Gerd auf das Verlies zukommen sah.

„Keine Angst. Ich komme, um euch zu befreien.“

„Was ist mit den beiden Ratten?“, fragte Hörg misstrauisch.

„Nichts. Sie werden uns den Weg hier aus dem Berg heraus zeigen. Allein würden wir uns in dem Labyrinth aus Höhlen und Spalten verlaufen.“

„Sie helfen uns?“

Hilmer grinste Hörg an und nickte. „Auch wenn es dir schwerfallen wird, das zu glauben. Bert und Gerd stehen auf unserer Seite. Zumindest für den Augenblick. Ich habe einen Deal mit Rosa. Es gibt nicht viele Wesen hier unten, die es wagen würden ihr zu widersprechen. Stimmt`s Jungs?“

„Absolut“, pflichtete Bert dem Lemming bei.

„Was unsere Mutter sagt, ist Gesetz“, ergänzte Gerd.

„Da seht ihr es“, sagte Hilmer noch immer grinsend. „Es ist alles in Ordnung.“

„Wenn das so ist, lass uns endlich hier raus“, forderte Henni.

Bert zog den Riegel beiseite, öffnete die Tür und trat zwei Schritte zurück. Die beiden Gefangenen zögerten noch einen kurzen Moment, beeilten sich dann aber, ihre Zelle zu verlassen. „Was macht ihr überhaupt hier unten?“, fragte Hilmer, als seine Freunde endlich neben ihm standen.
„Wir wollten dich befreien, falls du in Gefahr gerätst“, sagte Hörg.

„Das hat ja prima funktioniert“, lachte Bert.

Hörg schaute die Ratte böse an und wandte sich dann wieder an seinen Freund. „Mein naiver Bruder hier ist schuld. Er ist auf die Schauspielerei deiner Vettern hereingefallen. Die saßen vor uns in der Zelle.“

„Er wird mir das ewig vorhalten“, knurrte Henni und wechselte dann schnell das Thema. „Hast du Etna gefunden?“

„Ja. Ich habe mich lange mit ihr unterhalten. Unsere Vermutung, dass Helmut ein Lügner ist, hat sich in einem Ausmaß bestätigt, das ich niemals für möglich gehalten hätte. Wir müssen seine Herrschaft beenden.“

„Was sagt die Kröte denn? Hast du die heiligen Schriften des furchtlosen Wonibalts bekommen?“ Neugierig trat Henni von einem Fuß auf den anderen.

„Die sind für uns nicht mehr wichtig. Dafür suchen wir jetzt nach den wahren Chroniken unseres Volkes.“

„Wie bitte?“, fragte Hörg verwirrt.

„Ich erkläre euch das später genauer. Jetzt sollten wir sehen, dass wir aus dem Berg herauskommen.“

„Was ist mit Turgi und Targi?“, wollte Henni wissen.

„Die bleiben bei Rosa. Sie stellen keine Gefahr mehr da.“

Angeführt von Bert machte sich die kleine Gruppe auf den Weg durch das Höhlensystem im Schicksalsberg. Gerd bildete den Schluss und stellte so sicher, dass keiner der Lemminge verloren ging. Solange die beiden Ratten bei ihnen waren, würde kein anderes Mitglied ihres Stammes auf die Idee kommen, die drei Lemminge anzugreifen.

Als sie zu der riesigen Feuerstelle kamen, stockte Hilmer der Atem. Er hatte diese Stelle nun schon ein paar Mal passiert, sah jetzt aber zum ersten Mal, wie die Nager seine toten Artgenossen zur Mitte des Platzes schleppten und sie in die Flammen warfen. Auch Henni und Hörg waren sichtlich entsetzt.

„Es ist furchtbar, dies mit ansehen zu müssen“, sagte Hörg und schüttelte den Kopf.

„Ich bin schon froh, dass die Ratten unsere Toten nicht auffressen“, sagte Hilmer.

„Tun sie das nicht?“, fragte Henni überrascht.

„Wo denkst du hin?“, entrüstete sich Bert. „Ihr fangt bereits wenige Sekunden nach eurem Tod an zu stinken. Glaubst du wirklich, wir würden keine bessere Nahrung finden, als die Kadaver langsam verwesender Lemminge?“

„Ich dachte immer, dass ihr zumindest einen Teil der Leichen verspeist“, antwortete Henni.

„Das ist ganz großer Blödsinn“, erklärte Gerd. „Wenn du willst, kann ich dir ja ein gebratenes Beinchen holen. Du wirst schnell merken, dass Lemmingfleisch widerlich schmeckt.“

„Nein, danke“, sagte Henni und verzog das Gesicht. „Mach dir keine Mühe.“

Auf dem weiteren Weg sprachen die fünf kein Wort. Während die Ratten ob des Vorwurfs, sie würden die stinkenden Kadaver fressen, offensichtlich beleidigt waren, kämpften die Lemminge gegen den Brechreiz an, den der Gestank ihrer verbrennenden Artgenossen verursachte. So atmeten sie aus den unterschiedlichsten Gründen alle erleichtert auf, als sie einer der Gänge endlich ins Freie führte.

„Wir werden hier auf dich warten“, sagte Bert und reichte Hilmer zum Abschied die Pfote.

„Du willst noch einmal in den Berg?“, fragte Henni überrascht.

„Lasst uns später darüber reden. Ich erzähle euch die Geschichte von Anfang an. Das ist besser.“

„Da scheint noch einiges auf uns zuzukommen“, vermutete Hörg.

Nach kurzem Zögern verabschiedete er sich ebenfalls von den beiden Ratten und auch Henni folgte seinem Beispiel.

Bert und Gerd blieben am Eingang der Höhle zurück und sahen den Lemmingen hinterher.

„Ich brauche jetzt erst einmal ein kaltes Bier“, sagte Hilmer. „Dann könnt ihr euch auf eine Geschichte gefasst machen, die ihr nur schwer werdet glauben können. Ich schwöre aber bei meinem Leben, dass alles, was ich euch berichten werde, den Tatsachen entspricht.“